Diese Arbeit beschäftigt sich mit der objektiv-hermeneutischen Analyse und Interpretation eines ausgewählten Fallbeispiels. Bevor damit begonnen wird, ist es unerlässlich, die wesentlichen Grundlagen der Objektiven Hermeneutik zu erläutern.
Einer der zentralen Namen, der an dieser Stelle seine Erwähnung finden muss, ist der des Frankfurter Soziologen Ulrich Oevermann. Oevermann entwickelte seit Beginn der 1970er Jahre die Objektive Hermeneutik als Analyseverfahren für qualitatives Datenmaterial. Während seiner 40-jährigen Beschäftigung mit der Thematik, die mit seiner Abschiedsvorlesung unter dem Titel "Objektive Hermeneutik" endete, betonte der Soziologe immer wieder die Untrennbarkeit von methodologischen bzw. methodischen Überlegungen und der theoretischen Konzeption.
Inhaltsverzeichnis
1. Basisinformationen zum Fallbeispiel
2. Objektive Hermeneutik – eine Einführung
3. Sequentielle Analyse und Interpretation des Fallbeispiels
4. Fallstrukturhypothese – der geheime Lehrplan
5. Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, eine konkrete schulische Interaktionssituation zwischen einer Lehrperson und einem Schüler mittels der Methode der Objektiven Hermeneutik zu analysieren, um latente Machtstrukturen und Erziehungsmuster aufzudecken.
- Grundlagen der Objektiven Hermeneutik nach Ulrich Oevermann
- Methodische Durchführung der sequentiellen Fallanalyse
- Untersuchung von Machtverhältnissen in der Schule
- Theoretische Einordnung in das Konzept des "heimlichen Lehrplans"
- Reflexion des Lehrerhandelns und der schulischen Sozialisation
Auszug aus dem Buch
1. Sequenz
L: Ok Fabian, du hast dich ja nicht gemeldet, dann müsstest du es ja haben.
Wie bereits im ersten Teil der Arbeit betont wurde, so hat jeder Bestandteil eines Satzes das Potenzial für die Objektive Hermeneutik von Bedeutung zu sein. Genau aus diesem Grund wird das kurze Wort „Ok“ an dieser Stelle hervorgehoben. Diese Art der Ansprache seitens der Lehrperson kann in manchen Fällen durchaus als Zustimmung gewertet werden. Da aus dem Protokoll jedoch nicht hervorgeht, dass der Schüler Fabian zuvor eine Aussage getätigt hat, ist dieses „Ok“ eher als seltsame bis vorwurfsvolle Art der Anrede zu bewerten. Anschließend äußert die Lehrperson ihre Feststellung ('du hast dich ja nicht gemeldet'). Im letzten Teil des Satzes verwendet die Lehrperson den Konjunktiv. Das impliziert, dass sie daran zweifelt, dass Fabian die Hausaufgaben tatsächlich gemacht hat. Besonders auffällig an der 1. Sequenz ist das zweimalige Verwenden des Wortes ja (jeweils vor dem Verb stehend). Auf diese Weise entsteht der Eindruck, die Lehrkraft wirkt vorwurfsvoll und vor allem voreingenommen. Interessant ist auch, dass die Lehrperson den Schüler mit diesem Satz indirekt zu einer Antwort auffordert, ohne dies einmal tatsächlich zu erwähnen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Basisinformationen zum Fallbeispiel: Dieses Kapitel stellt das zu untersuchende Transkript einer Unterrichtssituation an einer Gesamtschule vor und erläutert den Kontext der Datenquelle.
2. Objektive Hermeneutik – eine Einführung: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Methode nach Ulrich Oevermann dargelegt, insbesondere die Prinzipien der Sequenzialität, Wörtlichkeit und Kontextfreiheit.
3. Sequentielle Analyse und Interpretation des Fallbeispiels: In diesem Kapitel wird das Protokoll Schritt für Schritt analysiert, wobei latente Sinnstrukturen in den Äußerungen von Lehrer und Schülern offengelegt werden.
4. Fallstrukturhypothese – der geheime Lehrplan: Abschließend werden die Ergebnisse unter dem Begriff des "heimlichen Lehrplans" theoretisch gerahmt und hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die schulische Sozialisation reflektiert.
5. Quellen- und Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten fachwissenschaftlichen Literatur und Internetquellen.
Schlüsselwörter
Objektive Hermeneutik, Fallanalyse, Lehrer-Schüler-Interaktion, heimlicher Lehrplan, sequenzielle Analyse, Unterrichtsanalyse, Machtverhältnisse, Sozialisation, Interpretationsprinzipien, Schulpädagogik, latente Sinnstruktur, Diskurs, Erziehungswissenschaft, qualitative Forschung, Schulalltag
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht eine spezifische Unterrichtssituation zwischen einer Lehrkraft und Schülern mittels der Objektiven Hermeneutik, um die Dynamik und die zugrunde liegenden Erziehungsmuster zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind qualitative Forschungsmethoden, Machtverhältnisse im Klassenzimmer, schulische Normierungsprozesse und das Konzept des "heimlichen Lehrplans".
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Aufdeckung latenter Sinnstrukturen im Gesprächsverlauf, um zu verdeutlichen, wie Schule über den offiziellen Lehrplan hinaus soziale Normen und Verhaltensweisen vermittelt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Verwendet wird die Objektive Hermeneutik nach Ulrich Oevermann, insbesondere durch die Anwendung des sequenziellen Analyseschritts, um unbewusste Handlungsmuster methodisch kontrolliert zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur Methode sowie eine detaillierte, sequenzielle Analyse und Interpretation des Protokolls, die in die Aufstellung einer Fallstrukturhypothese mündet.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Zu den prägenden Begriffen gehören Objektive Hermeneutik, heimlicher Lehrplan, Fallanalyse, Machtverhältnis und schulische Sozialisation.
Welche Bedeutung hat das "Ok" zu Beginn der ersten Sequenz?
Der Autor deutet das "Ok" der Lehrkraft nicht als bloße Zustimmung, sondern als eine vorwurfsvolle und seltsame Art der Anrede, die den Schüler bereits zu Beginn in eine defensive Position drängt.
Wie wird das Eingreifen des zweiten Schülers (S2) interpretiert?
Das Eingreifen wird als Versuch gewertet, sich durch das Aufzeigen des Versagens eines Mitschülers vor der Lehrkraft und der Klasse zu profilieren, was die leistungsbezogene Konkurrenz im Schulalltag unterstreicht.
Was ist mit dem Begriff der "Maskierung" gemeint?
Die "Maskierung" beschreibt das von Philip Jackson geprägte Phänomen, dass Schüler gezwungen sind, Interesse und Engagement vorzutäuschen, um den Erwartungen an eine intrinsische Motivation zu entsprechen.
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- Philip Sell (Author), 2018, Objektive Hermeneutik. Analyse und Interpretation eines Fallbeispiels, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/589365