Zur Relevanz sozialpädagogischer Freizeitarbeit für erwachsene chronisch psychisch Kranke im psychosozialen komplementären Bereich

Am Beispiel einer Kontakt- und Begegnungsstätte unter der besonderen Berücksichtigung der an Schizophrenie Erkrankten


Diplomarbeit, 2001
132 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Bedeutung von Freizeit
2.1 Zur Entwicklung des Verhältnisses von Arbeit und Freizeit
2.2 Begriffsklärung und Funktion von Arbeit
2.3 Freizeit
2.3.1 Negativ-Definitionen
2.3.2 Positiv-Definitionen
2.3.3 Funktionen der Freizeit
2.3.4 Bedürfnisse
2.3.5 Freizeitverhalten
2.4 Probleme im Umgang mit der Freizeit
2.4.1 Zeitmangel
2.4.2 Zeitüberfluss durch Arbeitslosigkeit
2.4.2.1 Freizeiterschwernisse auf Grund fehlender materieller Ressourcen
2.4.2.2 Freizeiterschwernisse auf Grund defizitärer sozialer Netze
2.4.2.3 Freizeiterschwernisse auf Grund somatischer Beeinträchtigungen
2.5 Freizeit als Chance
2.6 Resümee

3 Klinischer Teil
3.1 Der Krankheitsbegriff in der Psychiatrie
3.2 Psychiatrische Krankheitsbilder
3.3 Chronisch psychisch Kranksein
3.4 Psychopharmaka
3.4.1 Neuroleptika
3.4.2 Antidepressiva
3.5 Schizophrenie
3.5.1 Symptomatik und Verlauf der Schizophrenie
3.5.1.1 Die Prodromalphase
3.5.1.2 Die akute Phase
3.5.1.3 Die Residualphase bzw. der chronische Verlauf
3.5.2 Das Vulnerabilitäts-Stress-Bewältigungs-Modell
3.5.2.1 Vulnerabilität
3.5.2.2 Stress
3.5.2.3 Coping-Strategien
3.5.3 Soziale Verlaufsfaktoren
3.6 Resümee

4 Die Bedeutung von Freizeit für chronisch psychisch Kranke
4.1 Freizeiterschwernisse durch die Residualsymptomatik
4.2 Freizeiterschwernisse durch Psychopharmaka
4.2.1 Freizeiterschwernisse durch klassische Neuroleptika
4.2.2 Freizeiterschwernisse durch atypische Neuroleptika
4.2.3 Freizeiterschwernisse durch Antidepressiva
4.3 Die soziale Lage und die Folgen für die Freizeitgestaltung
4.3.1 Freizeiterschwernisse durch fehlende materielle Ressourcen
4.3.2 Freizeiterschwernisse auf Grund defizitärer sozialer Netzwerke
4.3.3 Freizeiterschwernisse durch somatische Erkrankungen
4.4 Resümee

5 Sozialpädagogische Freizeitarbeit im psychosozialen Bereich
5.1 Sozialpädagogik/ Freizeitpädagogik/ Sozialpädagogische Freizeitarbeit
5.2 Komplementäre Einrichtungen in der Gemeindepsychiatrie
5.3 Kontakt- und Begegnungsstätten
5.4 Die Kontakt- und Begegnungsstätte „Die BRÜCKE“
5.4.1 Allgemeines
5.4.2 Die Besucher der BRÜCKE
5.4.3 Die Bedeutung der BRÜCKE für die chronisch erkrankten Besucher
5.4.4 Freizeitprobleme in der BRÜCKE ?
5.5 Das Handlungsleitende Konzept: das Empowerment
5.5.1 Menschenbild
5.5.2 Haltung des Professionellen
5.5.3 Ebenen von Empowerment-Prozessen
5.6 Sozialpädagogische Ziele der Freizeitarbeit
5.7 Freizeitpädagogische “Methoden”
5.7.1 Informative Beratung
5.7.2 Kommunikative Animation
5.7.3 Partizipative Planung
5.8 Leitprinzipien der Freizeitarbeit
5.9 Schwimmen – ein außerinstitutionelles Freizeitangebot
5.9.1 Planungsphase
5.9.2 Handlungsphase (Empowerphase)
5.9.3 Reflexion

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ziel der vorliegenden Diplomarbeit ist es, die Relevanz sozialpädagogischer Freizeitarbeit für chronisch psychisch Kranke aufzuzeigen.

Den Anstoß für dieses Thema erhielt ich während meines halbjährigen Praktikums in der BRÜCKE in Stade, eine Kontakt- und Begegnungsstätte für psychisch kranke und behinderte Erwachsene. Durch das tägliche Zusammensein mit den überwiegend chronisch psychisch kranken Besuchern bekam ich erste Einblicke in ihre vielfältigen Probleme, die sich oftmals als Folgen ihrer Erkrankung einstellten: sei es die Auseinandersetzung mit der Erkrankung selbst, die soziale Ausgrenzung, die Schwierigkeiten bei den alltäglichen notwendigen Aufgaben oder im Umgang mit der Freizeit.

Wie viele andere chronisch psychisch Kranke auch, haben die meisten Besucher der BRÜCKE viel freie Zeit, denn sie sind größtenteils erwerbsunfähig, arbeitslos oder leben im (Vor-) Ruhestand. „Das ist doch schön für sie,“ könnte ein Außenstehender sagen, „dann sind sie befreit von den Strapazen des Erwerbslebens. Die Freizeit wird ihnen gut tun. Denn Freizeit dient, wie man allgemein weiß, der psychischen und körperlichen Regeneration.“ Doch wer so denkt, macht es sich zu einfach. Erstens bedeutet freie Zeit nicht gleich Freizeit, zweitens dient Freizeit heute nicht mehr allein der Regeneration und drittens stellt Freizeit an den Menschen vielfältige Anforderungen. Wie in dieser Arbeit gezeigt werden wird, gilt Freizeit heute als Raum zur Selbstverwirklichung, des persönlichen Wachstums und der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, je nach persönlichen Präferenzen und Interessen, Bedürfnissen und Möglichkeiten.

Während meiner Tätigkeit in der BRÜCKE sah ich, dass viele der Besucher Probleme mit ihrer Freizeit hatten. Oft mangelte es an Eigeninitiative, Interessen oder Antrieb, um die Zeit aktiv zu gestalten. Ebenso war die Motivation oder das Interesse, sich an den institutionellen Freizeitangeboten zu beteiligen, bei vielen gering, während sie sich gleichzeitig über Langeweile und die Nutzlosigkeit der vielen freien Zeit beklagten. So fragte ich mich nach den Ursachen dieser Freizeitschwierigkeiten. Waren bzw. sind sie ein Ausdruck der chronischen Erkrankung? Oder haben psychisch Gesunde ähnliche Probleme? Worauf sind diese zurückzuführen? Sind die Freizeitprobleme chronisch psychisch Kranker ähnlich gelagert? Wie beeinträchtigen die psychosozialen Folgen des chronischen Krankheitsgeschehens zusätzlich den Umgang mit der Freizeit? Und schließlich fragte ich mich, wie man den Freizeitproblemen der chronisch psychisch Kranken sozialpädagogisch begegnen kann.

Da während meines weiteren Studiums in keinem Seminar das Thema „Freizeit und psychisch Kranksein“ aufgegriffen wurde und es auch in der wissenschaft-lichen Literatur - bis auf wenige Ausnahmen – nur randständig behandelt wird, beschloss ich, mich in meiner Diplomarbeit damit näher zu beschäftigen. Eine Annäherung an das Thema war bei einigen Fragen nur durch das Heranziehen von Quellen sozialpädagogischer und psychiatrischer Nachbardisziplinen wie der Pädagogik, Psychologie und Soziologie möglich.

Die Diplomarbeit beginnt im zweiten Kapitel mit der Erarbeitung einer theoretischen Grundlage, was in der heutigen Zeit unter „Freizeit“ zu verstehen ist. Dies wird in Abgrenzung zum Lebensbereich „Arbeit“ geschehen, da beide Lebensräume sowohl im Alltagsverständnis als auch in der wissenschaftlichen Literatur stets im Zusammenhang thematisiert werden. Dabei wird der Frage nachgegangen, welche Funktionen beide Lebensbereiche für das Individuum haben, aber auch welche Risiken und Probleme sich heute in der Freizeit auftun können und worauf sie zurückzuführen sind. Fokussiert werden hier die Freizeit-erschwernisse (z.B. finanzielle Einschränkungen) der Erwerbslosen, da ihre soziale Lage mit der von chronisch psychisch Kranken vergleichbar ist. Abgeschlossen wird dieses Kapitel mit Überlegungen verschiedener Freizeitwissenschaftler über die Chancen, die sich in der heutigen Freizeit dem Einzelnen – auch unter erschwerten Bedingungen – bieten.

Im dritten Kapitel wird beschrieben, was „psychisch Kranksein“ meint und welche Faktoren für die Manifestation und Chronifizierung verantwortlich sind. Besondere Berücksichtigung findet hierbei die Schizophrenie, da die an Schizophrenie Erkrankten die größte Gruppe unter den chronisch psychisch Kranken darstellen. Dieses psychiatrische Wissen ist in der sozialpädagogischen Freizeitarbeit für chronisch psychisch Kranke unverzichtbar, um auf ihre Probleme angemessen reagieren zu können.

Im vierten Kapitel geht es um die Bedeutung der Freizeit für die chronisch psychisch Kranken. Am Anfang wird ihre soziale Lage unter dem Schwerpunkt der Beschäftigungssituation thematisiert, woraus sich die Rahmenbedingungen, unter denen viele chronisch psychisch Kranke ihre freie Zeit gestalten müssen, aufzeigen. Es folgen Überlegungen, inwiefern sich ein zufriedenstellender Umgang mit der Freizeit unter den Bedingungen der psychischen Erkrankung und einer u.U. notwendigen Psychopharmakotherapie erschwert. Anschließend werden jene Faktoren aufgegriffen, welche die Freizeit von psychisch Gesunden in einer ähnlichen sozialen Lebenslage beeinträchtigen, um die dadurch bereits erheblich reduzierten Freizeitoptionen mit den Möglichkeiten der chronisch psychisch Kranken zu vergleichen.

Im fünften Kapitel wird beschrieben, wo und wie die Sozialpädagogik auf die Freizeitprobleme chronisch psychisch Kranker reagieren kann. Ausgangspunkt ist die Erarbeitung eines Verständnisses von sozialpädagogischer Freizeitarbeit für chronisch psychisch Kranke. Es folgt eine Beschreibung des komplementären psychosozialen Bereiches, in dem sozialpädagogische Freizeitarbeit überwiegend praktiziert wird. Als Praxisbeispiel wird die Kontakt- und Begegnungsstätte „DIE BRÜCKE“ in Stade vorgestellt. Anschließend werden die theoretischen Grundlagen für sozialpädagogische Freizeitarbeit in diesem Handlungsfeld dargelegt: das Handlungsleitende Konzept „Empowerment“, die Ziele, „Methoden“ und Leitprinzipien. Zur Verdeutlichung einzelner theoretischer Aspekte werden kurze Beispiele aus der BRÜCKE herangezogen. Abgeschlossen wird die Arbeit mit einem Bericht über das Freizeitangebot „Schwimmen“ aus der BRÜCKE, an dem viele der vorgestellten Theorieelemente besonders gut und im Zusammenhang sichtbar werden.

Hier noch ein Hinweis zum Sprachgebrauch: In dieser Diplomarbeit werden der schreiblichen Einfachheit halber vorwiegend männliche Geschlechts-bezeichnungen gewählt. In jedem Fall sind jedoch beide Geschlechter gemeint.

2 Die Bedeutung von Freizeit

„Freizeit“ – was verbirgt sich hinter diesem Begriff? Erste Gedanken an Freizeit

rufen meist positive Assoziationen wie Freiheit, Selbstbestimmung, Urlaub, Spaß und ähnliches hervor, wie die folgenden Beispiele[1] zeigen:

- Abiturientin, 19 J.: „Freizeit ist für mich, wenn ich keine Verpflichtungen hab´. Also sind

Schule, im Haushalt helfen oder Dinge, die an Termine gebunden, keine Freizeit. Aber

nicht Sport, hmm... Alles, was Spaß macht ist Freizeit: shoppen, Fernsehgucken, Party, mit

Freunden rumhängen oder einfach relaxen. Alles, was ich für mich freiwillig tu.“

- Alleinerziehende, 27J.: „Freizeit bedeutet frei zu sein von Arbeit, Haushalt und

Kindern. Es ist die Zeit für eigene Bedürfnisse, Hobbys oder so. Meine Freizeit besteht

meist nur aus Faulenzen, Fernsehen,... bin halt oft so k.o., hab´ auch kein Geld für teure

Dinge...“

- Alleinstehender, 55 J.: „Freizeit ist doch arbeitsfreie Zeit, Feierabend, Wochenende

Urlaub. Eigentlich ja eine schöne Zeit, doch... ich gebe zu, ich habe oft Langeweile, hab´

eben außer meiner Arbeit keine Interessen. Dabei verdien´ ich genug, um schöne Dinge wie

Reisen, Sport oder so zu mache, ..ach, ne, hab´ ich nie gemacht,...und dann allein?“

- Rentnerin, 72 J.: „Freizeit ist Zeit nach der Arbeit. Davon hab´ ich als Rentnerin mehr als

genug. Da ich eine gute Rente bekomme, viele Freunde und Interessen hab´, ist Freizeit

für mich eine tolle Zeit, da ich sie gut nutzen kann. ...hmm, eigentlich hab´ ich immer noch

zu wenig Zeit, weil ich immer so viel vorhab´, ja manchmal ist das sogar stressig,...“

Aus diesen Alltagsdefinitionen lassen sich einige Freizeit-Hypothesen formulieren:

1. Freizeit und Arbeit sind wesentliche Bestandteile des menschlichen Lebens.
2. Durch den Lebensbereich Arbeit erhält die Freizeit erst ihren Sinn.
3. Ob Freizeit als positive oder negative Zeit erlebt wird, hängt entscheidend von individuellen Ressourcen ab (z.B. Geld, Interessen oder Freunde).

Als Einführung in das Thema soll ein kleiner Blick in die letzten 50 Jahre und in die Zukunft dienen, der die Entwicklung des Verhältnisses der beiden Lebensräume „Freizeit“ und „Arbeit“ skizziert.

2.1 Zur Entwicklung des Verhältnisses von Arbeit und Freizeit

Wegen der Existenzsorgen in der Nachkriegszeit bestimmte die Arbeit als substanzielle Lebensgrundlage den Alltag der Menschen bis weit in die 50er Jahre hinein. Freizeit diente der Erholung von der und für die Arbeit, was bei einer 6-Tage-Woche mit 48 Arbeitsstunden auch gar nicht anders möglich war.[2]

Im Laufe der 60er Jahre wurde die 5-Tage Woche mit 42 Arbeitsstunden eingeführt, wodurch sich die Freizeit verlängerte. Die Zeit der existenziellen Nachkriegssorgen war vorbei, sodass immaterielle Werte bedeutsamer wurden, wenn auch Arbeit und Geldverdienen weiterhin an erster Stelle standen. Für das soziale Ansehen jenseits der Arbeit etablierten sich u.a. Theater- und Konzertbesuche und die Teilnahme am kirchlichen Gemeindeleben.[3]

Die 70er Jahre waren einerseits die Zeit der wirtschaftlichen Hochkonjunktur, andererseits stieg die Zahl der Arbeitslosen kontinuierlich. Dies ist im Zusammenhang mit der Freizeit u.a. deshalb bedeutsam, weil die Arbeit neben der Lebensgrundlage als ökonomische Basis für die Freizeitgestaltung diente: wer viel arbeitete, konnte sich in der Freizeit viel leisten. Freizeit erhielt ihren eigenen Lebens- und Erlebniswert, charakterisiert durch Lebensfreude, Selbstbestimmung und Kreativität bei gleichzeitigem Konsumanstieg. Der Medienkonsum (Zeitung, Radio, Fernsehen) gewann inhaltlich an Bedeutung, kirchliche und soziale Aktivitäten verloren dagegen an sozialem Prestige.[4]

In den 80er Jahren wurde die Freizeit endgültig Erlebniszeit und Zeit der Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Die elektronischen Freizeitmedien entwickelten sich zu beliebten Freizeitbeschäftigungen, das Telefonieren diente in größerem Maße als zentrales soziales Kontaktmedium. Des Weiteren erfreuten sich kostspielige Sportarten wie Tennis, Reiten oder Surfen zunehmender Beliebtheit. Insgesamt stieg das Konsumverhalten bis hin zum Konsumstress an. Indes erreichte die Zahl der Arbeitslosen die 2 Mio.-Grenze.

In den 90er Jahren überschritt die Freizeit in ihrem zeitlichen Ausmaß die effektive Arbeitszeit, die nun 38 Wochenstunden betrug. Beide Zeiträume entwickelten sich zu gleichwertigen Erlebnisbereichen und sollten Spaß machen. Einige Freizeittätigkeiten bekamen Arbeitscharakter wie „Do-it-your-self“ oder Weiterbildung. Aus Hobbys entstanden Berufe wie im Sportbereich oder an der Volkshochschule. Die Freizeit wurde hektischer, für Muße blieb wenig Zeit.[5]

Ende der 90er Jahre betrug die Arbeitslosenzahl rund 4 Mio.. Zeitgleich sank die Zahl der abhängig Beschäftigten in Vollzeitarbeit von 80% im Jahr 1980 auf 67% im Jahr 1995. Arbeiteten 1980 ca. 7% der Erwerbstätigen in Teilzeit, werden für 1997 rund 17% genannt.[6] Viele Wissenschaftler und Wirtschafts-experten prognostizieren einen weiteren Zuwachs der erwerbsfreien Zeit für einen Großteil der Bevölkerung[7]: Demnach wird die Zahl der Vollzeiterwerbs-tätigen weiter sinken und die Zahl der Vorruheständler, Teilzeit- und Niedrig-beschäftigten ansteigen. Als Ursachen für diese Arbeitsmarktentwicklung nennen einige Autoren die fortschreitende Technisierung und Globalisierung[8]. Diesem fügt SCHMID als weitere Faktoren die Zuwanderung von Menschen aus anderen Ländern und das Drängen der Frauen auf den Arbeitsmarkt hinzu.[9]

Hier lässt sich bereits ein Blick auf die Beschäftigungslage psychisch Kranker werfen. Wie an späterer Stelle näher ausgeführt werden wird, gelingt bereits heute die Integration psychisch Kranker in den freien Arbeitsmarkt, z.B. wegen des Verlustes vieler Nischenarbeitsplätze durch die neuen Technologien, immer weniger.[10] Für die Betroffenen ist zu erwarten, dass sie im Konkurrenzkampf um die Arbeitsplätze mit den gesunden, qualifizierten und leistungsstarken Erwerbsfähigen die geringsten Chancen haben werden. Denn eine reduzierte Anzahl von Arbeitsplätzen lässt die Anforderungen an die individuell einzubringenden Qualitäten, Flexibilität oder Mobilität ansteigen. Diese erhöhten Erwartungen können jedoch von vielen psychisch Kranken wegen ihrer vielfältigen psychischen und psychosozialen Probleme nur bedingt erbracht werden und erschweren ihnen den Zugang auf den Arbeitsmarkt.[11]

Folgt man den o.g. Arbeitsmarktprognosen, werden also immer mehr Menschen ihr Leben verstärkt jenseits des Erwerbslebens verbringen.[12] Arbeit aber ist, so haben die bisherigen Ausführungen gezeigt, ein wesentlicher Bestandteil des menschlichen Lebens, dient sie doch sowohl als existenzielle Lebensgrundlage wie auch als ökonomische Basis für die Teilhabe am gesellschaftlich-kulturellen Leben und anderen Freizeitaktivitäten. Welche Bedeutung hat also die Zunahme der erwerbsfreien Zeit für die Menschen, besonders wenn mit der Reduzierung oder dem Verlust von Arbeit auch der ökonomische Grundstock für die Freizeitgestaltung wackeliger wird? Um diese und weitere Fragen zu klären, ist es erforderlich, die Begriffe „Arbeit“ und „Freizeit“ zu definieren und sie in ihrer Bedeutung und Funktion für das Individuum zu hinterfragen.

2.2 Begriffsklärung und Funktion von Arbeit

Der Terminus „Arbeit“ ist ein weiter Begriff, der Gegenstand wissenschaftlichen Interesses von der Physik, über die Ökonomie bis hin zur Psychologie ist und nicht einheitlich definiert werden kann. Selbst in den Sozialwissenschaften findet sich keine allgemeingültige Arbeitsdefinition.[13] Je nach wissenschaftlichem Ansatz und historisch-gesellschaftlichem Hintergrund werden „Arbeit“ und „Erwerbsarbeit“ synonym oder differenzierter verwendet.

Zum Einstieg in diese Thematik dient eine Definition von ZIMMERMANN, der Arbeit beschreibt als

„zielgerichtete, planmäßige und bewußte menschliche Tätigkeit, die unter Einsatz physischer, psychischer und mentaler (geistiger) Fähigkeiten und Fertigkeiten erfolgt.“[14]

Erwerbsarbeit ist für ZIMMERMANN eine bezahlte Tätigkeit. Sie

„dient vor allem der Sicherung des Lebensunterhaltes, sie ist kaum produkt-, hingegen fast ausschließlich prozeß- und funktionsorientiert, hochgradig geteilt und notwendigerweise bis ins kleinste Detail reglementiert.“[15]

Arbeit ist demnach eine intentionale, bewusste und systematisch ausgeführte Tätigkeit. Insofern ist Arbeit nicht gleich Erwerbsarbeit, denn auch Haus-arbeiten, Ehrenämter oder Hobbys sind bewusste und zielgerichtete Aktivitäten. Erwerbsarbeit ist also wie die anderen Arbeitsformen dem Begriff „Arbeit“ unterstellt. Sie hebt sich von anderen Arbeiten durch die materielle Entlohnung ab und obliegt äußeren Rahmenbedingungen.

JAHODA unterteilt die Arbeit in drei Grundformen[16]:

1. Erwerbstätigkeit unter vertraglichen Bedingungen
2. Andere Tätigkeiten mit einem ökonomischen Ziel wie Hausarbeit oder
Schwarzarbeit
3. Arbeit ohne ökonomische Zwe>Die Arbeitsformen unterscheiden sich in ihren spezifischen Arbeitsbedingungen, Funktionen, Befriedigungen oder auch Frustrationen.[17]

Im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen sollen die Erwerbsarbeit und ihre Funktionen für das Individuum stehen, da sie nach den bisherigen Ausführungen die Freizeit erheblich beeinflussen.

Die Funktionen der Erwerbsarbeit leitet JAHODA aus dem Kontrastfeld „Erwerbslosigkeit“ ab. In ihrer empirischen Studie über die Arbeitslosen von Marienthal bemerkt sie:

„Losgelöst von ihrer Arbeit und ohne Kontakt mit der Außenwelt, haben die Arbeiter die materiellen und moralischen Möglichkeiten eingebüßt, die Zeit zu verwenden. Sie, die sich nicht mehr beeilen müssen, beginnen auch nichts mehr und gleiten allmählich ab aus einer geregelten Existenz ins Ungebundene und Leere“[18]

Mit dem Verlust der Erwerbsarbeit, so JAHODA, fallen verbindliche Strukturen, Orientierungen und Sozialkontakte weg, die sich in der erwerbsfreien Zeit nicht durch eine noch so erfüllte Freizeit ersetzen lassen. Aus dieser Feststellung heraus schrieb sie der Erwerbsarbeit, neben „der Sicherung des Lebensunterhalts“, folgende Funktionen zu, die Relevanz für die psychische Stabilität des Individuums haben[19]:

1. eine dauerhaft zeitliche Strukturierung des Tagesablaufs
2. eine Erweiterung des sozialen Horizonts über den privaten Bereich hinaus
3. die Einbindung in eine kollektive Zweck- und Sinnstruktur
4. die Zuweisung eines sozialen Status und Stärkung der sozialen Identität
5. den Zwang zur regelmäßigen Aktivität

So wie JAHODA unterstreicht auch WARR in seinem Modell die Wichtigkeit der Arbeitsfunktionen für die psychische Gesundheit. In Analogie zur notwendigen Versorgung des Körpers mit Vitaminen definiert WARR sie als „Vitamine“ zur Stabilisation der psychischen Gesundheit. Den o.g. Funktionen von JAHODA fügt er folgende Faktoren hinzu[20]:

- Entwicklung und Anwendung der eigenen Fähigkeiten
- Abwechslung und Chance, neue Erfahrungen zu machen
- Vorhersehbarkeit und Durchschaubarkeit von Ereignissen

Die Zufuhr dieser Vitamine ist nach WARR nicht nur durch Erwerbsarbeit möglich, sondern ebenso durch andere Arbeitsformen. Doch jenseits der Erwerbsarbeit müssten sie durch autonom gewählte Tätigkeiten selbst erarbeitet werden, wie durch Haushaltsarbeit oder ehrenamtliches Engagement.

Erwerbsarbeit ist also ein Lebensbereich, der durch die materielle Entlohnung die Lebensgrundlage sichert und durch die Befriedigung vielfältiger Bedürfnisse als psychischer Stabilisator dient, wie diese selbst gewählten Beispiele noch einmal zeigen sollen:

- Die Tagesstrukturierung bietet dem Menschen zeitliche und soziale Orientierung. Der Wegfall dieser festen Zeiten kann zu dem Unbehagen führen, die Kontrolle über bestimmte Lebenskategorien zu verlieren oder gesellschaftlich ausgeschlossen zu sein.
- Erwerbsarbeit unterstützt die soziale Integration durch die Erfahrung der Kooperation: das Individuum nimmt sich durch diese Arbeitsform als Teil und Mitgestalter eines Kollektivs wahr.
- Erwerbsarbeit stillt das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung. Der Mensch ist auf die sozialen Bestätigungen und Korrekturen seiner Kompetenzen angewiesen. Dies stützt den Aufbau und Erhalt eines positiven Selbstbildes.

Andere Autoren relativieren - vor allem hinsichtlich der heutigen und prognostizierten Arbeitsmarktlage - diese der Erwerbsarbeit zugesprochene Relevanz. STENGEL sieht hierin die Gefahr, soziale ehrenamtliche Tätigkeiten an den Rand des gesellschaftlichen Ansehens zu drängen. Sie seien jedoch für die Organisation und das Funktionieren unserer Gesellschaft unverzichtbar.[21]

Die o.g. Bedeutung der Arbeitsfunktionen für das Individuum wird von OPASCHOWSKI und auch GIARINI und LIEDTKE zwar genauso betont, doch fordern die Autoren die Abkehr von der Erwerbsarbeit als alleinigen sinnstiftenden Lebensraum. Sie sprechen sich für die Aufwertung der unbezahlten, aber gesellschaftlich nützlichen Arbeiten aus.[22] Nach OPASCHOWSKI sind derartige Tätigkeiten Alternativen, die dem Leben Qualität und Sinn geben und wesentliche persönliche und soziale Bedürfnisse befriedigen können. Eine wichtige Voraussetzung für die Abkehr vom Leitbild „Erwerbsarbeit“ sieht der Autor in einer veränderten Sozialisation. So richten sich die Sozialisationsbemühungen primär auf diese Lebensregion, während die Befähigung zur Bewältigung des erwerbsfreien Lebensraumes vernachlässigt werde. Gerade in einer Zeit, in der die erwerbsarbeitsfreie Zeit zunehme, sei die Qualifikation zur Gestaltung dieser Zeit verstärkt zu berücksichtigen.[23]

OPASCHOWSKI und den anderen Autoren ist hier grundsätzlich zuzustimmen, denn „Erwerbsarbeit“ kann heute für viele Erwerbsfähige nicht mehr garantiert werden. Viele haben gar keine Chance, hier den primären Lebenssinn zu finden. Eine Möglichkeit der Aufwertung der erwerbsfreien Zeit könnte die Berück-sichtigung der gemeinnützigen ehrenamtlichen Arbeiten im sozialen Sicherungs-system sein, wie durch einen gesetzlichen Rentenanspruch (wobei mir bewusst ist, dass die Finanzierbarkeit ein schwer lösbares Problem darstellen könnte). Zu unterstützen ist auch die Forderung nach einer Veränderung im Sozialisationsprozess, um der jungen Generation die gesellschaftliche Relevanz der freiwilligen sozialen oder ökologischen Tätigkeiten bewusst zu machen. Vorstellbar wären hier z.B. regelmäßige soziale oder ökologische Schulpraktika.

Nach diesen Überlegungen soll der Begriff der „Freizeit“ erläutert werden. Zunächst geht es um die Frage, ob es Freizeit für alle Gesellschaftsmitglieder, Erwerbstätige und Nichterwerbstätige, gibt. Dies ist notwendig, weil ein Großteil der chronisch psychisch Kranken, um die es letztendlich in dieser Diplomarbeit geht, erwerbslos ist.[24]

2.3 Freizeit

Wie bei dem Arbeitsbegriff lässt sich für den Freizeitbegriff wegen der unterschiedlichen Sichtweisen und theoretischen Ansätze jener Wissenschaften, die sich mit dem Phänomen „Freizeit“ auseinandersetzen, wie die Soziologie Pädagogik, Psychologie oder Ökonomie, keine einheitliche Definition finden.[25]

In der wissenschaftlichen Literatur heben sich zwei Definitionsarten hervor: die negativen und die positiven Definitionen.[26] In den Negativ-Definitionen ist Freizeit eine Zeit, in der der Mensch „von etwas befreit ist“, die Positiv-Definitionen verstehen Freizeit als Zeit, in der der Mensch „für etwas frei ist“.[27]

2.3.1 Negativ-Definitionen

Die negativen Freizeitdefinitionen grenzen die Freizeit als Restzeit von der Erwerbsarbeit ab. Demnach wird Freizeit als „die dem Berufstätigen nach Abzug der Arbeitszeit verbleibende Zeit“[28] bestimmt. Dieses Freizeitverständnis hat seinen Ursprung in der frühindustriellen Zeit, als der Sinn der Freizeit in der Wiederherstellung der Arbeitskraft für den Arbeitsprozess bestand.[29]

TOKARSKI/SCHMITZ-SCHERZER haben vier Formen negativer Freizeitdefinitionen in der wissenschaftlichen Literatur ermittelt:

1. „Definitionen von Freizeit als objektiv meßbares Zeitquantum, wobei die Arbeitszeit als zeitliche Abgrenzung gewählt wird.“
2. „Definitionen von Freizeit als Komplementärbegriff zu Arbeit, wobei Freizeit als abhängige Größe von industrieller Arbeit gesehen und von daher begriffen wird.“
3. „Definitionen von Freizeit über Aktivitäten in der arbeitsfreien Zeit, wobei die Problematik der Abgrenzung von arbeits- bzw. freizeitspezifischen Aktivitäten im Mittelpunkt steht.“
4. „Definitionen von Freizeit, die vom sozialen Verhalten ausgehen, d.h. sozialen Beziehungen, sozialen Rollen, Normen- und Wertsystemen, wobei das soziale Verhalten in der Arbeit als Bezugs- und Abgrenzungskriterium gilt.“[30]

Gemeinsam ist diesen Negativ-Definitionen die Polarisierung von Arbeit und Freizeit, wobei die Freizeit als arbeitsabhängige Restzeit definiert wird. Nach diesen Definitionen haben Nichterwerbstätige, wie viele chronisch psychisch Kranke, keine Freizeit. Da der erwerbslose Bevölkerungsteil hier also unberücksichtigt bleibt, ist dieses Freizeitverständnis für die vorliegende Diplomarbeit ungeeignet und soll nicht vertieft werden.

2.3.2 Positiv-Definitionen

Positive Definitionen bezeichnen Freizeit als Zeitraum, in dem das Individuum frei von jeglichen Verpflichtungen agieren kann. Die nähere Bestimmung dieser Zeitkategorie erfolgt über Funktionen, Verhaltens- und Erlebensweisen.

NAHRSTEDT unterscheidet die Lebenszeit in „Nicht-Freizeit“ und „Freizeit“. Die Nicht-Freizeit beinhalte verpflichtende Tätigkeiten wie Erwerbsarbeit, Schulunterricht oder Haushaltsarbeit. Die Freizeit ist für NAHRSTEDT durch zwei Merkmale gekennzeichnet[31]:

1. „durch eine allen Menschen gleichermaßen zugesprochene individuelle Freiheit, die zeitlich durch die Arbeitszeit abgegrenzt wird.
2. durch eigene, von den Arbeitsräumen abgehobene Freizeiträume.“

Der Autor spricht in seinem ersten Punkt allen Menschen Freizeit zu, hebt aber diese generelle Freizeit-Zuteilung im zweiten Punkt wieder auf. Denn die postulierte räumliche Trennung von Freizeit und Nicht-Freizeit ist z.B. bei Hausfrauen, Rentnern oder Schülern nicht immer möglich, da der Wohnraum für sie häufig Freizeit- und Arbeitsstätte ist. Oder haben sie nur außerhalb ihrer Wohnstätte Freizeit?

Ein anderer Vertreter des positiven Freizeitverständnisses ist OPASCHOWSKI. Er geht zunächst einmal davon aus, dass das Leben eine komplexe Einheit ist, die aus vielen Lebenssegmenten besteht, wie Familie, Freundeskreis, Schule, Umwelt, Kultur und Berufswelt.[32] Diese Lebenseinheit werde künstlich in die Zeiträume Arbeit[33] und Freizeit unterteilt. Arbeit und Freizeit seien aber gleichwertige Zeiträume in der Gesamtlebenszeit, da es freie Zeit in den verschiedensten Lebensbereichen und Lebenssegmenten gebe. Sie unterscheiden sich lediglich durch eine mehr oder weniger große Dispositionsfreiheit.[34]

Die Lebenszeit wird von OPASCHOWSKI in drei Zeitabschnitte unterteilt, die sich allein im Grad der Handlungs- und Entscheidungsfreiheit unterscheiden: die „Determinationszeit“, die „Obligationszeit“ und die „Dispositionszeit“.[35]

Die Determinationszeit ist ein festgelegter, fremdbestimmter und abhängiger Zeitraum. Sie liegt vor, wenn das Individuum in seinen Tätigkeiten zeitlich, räumlich und inhaltlich festgelegt wird. Überwiegend gehören in diese Zeit die Erwerbsarbeiten, jedoch gibt es auch in der erwerbsfreien Zeit Umstände, die das Individuum in der Art oder Zeit (Beginn, Dauer, etc.) seines Verhaltens stark determinieren können. Dazu gehören beispielsweise starre familiäre Rituale, denen sich das Individuum nicht entziehen kann und die es in seiner Handlungsfreiheit merklich einschränken können.[36]

Die Obligationszeit ist eine verpflichtende, bindende und verbindliche Zeit. Sie liegt vor, wenn das Individuum durch Selbstverpflichtung oder von außen zu bestimmten Tätigkeiten verpflichtet ist. Hierunter fallen Haushalts- und Reparaturarbeiten, Einkäufe, familiäre und soziale Verpflichtungen wie Ehrenämter. Im Unterschied zur Determinationszeit kann der Handelnde die Art, Zeit oder Intensität seines Tuns relativ frei bestimmen. Die Obligationszeit kann jedoch in die Determinationszeit übergehen, beispielsweise wenn der Handlungsspielraum des einst freiwillig übernommenen Ehrenamtes durch äußere Bedingungen (z.B. veränderte Vereinsregeln) so eingeschränkt wird, dass die Tätigkeit mehr fremd- als selbstbestimmt ist.

Die Dispositionszeit ist frei verfügbare, frei einteilbare und selbstbestimmte Zeit ohne jeglichen Verpflichtungscharakter. Das Individuum verfügt in dieser Zeit über die Freiheit, seine Aktivitäten in der Art, Intensität und Zeit selbst festzulegen. Die Dispositionszeit ist somit die Art von Freizeit, wie sie in den Alltagsdefinitionen verstanden wird.

OPASCHOWSKI fügt dieser Dreiteilung der Lebenszeit das Kriterium der subjektiven Beurteilung an: D.h., inwiefern eine Zeit als Freizeit oder Arbeitszeit angesehen wird, ist davon abhängig, ob das Individuum die in dieser Zeit anfallende Tätigkeit als freizeitliche Aktivität oder Arbeit ansieht. So kann dieselbe Tätigkeit für den Einen Arbeit und für den Anderen freizeitlicher Spaß sein und umgekehrt. Der Eine kann z.B. Hobby und Beruf vereinen, sodass die Arbeit für ihn Freizeit bedeutet und für den Anderen ist dieser Job „Arbeit“.[37]

In dem Lebenszeitkonstrukt von OPASCHOWSKI wird die Freizeit in einem sehr idealistischen Verständnis dargestellt und impliziert m.E. auch Widersprüche: OPASCHOWSKI schreibt der Freizeit Eigenschaften wie freie Zeiteinteilung, Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung zu. Mit diesen Elementen ist es wohl kaum möglich, dass angestellte Erwerbstätige ihre Arbeit als freizeitliche Tätigkeit einstufen können, sind sie doch in ihrem zeitlichen und inhaltlichen Tun vertraglich festgelegt. Strittig ist auch, ob die familiären Verpflichtungen, besonders bei einer Familie mit mehreren Kindern, als obligatorische Aufgabe aufgefasst werden können. Diese Aufgabenvielfalt kann oft determinierter sein als manche Berufstätigkeit. Fraglich ist ebenso, inwiefern die Aktivitäten in der disponiblen Zeit wirklich so frei bestimmt werden können, wie dies nach OPASCHOWSKI den Anschein hat. Beispielsweise begrenzen alltägliche Verpflichtungen die Dauer der frei disponiblen Zeit, was sich wiederum auf die Auswahl der Freizeitoptionen und auch auf die Dauer der Freizeitaktivitäten selbst einschränkend auswirken kann.

Trotz dieser kritischen Überlegungen soll OPASCHOWSKIs Freizeitverständnis dieser Diplomarbeit zu Grunde gelegt werden, da es den erwerbstätigen und nichterwerbstätigen Gesellschaftsmitgliedern Freizeit zuspricht. Ferner sind Freizeit und Arbeit hier gleichwertige Lebensräume, wodurch die Freizeit die Chance beinhaltet, in ihr einen eigenen Lebenssinn und Lebensinhalt zu finden.

2.3.3 Funktionen der Freizeit

Die Ausführungen über die Arbeitsfunktionen haben gezeigt, dass sie auf menschliche Bedürfnisse zurückzuführen sind. Analog dazu hat OPASCHOWSKI acht Freizeitfunktionen formuliert, die er aus grundlegenden Freizeitbedürfnissen abgeleitet hat. Sie sind ineinander verschränkt und bilden sich bei jedem Menschen je nach Alter, Geschlecht, Schicht und anderen persönlichen Merkmalen in der Reihenfolge und Gewichtung variabel aus[38]:

1. Rekreation: Bedürfnis nach Erholung, Gesundheit und Wohlbefinden
2. Kompensation: Bedürfnis nach Ausgleich, Zerstreuung und Vergnügen
3. Edukation: Bedürfnis nach Kennenlernen, Lernanregung, Weiterlernen
4. Kontemplation: Bedürfnis nach Ruhe, Muße und Selbstbestimmung
5. Kommunikation: Bedürfnis nach Mitteilung, Kontakt und Geselligkeit
6. Integration: Bedürfnis nach Zusammensein, Gemeinschaftsbezug und Gruppenbildung
7. Partizipation: Bedürfnis nach Beteiligung, Engagement und sozialer Selbstdarstellung
8. Enkulturation: Bedürfnis nach kreativer Entfaltung, produktiver Betätigung und Teilnahme am kulturellen Leben

Die ersten vier Funktionen leitet OPASCHOWSKI aus individuellen Defiziten ab, sie sind daher als „Freizeitfunktionen für das Individuum“ zu verstehen. Die anderen Funktionen stellen gesellschaftliche oder sozial orientierte Funktionen dar. Beide Funktionsgruppen bauen hierarchisch aufeinander auf, denn erst wenn die individuellen Defizite behoben sind, kann sich das Individuum den sozialen Bedürfnissen zuwenden.[39]

In der Freizeitpädagogik, so der Autor, sind diese Freizeitfunktionen als Orientierungsrahmen für die Planung von Freizeitaktivitäten zu verstehen, mit dem Ziel, Menschen dabei zu unterstützen, ihre Freizeit für sich zufriedenstellender zu gestalten und ihnen so zu mehr Lebensqualität in der Freizeit zu verhelfen.[40]

Ein Vergleich der Freizeitfunktionen mit den von JAHODA und WARR beschriebenen Arbeitsfunktionen zeigt einige Analogien auf. So findet sich beispielsweise die Arbeitsfunktion der „Erweiterung des sozialen Horizonts“ in der Freizeitfunktion „Partizipation“ oder „Edukation“ wieder. Entsprechende Freizeitaktivitäten sind soziale oder ökologische Ehrenämter, die Beteiligung an Bürgerinitiativen oder VHS-Kursen. Überdies beinhalten diese Freizeitaktivitäten die Arbeitsfunktionen „regelmäßige Aktivität“ oder „Entwicklung der eigenen Fähigkeiten“. Derartige Aktivitäten kommen nach OPASCHOWSKI wegen ihres arbeitsähnlichen Charakters der beruflichen Tätigkeit relativ nahe und können daher den Verlust von Arbeit zumindest abmildern und der Freizeit sinnvollen Inhalt geben.[41]

Der gravierende Unterschied zwischen Arbeits- und Freizeitfunktionen liegt im jeweiligen Freiheitsgrad des handelnden Individuums, diese autonom zu erfüllen. Während durch die Arbeit viele menschliche Bedürfnisse ohne das bewusste Zutun des Individuums gesichert werden, ist der Mensch in der Freizeit aufgefordert, diese Funktionen eigeninitiativ zu realisieren. Diese Freizeitautonomie birgt zwar die Chance der Selbstverwirklichung, aber zugleich beinhaltet sie die Gefahr zu großer Passivität oder Konsum-orientierung. Passives oder konsumorientiertes Freizeitverhalten aber lässt viele Bedürfnisse unberücksichtigt, was nach WARR zum „psychischen Vitaminmangel“ führt.[42]

An dieser Stelle kommt die Frage auf, wie sich (Freizeit-)Bedürfnisse herausbilden, wahrgenommen und befriedigt werden können, damit es nicht zum „psychischen Vitaminmangel“ kommt. Diesem Aspekt soll in Anlehnung an ECK u.a. nachgegangen werden, die sich diesbezüglich in ihrer Arbeit über Freizeitpädagogik für psychisch Kranke an der Humanistischen Psychologie orientieren. Da ihre Ausführungen m.E. an manchen Stellen für das Verständnis unzureichend sind, werde ich bei Bedarf die Theorie von Carl ROGERS, einen der Hauptvertreter der Humanistischen Psychologie, heranziehen.

2.3.4 Bedürfnisse

In der Humanistischen Psychologie wird von einem Menschenbild ausgegangen, wonach dem Menschen von Natur aus eine Aktualisierungstendenz innewohnt, die ihn nach Erhaltung und Wachstum seines Organismus streben lässt.[43] Gerät nun der Organismus - eine Einheit aus Körper, Geist und Seele - durch ein Defizit oder Überschuss auf einer dieser Ebenen ins Ungleichgewicht, nimmt der Mensch dies in Form einer physiologischen Spannung (z.B. Müdigkeit) wahr. Um wieder in die organismische Balance zu kommen, entwickelt sich ein Bedürfnis (z.B. Schlafen wollen/ Rekreationsbedürfnis), welches den Menschen zum Handeln auffordert, das die erlebte Spannung reduzieren soll. Gelingt dies durch ein adäquates Verhalten (z.B. Schlafen), wird es durch ein Wohlgefühl (z.B. „Fitsein“) bestätigt. Die Spannung geht zurück, sodass der Mensch diese Erfahrung für sich positiv bewertet und genießt. Es folgt eine organismische Ruhephase, bis der Organismus erneut aus dem Gleichgewicht gerät.[44] Das positive Bewerten oder Nacherleben dieser Erfahrung spielt eine wichtige Rolle, denn es vermittelt dem Menschen das Gefühl, sich richtig verhalten zu haben. Unter der Prämisse, dass der Mensch nach Weiterentwicklung strebt, wird er in Zukunft auf diese positive Erfahrung zurückgreifen und seine dort erlernten Kompetenzen weiterentwickeln.

ECK u.a. bezeichnen diesen Prozess, vom Entstehen des Bedürfnisses bis zum Nacherleben, als „Erlebniszyklus[45]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 aus Eck u.a., S.34

Neben diesen individuellen Bedürfnissen hat der Mensch aber auch noch soziale Bedürfnisse nach Anerkennung, Liebe, Respekt, Bestätigung, etc. Er muss also stets auch den Ausgleich zwischen seinem Organismus und seiner Beziehung zur sozialen Umwelt suchen. Daher nimmt er auch Fremdbewertungen wie Urteile der Eltern oder fremde Erfahrungen der Freunde auf und verändert sein Verhalten entsprechend, um z.B. soziale Anerkennung zu erhalten.[46] Das kann im Extremfall dazu führen, dass eigene Bedürfnisse nicht mehr wahrgenommen und Eigenbeurteilungen verlernt werden. Das Verhalten ist dann ein fremdbestimmtes, aber keines, das von innen heraus gesteuert ist. Die Fähigkeit, auf die eigenen Bedürfnisse zu hören, kann auch durch problematische Umstände (lange Krankheit, Armut, etc.), die eine Realisierung der persönlichen Wünsche nicht mehr zulassen, verloren gehen. ECK u.a. bezeichnen diesen Prozess als „Desensibilisierung“ gegenüber den eigenen Bedürfnissen.[47]

Konsequenzen zeigen sich dann besonders in der Freizeit: Denn der Mensch ist aufgefordert, diese Zeit autonom und entsprechend seiner eigenen Interessen und Bedürfnisse zu gestalten. Besitzt ein Mensch diese Freizeitkompetenzen, wird er seine Freizeit für sich zufriedenstellend ausfüllen können. Hat er diese Kompetenzen nicht erlernt oder verlernt, wird er in seiner Freizeit Dinge machen, die seine „wahren“ Freizeitbedürfnisse unbefriedigt lassen, was unausweichlich zu Frustrationen und Langeweile in der freien Zeit führt.

2.3.5 Freizeitverhalten

Freizeit ist also ein autonom zu gestaltender Lebensraum, in dem das Individuum die Chance hat, sich in seinen geistigen, körperlichen, psychischen und sozialen Kompetenzen zu entfalten und zu verwirklichen. Nicht immer verhalten sich die Menschen in ihrer freien Zeit derart, dass sie ihre Freizeitbedürfnisse befriedigen, weshalb OPASCHOWSKI diese freie Zeit dann als „Nicht-Freizeit“ bezeichnet . So gehört die Passivität durch reines Konsum-verhalten zur Nicht-Freizeit, weil hier die Freizeitbedürfnisse nach Eigeninitiative, Ruhe oder Kreativität unbeachtet bleiben und der Mensch sich in seinen vielfältigen Kompetenzen nicht weiterentwickeln kann. [48]

Um die Freizeit in der heutigen Lebenszeit aufzuwerten, führt OPASCHOWSKI den Begriff „freizeitkultureller Lebensstil“ ein. Er will mit diesem Begriff betonen, dass Freizeit auch die Elemente Kultur und Bildung beinhaltet. Durch die Teilnahme an Aktivitäten dieser beiden Bereiche könne der Mensch nicht nur seine individuellen Fähigkeiten weiterentwickeln, sondern gleichzeitig zum gesellschaftlichen Leben und Geschehen beitragen.[49]

Der freizeitkulturelle Lebensstil bezeichnet insofern ein Freizeitverhalten, das zum individuellen und gesellschaftlichen Wohl beiträgt. OPASCHOWSKI hat fünf Merkmale herausgearbeitet, die das Freizeitverhalten vom Nicht-Freizeitverhalten unterscheiden[50]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 in veränderter Form nach Opaschowski, 1996, S. 29

Die Abbildung zeigt zwei Seiten der freien Zeit. Die eine zeichnet sich durch Aktivitäten, Ruhe, Spaß und soziale Kontakte aus, die andere ist charakterisiert durch Freizeitstress, Verplanung oder Unlust. Das bedeutet, freie Zeit ist „Freizeit“, wenn sie mit bedürfnisbefriedigenden Aktivitäten ausgefüllt wird oder sie ist eine Nicht-Freizeit, in der die Fremdbestimmung bzw. die Unfähigkeit, auf den eigenen Organismus zu hören, vorherrscht. Unter solchen Umständen kann die frei zur Verfügung stehende Zeit zur Problemzeit werden.

Das Bild des kulturellen Lebensstils ist m.E. ein Idealbild, denn es stellt an den Menschen den Anspruch, permanent auf seine Bedürfnisse zu achten und entsprechend selbstaktiv zu werden. Doch Bedürfnisse bilden sich zuweilen auch ambivalent heraus: So kann zur gleichen Zeit der Wunsch nach körperlicher Betätigung und nach einem Kinobesuch aufkommen. Der kulturelle Lebensstil ist also eher als Orientierungsrahmen für das Freizeitverhalten zu verstehen: Die Freizeit sollte zwar vorwiegend selbst bestimmt werden, doch auch Momente der Passivität oder des Konsums wie Fernsehen sind erlaubt. Erst, wenn diese Aspekte überwiegen, können psychische und soziale Freizeitkonflikte entstehen.

2.4 Probleme im Umgang mit der Freizeit

Noch nie stand den Menschen unserer Gesellschaft, objektiv betrachtet, soviel erwerbsfreie Zeit zur Verfügung, die als Freizeit genutzt werden kann. Ebenso gab es noch nie so viel Freiheit und freizeitliche Möglichkeiten diese als wirkliche Freizeit zu nutzen.[51] Trotzdem sind viele Menschen mit dieser Eigenzeit unzufrieden, klagen über Zeitmangel oder Zeitüberfluss.

2.4.1 Zeitmangel

In ihrer Studie über Zeitbindung und Zeitautonomie kam BENTHAUS-APEL zu dem Ergebnis, dass besonders Erwachsene in der aktiven Berufs- und Familien-phase über zu wenig Freizeit in der erwerbsfreien Zeit klagen. Sie führt dies auf die Komplexitätssteigerung der modernen Lebensorganisation zurück, die einen Zuwachs an obligatorischen außerberuflichen Arbeiten mit sich bringt, wie[52]

- der erhöhte Mobilitätszwang im Berufs- und Alltagsleben, oft verbunden mit zeitraubenden Staus oder ungünstigem öffentlichen Verkehrsnetz;
- die gestiegenen Ansprüche im Alltagsleben wie an Konsumgütern, Gesundheitsfürsorge, Kindererziehung, Ernährung, etc.;
- die Zunahme von Haushalts- und Eigenarbeitstätigkeiten zur Einsparung von Konsumgütern, Dienstleistungs- oder Reparaturkosten;
- der hohe Zeitaufwand für die Beschaffung an Informationen über notwendige Dienstleistungsangebote, Konsumgüter, etc., deren Spektrum in den letzten Jahren enorm angewachsen ist.

Die Autorin konstatiert in ihrer Studie vor allem eine Reduzierung der Freizeit an den Werktagen trotz der allgemeinen Arbeitszeitverkürzung. Die modernen Obligationsaufgaben würden die Freizeit zudem durch die Energie, die dafür aufgewendet werden müsse, beeinträchtigen, sodass für aktive Beschäftigungen oft wenig Kraft bliebe.[53] Ferner schränke der zeitraubende Mobilitätszwang die Zeit für außerhäusliche Freizeitaktivitäten in der Woche stark ein. Deshalb würden viele ihre Freizeit zu Hause und mit Beschäftigungen wie Spazierengehen, Fernsehen oder Ausruhen verbringen. Zeitaufwendigere Wünsche (z.B. Sporttraining) müssten fest geplant oder auf das Wochenende verschoben werden. Hier konkurrieren sie oft mit anderen Veranstaltungen wie Familienfeiern oder Schulfesten.

Eine andere Erklärung für Zeitnöte in der Freizeit liefert PÖGGELER. Er vertritt die Meinung, dass in der heutigen Leistungsgesellschaft Kategorien wie Leistung, Nützlichkeit oder Kraftaufwand aus der Arbeitswelt in die Freizeit transportiert worden sind. Muße werde nur akzeptiert, wenn sie nicht „unnützes Nichtstun“ sei. Freizeit ohne Muße führe unweigerlich zur „Verarbeitung“ der Freizeit und zu „Freizeitstress.[54] Hinzu käme die „verschleierte Nötigung zum Konsumieren“ durch die Werbung und den dadurch produzierten künstlichen Bedürfnissen.[55]

Ähnlich wie PÖGGELER argumentiert OPASCHOWSKI: Die Fülle der Konsum- und Freizeitangebote wecken beim Individuum permanent neue Freizeitwünsche. Diejenigen, die ausreichend Zeit und finanzielle Mittel haben, wie viele allein stehende Jungerwachsene, „hetzen von einem Freizeitangebot zum anderen“. [56] Solches Freizeitverhalten führe zu Leistungszwang, Stress und innerer Leere, da die wahren Bedürfnisse unberücksichtigt blieben.

Die Argumentationen weisen auf eine Zweiseitigkeit der Freizeitnöte hin. Erstens ist die Zunahme der modernen obligatorischen Zwänge zu nennen, wie sie von den drei Autoren, wenn auch aus verschiedenen Perspektiven, problematisiert werden. Die zweite Seite zeigt sich, wenn man den bisherigen Ausführungen dieser Diplomarbeit folgt: denn ob die obligatorischen Aufgaben Freizeiteinschränkungen sind, hängt auch von der Beurteilung des Individuums ab. Beispielsweise können „Do-it-your-self“-Arbeiten durchaus als Freizeitaktivität beurteilt werden und reduzieren dann auch nicht die Freizeit. Ob und wie weit die Freizeit durch die modernen Zwänge tatsächlich eingeschränkt wird, kann hier nicht abschließend beurteilt werden.

2.4.2 Zeitüberfluss durch Arbeitslosigkeit

Zeitüberfluss wird erlebt, wenn die frei verfügbare Zeit nicht ausgefüllt werden kann. Der Grund dafür sind fehlende Freizeitressourcen wie Geld, soziale Kontakte oder eine angeschlagene Gesundheit. Das betrifft beispielsweise diejenigen, deren Freizeitressourcen durch einen Arbeitsplatzverlust reduziert wurde: die Arbeitslosen. Ganz besonders davon berührt werden die Langzeitarbeitslosen[57].

Viele Arbeitslose erleben ihre erwerbsfreie Zeit als „Zwangsfreizeit“. Denn entgegen dem Freizeitverständnis von OPASCHOWSKI verstehen viele Menschen die Arbeit als die zentrale Lebenswelt. Freizeit ist für Erwerbstätige ein begehrtes Gut, doch ohne Erwerbsarbeit wird sie wertlos. Die freie Zeit ist dann nicht verdient, sondern aufoktroyiert. Dies geht besonders denjenigen so, die den zentralen Lebenssinn in der Arbeit sehen. Sie verlieren mit der Arbeit ein wichtiges Stück Lebensinhalt[58] und finden in der auferlegten Freizeit keine lebenssinnerfüllende Alternative. Zudem fehlen ihnen die festen Tagesstrukturierungen, die berufsbedingten sozialen Kontakte, die gesellschaftliche Einbindung und die selbst erarbeitete Lebensgrundlage. Psychische Folgen sind besonders bei Langzeitarbeitslosen festzustellen: Passivität, Pessimismus, Depressionen und Verbitterung sind nur einige Probleme, die ZEMPEL/FRESE in ihrer Arbeitslosenstudie ermittelten.[59]

Ob und wie sich psychische Probleme entwickeln, hängt nach ZEMPEL/FRESE primär mit der Persönlichkeitsstruktur der Betroffenen zusammen. Pessimisten würden zu Resignation, Passivität, Depressionen und Hilflosigkeit neigen, weil Arbeitslosigkeit für sie ein Schicksal sei, an dem sie nichts ändern können. Optimisten würden die Ursache und Bewältigungsmöglichkeiten von Arbeitslosigkeit bei sich suchen und die erwerbsfreie Zeit als Chance für berufliche Weiterbildung, Neuorientierung oder andere bisher nicht mögliche Aktivitäten ansehen.[60]

Wie schon erwähnt, basiert für OPASCHOWSKI der problematische Umgang mit der erwerbsfreien Zeit in der berufszentrierten Sozialisation, welche die Vorbereitung auf ein selbständiges und verantwortungsbewußtes Leben jenseits der Erwerbsarbeit vernachlässige. Überdies würden während der Erwerbsarbeit vielfach die Fähigkeiten zu Eigeninitiativen und viele Freizeitinteressen ver-kümmern, auf die sonst in der Arbeitslosigkeit zurückgegriffen werden könnte.[61]

Beide Argumentationen besagen, dass der Umgang mit der freien Zeit von der Einstellung der Arbeitslosen, ihren Interessen und Eigeninitiativen abhängt. Diese Faktoren greifen aber m.E. hinsichtlich der Komplexität, in die Arbeits-losigkeit und ihre Bewältigungsmöglichkeiten eingebettet sind, zu kurz. Zum tieferen Verständnis dieser Problematik müssten hier weitere Bezüge wie Alter, Geschlecht, die persönliche Lebenslage oder die regional-wirtschaftlichen Gegebenheiten hinterfragt werden. Das würde in dieser Diplomarbeit jedoch thematisch zu weit führen.[62] Daher werden im Folgenden nur die freizeitrelevanten Aspekte betrachtet, die durch den Verlust von Arbeit negativ beeinträchtigt und später bei den Freizeitproblemen der chronisch psychisch Kranken zum Vergleich herangezogen werden können: die materiellen Ressourcen, die sozialen Kontakte und die physische Gesundheit. Es sei darauf hingewiesen, dass nachfolgend zwar die potenziellen Freizeiterschwernisse von Langzeitarbeitslosen erörtert werden, aber andere Gesellschaftsmitglieder von ähnlichen Problemen betroffen sein können (Arme bzw. Deprivierte[63], gesundheitlich Beeinträchtigte, etc.). Aufmerksam gemacht wird zudem auf die möglichen Wechselwirkungen der genannten Faktoren, die jedoch wegen der Vielgestaltigkeit nur randständig berücksichtigt werden können.

2.4.2.1 Freizeiterschwernisse auf Grund fehlender materieller Ressourcen

Wie Langzeitarbeitslose ihre Freizeit gestalten, ist sehr unterschiedlich, ein einheitliches Bild lässt sich nicht erstellen. KRONAUER u.a. haben in ihrer Arbeitslosenstudie unterschiedliche Bewältigungstypen von Langzeitarbeits-losigkeit dargelegt.[64] Um aufzeigen zu können, wie finanzschwache Arbeitslose mit ihrer Freizeit umgehen, habe ich aus der o.g. Studie unterschiedliche Freizeittypen unter dem Gesichtspunkt „Geldmangel“ erarbeitet. Dabei wird sich zeigen, dass der Aspekt „Mangel an finanziellen Mitteln und Freizeitgestaltung“ stets im Zusammenhang mit den individuellen Interessen und deren Realisierungschancen gesehen werden muss.

Erster Freizeittyp: Für Mitglieder diesen Freizeittyps hat die erwerbsfreie Zeit einen eigenständigen, sinnvollen und von der Arbeit unabhängigen Lebenswert. Sie füllen ihre Zeit mit Tätigkeiten aus, für die als Erwerbstätige keine Zeit hatten. Ein Großteil von ihnen nutzt die freie Zeit für Familien-, Haushalts- und Handwerkertätigkeiten am Haus oder im Garten. Durch diese und ähnliche Eigenarbeiten, die zugleich Hobbys sind, wie Handarbeiten (z.B. modische Kleider selber nähen), Gemüseanbau (auch in kleinen Mengen auf dem Balkon), Angeln, u.ä. werden zudem Geldausgaben eingespart. Auf diese Weise „erarbeitet“ man sich so manchen Kino- oder Restaurantbesuch selbst, der dann als etwas „Besonderes“ erlebt und genossen werden kann.[65]

Andere Mitglieder diesen Freizeittyps haben ausgeprägte Freizeitinteressen, die im Erwerbsalltag nicht realisiert werden können. Diese Menschen genießen die freie Zeit für ihre Hobbys (Leistungssport, Musizieren in einer Band,...) oder engagieren sich in sozialen Institutionen.[66] Sie erleben ihre Tätigkeiten als derart sinnvoll und zufriedenstellend, dass sie oftmals Überlegungen anstellen, sie auch zur beruflichen Grundlage zu machen.[67]

[...]


[1] Ich habe während meiner Diplomarbeitsvorbereitungen Gespräche mit Menschen verschiedenen Alters und sozialen Status´ genutzt, um sie nach ihren Vorstellungen von „Freizeit“ zu befragen.

[2] vgl. Opaschowski, 1996, S. 22; ebenso: Tokarski/Schmitz-Scherzer, 1985, S. 38 ff.

[3] vgl. Opaschowski, 1996, S. 22; Tokarski/Schmitz-Scherzer, S. 38f; Boeckh, S. 42f

[4] vgl. ebd.

[5] vgl. Opaschowski, 1996, S. 23

[6] vgl. Rüthers, S. 48; Opaschowski, 1998, S. 11

[7] vgl. u.a.: Krumpholz-Reichel, 1998; Giarini/Liedke, 1998; Opaschowski, 1998; Kocka/Offe, 2000; Rüthers, 2000

[8] Hier ist die ökonomische Globalisierung gemeint wie der „Export von Arbeitsplätzen“; vgl. Opaschowski, 1998, S. 12; ebenso: Rüthers, S. 49

[9] vgl. Schmid in Kocka/Offe, S. 270

[10] vgl. Lehmann in „Bundesministerium für Gesundheit“, Band 119, 1999, S. 32

[11] vgl. Wollny in „Bundesministerium für Gesundheit“, Band 119, 1999; ebenso: Kapitel 4.3

[12] Zur Verlängerung des erwerbsfreien Lebens tragen auch die erhöhte Lebenszeit und die

ausgedehntere Schul- und Ausbildungszeit im Vergleich zu früher bei.

[13] vgl. Stengel, S. 17 ff.

[14] Zimmermann in Schäfers, S. 12

[15] vgl. ebd., S. 14

[16] Jahoda, 1983, S. 24 - 27

[17] vgl. ebd., S. 27

[18] Jahoda, 1975, S. 83

[19] vgl. Jahoda, 1983, S. 36

[20] Warr zitiert nach Wacker in Stimmer, 2000 a, S. 46

[21] vgl. Stengel, S. 12; ebenso: Giarini/Liedtke, S. 211 ff.; Rüthers, S.51 ff.

[22] vgl. u.a. Giarini/Liedtke, 1998, S.42 ff.; Opaschowski, 1998, S. 34 ff.

[23] vgl. Opaschowski, 1998, S. 34

[24] vgl. Kapitel 3.1

[25] vgl. Tokarski/Schmitz-Scherzer, 1985, S. 224; Benthaus-Apel, S. 132 ff.

[26] vgl. Stengel, S. 294

[27] vgl. Opaschowski, 1997, S. 31

[28] Bertelsmann-Lexikon, 1997

[29] vgl. Boeckh, S. 33; Opaschowski, 1997, S.27 f.; Tokarski/Schmitz-Scherzer, S.34

[30] Tokarski/Schmitz-Scherzer, S. 227 f.

[31] Nahrstedt, 1988, S. 60

[32] Opaschowski, 1996, S. 85

[33] Der Terminus Arbeit wird bei Opaschowski in diesem Zusammenhang im Sinne von Erwerbs arbeit verwendet. Deshalb soll im Folgenden dieses terminologische Verständnis beibehalten werden. Andere Arbeitsformen, wie ehrenamtliche Tätigkeiten, werden zur Unterscheidung entsprechend eindeutig benannt.

[34] Opaschowski, 1996, S. 86

[35] Opaschowski, 1996, S.86

[36] vgl. ebd.

[37] vgl. Opaschowski, 1996, S. 87

[38] Opaschowski, 1996, S. 90 f.

[39] vgl. Opaschowski, 1996, S. 95

[40] vgl. ebd.

[41] vgl. Opaschowski, 1996, S. 33

[42] vgl. Kapitel 2.2

[43] vgl. Rogers, S. 41 ff.

[44] vgl. Eck u.a., S. 32

[45] vgl. ebd.

[46] Ausführlicher: Rogers, S. 136 ff.

[47] vgl. Eck u.a., S. 34

[48] vgl. Opaschowski, 1996, S. 28 ff.

[49] vgl. Opaschowski, 1996, S. 28 f.

[50] vgl. ebd.

[51] vgl. Oberste-Lehn zitiert in Krumpholz-Reichel, S. 30

[52] vgl. Benthaus-Apel, S.18 ff. und 153 ff.

[53] vgl. Benthaus-Apel, S.21; ebenso: Opaschowski, 1997, S. 36/37

[54] vgl. Pöggeler in Fromme/Freericks, S. 47

[55] vgl. ebd., S. 49

[56] Opaschowski, 1997, S. 235

[57] Langzeitarbeitslosigkeit bedeutet eine Erwerbslosigkeitsdauer von mindestens einem Jahr. vgl. Kieselbach in Mauthe, S. 240

[58] Wie eng der Begriff „Lebensinhalt“ mit der Erwerbsarbeit in unserer Gesellschaft verknüpft wird, habe ich im Übrigen feststellen können, als ich in meinem Computerprogramm nach einem synonymen Terminus für „Lebensinhalt“ suchte. Es fanden sich vorrangig berufsbezogene Begriffe wie „Beruf“, „Arbeit“, „Dienst“, etc.

[59] vgl. Zempel/Frese, S. 38; ebenso: Jahoda, 1975; Kieselbach/Wacker, 1991; Kieselbach in Mauthe, S. 240 ff.

[60] vgl. Zempel/Frese, S.37 ff.

[61] Opaschowski, 1998, S. 17; Opaschowski, 1997, S. 197

[62] ausführlicher u.a.: Kieselbach in Mauthe, S. 240 ff; Kieselbach/Wacker, 1991

[63] Wenn im Folgenden von „Deprivierten“ die Rede ist, so sind damit jene Gesellschaftsmit- glieder gemeint, die auf Grund von sehr geringem oder keinem Einkommen über so begrenzte finanzielle Mittel verfügen, dass sie vom sozialen und kulturellen Leben im gesellschaftlich üblichen Stil ausgegrenzt sind: vgl. dazu: Ansen in Stimmer, 2000 a, S. 49 f.

[64] vgl. Kronauer/Vogel/Gerlach, S. 90 ff.

[65] vgl. ebd., S. 98 ff.

[66] vgl. ebd., S. 102f.

[67] vgl. ebd., S. 107

Ende der Leseprobe aus 132 Seiten

Details

Titel
Zur Relevanz sozialpädagogischer Freizeitarbeit für erwachsene chronisch psychisch Kranke im psychosozialen komplementären Bereich
Untertitel
Am Beispiel einer Kontakt- und Begegnungsstätte unter der besonderen Berücksichtigung der an Schizophrenie Erkrankten
Hochschule
Universität Lüneburg
Note
1.0
Autor
Jahr
2001
Seiten
132
Katalognummer
V59013
ISBN (eBook)
9783638530545
Dateigröße
960 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Relevanz, Freizeitarbeit, Kranke, Bereich, Beispiel, Kontakt-, Begegnungsstätte, Berücksichtigung, Schizophrenie, Erkrankten
Arbeit zitieren
Diplom Sozialpaedagogin Angela Pflüger (Autor), 2001, Zur Relevanz sozialpädagogischer Freizeitarbeit für erwachsene chronisch psychisch Kranke im psychosozialen komplementären Bereich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59013

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Zur Relevanz sozialpädagogischer Freizeitarbeit für erwachsene chronisch psychisch Kranke im psychosozialen komplementären Bereich


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden