Risikobereitschaft und Anlegermentalität in Deutschland

Inwiefern besteht unter den Bürgern in Deutschland eine unscharfe Risikowahrnehmung zu Aktien und Finanzanlagen?


Essay, 2019

10 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Anlegerklassifizierung

,,Expertensicht“ auf Aktien als Vorsorgestrategie

Negative realpolitischen Erfahrungen mit Aktien – Volksaktie Telekom und die Dot Com Blase

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im Jahr 2019 besitzen lediglich 16 Prozent der Deutschen Aktien. Im internationalen Vergleich stellt die seit Jahren unveränderte Zahl der Aktionäre eine desaströse Quote dar; allen Bemühungen der Medien und Verbänden zum Trotz, den Aktienmarkt und die Börse für Verbraucher verständlicher und attraktiver zu machen. Zum Vergleich: In den USA ist mehr als jeder Zweite, Aktienmarktteilnehmender.1 Aktien weisen auf lange Sicht die höchste Renditeerwartung auf und sind gerade im aktuell anhaltenden Umfeld von niedrigen Zinsen eine der wenigen Anlagealternativen mit positiv erwirtschafteter Realrendite. Hinzu kommt, dass unumstritten der Aktienhandel die einzige sinnvolle Möglichkeit für die private Altersvorsorge darstellt. Seit den 1980er Jahren hat sich sowohl auf makro- als auch auf mikroökonomischer Ebene die Erkenntnis durchgesetzt, dass die normativen Ansätze neoklassischer Finanzmarkttheorie das tatsächliche Anlegerverhalten an Finanzmärkten nicht ausreichend erklären können. So soll genau diese emotional getriebenen Verhaltensanomalien besondere Beachtung in diesem Essay finden.

Es soll untersucht werden, woran die offenbare Diskrepanz zwischen kontinuierlich steigenden Aktienkursen im DAX und der trüben ängstlichen Anlegermentalität in Deutschland herrührt. Woran liegt es, dass obgleich die überwiegende Mehrheit der Börsenexperten und -Kenner in Deutschland das Handeln und spekulieren mit Aktien und Fonds für große Teile der Bürger empfehlen, die Hemmungen davor als übertrieben groß eingeschätzt werden?

In dieser Arbeit werden zunächst finanzwissenschaftliche und ökonomische Begriffe definiert. Anschließend soll die Wahrnehmung und Deutung von Risiko näher betrachtet werden. Daraufhin wird die Frage betrachtet, inwiefern ein Paradoxon zwischen ebendieser Risikowahrnehmung und der Expertensicht besteht. Nach einer Vorstellung unterschiedlicher Anlegertypen wird auf die Vor- und Nachteile von Spekulationen an der Börse als Anlage eingegangen, mit dem Fokus des Anlegerrisikos. Obwohl Aktien als Vorsorgestrategie (etwa für private Altersvorsorge) aufgrund der aktuellen Niedrigzinspolitik aus Renditesicht lukrativ erscheinen mögen, wurden diesbezüglich oft gegenteilige individuell gedeutete Erfahrungen gemacht. Diese mögen etwa die Dotcomblase im März 2000 und die weltweite Finanzkrise ab 2007 sein, welche in diesem Essay zum Schluss behandelt werden.

Risikowahrnehmung – Risikobewertung - Risikobereitschaft

Die Risikowahrnehmung umfasst die Aktivitäten, die Anleger erbringen, zur Beobachtung der für sie relevanten Märkte, Anbieter und Produkte. Mit vorhandenem Wissen, früheren Erfahrungen, und persönlichen Empfindungen werden die gewonnenen Daten ergänzt und abgeglichen. , was wiederum zu einer klar subjektiven Risikowahrnehmung führt. Diese ermöglicht keine objektive Perzeption der Realität, sondern eine Konstruktion durch das wahrnehmende Individuum.2

Im Vergleich zur Risikowahrnehmung, welche die Menge an wahrgenommen Daten beschreibt, geht es bei der Risikobewertung um hieraus abgeleitete, risikobezogene Schlussfolgerungen. Unterschiedliche Risikobewertungen, trotz gleicher Wahrnehmungen, passieren aufgrund der individuell- subjektiven Steuerung, die von Vorwissen, Motiven, Einstellungen und Emotionen abhängig sein kann. Die unterschiedliche Einschätzung von Risiko führt zu maximal möglicher Ausschöpfung der Gewinnmöglichkeiten für risikofreudige Anleger: Würde jedes Risiko von allen Marktteilnehmern gleich bewertet, könnten zahlreiche Risikochancen nicht genutzt werden.3

Risikobereitschaft ist, nach Douglas & Wildavsky, kulturelle Prägung und ein Teil subjektiver psychologisch – sozialer Selbstdefinition. Sie wird auch von der aktuellen Risikowahrnehmung und ihrer Bewertung beeinflusst. Nach Lopes denken und handeln risikofreudige Personen eher gewinnorientiert und gelten so als Entrepreneure, sind sie doch hoch motiviert spielen gerne nehmen dabei bewusst größere Risiken in Kauf. Gegensätzlich dazu gelten sicherheitsorientierte Personen als risikoscheu, mit möglichen unrealisierten Renditen.4

Anlegerklassifizierung

Im Folgenden sollen die Anleger in unterschiedliche Typen klassifiziert werden zur differenzierten Risikobetrachtung. Die resultierenden drei Typen werden wie folgt beschrieben:5

- Risikoneutrale Anleger orientieren sich nur am mathematischen Erwartungswert und messen Risiko keinen Entscheidungswert bei
- Risikoaverse Anleger entscheiden sich bei identischen Erwartungswerten für Option mit geringerem Streuungsmaß also dem geringeren Risiko.
- Risikoaffine Anleger entscheiden sich bei identischen Erwartungswerten für Option mit höchstem Risiko, da individueller Nutzen mit der Risikozunahme steigt.

Das Handeln nach diesen Maximen ist jedoch nicht per se rational oder klar zu empfehlen, was sich auch in der mangelnden praktischen Anwendbarkeit widerspiegelt. So wird für die Anlegertypen auf eine allgemeine Definition aus der Praxis zurückgegriffen und diese nun in unterschiedliche Typen der Risikobereitschaft unterteilt:6

- Substanzorientierte Anleger sehen die Sicherheit des angelegten Geldes am bedeutendsten. Der Erhalt des Kapitals ist wichtiger als eine starke Rendite. Sie legen typischerweise in Bausparverträge oder Bundeswertpapiere an.
- Ertragsorientierte Anleger achten auf gesicherte Zinseinkommen und akzeptieren auch geringere Renditen bei niedrigeren Kursrisiken und Zinsschwankungen, indem sie etwa in festverzinsliche Wertpapiere oder Rentenfonds investieren.
- Wachstumsorientierte Anleger erwarten eine Rendite über dem normalen Zinsniveau. Sie nutzen neben sicheren Erträgen Chancen aus Kurs- und Währungsgewinnen. Ein wachstumsorientiertes Portfolio enthält Aktien, Rentenfonds und Zertifikate.
- Chancenorientierte Anleger hegen größtmögliche Gewinnerwartungen und spekulieren auf Kurs- und Währungsgewinne, weshalb sich für ihn primär europäische und weltweite Aktien, Derivate und Optionen eignen.

,,Expertensicht“ auf Aktien als Vorsorgestrategie

Längst ist klar, dass das Risiko, auf dem Aktienmarkt, überschätzt wird. So rechnet das Deutsche Aktieninstitut im "Dax-Renditedreieck" vor, dass sich langfristiges Aktiensparen im letzten halben Jahrhundert in der Regel finanziell gelohnt hat. Einsteiger im Jahr der Finanzkrise 2008 welche ihre Aktien über 10 Jahre hielten, erzielten demnach mit durchschnittlichen 8% Prozent weitaus mehr jährliche Rendite als jedes Girokonto. Studierende und Berufsanfänger, die bis zur Rente noch rund 40 Jahre arbeiten und privat für ihr Alter vorsorgen können, haben also einen sicheren Anlagehorizont.7

Das Risikoverständnis vieler Deutscher stellt einen Grund für die mangelnde Teilnahme am Aktienmarkt dar. Lediglich 41 Prozent der Aktienverweigerer bewerten das Risiko bei Aktienfonds deutlich geringer ein als bei Einzelaktien8. Also wäre eine gezielte Aufklärung über tatsächlichen Risiken und Chancen von Aktienanlagen sehr hilfreich, gelten Deutsche im internationalen Vergleich doch als risikoscheu, mit geringem Veränderungswillen.

Unabhängig vom Geschlecht oder Alter scheint die Börse zahlreichen Deutschen ein Ort der Angst zu sein mit unscharf erkennbaren aber zweifelsohne existierenden Risiken. Ursächlich dafür ist gemäß der Deutschen Börse neben zu kleinem Vermögen auch nicht ausreichendes Wissen und Vorbildung sowie die Verlustängste durch eine mögliche wirtschaftliche Katastrophe. Nach Christine Laudenbach von der Frankfurter Goethe-Universität fehlt über 50 Prozent der Nicht-Aktienbesitzer nach eigener Aussage das Wissen, wie man am Aktienmarkt investiert. Sie blicken bei zu vielen überfordernden Produkten oft nicht durch und sehen einer komplexen Depoteröffnung kritisch entgegen.9 Nach Prof. Grote der Frankfurt School of Finance wäre eine Lösung aus der Krise für risikoaverse Anleger, sogenannte ETFs und breit gestreute Fondssparpläne mit lang angelegten Zeiträumen und geringerem Risiko. So könnten es sich Anleger leichtmachen, bei großzügigen Renditeerwartungen. Obgleich basale Kenntnisse über den Aktienmarkt zwar notwendig sind, müssen sie nämlich nicht so umfangreich sein, wie oft fälschlicherweise angenommen.10

[...]


1 Vgl. Stephan 2019

2 Vgl. Wahren 2009

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Vgl. Gillenkirch (o.A.)

6 Vgl. Keller

7 Vgl. Stephan 2019

8 Ebd.

9 Ebd.

10 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Risikobereitschaft und Anlegermentalität in Deutschland
Untertitel
Inwiefern besteht unter den Bürgern in Deutschland eine unscharfe Risikowahrnehmung zu Aktien und Finanzanlagen?
Hochschule
Zeppelin University Friedrichshafen
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
10
Katalognummer
V590556
ISBN (eBook)
9783346167323
ISBN (Buch)
9783346167330
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aktien, anlegermentalität, bürgern, deutschland, finanzanlagen, inwiefern, risikobereitschaft, risikowahrnehmung
Arbeit zitieren
Andreas Evers (Autor), 2019, Risikobereitschaft und Anlegermentalität in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/590556

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