Bestimmung zentraler Beziehungskonfliktthemen nach Luborsky bei Partnern von Borderline-Patienten


Masterarbeit, 2018

100 Seiten, Note: 2.3


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorien
2.1 Überblick der Erklärungsmodelle der BPS
2.2 Angehörigen- und Partnerforschung
2.3 Familiendynamik der Herkunftsfamilie der BPS-Patienten und dessen Folgen
2.4 Liebesbeziehung der BPS-Patienten
2.4.1 Partnerwahl der BPS-Patienten
2.4.2 Paardynamik der BPS-Patienten und ihrer Partner
2.5 ZBKT-Theorie
2.5.1 Die allgemeine ZBKT-Theorie
2.5.2 Stand der Forschung der ZBKT-Methode

3 Herleitung der Fragestellung

4 Methode
4.1 Rekrutierung
4.2 Stichproben
4.2.1 Interviewpartner
4.2.2 Beziehungsepisoden
4.3 Datenerhebung und die Durchführung der Interviews
4.5 Die Transkription des Interviews
4.6 Auswertung mit der Methode des ZBKTLU entsprechend dem Manual
4.6.1 Auswertungsschritt 1
4.6.2 Auswertungsschritt 2
4.6.3 Auswertungsschritt 3
4.6.4 Auswertungsschritt 4

5 Ergebnisse
5.1 Die Interrater-Reliabilität bei der ZBKTLU-Methode
5.1.1 Die Reliabilität bei der Festlegung der Beziehungsepisoden
5.1.2 Die Übereinstimmung bei der Festlegung der einzelnen Komponenten
5.1.3 Die Übereinstimmung der textnahen tailormade-Formulierungen
5.1.4 Die Übereinstimmung der Kategorisierung der Standardkategorien für die Komponenten
5.2 Ergebnis des Beziehungsmusters
5.2.1 Eindimensionale Analyse
5.2.1.1 Die Wünsche der Partner von Menschen mit BPS
5.2.1.2 Die Reaktionen der Interaktionspartner und die ihrer Partner
5.2.1.2 Zusammenfassung der eindimensionalen allgemeinen Analyse
5.2.1.3 Eindimensionale Analyse auf dritter Ebene
5.2.2 Objektspezifische Analyse
5.2.2.1 Hauptergebnis der objektspezifischen Analyse
5.2.2.2 Zusammenfassung der objektspezifischen Analyse
5.2.3 Mehrdimensionale Analyse
5.2.3.1 Zusammenhang zwischen WO/WS und RO.
5.2.3.2 Zusammenhang zwischen RO und RS

6 Diskussion
6.1 Zusammenfassende Darstellung der Beziehungsmuster
6.2 Detaillierte Darstellung des gesamten Beziehungsmusters
6.2.1 Interaktion zwischen Wünschen des Subjekts und Reaktionen des Objekts
6.2.2 Interaktion zwischen den Reaktionen des Objekts und den Reaktionen des Subjektes
6.3 Reflektion des methodischen Vorgehens
6.4 Stand der Angehörigen Unterstützung und mögliche Ansätze
6.5 Fazit

7. Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1. Das Biosocial Developmental Model (Crowell, Beauchaine & Linehan, 2009, S. 503)

Abbildung 2. Die Bestimmung relativer Anteile des Übereinstimmungsbereichs (www.maxqda.de)

Abbildung 3. Zentrales Beziehungskonflikt-Thema nach den Häufigkeiten

Abbildung 4. Illustration des Beziehungsmusters der Liebespartner von Menschen mit BPS

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Soziodemographische Daten der Probanden und Beziehungspartner

Tabelle 2 Beziehungsstatus der Probanden

Tabelle 3 Anzahl der Beziehungsepisoden je Proband

Tabelle 4 Beispiel für die tailormade-Formulierung der Komponenten

Tabelle 5 IR der Bestimmung der Beziehungsepisoden

Tabelle 6 IR der Bestimmung der Standardkategorien bei der ersten Runde

Tabelle 7 IR der Bestimmung der Standardkategorien bei der zweiten Runde

Tabelle 8 Darstellung der häufigsten WOS- und WSO-Kategorien

Tabelle 9 Darstellung der häufigsten WOO- und WSS-Kategorien

Tabelle 10 Darstellung der häufigsten ROS- und ROO-Kategorien

Tabelle 11 Darstellung der häufigsten RSO- und RSS-Kategorie

Tabelle 12 Darstellung der zentralen Standardkategorien des Wunsches dritter Dimension

Tabelle 13 Darstellung der zentralen Standardkategorien der Reaktion dritter Dimension

Tabelle 14 Kategorien der Komponente Wunsch nach BPS und Non-BPS

Tabelle 15 Kategorien der Komponente Reaktion nach BPS und Non-BPS

Tabelle 16 Aufteilung der Auftretungshäufigkeit der WO/WS- und RO-Kombination

Tabelle 17 Aufteilung der signifikanten Häufigkeiten und Standardresiduen der RO-RS-Muster

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zusammenfassung

Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstruktur weisen ausgeprägte Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen auf. Dadurch sind ihre Liebespartner besonders belastet. Es besteht jedoch die Frage, welchen Anteil die Partner in die Beziehung mitbringen und wie sie die Interaktion gestalten. In der Forschung ist dieses Thema bisher unterrepräsentiert. In der vorliegenden Studie wird daher explorativ untersucht, welche zentralen Beziehungskonfliktmuster die Partner von Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstruktur aufweisen. Diese Studie basiert auf der qualitativen Methode, der Zentralen Beziehungs-Konfliktthemen (ZBKTLU) nach Luborksky. Die Zentralen Beziehungskonflikt-Themen (ZBKT) wurden anhand von zwölf Interviews mit fünf Frauen und sieben Männern ermittelt. Diese Stichproben waren oder sind in einer romantischen Beziehung mit Menschen, die die Borderline-Persönlichkeitsstruktur aufweisen. Es zeigt sich, dass sich die Probanden von ihren Interaktionspartnern Zuwendung, Unterstützung und Souveränität wünschen. Die Interaktionspartner reagieren in ambivalenter Weise, einerseits mit Zuwendung, andererseits mit Zurückweisung. Daraufhin reagieren die Partner mit Zuwendung, Souveränität und wohlwollend, es ist aber auch Fremdbestimmtheit und Enttäuschung zu beobachten.

Abstract

People with borderline personality structure have distinct difficulties in interpersonal relationships. As a result, their romantic partners are particularly burdened. This brings us to the question of how interaction the partners bring into the relationship influences and shape the resulted interaction. This topic is not being studied enough and it is underrepresented. In this study therefore explores, which are the key relationship conflict patterns of individuals who are in relationship with patients who have borderline personality structure. This study is based on the qualitative method of the Core Conflictual Relationship Theme (ZBKTLU) according to Luborksky. The Central Relationship Conflict Topics (ZBKT) are identified based on twelve interviews carried out with five women and seven men. The participants were or are in a romantic relationship with people who have the borderline personality structure. Analysis shows that the subjects desire affection, support, and sovereignty from their partners. The partners in return, react in an ambivalent way, sometimes with affection, and sometimes with rejection. Subsequently, the partners react with affection, sovereignty and sympathetic, but also feelings of nonautonomony and disappointment can be observed.

1 Einleitung

Zwischenmenschlichen Beziehungen sind ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Von der Geburt bis zum Tod, in jeder Lebensphase befinden wir uns in mehreren zwischenmenschlichen Beziehungen. Einerseits wird durch zwischenmenschliche Beziehungen unser Leben bunter, andererseits bestimmt unser Umfeld über Leiden und Kummer. Aus diesem Grund sind Beziehungsprobleme einer der häufigsten Anlässe für eine Psychotherapiebehandlung. Sie sind jedoch nicht nur der Anlass therapeutischer Behandlungen, sondern stellen auch ein wesentliches Behandlungsmittel in der Psychotherapie dar. Die Patienten gehen dabei neue Beziehungserlebnisse mit ihren Therapeuten durch. Dieser Effektwurde in der Psychotherapieforschung als wirksam nachgewiesen. Somit sind die Beziehungen zentrale Konstrukte des Lebens und der Psychotherapie. Zudem haben es die Menschen besonders schwer, die permanent in Konflikten mit ihren Mitmenschen geraten. Dieser Aspekt wird im wissenschaftlichen Kontext und in den diagnostischen Kriterien insbesondere als ein wesentliches Merkmal der Patienten mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung (im Weiteren BPS) gekennzeichnet. Allerding, trotz der oft auffälligen Beziehungsproblematik nehmen die Betroffenen durch ihre ausgeprägte Ich-Dystonie diesen Fakt nur schwer wahr. Dadurch haben sie erhebliche Schwierigkeiten, den Grund oder die Zusammenhänge ihrer Beziehungsprobleme zu erkennen. Wegen dieser Ich-Dystonie und der häufigen Abwehrmechanismen, unter anderen der projektiven Identifikation, ist es nicht selten, dass sogar Psychotherapeuten die Behandlung und den dazugehörigen Beziehungsaufbau mit BPS-Patienten als anstrengend empfinden. Aus diesem Grund lassen sich die Belastungen in der Beziehung mit Menschen mit BPS als außergewöhnlich hoch einschätzen. Einige Studien bestätigen diesen negativen Einfluss auf ihre Angehörigen, auf diese wird im Kapitel 2.2 nähereingegangen. Die Belastungen sind bei Menschen besonders stark ausgeprägt, die keine Wahl haben, ob sie mit den Menschen mit BPS eine Beziehung eingehen. Das betrifft meistens Familienmitglieder u.a. Eltern, Geschwister oder Kinder. Das betrifft aber auch die Partner, die zu Beginn der Beziehung die Schwierigkeiten nicht erahnen konnten und sich auf eine romantische Beziehung eingelassen haben. Diese kann sich in vielen Fällen zu einer verstrickten Liebesbeziehung ohne Ausgang entwickeln.

Über die Borderline-Erkrankung wurden im Lauf der Forschung viele Erkenntnisse gewonnen. In diesem Prozess differenzierten sich die Forschungsthemen immer weiter und somit bekamen auch die Angehörigen der BPS-Patienten Aufmerksamkeit in der Forschung. Dazu zählen zwar auch die Liebespartner der BPS-Patienten, jedochist die Forschung in Bezug auf diese noch unterrepräsentiert. Weitere Partnerforschung ist dringend erforderlich, da die Partner, die den Borderline-Verhaltensweisen ausgesetzt sind, unwissentlich zum wesentlichen Bestandteil der Störung beitragen können (Mason & Kreger, 2009). So entstehen die Abhängigkeiten, die eine Über- und Weitertragung der Erkrankung begünstigen. Es ist nicht zu bestreiten, dass die Erkrankung an BPS und daraus die resultierenden Symptome der Beeinträchtigung der Beziehungsqualität zugrunde liegen. Dennoch ist es erforderlich, ausdrücklich zu erwähnen, dass BPS-Patienten nicht alleiniger Schuldträger an der schwierigen Beziehung sein können, zumal es sich bei einer Beziehung um eine Kette von gegenseitigen Interaktionen handelt. Aus diesem Hintergrund wird diese Arbeit für den Teil der Aufklärung der Beziehungsmuster der Partner der BPS-Patienten gewidmet. Dabei wird dieses in einer qualitativen Untersuchung über die Methode des Zentralen Beziehungskonflikt-Themas nach Luborsky ermittelt. Hierbei handelt es sich um ein allgemeines Beziehungsmuster der Partner, welches aus den Interaktionen mit ihren Mitmenschen mit- und ohne BPS abstrahiert wird.

In der vorliegenden Arbeit werden die Menschen, die an Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden, nach den folgenden Regeln bezeichnet. Im Theorieteil werden sie BPS- Patienten genannt. Denn es handelt sich bei den vorgestellten Studien um Patienten, die an dieser Erkrankung offiziell diagnostiziert oder bei denen die entsprechenden Kriterien anhand eines diagnostischen Fragebogens festgestelltworden sind. In den Methode- und Ergebnisteilen werden sie als Menschen mit der Borderline-Persönlichkeits struktur (im Weiteren Menschen mit BPS) bezeichnet. In den anderen Fällen werden sie ihren Rollen entsprechend, beispielsweise Liebespartner oder Beziehungspartner mit Borderline-Persönlichkeits struktur (im Weiteren ebenfalls mit BPS) bezeichnet. Einige Interaktionspartner (Objekt) der Probanden dieser Studie wurden von Fachärzten bzw. Psychotherapeuten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Bei den anderen Probanden besteht der Verdacht seitens der Partner im Raum. Folglich erscheint die Bezeichnung, Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstruktur am geeignetsten. In der vorliegenden Arbeit wird ausschließlich wegen der kurzen Schreibweise die männliche Form von Bezeichnungen verwendet, auch wenn beide Geschlechter gemeint sind. In einzelnen Fällen wird die männliche oder weibliche Form benutzt. Zunächst werden die relevanten Theorien dargestellt.

2 Theorien

Im Folgenden Theorieteil wird der Fokus auf die für diese Arbeit relevante Thematik gelegt. Hierbei wird aus Effizienzgründen auf die allgemeinen Informationen u.a. der diagnostischen Kriterien des ICD-10, die Prävalenzraten, die Komorbiditäten und der Behandlungsmöglichkeiten verzichtet. Zu Beginn wird ein kurzer Überblick über die Erklärungsmodelle der BPS (Kap. 2.1) und den aktuellen Stand der Angehörigen- und Partnerforschung dargestellt (Kap. 2.2). Danach wird die Familiendynamik der Herkunftsfamilien von BPS-Patienten genauer betrachtet. (Kap. 2.3). Anschließend folgt das Thema der Partnerbeziehung von BPS-Patienten (Kap. 2.4), welches sich in zwei Unterthemen, der Partnerwahl und der Paardynamik, unterteilt. Nach einer Darstellung, der in dieser Arbeit eingesetzten Methode der Zentralen Beziehungskonflikt-Themen (Kap. 2.5), wird die Fragestellung dieser Arbeit (Kap. 3) hergeleitet.

2.1 Überblick der Erklärungsmodelle der BPS

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine bis heute noch nicht vollständig verstandene psychische Störung (Dammann, 2007). Die Diagnose dieser Erkrankung wurde offiziell erst 1980 in das DSM (Diagnostisches und Statistisches Manual) aufgenommen. Im ICD (Internationale Klassifikation Psychischer Krankheit), der im deutschsprachigen Raum genutzt wird, wurde diese Erkrankung sogar erst im Jahr 1992 aufgenommen (Mason & Kreger, 2009). In der eher jüngeren Forschungsgeschichte wurden laut der Zusammenfassung von Dammann (2007) bisher vier wesentliche Erklärungsmodelle etabliert. Das psychodynamische Modell betrachtet BPS als eine strukturelle Störung, deren Einschränkung sich im Bereich der Stabilität und Reife der Persönlichkeitsorganisation bemerkbar macht. In einem anderen Modell wird BPS als Emotionsregulationsstörung verstanden. Gemäß dem Biosocial Developmental Model nach Crowell, Beauchaine undLinehan (2009) lässt sich diese emotionale Dysregulation bei BPS durch drei Merkmale charakterisieren: die erhöhte emotionale Sensibilität, die Unfähigkeit intensive emotionale Antworten zu regulieren und die verlangsamte Rückkehr zum emotionalen Grundzustand. Diese Affektregulationsstörung scheint der kleinste gemeinsame Nenner verschiedener Modelle zu sein (Benecke, Bock & Dammann, 2011). Dennoch handelt es sich dabei um kein globales Emotionsregulationsdefizit, sondern um eine Dysfunktion, die sich nur auf die gewissermaßen für die Betroffenen relevanten Stimulus- Materialien bezieht (Benecke et al., 2011). Dies lässt sich daraus erklären, dass viele BPS-Patienten in ihrem vergangenen Leben traumatisierende Ereignisse erleben mussten. Betrachtet man BPS aus diesem Aspekt, lässt sich die Krankheit den posttraumatischen Belastungsstörungen zuordnen. Die letzte Erklärungsmöglichkeit der vier Erklärungsmodelle von Dammann (2007) ist die Mentalisierungsstörung, diese sollte hier vollständigkeithalber genannt werden. Von den zahlreichen Erklärungsversuchen scheint das Biosocial Developmental Model nach Crowell et al. (2009), welches sich auf die Ätiologie fokussiert, eines der umfangsreichtesten Modelle zu sein. Abbildung 1 veranschaulicht das gesamt Bild dieses Erklärungsmodells.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Das Biosocial Developmental Model (Crowell, Beauchaine & Linehan, 2009, S. 503)

Bei der näheren Betrachtung dieses Modells ist zu erkennen, dass die Interaktionen zwischen Bezugsperson (Caregiver) und Kind als ein hoher Risikofaktor gekennzeichnet wird. Dieser stellt somit ein Nährboden für die Emotionsdysregulation dar. Aus diesem Grund wird in folgendem Kapitel 2.3 die Dynamik der Herkunftsfamilie der BPS-Patienten näher betrachten.

Neben diesen vier Erklärungsmodellen wird die Borderline-Persönlichkeitsstörung ebenfalls als Beziehungs- und Interaktionsstörung betrachtet. Sachse (1999) ist der Auffassung, dass in den Kriterien von DSM-IV Merkmale der Beziehungsgestaltung und Interaktion einen zentralen Stellenwert einnehmen.

DSM-IV umfasst die folgenden diagnostischen Kriterien:

1. Verzweifeltes Bemühen ein tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden.
2. Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, dass durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist.
3. Identitätsstörung: eine ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.
4. Impulsivität in mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen (Geldausgaben, sexuelle Handlungen, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, Fressanfälle).
5. Wiederholte suizidale Handlungen, Suizidandrohungen oder -andeutungen, oder selbstverletzendes Verhalten.
6. Affektive Instabilität, die durch eine ausgeprägte Orientierung an der aktuellen Stimmung gekennzeichnet ist (Hochgradig episodische Dysphorie, Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als einige Tage andauern).
7. Chronische Gefühle der Leere.
8. Unangemessene starke Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen.
9. Vorübergehende, durch hohe Belastungen ausgelöste, paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.

Die Kriterien 1 und 2 stellen pathologische Symptome in direkter Art dar. Im Vergleich zu diesen zwei Kriterien erweisen sich die restlichen Kriterien als indirekte Einflussfaktoren auf die Beziehungsgestaltung und Interaktionen.

Diese Symptome der BPS-Patienten führen in ihrem Leben zu zwischenmenschlichen Konflikten. Diese betreffen am meisten die Lebensbereiche mit Familien und Partnern. So soll laut Wöller (2014) ein konfliktbehaftetes familiäres Umfeld bei BPS-Patienten nicht als Ausnahme, sondern eher als die Regel betrachtet werden.

2.2 Angehörigen- und Partnerforschung

Wie schon im letzten Kapitel dargestellt sind konflikthafte Beziehungen bei BPS-Patienten keine Ausnahme. Somit ist es vorstellbar, dass nicht nur die Erkrankung, sondern auch das konflikthafte familiäre Umfeld eine hohe Belastung für die Angehörigen darstellt. Einige Studien weisen darauf hin, dass ein Zusammenhang der psychischen Erkrankung, auch konkret bei BPS, und der Häufung der psychiatrischen Erkrankungen der Angehörigen besteht (Sologg & Millward, 1983; Silverman et al., 1991; Goldman et al., 1993; Zanarini et al., 2004; Zanarini et al., 2009, zit. nach Rosada, 2013). Die vorangegangenen Studien kritisierte jedoch Rosada (2013) wegen der ungenauen Methodik. Er versuchte in seiner eigenen Studie durch ein Studiendesign systematische Fehler zu vermeiden. So wurden in seiner Studie standardisierte-strukturierte Interviews als Befragungsmittel eingesetzt. Auch in dieser Studie ergab sich dasselbe Ergebnis, dass Angehörige der BPS-Patienten häufiger als die von gesunden Personen an psychiatrischen Erkrankungen, in dieser Studie an Dysthymie, ängstliche Symptomatik (Agoraphobie) und einer undifferenzierten Somatisierungsstörung, leiden. Des Weiteren zeigte eine andere Studie, mit einer großen Stichprobe von knapp 1600 erstgradiger- Angehöriger der BPS-Patienten ebenfalls, dass eine Major Depression (F32.2) neunmal so häufig unter diesen Verwandten beobachtet wurde als bei der Bipolar-I-Störung (Zanarini, Barison, Frankenburg, Reich & Hudson, 2009). Das bedeutet, dass psychische Erkrankungen im Allgemeinen innerhalb der Familie einen negativen Einfluss auf die Gesundheit der Angehörigen haben. Dies ist in den Familien der BPS-Patienten noch wesentlich stärker ausgeprägt.

In den bisherigen Studien wurden die Angehörigen nicht nach ihren Rollen unterschieden. Aus den Probanden wurde eine Gruppe von „First-grade-relatives“ gebildet. Nachdem einige Studien die Auffälligkeiten von Angehörigen der psychisch erkrankten Menschen feststellten, wären differenziertere Analysen wünschenswert. Damit könnte ein genaueres Bild im Forschungsbereich erreicht werden. Außerdem können sich die Beziehungsdynamiken je nach Rollenzuschreibungen deutlich unterscheiden. Dieser Aspekt wurde in der Studie von Rosada (2013) berücksichtigt. Dabei wurde die Abstufung der Gruppe erstgradiger Angehöriger bei der Prävalenz psychiatrischer Erkrankungen unter die Lupe genommen. Daraus resultierte, dass diese Auffälligkeit bei Müttern am stärksten auftrat. Dieses Ergebnis unterstützt einerseits die Hypothese der familiären Häufung, die besagt, dass BPS im Vergleich zu den anderen Erkrankungen wesentlich häufiger innerhalb der Familien auftritt (Goldman, D'Angelo und DeMaso, 1993). Umgekehrt könnte dieses Ergebnis so interpretiert werden, dass die psychischen Symptome der Mütter durch hohe Belastung durch die psychischen Erkrankungen des Kindes und dessen dauerhafte persönliche Betreuung entstanden sind. Denn laut der Studie über den Belastungsfaktor bei den betreuenden Angehörigen von Ostman und Hansson (2004) ist die Dauer der Beziehung zum Patienten der einzige Faktor, der die psychische Belastung des Angehörigen beeinflusste. Die anderen Faktoren, u.a. die Persönlichkeiten des Patienten, die Diagnosen, die negative Aufregung der betreuenden Angehörigen und das Niveau der psychosozialen Funktion, wiesen in ihrer Studie keinen Einfluss auf den Stress bei den Angehörigen hin. Wenn die Dauer einer Beziehung mit BPS-Patienten einen wesentlichen Belastungsfaktor darstellt, sind bei den erwachsenen Patienten ihre Liebespartner besonders stark einer risikohaften Stresssituation ausgesetzt. Tatsächlich zeigte Bodenmann (2000) einen mittleren bis starken Zusammenhang zwischen Stress und psychischen Erkrankungen (in seiner Studie Depression, Angststörungen sowie Sexualstörungen) von Paaren, bei welchen ein Partner an einer psychischen Störung leidet.

Des Weiteren ist es, wie oben bereits beschrieben, bekannt, dass BPS im Vergleich zu den anderen Erkrankungen wesentlich häufiger innerhalb einer Familie auftreten kann (Goldman et al., 1993). Es wurde vermutet, dass die Erkrankung der Eltern an BPS mit einer größeren Wahrscheinlichkeit dazu führt, dass die Kinder in der folgenden Generation ebenfalls an BPS erkranken. Dennoch ist noch nicht vollständig aufgeklärt, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Es ist zumindest sicher, dass die schwierigen Partnerschaften der Eltern und ein instabiles Familienmilieu eine wesentliche Rolle dabei spielen (Reich & Cierpka, 2011), zuerst bei der Ätiologie der Erkrankung des Kindes und bei der dysfunktionalen Beziehungsgestaltung in dessen eigener zukunftigen Familie. Zusammenfassend scheint der Familienhintergrund in aller Hinsicht ein wesentlicher Faktor für die BPS-Erkrankung zu sein. Im nächsten Kapitel wird die Familiendynamik der Herkunftsfamilie näher beleuchtet.

2.3 Familiendynamik der Herkunftsfamilie der BPS-Patienten und dessen Folgen

In der familienpsychologischen Forschung stellte sich heraus, dass die mehrgenerationale Weitergabe der BPS-Erkrankung in familiendynamischen Prozessen seinen Ursprung findet. Die Ergebnisse der Familienforschung weisen darauf hin, dass es bestimmte Familiendynamiken gibt, die einen besonderen Risikofaktor darstellen. Laut der Zusammenfassung von Reich und Cierpka (2011) wuchsen BPS-Patienten im Grunde genommen in einem der folgenden drei familiendynamischen Umfeldern auf.

In den vernachlässigenden und emotional-missbrauchenden Familien werden Kinder stets emotionalen Mangelsituationen ausgesetzt. Dort sind verbaler Missbrauch verbreitet, während körperliche Vernachlässigung tendenziell weniger vorkommt. Emotionale Vernachlässigung tritt häufig in vielgestaltigen Erscheinungen auf. In den Formen von emotionalen Rückzug der Eltern, inkonsistenter Behandlung seitens der Eltern, Ignorieren von Gefühlen der Kinder und Versagen der elterlichen Rollen u.a. mangelnder Schutzfunktion. Der Hintergrund dieser unzureichenden elterlichen Funktionen können die elterlichen psychischen Erkrankungen sein. Von Depressionen der Eltern in den Herkunftsfamilien der BPS-Patienten wurde häufig berichtet. Zudem sind die Eltern aufgrund eigener ungelöster Konflikte mit ihren Ursprungsfamilien nicht in der Lage, dem Kind den notwendigen Halt zu geben. Dieses erschwert dem Kind einem Explorationsverhalten nachzugehen, was den Aufbau des Selbstvertrauens verhindert. Zudem behandeln die Eltern die eigenen Kinder als Erweiterung des eigenen Selbst. Dies resultiert daraus, dass die Eltern wegen den ungelösten Konflikten die eigenen unerfüllten Bedürfnisse zu erfüllen versuchen. Dabei werden die Kinder oft als Mittel zur Realisierung des elterlichen „Projekts“ eingesetzt. So werden die Kinder instrumentalisiert und auf diese Weise wird ihnen die Kindheit geraubt. Außerdem fehlt den Eltern die nötige Sensibilität, sozusagen die Mentalisierungsfähigkeit, um zu erkennen, dass die Kinder eigene Bedürfnisse haben und, dass sie nicht zur Befriedigung der elterlichen Bedürfnisse da sind. Dabei finden nicht selten grenzüberschreitende Übergriffe, von der Missachtung der Privatsphäre bis zu sexuellen Missbrauch, statt. Ein anderer unvermeidlicher Grund für die emotionalen Vernachlässigungen ist der Tod der Eltern oder die Trennung von den Eltern. Selbst wenn die Eltern physisch präsent sind, sind sie oft für die Kinder geistig und emotional abwesend („Tote Mutter“ nach Green, 2011, zit. nach Benecke, 2014). Somit sind die Kinder oft mit allen möglichen schwierigen Gefühlen und Frustrationen alleingelassen, was zur Überforderung führt. Dazu müssen manche Kinder die Rolle der Eltern übernehmen (Parentifizierung). So führen diese eine ganze Palette an ungünstigen Faktoren in einer höheren Wahrscheinlichkeit zu einer defizitären Emotionsregulierung der Kinder, die in Zukunft selbst an BPS erkranken.

Die zweite Dynamik nach Reich und Cierpka (2011) ist durch ständige Dramas und Krisen charakterisiert. Oft herrschen in diesen Familien eheliche Kämpfe der Eltern und außereheliche Beziehungen. Durch diese dramatisierenden Beziehungsszenen, die überwiegend durch die BPS-Patienten inszeniert werden, neigen die Partner zu Rückzug. So wird eine ungünstige Familienkonstellation mit der Abwesenheit eines Elternteils, oft der Vaterfigur, erzeugt. In diesem Umfeld herrscht die große Gefahr, dass die Kinder eine triangulierte Rolle übernehmen müssen, um die Ehekonflikte der Eltern zu vermitteln. Dabei werden die Kinder oft als Ersatzpartner oder Mediator eingesetzt. In dieser Dynamik kommt es auch gehäuft zu sexuellen Missbrauch oder körperlichen Misshandlungen, dabei spielt der Konsum von Drogen und Alkohol ebenfalls eine große Rolle. Wobei sich dabei BPS-Patienten hinsichtlich der Häufigkeit der körperlichen Misshandlungen nicht von den Patienten mit anderen Erkrankungen unterscheiden. Diese Familienkonstellation begünstigt die Bildung der nicht -integrierten Objektrepräsentanzen im Kind, was letztendlich zum Bilden der Abwehrmechanismen u.a. der Spaltung führt. Außerdem entstehen durch die schlechten elterlichen Vorbilder tiefe Zweifel an harmonischen Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Zudem gelingt es den Kindern nicht, sich mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil zu identifizieren und eine gesunde Identität als Frau oder Mann zu bilden. Auch ist es den Kindern kaum möglich ein positives gegengeschlechtliches Objektbild zu erlangen, wenn ein Elternteil den Kindern, in grenzüberschreitender Weise, die negativen Informationen über den anderen Elternteil vermittelt. Dies kann als ein manipulatives unbewusstes Manöver verstanden werden, wo ein Elternteil (oder in schlimmen Fällen beiden Teile) versucht, die Kinder für die eigene Seite zu gewinnen. Alternativ wird dieses Verhalten auch zur Sicherung des Druckmittels genutzt, um das Risiko des tatsächlichen Verlassenwerdens zu reduzieren. Somit sind die Kinder in einer derartigen Familienkonstellation gezwungen, mit dem Gefühl der Zerrissenheit aufzuwachsen. Die genannten Faktoren stellen schlechte Vorrausetzungen für die Entwicklung des gesunden Selbst, der Identität und der Ich-Stärke dar.

Die letzte Gruppe ist eine Mischgruppe von den oben vorgestellten beiden Gruppen (Reich & Cierpka, 2011). In dieser Mischgruppe werden autonome Bestrebungen der Kinder als Gefahr für die Familie wahrgenommen und somit unterdrückt. In der Entwicklungsphase der Kinder werden die Eltern mit den eigenen unbewussten Ablösungskonflikten konfrontiert. Dadurch reagieren die Eltern aggressiv und versuchen die Entfaltung der Autonomie des Kindes zu verhindern. Zudem müssen die Eltern „den Ausstieg“ des Kindes aus der für sie günstigen Familiendynamik verhindern, damit die Familiendynamik, die die Kinder bisher im Gleichgewicht hielt, weiterhin erhalten bleibt. Ist es nicht der Fall, brechen die interpersonellen Abwehrmechanismen und das dadurch gehaltene innerpsychische Gleichgewicht der Eltern zusammen. Dort folgen je nach den Abwehr- bzw. Bewältigungsstrategien der Kinder entweder heftige Kämpfe zwischen den beiden oder ein abrupter Abbruch der Beziehung. Im Falle des Aufgebens oder der Anpassung seitens des Kindes bleiben die Eltern in den meisten Fällen auf einer gestörten Weise in der Beziehung zum Kind involviert. In beiden Fällen bleiben die Konflikte zwischen ihnen bestehen, wodurch die Kinder wiederum Risikoträger für die nächste Generation werden.

Diese familiären Umfelder hinterlassen enorme Spuren in der Psychodynamik der Kinder und erhöhen das Risiko, dass die Kinder später als Erwachsene selbst an BPS erkranken. Beim genaueren Betrachten wird deutlich, dass die Spaltung in verschiedenen Formen in den Familiendynamiken vorherrscht. Die Kinder stehen einerseits unter einer kontrollierenden pseudo-elterlichen Macht, wo die Autonomie verhindert und verleugnet wird. Andererseits sind sie gezwungen, die Erwachsenenrolle zu übernehmen, um die Familie zusammenzuhalten. Diese Konstellation ist für Kinder besonders ungünstig, denn sie tragen ausschließlich deren „Nachteile“ und sie haben nichts von dem Privileg des Kindseins. In dieser Familiendynamik dürfen die Kinder weder eigene Gefühle noch Gedanken wahrnehmen. Wie schon oben angesprochen, werden die Emotionen, Bedürfnisse und Wahrnehmungen des Kindes von Eltern mangelhaft gespiegelt und validiert. Die Kinder spüren sogar die unterschwellige Forderung bzw. den Wunsch der Eltern und versuchen diesen zu erfüllen. Diese Betäubung der eigenen Lebendigkeit dient gleichzeitig zum Selbstschutz. In einer Umgebung, wo Gefühle, Bedürfnisse und Fürsorge keinen Platz finden, bzw. wo man sogar dafür bestraft wird, wählen Kinder deren Abschalten aus. Im Laufe der Zeit verlieren sie so den Zugang zu sich selbst. Sie werden nicht mehr in der Lage sein, an eigene Gefühle, Gedanken und Wahrnehmungen zu glauben. Es fällt ihnen schwer, eigene von den anderen (von den Eltern) zu unterscheiden (Symbiose). Diese Erfahrungen führen nach Reich und Cierpka (2011) zur fehlenden Integration von persönlichen Erfahrungen und Ereignissen in der Umgebung und schwächt u.a. das Gefühl von Selbstwirksamkeit und Selbsterleben. Dieses erhöht ebenfalls das emotionale Erregungspotenzial, die Neigung zum Rückzug und zum impulsiven Ausagieren (Reich & Cierpka, 2011), welche für BPS-Patienten charakteristisch ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 100 Seiten

Details

Titel
Bestimmung zentraler Beziehungskonfliktthemen nach Luborsky bei Partnern von Borderline-Patienten
Hochschule
Universität Kassel
Note
2.3
Autor
Jahr
2018
Seiten
100
Katalognummer
V589404
ISBN (eBook)
9783346165572
ISBN (Buch)
9783346165589
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Borderline, Beziehungen, Luborsky, Partner
Arbeit zitieren
Mizuki Nagano (Autor), 2018, Bestimmung zentraler Beziehungskonfliktthemen nach Luborsky bei Partnern von Borderline-Patienten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/589404

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