Das (Über)Leben im faschistischen Rumänien unter Antonescu am Beispiel Mihail Sebastians

"Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt"


Hausarbeit, 2018

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der historische Kontext in Rumänien vor 1940
2.1 Diskriminierung und Verfolgung der Juden unter Antonescu (1940-1944)

3. „Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt“- Das Leben des Mihail Sebastian
3.1 Reaktion und Umgang Sebastians mit dem Faschismus

4. Zusammenfassung

5. Anhang
5.1 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die jüdische Frage stellte im Rumänien der 1930-1940er Jahre ein wichtiges Thema dar, dem in dieser Hausarbeit nachgegangen werden soll. Der herrschende Antisemitismus in der Politik und Gesellschaft breitete sich durch Diskriminierungen und antijüdische Gesetze immer rasanter aus. Während der „faschistischen Epoche“ wurden etwa 280.000-380.000 Juden auf rumänischem Herrschaftsgebiet ermordet. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Erst vor kurzer Zeit begann Rumänien damit, seine eigene Geschichte aufzuarbeiten und öffentlich zu machen; auch im Westen ist der „rumänische Faschismus“ Neuland. Umso wichtiger ist es, mit aufgeklärtem Blick die Zeit zu rekonstruieren und aus Fehlern zu lernen, die nicht wiederholt werden dürfen.

Im Rahmen dieser Hausarbeit soll erläutert werden, wie der historische Kontext Rumäniens einen steigenden Antisemitismus begünstigen konnte. Es wird auf die Umstände vor der Diktatur von Ion Antonescu eingegangen und wie es der Diktator schaffte, antijüdische Gesetzgebunden in den Jahren 1940-1944 zu etablieren. Die antisemitischen Maßnahmen, die gegenüber den Juden getroffen wurden, spielen dabei eine besondere Rolle. Unterstützt durch das Tagebuch „Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt“ von Mihail Sebastian, einem jüdischen Schriftsteller, werden der mögliche Umgang und Reaktionen in verschiedenen Phasen des rumänischen Faschismus thematisiert.

Hinter dem Pseudonym „Mihail Sebastian“ verbarg sich der in Bukarest lebende Jude Iosef Hechter. Aus Gründen der Regelmäßigkeit und Ästhetik wird dieser im Laufe dieser Hausarbeit nur sein Pseudonym verwendet.

2. Der historische Kontext in Rumänien vor 1940

Die Anfänge des Faschismus in Rumänien sind eng mit der Region Moldova verknüpft. In den nordöstlichen Landteilen Rumäniens stellten die Juden den größten Anteil der Gesamtbevölkerung dar, sie sprachen Jiddisch und waren wenig assimiliert1. Durch die Friedensverträge der Alliierten entstand 1919-1920 „Groß-Rumänien“; der vorherige Nationalstaat verdoppelte sein Territorium und wurde zum Nationalitätenstaat. Es begann eine Politik der Rumänisierung. Am 09.12.1919 unterzeichnete Rumänien auf Druck Englands und Frankreichs den „Minderheitenschutzvertrag“ der Pariser Friedenskonferenz, hielt sich in den folgenden Jahren jedoch nicht daran2.

Nach 1918 gewann der höhere Bildungsweg an Beliebtheit, die Studentenzahl stieg im Zeitraum von 1918-1930 von 6.272 auf 22.903 Studenten, woraus sich ein permanenter Kampf um knappe Ressourcen ergab3. Der Anteil jüdischer Studenten in manchen Fächern betrug bis zu 50 Prozent. Die Kombination von prekären Studienbedingungen und die große Anzahl jüdischer Studenten trugen maßgeblich zur schnellen Verbreitung antisemitischer Anschauungen bei. Im Jahre 1922 begannen rumänische Studenten unter der Führung von Corneliu Zelea Codreanu eine Zugangsquote (Numerus Clausus4 ) für jüdische Studenten an Universitäten zu fordern. Am 10. Dezember 1922 führten studentische Ausschreitungen zur Proklamation eines landesweiten Studentenstreiks und Massenkundgebungen. Codreanu frohlockte, an diesem Tag habe „die gesamte rumänische Jugend das Licht geschaut! […] Dieser Tag ist bedeutend als Tag des Entschlusses zur Tat. Damit wurde der heilige Krieg erklärt“ (Dinu, Radu Harald: 2013, S.34). Während der landesweiten Studentenproteste stürmten rumänische Studenten die Hörsäle und stellten Kontrollmannschaften an den Eingängen auf. Die Polizei richtete ein kompliziertes System zur reibungslosen Durchführung der anstehenden Abschlussprüfungen ein, um diese ohne Gewalt durchzuführen: jüdische und rumänische Studenten wurden zu unterschiedlichen Tageszeiten in die Universität berufen und eskortiert. Dadurch gerieten die jüdischen Studenten allerdings noch offensichtlicher in Segregation5. 1925 erfolgte die Gründung der „Nationalen Vereinigung Christlicher Studenten Rumäniens“ (UNSCR) als eigenständiger Zweig der antisemitisch ausgerichteten Studentenschaft. Sie diente der späteren Legionärsbewegung als wichtiger Stützpfeiler und ihre jährlichen Kongresse dienten als Forum der Gewaltsozialisation: „Die kollektive Gewaltausübung sowie eine einheitlich adaptierte Uniformierung stärkte die Gemeinschaftsbildung und konstituierte die Studentenbewegung als Gewaltsamkeitsverband“ (Dinu, Radu Harald: 2013, S.36). Es fanden sogenannte „Säuberungsaktionen“ im öffentlichen Raum statt, zum Beispiel das Hinauswerfen jüdischer Fahrgäste aus Zügen oder die „Stürmung“ öffentlicher Einrichtungen. Dies war besonders während der Sommermonate der Fall, da die rumänischen Studenten dann in ihre Heimat zurückkehrten. Die Universität galt als kleines Experimentierfeld für die Gestaltung der zukünftigen Gesellschaftsordnung. Bis 1930 waren Konflikte unter Studenten an der Tagesordnung.

Alexandru I. Cuza und Nicolae Paulescu gründeten 1923 die „Liga der National-Christlichen-Verteidigung“ (LANC), welche als direkter Vorläufer der „Legion Erzengel Michael“ gilt. Während die LANC an der parlamentarischen und gewaltfreien Durchsetzung ihrer Ziele festhielt, spalteten sich Codreanu und seine Anhänger ab, um sich gewaltvoll zu behaupten. Sie gründeten am 24. Juni 1927 die extremistisch-antidemokratische „Legion des Erzengel Michaels“, die ab 1930 auch „Eiserne Garde“ genannt wurde6. Anfangs blieb die „Legion“ auf das studentische Milieu beschränkt, aber bis zum Jahre 1933 sollte sie sich zur politischen Kraft mit über 28.000 Mitgliedern entwickeln. Durch den kontinuierlichen Ausbau regionaler Organisationsstrukturen wurde sie zur Massenbewegung7. Die „Legion“ definierte sich als „inszenierte“ rechtsextreme Alternative zu den anderen bestehenden politischen Parteien. Sie versuchte die Institutionen des Staates zu imitieren, um ihr Gegengewicht zu beweisen. Durch ihre orthodox-religiöse Prägung und den schichtübergreifenden Charakter wurde sie zu einer „catch-all-Partei“8. Sie war als soziale Bewegung jedoch nicht imstande, ihren Einfluss über ihren Anhängerkreis hinaus geltend zu machen9. Sie galt von 1927-1938 als eine der stärksten und populärsten Faschismusbewegungen in Europa.

Nach dem Tod König Ferdinands 1927 folgte eine Zeit der Übergangsregierungen (z.B. Vintila Bratianu und Iuliu Maniu), bis sich Carol der Zweite 1930 zum neuen König krönen ließ. Er verbot ein Jahr später das erste Mal die „Legion“, nachdem diese wiederholt Brandanschläge und Attentate organisiert hatten. Als er die Regierung am 14.11.1933 an Ion Gheorghe Duca abgab, sprach dieser ein erneutes Verbot aus. Kurz darauf wurde er von Gardisten erschossen10. Es folgten die Verabschiedungen von allerlei Notverordnungen, welche allesamt dem Parlament die Macht nahmen und dem König zusprachen. 1934 trat das „Gesetz zum Schutz der nationalen Arbeit“ in Kraft, welches Betriebe verpflichtete, 80 Prozent „rumänisches“ Personal einzustellen. Die LANC begann 1933 vermehrt mit den deutschen Nationalsozialisten zusammenzuarbeiten, die rumänische Delegation bereiste unter A. L. Cuza auf Einladung Hitlers das Deutsche Reich. Im Jahr 1935 fusionierte die LANC mit der „Nationalen Agrarpartei“ zur „National-Christlichen Partei“ und erließ 1937 die ersten Rassengesetzte11. Codreanu gründete als Nachfolgeorganisation der „Eisernen Garde“ die rechtsextreme Legionärspartei „Alles für das Vaterland“ (TPT), um dem „Gesetz zum Schutz der Staatsordnung“ zu entgehen.

Weil die antisemitischen Tendenzen sich kontinuierlich verstärkten, wurden zu Beginn des Jahres 1937 die Universitäten vorübergehend geschlossen12 ; Ende des Jahres verloren durch neue antisemitische Gesetzgebunden rund ein Drittel der Juden ihre rumänische Staatsbürgerschaft. Carol der Zweite ließ ein Jahr später eine Königsdiktatur errichten und Codreanu als Führer der Legionäre ermorden. Der Beginn der Verfolgung und Diskriminierung der Juden in der Gesellschaft setzte durch die antijüdischen Gesetze ab 1937 ein.

2.1 Diskriminierung und Verfolgung der Juden unter Antonescu (1940-1944)

„Andauernde oder sich wiederholende Gewalt ist ein sozialer Prozess. Sie setzt Normen und Sanktionen, Rollen und Kommunikationswege, Planung und Kalkulation voraus; auf Emotionen allein kann sie nicht beruhen.“

(Dinu, Radu Harald 2013)

Am 05.09.1940 berief Carol der Zweite den General Ion Antonescu zum Regierungschef. Dieser begann schon wenige Wochen später mit der Errichtung einer Militärdiktatur und rief den „National Legionären Staat“ aus. Er versammelte in seiner Regierung viele Mitglieder der „Eisernen Garde“ und rief im Oktober Gesetze zur Konfiszierung von jüdischem Eigentum in ländlichen Gebieten aus. Jüdische Familien wurden daraufhin aus den Landgemeinden in die Städte vertrieben. Antonescu begann ein faschistisches Modell zu installieren: „Ausgrenzung und Verfolgung der Juden, die Zerstörung der parlamentarischen Demokratie und die Schaffung eines „neuen Menschen“ im Rahmen der nationalen Widergeburt“ (Dinu, Radu Harald 2013: S.46). Der Treibstoff des Faschismus war die antijüdische Gewalt selbst, da sie die Gesellschaft entlang ethnischer und religiöser Grenzen polarisierte und sich in die Öffentlichkeit drängte. Erst durch die Selbstermächtigung lokaler Akteure (wie die Ausschreitungen der Studenten oder der „Eisernen Garde“), die gewaltsames Handeln vorantrieben, wurde die „Volksgemeinschaft“ konstituiert13.

Ab 1940 begann der Faschismus auf staatlicher Ebene zu wirken und alle Juden in Rumänien unmittelbar zu betreffen: In einem Dekret vom 08.08.1940 wurden alle Juden von öffentlichen Ämtern, vom Staats-/Militärdienst und weiteren Berufszweigen ausgeschlossen. Rumäniens Regierung verabschiedete ein „Judenstatut“, das den meisten Juden ihre Staatsangehörigkeit aberkannte und „Mischehen“ verbot. Ebenso wurde die Zulassungsbeschränkung für Juden an Universitäten und Schulen durchgesetzt, Schüler wie Lehrer wurden vom staatlichen Unterrichtswesen ausgeschlossen. Im November 1940 erfolgte die Entlassung jüdischer Arbeiter in der staatlichen Verwaltung und Privatwirtschaft, die Zahlung einer „Militärsteuer“ und Ableistung eines Arbeitsdienstes wurden verpflichtend14. Das „Gesetz zum Schutz des Staates“ verurteilte Juden bei Straftaten zu doppelt so hoher Strafe wie Christen, während das „Gesetz zur legalen Konfiszierung“ es der Regierung erlaubte, über 40.000 Häuser und Wohnungen zu beschlagnahmen. Im Juli 1941 wurden auf Anordnung Antonescus 40.000 Juden aus ihren Dörfern und Städten vertrieben, 160.000 Juden wurden durch deutsche und rumänische Armee-Einheiten bei der Rückeroberung Bessarabiens und der Nord-Bukowina getötet. Die Juden, welche in Bessarabien und der Bukowina sesshaft waren, wurden ausnahmslos in Ghettos und Lager nach Transnistrien gebracht, welches von Rumänien verwaltet wurde. In anderen Gebieten Rumäniens erfolgte eine Gliederung nach Assimilation, „Verdienst“ und sozialer Schicht der Juden15. Das Jahr endet mit einer Kriegserklärung Rumäniens an Großbritannien und die USA16.

Antonescu war zur Orientierung und Anpassung an deutsche Vorgaben bereit, verriet jedoch keine nationalen Interessen und versuchte sich trotz seines übermächtigen Partners einen gewissen Handlungsspielraum zu sichern17. Durch Öl-/und Getreidelieferungen des Waffen-Öl-Pakts gewann Rumänien an Bedeutung für die deutsche Kriegswirtschaft. In Deutschland und Rumänien gab es gravierende Übereinstimmungen in den Vorgehensweisen gegen die Juden, welche in Deportationswellen und Ermordungen gipfelten. Trotz starken Drängens seitens Deutschland fand keine Auslieferung der rumänischen Juden in deutsche Vernichtungslager statt.

1942 verloren alle Juden ihre Staatsbürgerschaft, die nicht vor der Gründung Großrumäniens in annektierten Provinzen gelebt hatten. Die Roma wurden ebenfalls Oper des Antisemitismus; ca. 20.000 von ihnen wurden nach Transnistrien deportiert. Gegen hohe Geldsummen gelang es in diesem Jahr 70.000 Juden zu emigrieren. Ab Herbst 1942 kamen Zweifel am deutschen Sieg auf. Die Gewaltmaßnahmen gegen Juden nahmen immer mehr ab, je mehr die deutsche Siegesaussicht schwand18. Als im August 1944 die sowjetische Großoffensive die rumänische Abwehr der Nord-Moldau und Bessarabien durchbrach, nahm die Unsicherheit der Rumänen gravierend zu. Am 23.08.1944 wurde Antonescu durch einen Staatsstreich des Nationalen Blocks gestürzt und der General Constantin Sanatescu als sein Nachfolger benannt. Rumänien wechselt im Krieg die Seiten und kämpft nun für die Alliierten gegen das Deutsche Reich. Am 10. Februar 1947 erfolgte der Friedensvertrag von Paris mit den Siegermächten des 2. Weltkriegs, Ende des Jahres wurde die „Rumänische Volksrepublik“ ausgerufen19, das „Königreich Rumänien“ endete. Die kommunistische Machtübername sollte 1948 erfolgen.

3. „Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt“- Das Leben des Mihail Sebastian

Der unter dem Pseudonym „Mihail Sebastian“ arbeitende Iosef Hechter wurde 1907 in Braila in eine ärmliche Familie hineingeboren. Die Familie Sebastians stand in bürgerlich-liberaler Prägung, auch wenn die orthodox-jüdische Tradition noch nachklang. Zwischen diesen beiden Spannungspolen sollte Sebastian sein Leben lang oszillieren20. Mit sieben Jahren entdeckte er die Literatur für sich, mit dreizehn schrieb er die ersten Übersetzungen und mit sechszehn Jahren riss er von zuhause aus, um sich in Bukarest eine Theateraufführung der berühmten Pitoeff-Gruppe anzusehen. Sebastian besuchte die Mittelschule und erweckte mit seiner Abschlussarbeit das Interesse von Nae Ionescu, welcher damals Vorsitzender der Prüfungskommission war21. Er veröffentlichte Sebastians ersten Artikel und hielt ihn zum Schreiben an. Ionescu flößte ihm Achtung und Liebe ein, bereitete ihm in späteren Jahren jedoch die schmerzlichste Enttäuschung. Seine sprunghafte Natur, sein Opportunismus, Anfälle von Megalomanie und die Unfähigkeit, die geistige Weite Sebastians zu begreifen, werden im späteren Tagebuch porträtiert werden22. Ionescu war sein geistiger Mentor und spielte eine entscheidende Rolle bei der Herausbildung des interkulturellen Sebastian. Er und Sebastian zählten sich selbst zur „Jungen Generation“: gemeint waren brillante Intellektuelle, die sich in Aufbruchsstimmung befanden und die rumänische Kultur revolutionieren wollten. Dazu gehörten außer ihnen auch Mircea Eliade, Emil Cioran und Constantin Noica23. Im Jahr 1926 schrieb Sebastian sich als Jurastudent an der Bukarester Universität ein, ein Jahr später verlegte er seinen Wohnsitz dorthin. 1929 schloss er seine Anwaltslizenz ab. Von 1930-1931 befand er sich in Paris, um den Doktor der Rechte zu erwerben. Durch seine Zeit in Frankreich wurden Sebastians Denken und sein Lebensgefühl endgültig in der liberalen, rationalistischen Tradition des Westens verankert24. Sebastian kehrte 1932 aus Frankreich zurück. Da die rumänische Literatur sich seit jeher an Frankreich orientierte, wählte er ein Darstellungsmittel mit möglichst ungekünsteltem Stil: den Tagebuchroman. In seinem Roman „Seit 2000 Jahren“, der 1934 erschien und einen literarischen und politischen Skandal auslöste, verarbeitete er die Ausgrenzungserfahrungen während seiner Studentenzeit im Bukarest der 1920er Jahre. Die jüdische Frage stand darin für Sebastian im Mittelpunkt. Nae Ionescu verfasste auf Sebastians Bitte hin ein Vorwort für seinen ersten Roman. Er schrieb ein stark antijüdisches Vorwort, in dem er alle Juden und Mihail Sebastian persönlich angriff und unter starker rassistischer Diskriminierung sogar dessen Pseudonym offenbarte25. Es folgte große Entrüstung auf jüdischer und antisemitischer Seite; dass er von beiden Seiten angegriffen wurde, bestätigte Sebastian die Richtigkeit seiner Position26. Dennoch sorgte dieser Vorfall für einen Bruch zwischen Sebastian und seinem Mentor Ionescu.

Im Jahr 1932 wurde die Criterion-Gruppe gegründet. Die Mitglieder waren orthodoxe Christen, Kommunisten, Juden und Freidenker. Diese nahmen gemeinsam am Ideenforum teil und hielten begehrte Vorträge vor freiwilligem Publikum27. Sebastian bewegte sich in politischen, künstlerischen und universitären Kreisen. Damit stand er ganz im intellektuellen Milieu der Zeit. Freunde und Helfer kannte er viele, zum Beispiel Nae Ionescu, Mircea Eliade, Camil Petrescu oder Prinz Antoine Bibescu. Sebastian fühlte sich allen in einer geistigen Elite zugehörig, die mit ihm die „Utopie“ des Criterion-Kreises mitbegründet hatten28. Durch die herrschende Aufbruchsstimmung und der Suche nach Authentizität musste Sebastian mitansehen, wie seine Intellektuellenfreunde der Reihe nach an die verblendete antisemitische Ideologie verloren gingen. Er musste ihre „Rhinozerisierung“ hilflos mitansehen: Der Begriff stammte aus einem Theaterstück seines Freundes Eugene Ionescu, der die Erfahrungen dieser Zeit festhielt29. „An Stelle der Aufbruchsstimmung der früheren Jahre trat für Sebastian seit 1934 ein sich ausweitendes Gefühl der Isolation“ (Kanterian, Edward 2004: S.15).

Die Zeitschrift „Cuvantul“ („Das Wort“) erschien 1924-1934 in Bukarest; in den Jahren 1937, 1938 und 1940-41 abgewandelt mit dem Untertitel „Zeitung der Legionärsbewegung“. Sebastian veröffentlichte hier Teile seiner Werke; Artikel, Rezensionen und Reflexionen. Ab 1927 war Sebastian gemeinsam mit Mircea Eliade für die literarische Chronik verantwortlich30. Ionescus ideologische Ausrichtung veränderte sich ab 1933 gemeinsam mit der des „Cuvantul“ stark antisemitisch. Er legte den jüdischen Redakteuren Sebastian und Ion Calugaru nahe, die Zeitung zu verlassen. Diese positionierte sich fortan öffentlich für die „Legion Erzengel“. Sebastian, der zuvor dem Herausgebergremium angehörte, war gezwungen, aus der Redaktion des „Cuvantul“ zurückzutreten31. „Angewidert von der Scheinheiligkeit, Feigheit und Gesinnungslosigkeit der ihn umgebenden Gesellschaft, versucht Sebastian, das Bild der Wirklichkeit mit einer gewissen humorvollen Überlegenheit zu betrachten, und dennoch entringen sich ihm Äußerungen des Schmerzes und der Auflehnung“ (B., Elvin 1960: S.7). Er beleuchtete in anderen Publikationen die Prinzipienlosigkeit, das Possenspiel des Scheinkampfes zwischen den Parteien und das Aufeinanderprallen von „Ideen“. Er schrieb stattdessen für kulturelle Magazine und zog sich aus der Politik zurück. So war er unter Pseudonymen ab 1936 Redakteur der „Zeitschrift der königlichen Stiftung“ und schrieb für die Theaterzeitschrift Rampa oder verfasste Kommentare. Für Sebastian war Politik ein Ausblick auf die menschliche Seele; ein Belang, in dem es um menschliche Schicksale geht. Er betrachtet aus der Perspektive eines Künstlers, der es ablehnt, an der Schlacht teilzunehmen32. In seinen Artikeln geht Sebastian zu offener Polemik über, nennt oft die seiner Meinung nach Hauptschuldigen. Die melancholische Ironie waren seine Lieblingswaffe und sein Markenzeichen, aktive Kritik übte er weniger. Ihn faszinierte besonders der Mensch mit seinen Gewissensfragen und moralischer Existenz, für humanistische Ideale zeigte er sich sehr zugänglich. Im Februar des Jahres 1935 begann er mit dem Schreiben seines Tagebuchs „Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt“, zu der Zeit war er 27 Jahre alt.

Im September 1940 verlor er seine Anwaltslizenz und seine Stelle bei der Zeitschrift „Revista“: „Man hat mir die Berufserlaubnis entzogen“ (Sebastian, Mihail 2005: S.30). Er litt unter ständigem Geldmangel und bekam Depressionen33. Keines seiner Theaterstücke konnte mehr aufgeführt werden. Die Dunkelheit holte ihn immer wieder ein: „Ich bin uninspiriert, ohne Talent, Erleuchtung, Berufung. Vor mir ist nichts als Dunkelheit“ (Sebastian, Mihail 2005: S.255, 401).

[...]


1 Dinu, Radu Harald 2013: S.27-30

2 Dinu, Radu Harald 2013: S.27-30

3 Dinu, Radu Harald 2013: S.27-30

4 Sebastian, Mihail 2005: S. 38

5 Dinu, Radu Harald 2013

6 Sebastian, Mihail 2005: S.843

7 Dinu, Radu Harald 2013

8 Binder-Iijima, Edda 2016: S.278

9 Trasca, Ottmar 2013

10 Sebastian, Mihail 2005: S.845

11 Dinu, Radu Harald 2013, S.27-30

12 Sebastian, Mihail 2005: S.44

13 Dinu, Radu Harald 2013

14 Glass, Hildrun 2002: S.17-23

15 Glass, Hildrun 2002: S.17-23

16 Sebastian, Mihail 2005: S.850

17 Binder-Iijima, Edda 2014

18 Binder-Iijima, Edda 2014

19 Sebastian, Mihail 2005: S.851

20 Kanterian, Edward 2004: S.8

21 Elvin, B. 1960

22 Antofi, Simona 2009: S.227

23 Kanterian, Edward 2004

24 Kanterian, Edward 2004

25 Müller, Dietmar 2005: S.311-316

26 Kanterian, Edward 2004

27 Kanterian, Edward 2004

28 Antofi, Simona 2009

29 Hamm, Peter 2005

30 Antofi, Simona 2009

31 Müller, Dietmar 2005: S.311-316

32 B., Elvin 1960

33 Kanterian, Edward 2004

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das (Über)Leben im faschistischen Rumänien unter Antonescu am Beispiel Mihail Sebastians
Untertitel
"Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt"
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Aspekte der Moderne in Rumänien
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V589363
ISBN (eBook)
9783346186065
ISBN (Buch)
9783346186072
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mihail Sebastian, Faschismus in Rumänien, Judenverfolgung
Arbeit zitieren
Marie Gründer (Autor:in), 2018, Das (Über)Leben im faschistischen Rumänien unter Antonescu am Beispiel Mihail Sebastians, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/589363

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