Anti-Doping-Strategien im Radsport nach der Tour de France 1998


Examensarbeit, 2006
88 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Doping im Radrennsport
2.1 Ursprung des Begriffs „Doping“
2.2 Definition von Doping
2.3 Geschichte des Dopings im Radrennsport – ein kurzer Überblick
2.4 Statistiken zu Dopingfällen
2.4.1 Statistiken der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA)
2.5 Zusammenfassung

3 Der Anti-Doping-Kampf der Union Cycliste Internationale (UCI)

4 Der Skandal der Tour de France 1998 und seine Folgen
4.1 Willy Voet und der Beginn des Skandals
4.2 Hintergründe zur Festnahme Willy Voets
4.3 Die Reaktion der Union Cycliste Internationale
4.4 Die Reaktion des Internationalen Olympischen Komitees
4.5 Die Gründung der Welt-Anti-Doping-Agentur
4.6 Die erste überstaatliche Anti-Doping-Konvention
4.7 Zusammenfassung

5 Die Uneinheitlichkeit der Rechtsprechung und die Schwierigkeiten der Harmonisierung
5.1 Von der positiven Probe bis zum rechtskräftigen Urteil
5.2 Der „Court of Arbitration for Sports“ (CAS)
5.3 Der Fall Tyler Hamilton
5.3.1 Kommentar zum Urteil des CAS
5.4 Eine neue Dimension: Überstimmung des CAS im Fall Danilo Hondo
5.4.1 Kommentar zur Aufhebung des CAS-Urteils
5.5 Dopingbekämpfung ohne Anti-Doping-Gesetz?
5.5.1 Die aktuelle Diskussion in Deutschland

6 Diskussion alternativer Anti-Doping-Strategien
6.1 Aufklärung und Prävention
6.2 Das „Athlete Outreach Program“ der WADA
6.3 Informationsmöglichkeiten für Sportler

7 Fazit und Ausblick

8 Literaturverzeichnis

9 Internetquellen

TABELLEN

Tabelle 1: Zeitlicher Abstand zwischen der Erstanwendung eines Dopingmittels im Sport und dem ersten offiziellen Nachweis (biochemisch und juristisch) eines Verstoßes 12

Tabelle 2: Darstellung der durch die WADA durchgeführten A-Analysen, der Anzahl der positiven A-Proben und dem prozentualen Anteil der positiven A-Proben nach Sportarten unterteilt

ABBILDUNGEN

Abbildung 1: Anzahl registrierter Dopingfälle im professionellen Radsport seit 1940 (in absoluten Zahlen)

Abbildung 2: Logarithmisches Balkendiagramm zur Darstellung der Anzahl der analysierten A-Proben, dem Anteil der Analysen für den BDR und den jeweils positiven A-Proben

Abbildung 3: Anteil der A-Analysen für den BDR und für den DSV an allen A-Analysen des DSB (in Prozent)

Abbildung 4: Der Rechtsweg von der positiven A-Probe bis zum Urteil

ABKÜRZUNGEN

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die Tour de France 1998 ist als Skandaltour in die Geschichtsbücher des Radrennsports eingegangen. Als der Betreuer Willy Voet vom Team Festina in Nordfrankreich vom Zoll mit unzähligen Ampullen verbotener medizinischer Substanzen zur Leistungssteigerung festgenommen wurde, begann die systematische Aufdeckung und Hinterfragung der Dopingpraktiken im Profiradrennsport. Die Untersuchungen und Verhaftungen durch die beteiligten französischen Behörden führten noch während der Tour zum Ausschluss und Rückzug mehrerer Teams. Den Sportlichen Leitern, Ärzten und Fahrern der betroffenen Mannschaften wurde bis auf wenige Ausnahmen systematisches Doping vorgeworfen.

Die Öffentlichkeit und der Weltdachverband Union Cycliste Internationale (UCI) forderten eine schonungslose und umfassende Aufdeckung der Dopingpraktiken vor und während der Tour 1998. Es kam zu Verhaftungen und Durchsuchungen durch die Polizei in Hotelzimmern der Fahrer und den Abfällen der Hotels sowie stundenlangen Verhöre von verhafteten Fahrern und Offiziellen.

Ein Ergebnis der polizeilichen Aktivitäten während der Tour de France 1998 war die gerichtliche Verhandlung gegen das Team Festina. Der Prozess vor dem Gericht in Lille endete erst rund zweieinhalb Jahre nach dem Skandal im Juli 1998. Im Dezember 2000 wurden Willy Voet und der Sportliche Leiter des Teams Bruno Roussel zu Bewährungs- und Geldstrafen verurteilt.

Der Festina-Prozess in Lille ist aber nur eine Folge des Dopingskandals gewesen. Wie reagierten die zuständigen Sportverbände wie die UCI und das Internationale Olympische Komitee (IOC)? Haben sich deren Haltung und Anti-Doping-Politik geändert, hat es sichtbare und nachweisbare Erfolge gegen Doping im Radrennsport gegeben?

Um diese Fragen beantworten zu können, ist zunächst ein Rückblick auf die Geschichte des Dopings im Radrennsport notwendig. Die historische Aufarbeitung des Phänomens Doping in Kapitel 2 wird dabei auch zeigen, dass der Radrennsport eine prädestinierte Sportart für die künstliche Leistungssteigerung ist und somit eine gesonderte Stellung in der Entwicklung von Anti-Doping-Strategien einnimmt. Die Darstellung der Anti-Doping-Politik der UCI als einflussreichem Dachverband ist hierbei unerlässlich und erfolgt in Kapitel 3.

Die Berichterstattung über die Tour de France 1998 war ausführlich und hat der radsportbegeisterten Öffentlichkeit einen Eindruck vermittelt, wie verbreitet Doping im professionellen Radsport zu dem Zeitpunkt war. In Kapitel 4 wird auf die Hintergründe des Skandals eingegangen, um die Kriminalität einiger Vorgänge wie die Beschaffung der Medikamente darzustellen. In diesem Zusammenhang werden die Reaktionen der UCI und des IOC analysiert und bewertet.

Weiterhin wird hinterfragt, ob die Gründung der international tätigen unabhängigen Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) im Jahr 1999, die auch auf den Skandal bei der Tour de France 1998 zurückzuführen ist, die Dopingbekämpfung im Radsport effektiver gestaltet. Dieses wird im Hinblick auf die Kooperation mit den Mitgliedsnationen überprüft, die ihrerseits unterschiedliche Vorgehensweisen gegen Doping festgelegt haben. Rechtliche Mittel und Wege wie die Anti-Doping-Gesetzgebung und die Sportschiedsgerichtsbarkeit werden dabei in den Mittelpunkt der Untersuchung gestellt.

Das Kapitel 5 beschäftigt sich schließlich mit den Schwierigkeiten der Doping-Verfolgung, die sich auch aus den uneinheitlichen Rechtsprechungen ergeben. Anhand von zwei aktuellen Beispielen werden Schwächen der Rechtsprechung analysiert, die deutlich machen, dass es noch keine einheitlichen Sanktionen bei Verstößen gegen die Dopingregularien gibt und die Harmonisierung zwischen den Anti-Doping-Institutionen noch nicht abgeschlossen ist.

In meinen Schlussbetrachtungen ab Kapitel 6 werden alternative Strategien entwickelt, die als Ergänzung zu den bestehenden Maßnahmen betrachtet werden sollen und Kapitel 7 beinhaltet schließlich mein Fazit und einen Ausblick.

Die Diskussion des Themas „Anti-Doping-Strategien im Radrennsport“ geschieht weltweit und durch international angesehene Autoren und Anti-Doping-Experten. Aus den zahlreichen nach der Tour de France 1998 in Frankreich veröffentlichten Werken habe ich besonders auf zwei Bücher zurückgegriffen, die Doping im Radrennsport ausführlich behandelt haben. Dazu gehört das Buch von Jean-Pierre de Mondenard (2000) und das preisgekrönte Werk von Eric Maitrot (2003). Beide Autoren sind für ihren engagierten Anti-Doping-Kampf bekannt und erfassen das Thema als ein Problem, das nicht nur den Sport betrifft, sondern die gesamte Gesellschaft. Ebenso war es mir wichtig, Biographien einzelner am Skandal beteiligter Personen zu studieren, um auch Eindrücke von Sichtweisen persönlich Betroffener zu bekommen. Hier ist die Veröffentlichung von Willy Voet (1999) an erster Stelle zu nennen, aber auch das Buch des ehemaligen Präsidenten der Fédératon Française Cyclisme Daniel Baal spielt eine Rolle.

Außerdem wird auf die Arbeiten deutscher Anti-Doping-Experten wie Wilhelm Schänzer, Leiter des biochemischen Labors an der Deutschen Sporthochschule Köln, Andreas Singler und Gerhard Treutlein häufig Bezug genommen, da diese sich mit der Thematik Doping im Sport intensiv und über einen langen Zeitraum befasst haben.

Um der Aktualität des Themas gerecht zu werden, habe ich Teile meiner Ausführungen auf der Basis von zuverlässigen Internetquellen formuliert. Im Mittelpunkt stehende Verbände wie die UCI, die WADA und das IOC veröffentlichen viele der für meine Arbeit wichtigen Dokumente nicht mehr als Print-Medien, sondern nutzen auch die Möglichkeiten der Digitalisierung, wodurch zentrale Dokumente nur als pdf-Versionen erhältlich sind. Diese sind im Literaturverzeichnis unter der jeweiligen Institution aufgeführt.

2 Doping im Radrennsport

Der Radrennsport zählt zu den härtesten Ausdauersportarten, in denen von den Fahrern[1] extrem hohe Leistungen gefordert werden. Um diesen hohen Belastungen besser standhalten zu können und die endgültige Erschöpfung hinauszuzögern, spielt die künstliche Leistungssteigerung durch Einnahme von Medikamenten oder Anwendung von unphysiologischen Methoden seit über einem Jahrhundert eine große Rolle und rückt durch die zunehmende Professionalisierung des Radrennsports in den letzten 20 Jahren immer mehr in das Interesse der Öffentlichkeit.

Eine Grundvoraussetzung für die Entwicklung effektiver Anti-Doping-Strategien ist einerseits das Wissen um die Geschichte des Dopings im Sport und andererseits eine klare, eindeutige Definition. Die folgenden Abschnitte zeigen zum einen, dass Doping im Sport allgemein und im Radsport speziell ein Phänomen mit jahrzehntelanger Geschichte ist. Zum anderen wird deutlich, welche Schwierigkeiten die eindeutige Definition von Doping bereitet.

2.1 Ursprung des Begriffs „Doping“

Bezüglich der ersten schriftlichen Erscheinung des Wortes „Doping“ gibt es bis heute widersprüchliche Angaben. So heißt es z.B. in der Broschüre der Deutschen Sportjugend (2004, S.11):

„Das erstmals 1889 in einem englischen Wörterbuch erwähnte Wort ‚Doping’ bezeichnet eine Mischung aus Opiaten und schmerzstillenden Mitteln, die zum Zweck betrügerischer Leistungssteigerungen im Pferderennsport verwendet wurden.“

Im digitalen Olympia-Lexikon wird dagegen das Jahr 1896 genannt, wobei es auch hier als eine Mischung von Narkotika und Opium definiert ist, die zur Leistungsverbesserung bei Pferderennen eingesetzt wird.[2] Grupe & Mieth (vgl. 1998, S. 98) schreiben zum Ursprung des Wortes Doping, dass es erstmals 1869 in einem englischen Wörterbuch auftauchte und ebenfalls eine Mixtur aus Opium und Narkotika bezeichnete, die bei Pferderennen angewendet wurde.

In den drei angeführten Quellen unterscheidet sich zwar die Jahresangabe der ersten Nennung in einem englischen Wörterbuch, nicht aber der Zweck von „Doping“. Angesichts der Tatsache, dass die künstliche Leistungssteigerung beim Menschen seit jeher erprobt wurde[3], ist es erstaunlich, dass sich diese Erklärungen einheitlich auf die Leistungsbeeinflussung von Rennpferden beziehen. Die Einnahme von pflanzlichen und tierischen Stoffen durch den Menschen mit dem Zweck der körperlichen oder psychischen Leistungsoptimierung wurde noch nicht als Doping im heutigen Sinne, nämlich als ungewünschte und unerlaubte Steigerung der Leistung, bewertet.

In Bezug auf die geografische Herkunft des Wortes „Doping“ wird in der Literatur einheitlich Südafrika genannt. Hier bezeichnete „Dop“ in der Bantusprache seit dem 17. Jahrhundert ein hochprozentiges Getränk, das vor allem bei Kulthandlungen zur Anwendung kam, um Kreislauf und Nervensystem anzuregen (vgl. Deutsche Sportjugend, 2004, S. 12; Grupe & Mieth, 1998, S. 98). Im heutigen Verständnis würde man diesen Hergang eher mit dem Konsum bewusstseinserweiternder Drogen vergleichen, jedoch nicht mit beabsichtigter künstlicher Leistungssteigerung. Gleichwohl gibt es auch Hinweise, dass Naturheilmittel oder pflanzliche Stimulanzien im Altertum eingenommen wurden, um bei Wettkämpfen erfolgreicher zu sein:

„Schon die Olympioniken der Antike kannten einige Mittel zur Leistungssteigerung. Um die Kraft vor Wettkämpfen zu steigern, nahmen viele Athleten nur bestimmte Nahrungsmittel zu sich und aßen zum Beispiel - obwohl die Wirksamkeit dieses ‚Dopingmittels’ umstritten ist - Stierhoden.“[4]

Die Zitate zeigen, dass die beabsichtigte Leistungssteigerung für sportliche Wettkämpfe bis vor wenigen Jahrzehnten nicht den Charakter einer unerwünschten Handlung hatte. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts begannen Verbände Doping im Sport zu problematisieren und mit Ernsthaftigkeit zu begegnen. Bis dahin galt es nicht als unfair oder unehrlich, wenn Athleten ihre Leistung mit speziellen Getränken oder mit Medikamenten zu fördern versuchten. Bis in die 1920er Jahre hinein herrschte sogar das Interesse vor, herauszufinden, ob Pharmaka die physische Leistung überhaupt steigern könnten. Ein Unrechtsbewusstsein für moralische oder ethische Grundsätze im Sport, wie sie besonders durch die Wiederbegründung der Olympischen Spiele 1896 Verbreitung fanden, war nicht vorhanden:

„Die Verurteilung des Dopings in Deutschland begann auf breiter Ebene erst nach dem Ersten Weltkrieg [….], die gesellschaftliche Ablehnung beruhte eher auf dem Wissen der allgemeinen Schädigungsmöglichkeiten von Drogen wie Alkohol und Kokain.“[5]

Die Missbilligung begründete sich also in der Angst um die Gesundheit der Sportler, nicht aber in dem Wunsch, der sportliche Wettkampf sei durch Fairness und Ehrlichkeit geprägt und die Leistung ausschließlich auf eigene physische Fähigkeiten der Athleten selbst zurückzuführen.

Erst in der Zwischenkriegszeit wurden zunehmend Forschungen im Hinblick auf den Zusammenhang von sportlicher Leistung und Medikamenteneinnahme betrieben. Dass die Trainingswissenschaft und die Entwicklung neuer Methoden zur Leistungssteigerung im Sport damit immer mehr einen interdisziplinären Charakter gewannen, stellen Grupe & Mieth (1998, S. 98) fest:

„Bei der nach dem Zweiten Weltkrieg sich anbahnenden Annäherung des Hochleistungssports an die naturwissenschaftlichen Disziplinen insbesondere der Medizin, lag die Anwendung pharmakologischer Substanzen nahe.“

Durch den Fortschritt der Wissenschaft einerseits und die Professionalisierung des Sports andererseits machten Sportler immer häufiger von leistungssteigernden Pharmaka Gebrauch, auch weil der Leistungsdruck durch das Zuschauerinteresse wuchs. Dies traf und trifft gerade heute insbesondere auf den Profiradsport zu. Sportinstitutionen wurden hierdurch mit einer Situation konfrontiert, auf die sie nicht vorbereitet waren. Strukturen zur Lösung des Dopingproblems mussten erst einmal geschaffen werden, wobei die größte Schwierigkeit zunächst darin lag, das Problem exakt zu benennen und zu definieren.

2.2 Definition von Doping

Doping verbreitete sich ab Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem in den Ausdauersportarten und in der Leichtathletik und machte das Eingreifen der Sportdachverbände als Regulierungsinstanz notwendig.

An ausgewählten, von verschiedenen Institutionen formulierten Definitionen soll gezeigt werden, wie schwierig es war, eine umfassende, eindeutige Beschreibung zu finden.

Der Deutsche Sportärztebund war in Deutschland die erste Vereinigung, die versuchte, Doping zu definieren. 1952 formulierte er:

„Die Einnahme eines jeden Medikaments – ob wirksam oder nicht – mit der Absicht der Leistungssteigerung während des Wettkampfes eingenommen, ist als Doping zu betrachten.“[6]

Problematisch war hierbei die zeitliche Einschränkung „während des Wettkampfes“, so dass die Einnahme eines Medikamentes vor einem Wettkampf nicht als Doping galt und dies natürlich der Leistungsmanipulation vor Wettkämpfen keinen Abbruch tat.[7]

Auf internationaler Ebene äußerte sich 1967 der Europarat gegen Doping im Sport. Die Ständigen Vertreter der Außenminister definierten Doping als

„[…] die Verabreichung oder de[n] Gebrauch körperfremder Substanzen in jeder Form und physiologischer Substanzen in anormaler Menge und auf anormalem Weg an gesunde Personen mit dem einzigen Ziel der künstlichen und unfairen Steigerung der Leistung für den Wettkampf.“[8]

Die Schwierigkeit bei dieser Definition besteht darin, dass „physiologische Substanzen […] auf anormalem Weg“ heute durchaus zugeführt werden. Bei der Tour de France können die Fahrer die verbrauchten Kalorien, Spurenelemente, Mineralstoffe, Eiweiße und Vitamine gar nicht mehr auf natürlichem Weg zu sich nehmen, weil der Magen die benötigten Mengen nicht verwerten kann.[9] Der Einsatz eines Tropfes zur Substitution von verbrauchten Nährstoffen und Flüssigkeit ist erlaubt und gebräuchlich.

Erst im November 1989 verabschiedete der Europarat eine Anti-Doping-Konvention, in der sich eine angepasste Definition wiederfindet und die sich auf die Listen des IOC beruft.[10]

In den 1970 verabschiedeten Rahmenrichtlinien zur Bekämpfung des Dopings des Deutschen Sportbundes[11], der als Dachorganisation alle Spitzenverbände zur Übernahme der Richtlinien verpflichtet, findet man im ersten Abschnitt unter § 2 „Begriffsbestimmungen“ folgende Punkte:

„1. Doping ist der Versuch der Leistungssteigerung durch die Anwendung (Einnahme, Injektion, oder Verabreichung) von Substanzen der verbotenen Wirkstoffgruppen oder durch die Anwendung verbotener Methoden (z.B. Blutdoping). […]

3. Sportartspezifisch können weitere Substanzen und Wirkstoffgruppen, z.B. Alkohol, Sedativa, Psychopharmaka, Beta-Blocker unter den Doping-Substanzen aufgeführt werden […]“[12]

Im Unterschied zu der Definition des Europarates ist nicht mehr von körperfremden Substanzen die Rede, sondern von „Substanzen der verbotenen Wirkstoffgruppen“, welche in den Richtlinien genauso wie die „verbotenen Methoden“ definiert sind. Diese Modifizierung wurde notwendig, weil es auch körpereigene Substanzen gibt, die aber mit der Absicht der künstlichen Leistungssteigerung zugeführt werden. Das bekannteste Beispiel aus dem Sport ist Erythropoietin (EPO), das zu den Zytokinen (körpereigenen Substanzen) gezählt wird, als hämatopoetischer Wachstumsfaktor die Vermehrung der roten Blutkörperchen anregt und damit die Sauerstoffaufnahmefähigkeit des Blutes verbessert. EPO wird gentechnisch hergestellt und beim Menschen u.a. zur Therapie von Anämie oder bei Krebsleiden[13] eingesetzt. Vor allem der Profiradrennsport hat EPO als Wundermittel angesehen, das die Ausdauerleistung fördert, ohne bei Dopingproben nachgewiesen werden zu können, weil die Unterscheidung zum körpereigen produzierten EPO medizinisch nicht möglich war.[14] Erst seit dem 01. April 2001 konnte die UCI offiziell eine zuverlässige Methode zum Nachweis von EPO einsetzen.

Im März 2003 wurde die C openhagen Declaration auf der Welt-Anti-Doping-Konferenz durch 1200 Delegierte von Sportverbänden aus 80 Nationen und durch das IOC verabschiedet. In der Erklärung steht u.a., dass sich die Unterzeichner zur Umsetzung des Welt-Anti-Doping-Codes (WADC) verpflichten, in dem folgende Definition des Begriffs Doping zu finden ist:

„ARTIKEL 1: Definition des Begriffs Doping

Doping wird definiert als das Vorliegen einer oder mehrerer der nachfolgend in Artikel 2.1 bis Artikel 2.8 festgelegten Verstöße gegen Anti-Doping-Bestimmungen.

ARTIKEL 2: Verstöße gegen Anti-Doping-Bestimmungen

Als Verstöße gegen Anti-Doping-Bestimmungen gelten:

2.1 Das Vorhandensein eines verbotenen Wirkstoffes, seiner Metaboliten oder Marker in den Körpergewebs- oder Körperflüssigkeiten eines Athleten. […]

2.2 Die Anwendung oder der Versuch der Anwendung eines verbotenen Wirkstoffes oder einer verbotenen Methode.[…]

2.3 Die Weigerung oder das Unterlassen ohne zwingenden Grund, sich einer angekündigten Probenahme zu entziehen, die gemäß anwendbaren Anti-Doping-Bestimmungen zulässig ist, oder ein anderweitiger Versuch, sich der Probenahme zu entziehen.

2.4 Der Verstoß gegen anwendbare Vorschriften über die Verfügbarkeit des Athleten für Trainingskontrollen, einschließlich versäumter Kontrollen und dem Versäumnis, die erforderlichen Angaben zu Aufenthaltsort und Erreichbarkeit zu machen.

2.5 Unzulässige Einflussnahme oder versuchte unzulässige Einflussnahme auf einen Teil des Dopingkontrollverfahrens.

2.6 Besitz verbotener Wirkstoffe und verbotener Methoden […]

2.7 Das Handeln mit Verbotenten Wirkstoffen oder Verbotenen Methoden.

2.8 Die Verabreichung oder versuchte Verabreichung von Verbotenen Wirkstoffen oder Verbotenen Methoden bei Athleten oder die Beihilfe, Unterstützung, Anleitung, Anstiftung, Verschleierung oder sonstige Tatbeteiligung bei einem Verstoß oder einem versuchten Verstoß gegen Anti-Doping-Bestimmungen.“ (World Anti-Doping Agency, 2004, S. 10-13).

Die Aufzählung im WADC umfasst mehr als drei Seiten. Dieser Umfang zeigt, wie differenziert Doping beschrieben werden muss, um alle Möglichkeiten zu erfassen. Der WADC schließt nicht nur den Sportler als potentiellen Täter ein, sondern auch sein Umfeld. Damit können nun auch Physiotherapeuten, Trainer, Teammanager und weitere Betreuer wegen Dopingverstößen belangt werden.[15]

Die Entwicklung der Definition des Begriffs Doping reichte also von einem ersten Versuch des Deutschen Sportärztebundes 1952 bis hin zu einer dreiseitigen Ausführung im WADC 2003. Die Notwendigkeit einer differenzierten und präzisen Definition ist leicht begründbar:

1. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Doping im Sport als ernsthaftes und zu bekämpfendes Problem erkannt. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Künstliche Leistungssteigerung im Sport“ hatte noch nicht stattgefunden, dieses Feld musste neu erforscht werden. Mit der Weiterentwicklung der Medizin und der Ernährungswissenschaften gab es neue Erkenntnisse über die Möglichkeiten der Beeinflussung von sportlichen Leistungen durch Medikamente und Ernährung. Grupe & Mieth (1998, S. 98) stellen sogar zwischen der Wiederbegründung der Olympischen Spiele und der Ausbreitung der Drogeneinnahme bei Sportlern eine interessante Verbindung her:

„Die Wiederbegründung der Olympischen Spiele 1896 legte den Grundstein zu einem gigantischen biologischen Experiment mit dem Menschen. Es führte ihn dank der Eigengesetzlichkeit des Hochleistungssports in den biologischen Grenzbereich seiner Leistungsfähigkeit. Zwangsläufig wurde im Erreichen dieses Status nach immer neuen Möglichkeiten zur zusätzlichen Leistungssteigerung gesucht. Bei der nach dem Zweiten Weltkrieg sich anbahnenden Annäherung des Hochleistungssports an die naturwissenschaftlichen Disziplinen insbesondere der Medizin, lag die Anwendung pharmakologischer Substanzen nahe.“

Erkenntnisse vor allem aus der Medizin wurden also zunehmend genutzt, um über das Training der physischen Fähigkeiten hinaus Möglichkeiten der Leistungssteigerung auszuschöpfen. Dieses Phänomen ist auch im Zusammenhang mit der Professionalisierung des Radrennsports zu sehen. Bereits um 1900 entstand die Berufsbezeichnung „professionnels“[16]. Angehörige dieser Berufsgruppe betrieben den Sport nicht aus idealistischen Gründen im Sinne Pierre de Coubertins[17], sondern um Geld zu verdienen und ihre Existenzgrundlage zu sichern.

2. Zur Zeit der Ausbreitung von Doping fehlte es an Strategien und vor allem Strukturen in Sportverbänden, um dem Problem energisch und von Anfang an gezielt gegenüber zu treten. Erst im Laufe der 1960er-Jahre wurden Anti-Doping- oder Medizinische Kommissionen gegründet, die sich für die Eindämmung des Dopings einsetzten. In der Zwischenzeit aber hatten Ärzte und Betreuungspersonal von Profisportlern ausreichend Zeit, effektive Maßnahmen zur künstlichen Leistungssteigerung zu erproben und waren damit den Anti-Doping-Beauftragten häufig einen Schritt voraus.[18] Bis heute ist eines der Probleme des Anti-Doping-Kampfes, dass die Erforschung von Nachweismethoden dem Einsatz von Dopingmitteln zeitlich nachgeschaltet ist. Erst wenn bekannt wird, dass ein in den offiziellen Listen noch nicht erfasstes Medikament von Spitzensportlern eingenommen wird, kann die Forschung gezielt eine Nachweismethode entwickeln. Bis diese gefunden wurde und sich als zuverlässig erwiesen hat, so dass sie auch von Verbänden eingesetzt werden darf, vergehen manchmal Jahre. Zur Verdeutlichung dieses Problems eignet sich auch folgende Tabelle:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Zeitlicher Abstand zwischen der Erstanwendung eines Dopingmittels im Sport und dem ersten offiziellen Nachweis (biochemisch und juristisch) eines Verstoßes (nach Singler & Treutlein, 2001, S. 244), ergänzt nach de Mondenard, 2000, S. 23).

Bei der Interpretation der Tabelle ist zu berücksichtigen, dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die medizinischen Möglichkeiten zum Nachweis noch sehr begrenzt waren. Aber das jüngste Beispiel zeigt, dass es auch bei allem technischen und wissenschaftlichen Fortschritt ein Problem bleibt, kurzfristig Nachweismethoden zu entwickeln. EPO wurde Ende der 1980er Jahre verstärkt im Ausdauersport und hier besonders im Radsport eingesetzt. Erst 2001 gelang es, eine zuverlässige Nachweismethode bei Dopingkontrollen einzusetzen.

3. Zu Beginn des systematischen Dopings gab es noch keine gesicherten medizinischen Erkenntnisse zu den gesundheitsschädigenden Nebenwirkungen der angewendeten Mittel. Ärzte vermuteten zwar häufig gesundheitsgefährdende Auswirkungen, konnten diese jedoch nicht belegen. Bei der Tour de France 1960 beispielsweise entdeckte der Tour-Arzt Pierre Dumas:

„ […] dass sich der italienische Meister Gastone Nencini männliche Hormone injiziert. Auf einem schnell einberufenen Treffen der Tourverantwortlichen mit den bei der Tour anwesenden Ärzten werden ethische Aspekte der Sportmedizin diskutiert. Der Tour-Arzt Boncour: ‚Was wird aus Nencini in fünf, zehn Jahren geworden sein? Einige der verwendeten Medikamente können ihm extrem schaden.’ Ein anderer Arzt klagt Nencinis Arzt mit folgenden Worten an: ‚Die von Ihnen verwendeten Drogen sind schädlich und gefährlich. Im Moment hält dies der Fahrer aus, aber sind Sie sicher, dass er nicht in drei oder vier Jahren Opfer der schrecklichen Nebenwirkungen Ihrer Behandlung sein wird?’[…] Gastone Nencini starb 1980 im Alter von weniger als 50 Jahren an Krebs.“ (Singler & Treutlein, 2001, S. 116).

4. Langzeitstudien zur Einnahme von Medikamenten, die ihren ausschließlichen Zweck in der Heilung von Krankheiten haben, nicht aber am gesunden Menschen angewendet wurden, lagen noch nicht vor. Dieses mangelnde Wissen und die Bedenkenlosigkeit, mit der Sportler und ärztliches Betreuungspersonal die Pharmaka um des Sieges willen einsetzten und heute auch noch einsetzen, erklärt nach Expertenmeinung die hohe Zahl an jung gestorbenen Athleten. Die unsachgemäße Behandlung mit EPO hat Anfang der 1990er Jahre vermutlich 30 belgischen und holländischen Radrennprofis und Amateuren das Leben gekosten (vgl. 2001, S. 119). Dass EPO auch in Italien ein beliebtes Medikament war, zeigt indirekt eine Studie des Gesundheitsministeriums, die den Verkauf von EPO überprüfte und auswertete. Von 1995 bis 1999 stieg der Verkauf von EPO um 20%, aber noch viel wichtiger ist die Schlussfolgerung bezogen auf die Intention des Einsatzes:

„Selon ses premières conclusions, 50% de la rHuEPO[19] pourrait être utilisée à des fins non therapeutiques.“ (Laure, 2000, S. 78).

Die Hälfte aller verkauften EPO-Produkte werden nach Einschätzung dieser Untersuchung also nicht zu medizinischen, heilenden Zwecken eingesetzt. Wie diese Produkte u.a. verwendet werden, kann nur vermutet werden, aber der Schluss, dass zumindest ein erheblicher Teil der übrigen 50% zu Dopingzwecken eingesetzt wurden, liegt nahe. Im Untersuchungszeitraum gab es schließlich noch keine Nachweismethode für EPO.

Dass es niemals möglich sein wird, Doping unter Einbezug aller entscheidenden Faktoren zu definieren und die Erweiterung der Listen „Verbotene Substanzen“ und „Verbotene Methoden“ zu einem Abschluss zu bringen, zeigt die aktuelle Diskussion um das Gendoping. In den oben zitierten Richtlinien des DSB – zuletzt aktualisiert am 01.12.2001 – taucht diese neue manipulative Methode noch nicht auf, während sie in der Anfang 2005 zum ersten Mal veröffentlichten Prohobited List[20] der WADA explizit als verbotene Methode genannt wird.

2.3 Geschichte des Dopings im Radrennsport – ein kurzer Überblick

Die Geschichte registrierter Dopingfälle im Radrennsport reicht bis Ende des 19. Jahrhunderts zurück und ist umfangreich. Als erster Drogentoter der neueren Sportgeschichte gilt 1896 der britische Radrennfahrer Arthur Linton (vgl. Laure, 2004, S. 11f; vgl. Singler & Treutlein, 2001, S. 115). In einer anderen Quelle wird allerdings behauptet, dass Linton nicht durch Doping gestorben sei, sondern am Typhusfieber.[21]

Singler & Treutlein (vgl. 2001, S. 115-123) liefern in ihrer Darstellung der Dopinggeschichte des Radrennsports wesentliche Fälle und lesenswerte Hintergrundinformationen. Auf einer Internetseite[22] findet sich eine detaillierte Auflistung aller registrierten Dopingfälle seit 1940, anhand derer ich folgendes Diagramm erstellt habe:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Anzahl registrierter Dopingfälle im professionellen Radsport seit 1940 (in absoluten Zahlen). Eigene Darstellung in Anlehnung an www.gazzetta.cycling4fans.de/?id=1361.

Doping im Radsport war und ist demnach ein verbreitetes Phänomen. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt einen fortwährenden Anstieg an positiven Fällen. Die Dekade 1971-1980 weicht geringfügig nach oben ab, weil es 1974 eine neue Nachweismethode für Stimulanzien gab. Zu den populären Stimulanzien gehörte zu der Zeit auch Ritalin, das allein bei neun Fahrern beim traditionellen Radrennen Flèche Wallone im Jahre 1974 nachgewiesen wurde.[23] Der sprunghafte Anstieg ab 2000 ist auch auf die deutliche Erhöhung der Kontrollen nach der Tour de France 1998 und auf die Einführung des EPO-Tests zurückzuführen.

Zu den Dopingfällen mit EPO muss zudem bemerkt werden, dass dieses Hormon erst seit 1987 im Radsport genutzt wird. Allerdings sind alle hier aufgeführten EPO-Fälle bis 2001 auf der Basis von Geständnissen der Fahrer registriert worden, weil es wie bereits erwähnt erst ab dem 01. April 2001 eine zuverlässige Nachweismethode gab.

Um ein differenzierteres Bild zum Doping im Radrennsport zu erhalten, wird auf Basis von Doping-Statistiken der WADA und des IOC-akkreditierten Labors in Köln im Folgenden nachgewiesen, dass der Profiradrennsport auch im Vergleich zu anderen Sportarten signifikant viele Dopingfälle aufweist.

2.4 Statistiken zu Dopingfällen

Im Institut für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Köln ist ein durch das IOC akkreditiertes Laboratorium integriert, das Doping-Proben zur Analyse zugewiesen bekommt. Eine Akkreditierung wird nur dann bewilligt, wenn das Labor strenge Kriterien zur Dopinganalyse erfüllt. Köln ist nach Los Angeles das Laboratorium mit den meisten zugewiesenen Proben.[24] Die Kölner Statistiken aus den Jahren 1997 bis 2005 können somit als repräsentativ betrachtet werden. Für eine sinnvolle Darstellung habe ich in den nächsten beiden Abbildungen zunächst nur die deutschen Verbände berücksichtigt. Die durch das Institut veröffentlichten Statistiken der Jahre 1997 bis 2005[25] sind unter folgenden Gesichtspunkten ausgewertet worden:

1. Anzahl der A-Analysen, die im Auftrag der dem DSB angeschlossenen Verbände durchgeführt wurden (A-Analysen gesamt)
2. Anzahl der A-Analysen, die im Auftrag des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) durchgeführt wurden (A-Analysen BDR)
3. Anzahl der positiven A-Proben unter allen A-Analysen, die im Auftrag der dem DSB angeschlossenen Verbände durchgeführt wurden (positive A-Proben)
4. Anzahl der positiven A-Proben unter den A-Analysen, die im Auftrag des BDR durchgeführt wurden (positive A-Proben BDR)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Logarithmisches Balkendiagramm zur Darstellung der Anzahl der analysierten A-Proben, dem Anteil der Analysen für den BDR und den jeweils positiven A-Proben. Eigene Darstellung in Anlehnung an www.dshs-koeln.de/biochemie/rubriken/07_info/stat.html.

Auf den ersten Blick scheint der Radsport hinsichtlich der Anzahl positiver Fälle keine auffällige Sportart zu sein. Zu beachten ist dabei allerdings, dass der Radsport in jedem Jahr mit positiven Analysen vertreten ist, in anderen Sportverbänden jedoch über viele Jahre kein einziger Dopingfall vorkommt. Im Jahr 2003 z.B. wurden 58 Sportarten überprüft, wobei nur in zehn Verbänden ein Dopingverstoß nachgewiesen werden konnte. Demnach stellen die verzeichneten Fälle im Radsport keine Ausnahme dar.

Der Radsport unterliegt zudem besonderer Aufmerksamkeit im Kontrollwesen, wie der Vergleich mit dem Deutschen Schwimmverband (DSV) zeigt. Auch der Schwimmsport gilt durch seine enorm hohen Anforderungen im Ausdauerbereich als „prädestinierte“ Sportart für Doping. Trotzdem zeigt Abbildung 3, dass der BDR überproportional häufig kontrolliert wird. Diese Abbildung beruht ebenfalls auf meiner Auswertung der Jahresstatistiken 1997 bis 2005 des Laboratoriums in Köln. Um einen aussagefähigen Vergleich zwischen diesen beiden Verbänden treffen zu können, habe ich den jeweils prozentualen Anteil an allen im Auftrag des DSB durchgeführten A-Analysen errechnet und diese in einem Balkendiagramm dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 : Anteil der A-Analysen für den BDR und für den DSV an allen A-Analysen des DSB (in Prozent). Eigene Darstellung in Anlehnung an

www.dshs-koeln.de/biochemie/rubriken/07_info/stat.html.

In den analysierten Jahren ist der Radsport bis zu sechs Mal häufiger als der Schwimmsport kontrolliert worden. Der deutliche Anstieg der Kontrollen im Schwimmsport vom Jahr 2003 auf das Jahr 2004 kann mit den Olympischen Sommerspielen von Athen erklärt werden.

Aus den Abbildungen 2 und 3 lässt sich eine gesonderte Stellung des Radsports im Anti-Doping-Kampf ableiten: Erstens wird der Radsport auch im Vergleich zu anderen Sportarten, die durch positive Dopinganalysen aufgefallen sind, überproportional kontrolliert, so dass auf dieser Ebene keine Versäumnisse der Verbände bzw. der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) nachzuweisen sind. Zweitens aber zeigt die Abbildung 2 keinen Rückgang der positiven Fälle, obwohl die Kontrollen so zahlreich durchgeführt werden. Damit ist die Frage, ob die Intensivierung von Kontrollen als Anti-Doping-Strategie hinreichend ist, negativ zu beantworten. Profiradsportler wissen um das dichte Netz an Trainings- und Wettkampfkontrollen, lassen sich aber nicht abschrecken, verbotene Mittel zu nehmen oder verbotene Methoden anzuwenden.

2.4.1 Statistiken der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA)

Dass der Radsport auch außerhalb des deutschen Sports eine gesonderte Rolle spielt und in den Dopingstatistiken mit überdurchschnittlich vielen positiven Fällen in Erscheinung tritt, zeigen die Statistiken der WADA aus den Jahren 2003[26] und 2004[27], die in Tabelle 2 zusammengefasst sind. Zur Vereinfachung wurden von den Olympischen Sportarten diejenigen aufgeführt, die mindestens einmal in den beiden Jahren über 1,00% Dopingfälle aufwiesen. In der Tabelle erscheinen daher nur 18 Sportarten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Darstellung der durch die WADA durchgeführten A-Analysen, der Anzahl der positiven A-Proben und dem prozentualen Anteil der positiven A-Proben nach Sportarten unterteilt.

Eigene Darstellung in Anlehnung an www.wada-ama.org/rtecontent/document/2003_Labstats _FINAL.pdf und www.wada-ama.org/rtecontent/document/LABSTATS_2004.pdf.

Die Leichtathletik ist mit all ihren Disziplinen die einzige Sportart, die noch mehr kontrolliert wird als der Radsport. Im Radsport werden aber prozentual die meisten positiven Fälle nachgewiesen. Auch das unterstreicht die These, dass Radprofis durch die Intensivierung von Kontrollen nicht vor unerlaubter Leistungssteigerung zurückschrecken.

[...]


[1] Zur besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit stets die maskuline Form verwendet. Bei Personenbezeichnungen wie Athleten, Sportler, Funktionäre etc. ist die weibliche Form impliziert. Ist die Rede von Radsportlern, ist nur die männliche Form gemeint.

[2] Vgl. www.olympia-lexikon.de/index.php?keywordId=9209, Zugriff am 07.03.2006.

[3] „Doping-Maßnahmen sind sicherlich Jahrtausende alt. So erwähnt Plinius, daß Läufer nach einem 24stündigen Fasten drei Tage lang vor dem Rennen einen abgekochten Saft von Schachtelhalm zu sich nahmen. Philostratos und auch Galen berichten über die Einnahme von Kräutern, Pilzen, Stierhoden zur Leistungssteigerung.“ (Grupe & Mieth, 1998, S. 98).

[4] www.planetwissen.de/pw/Artikel,,,,,,,BDB12E33D674BE0CE030DB95FBC359B5,,,,,,,,,,,,,.html, Zugriff am 07.03.2006.

[5] www.cycling4fans.de/index.php?id=346#906, Zugriff am 11.03.2006.

[6] www.cycling4fans.de/index.php?id=345, Zugriff am 07.03.2006. Noch 1927 hieß es auf dem Jahreskongreß in Berlin, dass sich „ […] dies [Doping, Anm. d. Verf.] vom ärztlichen Standpunkt aus bei Berufssportlern ohne weiteres verteidigen" (Grupe & mieth, 1998, S. 98) lasse.

[7] Bis 1983 wurden Dopingkontrollen nur direkt nach Wettkämpfen durchgeführt, so dass z.B. in den langen Trainingsaufbauphasen (im Radsport stellt das so genannte „Kilometerfressen“ in den Wintermonaten diese Phase dar) die Einnahme von Dopingmitteln unproblematisch war, die Athleten und ärztlichen Betreuer sehr genau wussten, wann sie die Einnahme eines verbotenen Mittels abzusetzen hatten, damit in einer Urinprobe nach einem Wettkampf keine Spuren mehr zu finden waren. Erst seit der Einführung der „out-of-competition-controls“, also der unangemeldeten Kontrollen auch außerhalb von Wettkämpfen kann diesem Problem entgegengewirkt werden. Der Ruder-Weltverband FISA führte als erster Verband 1983 die Trainingskontrollen ein. Kurz darauf folgte der Internationale Leichtathletik Verband (vgl. www.aerztezeitung.de/docs/2000/09/19/166a1902.asp, Zugriff am 19.04.2006).

[8] www.coe.int/T/d/Com/Dossiers/Themen/doping/ernstzunehmendes.asp#TopOfPage, Zugriff am 07.03.2006.

[9] Der menschliche Magen kann maximal 6000 Kilokalorien am Tag verwerten. Bei einer schweren Bergetappe während der Tour de France können aber bis 15000 Kilokalorien verbraucht werden (vgl. Faller, 1988, S. 113).

[10] Vgl. www.coe.int/T/E/cultural_co-operation/Sport/News/DepliantDopageHD.pdf, S. 1, Zugriff am 11.03.2006.

[11] Diese wurden auf dem Hauptausschuss des DSB in Mannheim am 26.09.1970 beschlossen und werden bis heute immer wieder aktualisiert.

[12] www.dsb.de/fileadmin/fm-dsb/downloads/adk-rrl.pdf, S. 2, Zugriff am 09.03.2006.

[13] Der ehemalige Radprofi Lance Armstrong hat nach dem Sieg über sein Krebsleiden die Tour de France von 1999 bis 2005 gewonnen: Es wird u.a. behauptet, dass dies nur aufgrund der Behandlung mit EPO während seines Krebsleidens möglich war (Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Tour_de_France#Preisgeld, Zugriff am 13.03.2006).

[14] Prof. Dirk Clasing, Vorstandsmitglied der Nationalen Anti-Doping-Agentur, sagte in einem Interview: "Epo ist das beste Dopingmittel aller Zeiten für Ausdauerathleten." (Westfälische Nachrichten vom 17.01.2006).

[15] Die Gründung der WADA und der WADC sind Gegenstand des Abschnitts 4.5.

[16] Vgl. www.cycling4fans.de/index.php?id=346#906, Zugriff am 30.03.2006 unter dem Abschnitt "Professionalisierung – Amateure".

[17] Baron Pierre de Coubertin (1863 – 1937) ist der Wiederbegründer der Olympischen Spiele der Neuzeit. De Coubertin war überzeugt, dass der Sport unverzichtbarer Bestandteil einer ganzheitlichen Ausbildung ist, die er u.a. durch sein 1922 verfasstes Buch Pédagogie sportive beschreibt. Der Sportler war für De Coubertin Botschafter des Friedens und konnte zur Realisierung eines aufgeklärten Internationalismus über die Kultivierung eines nichtchauvinistischen Nationalismus beitragen (vgl. Grupe & Mieth, 1998, S. 385f). Dass der Sport durch die Professionalisierung zur materiellen und finanziellen Absicherung genutzt werden konnte, widerspricht den ethischen Grundsätzen des Sports, wie Pierre de Coubertins sie beschrieben hat.

[18] „Les sportifs de haut niveau et leur entourage ont toujours su s’adapter au niveau technique des laboratoires.“ (De Mondenard, 2000, S. 99).

[19] rHuEPO = rekombinantes EPO wird in der medizinischen Fachliteratur synonym für EPO verwendet.

[20] Die Prohibited List wird nach Bedarf, jedoch mindestens 1 Mal jährlich zu Beginn eines Jahres veröffentlich und umfasst alle Substanzen der verbotenen Wirkstoffgruppen und alle verbotenen Methoden.

[21] Bei der Quelle handelt es sich um einen Artikel aus der Zeitschrift „Doping“ von 1959, der d. Verf. in Kopie vorliegt. Die genaue Ausgabe lässt sich nicht mehr feststellen. Der Autor des Artikels, A. R. Smith, schreibt: „Il n’est pas tout-à-fait exact que les coureurs cités sont morts avant la trentaine et que leur decès puisse être attribué au doping de façon formelle. Arthur Linton est mort […] de fièvre typhoïde [Hervorh. d. Verf.].“

[22] www.gazzetta.cycling4fans.de/index.php?id=1361, Zugriff am 13.03.2006.

[23] Vgl. www.gazzetta.cycling4fans.de/?id=1362, Zugriff am 14.03.2006.

[24] Vgl. die Statistiken der WADA aus den Jahren 2003 (www.wada-ama.org/rtecontent/document/2003_Labstats_FINAL.pdf, S. 2, Zugriff am 28.03.2006) und 2004 (www.wada-ama.org/rtecontent/document/LABSTATS_2004.pdf, S. 3, Zugriff am 28.03.2006).

[25] Die Statistiken der Jahre 1997 – 2005 sind alle unter www.dshs-koeln.de/biochemie/rubriken/07_info/stat.html (Zugriff am 28.03.2006) als pdf-Dokumente abrufbar.

[26] www.wada-ama.org/rtecontent/document/2003_Labstats_FINAL.pdf, S. 3, Zugriff am 28.03.2006.

[27] www.wada-ama.org/rtecontent/document/LABSTATS_2004.pdf, S. 3, Zugriff am 28.03.2006.

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Anti-Doping-Strategien im Radsport nach der Tour de France 1998
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
88
Katalognummer
V58985
ISBN (eBook)
9783638530330
Dateigröße
718 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit ist hoch aktuell und wurde kurz vor dem Bekanntwerden des Dopingskandals in Spanien fertiggestellt. Nach der geschichtlichen Einführung in das Thema "Doping im Rennradsport" folgt eine Darstellung des Anti-Doping-Kampfes verschiedener Institutionen, insbesondere der Union Cycliste Internationale. Die Effektivität unterschiedlicher Strategien wird überprüft, die Schwierigkeiten der (rechtlichen) Harmonisierung werden ausführlich dargestellt.
Schlagworte
Anti-Doping-Strategien, Radsport, Tour, France
Arbeit zitieren
Ines Lenze (Autor), 2006, Anti-Doping-Strategien im Radsport nach der Tour de France 1998, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58985

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