Maria Montessori. Pädagogische Grundgedanken im Kontext der frühen Kindheit


Hausarbeit, 2020

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lebensgeschichte und historischer Kontext

3. Grundgedanken der Maria Montessori

4. Das Kind
4.1 Polarisation der Aufmerksamkeit
4.2 Entwicklungsstufen
4.3 Die sensiblen Phasen

5. Die vorbereitete Umgebung

6. Pädagogische Haltung

7. Relevanz für die soziale Arbeit und Fazit

8. Literaturverzeichnis

Vorwort

Sprache konstruiert Wirklichkeit. Daher wird hier bewusst eine gendergerechte Sprache angewendet, die von einem egalitären Geschlechterverhältnis ausgeht sowie die Vielfalt geschlechtlicher Identitäten anerkennt.

Diese wissenschaftliche Arbeit befasst sich mit einer pädagogischen Thematik. Häufig wird in dieser Berufsbranche von ErzieherInnen gesprochen. Unter diesen Umständen erscheint es wichtig, daraufhinzuweisen, dass der Begriff zum Einen eine negative Asymmetrie zwischen Kind und Erwachsenen erzeugen könnte und zum Anderen ein hauptsächlich weiblich besetztes Arbeitsfeld transportiert. Daher wird hier als neutrale Alternative die Fachkraft als Berufsbezeichnung gewählt und spricht somit alle Geschlechter an.

1. Einleitung

Maria Montessori, die populärste Reformpädagogin des 20. Jhd., prägte die Sozialpädagogik bis heute wie keine andere. Ihr Konzept wird weltweit umgesetzt. Allein in Deutschland arbeiten ca. 1000 Institutionen nach dem Prinzip der Montessori-Pädagogik (vgl. Montessori Dachverband Deutschland e.V.).

Die Komplexität ihrer Theorie findet sich in den unterschiedlichsten Bereichen der Sozialen Arbeit wieder. Aufgrund dieser Vielfalt wird sich in dieser Arbeit auf die frühe Kindheit (ein bis drei Jahre) beschränkt und der Leitfrage nachgegangen, welche Grundgedanken Maria Montessori in Bezug auf die frühkindliche Entwicklung hatte und ob ihr Ansatz für die heutige Bildungsarbeit noch zeitgemäß ist. Bevor dieser Frage nachgegangen wird, soll auf die Person eingegangen werden, die hinter dieser Idee steckt. Wer war diese Frau, deren Theorie in die Reformpädagogik einging und noch bis heute nachwirkt und wie lässt sich die Zeit beschreiben in der Maria Montessori aufwuchs? Hierzu soll zunächst die Lebensgeschichte Montessoris im historischen Kontext beleuchtet werden.

Anschließend werden die drei fundamentalen Säulen ihrer Pädagogik umrissen. Diese bestehen aus einem Zusammenspiel zwischen dem Kind, der Umgebung und dem Erwachsenen und bilden die Grundgedanken Montessoris. Die Säule des Kindes soll zum einen entwicklungspsychologisch und anhand der sensiblen Phasen erläutert und zum anderen soll der Begriff der „Polarisation der Aufmerksamkeit" spezifiziert werden.

Die zweite Säule charakterisiert die vorbereitete Umgebung während sich die dritte Säule auf die pädagogische Haltung bezieht.

Anhand dieses Grundgerüstes wird anschließend die Relevanz dieser Theoriefür die heutige Soziale Arbeit in Bezug frühkindlicher Bildung hinterfragt. Hierbei spielen entwicklungspsychologische sowie Bindungs und Hirnforschungstheorien eine wesentliche Rolle. Aber auch zu anderen Theorien, die in der heutigen Sozialen Arbeit eine Rolle spielen soll mit Montessoris Ansatz Bezug genommen werden.

2. Lebensgeschichte und historischer Kontext

Maria Montessori wurde als einzige Tochter eines Staatsbeamten, der für die finanzielle Verwaltung einer Tabakindustrie verantwortlich war und einer Frau aus gutbürgerlichem Hause, am 31.08.1870 in Italien, Chiaravalle, geboren. Zu dieser Zeit herrschte in Italien ein Machtkampf zwischen Kirche und Staat. Italien befand sich in einer Unabhängigkeitsbewegung und die Industrialisierung kam zögerlich in Gang. Montessoris Eltern waren Befürworter der Gründung eines neuen, freien und liberalen Staates. Die christlich-katholische Religion war dennoch ein wesentlicher Bestandteil ihrer Erziehung und lässt sich auch später in ihren pädagogischen Theorien wiederfinden. Vor allem wurde Montessori zur Nächstenliebe und Armenfürsorge erzogen. Ihr Vater, ehemaliger Soldat, wurde mehrmals durch den Staat für seine treuen und patriotischen Dienste ausgezeichnet, wodurch die Familie Montessori ein hohes gesellschaftliches Ansehen genoss (vgl. Schwegman 2000: 27).

Das Recht der Frauen auf Bildung, das in der Europäischen Union heutzutage als selbstverständlich wahrgenommen wird, lag zu Maria Montessoris Lebzeiten noch in weiter Ferne. Aus diesem Grund war es folglich für die damaligen gesellschaftlichen Wertevorstellungen unerhört als Montessori mit 12 Jahren den Wunsch äußerte, eine technische Schule zu besuchen, um Ingenieurin werden zu können. Damals erwartete man von Frauen, dass sie hauswirtschaftlichen Tätigkeiten nachkommen, somit war es wider der gesellschaftlichen Normen (vgl. Ebd.: 27 ff.).

Liest man Montessoris Werdegang und verknüpft dies mit dem damals vorherrschenden, streng getrennten Rollenbildern von Mann und Frau, so liegtes nahe, dass ihre späteren pädagogischen Methoden genau diesem Verständnis entgegen zu wirken versuchten. Interpretiert man ihre Didaktik, kann auf ein zu dieser Zeit oppositionelles Mädchen mit eigenen Interessen und Bedürfnissen geschlossen werden, die ihren ganz eigenen Kampf in der Gesellschaft bestreitet.

Trotz der damaligen Norm gaben die Eltern Montessoris Wunsch nach und sie ging 1883, also mit 13 Jahren, als einziges Mädchen auf die römische Reichstechnische Schule Michelangelo Buonarotti. Einige Jahre später erhielt sie als erste Frau in Italien die Zulassung zum Studium der Medizin und erlang 1896 die Doktorwürde. Anschließend wirde sie Assistenzärztin in einer psychiatrischen Klinik für „schwachsinnige" Kinder. Durch diese Arbeit nimmt ihre spätereTheorie Formen an. Ihren Schwerpunkt legte sie hierbei auf die Sinneserfahrung und orientierte sich dabei an dem Werk des Arztes Séguin1 (vgl. Ebd.: 29 ff.). Sie fand heraus, dass diese Kinder weit mehr als nur medizinische Versorgung brauchen, und vertiefte ihre pädagogischen Gedanken.

1898 wurde ihr unehelicher Sohn Mario geboren, welchen sie aufgrund der damaligen gesellschaftlichen Normen in Pflege gab um ihre Karriere als Ärztin nicht zu gefährden. Als die Pflegemutter 1912 starb, nahm Montessori den bereits jugendlichen Sohn zu sich.

1902 begann sie das Studium der Anthropologie und Pädagogik. Anschließend eröffnete sie 1907 das erste Kinderhaus „Casa dei Bambini" mit dem Schwer-punkt auf Kleinkinderziehung. Bald baute sie ihre pädagogische Praxis auch für das Grundschulalter bis zu 12 Jahren aus. Es entwickelte sich eine erste Popularität der „Montessori-Erziehung" weit über Italien hinaus (vgl. Ebd.: 31 ff.). Warum ihre Theorie auf so ein grosses Interesse stößt, lässt sich auch auf die Zeit der Industrialisierung und der damit verbundenen negativen Konsequenzen (menschenunwürdige Bedingungen, Revolutionen, Armut, Hunger, Not usw.) für den Großteil der Bevölkerung zurückführen. Es entstand eine Art „Kulturkritik" in nahezu allen Lebensbereichen und auch das Bildungssystem stellte man fortan in Frage (vgl. Schumacher 2016: 14).

Bald wurden die Missstände als Herausforderung begriffen, und schließlich keimte die Überzeugung auf, dass ein besseres Leben, in dem Frieden, Wohlergehen und Fortschritt walten sollten, bei der nachwachsenden Generation beginnen müsse. Letztlich war es diese Vorstellung vom neuen Menschen in einer besseren Welt, die vor allem bei der Jugend ein neues Lebensgefühl hervorrief und die der Pädagogik einen ungeahnt großen Aufschwung bescherte (Schumacher 2016: 15).

Die Reformpädagogik entwickelte sich einerseits durch Montessoris Ansätze weiter, andererseits durch John Dewey (1859–1952) und Jean Piaget (1896– 1980). Im Laufe ihrer Karriere hielt Montessori zudem viele Vorträge und bildete Montessori-Pädagogen aus. Aufgrund der hohen Nachfrage folgten erste Buchveröffentlichungen, die auch in andere Sprachen übersetzt wurden. Immer mehr Schulen und Kinderhäuser wurden nach dem Vorbild der „casa die Bambini" errichtet (vgl. Oswald et al. 2008: 259).

Während des Ersten und Zweite Weltkrieges erweiterte Montessori ihre Theorie mit dem Schwerpunkt auf eine Erziehung zum Frieden sowie einer göttlichen, stark christlich geprägten Grundhaltung. Montessoris Niederschriften wurden schließlich während der nationalsozialistischen Führung verbrannt, ihre Institutionen geschlossen und es folgte ein Montessori-Verbot, welches später auch in Italien ausgesprochen wurde. Montessori und ihre Anhänger wurden verfolgt. Sie flüchtete nach England, in die Niederlande, nach Spanien und schließlich - im Alter von 70 Jahren- nach Indien, wo sie Erziehungswesen nachhaltig prägte.

1949 kehrte sie zurück in die Niederlande und verstarb dort am 6. Mai 1952 im Alter von 82 Jahren. Montessoris Theorie entwickelte sich über ihr ganzes Leben hinweg und wurde nach ihrem Tode von ihrem Sohn Mario weitergeführt (vgl. Ebd.: 259 ff.).

Aus den dargelegten historischen Einblicken ergibt sich ein pädagogisches Konzept. Dieses wird im nächsten Kapitel beleuchtet und soll einen groben Umriss der Grundgedanken Montessoris bieten.

3. Grundgedanken der Maria Montessori

Montessoris Pädagogik ist ein Zusammenspiel aus drei wesentlichen Aspekten, wobei 1. das Kind mit seinen individuellen Bedürfnissen 2. die auf das Kind abgestimmte Umgebung und 3. der passiv beobachtende Erwachsene dabei die wesentlichen Grundmerkmale sind. Montessoris Bild vom Kind hat dabei eine anthropologische Grundhaltung. Das Kind trägt in sich einen sch ö pferischen Geist, dessen Bedürfnisse gottgewollt sind und deren Erfüllung ebenfalls als ein Dienst an/für Gott durch den Erwachsenen zu betrachten ist. „Wir dürfen nicht nur das Kind sehen, sondern Gott in ihm (...) und die Gesetze der Schöpfung in ihm achten" (Montessori o.J., zit. nach Oswald et al. 2008: 97). Das nächste Kapitel beschreibt die erste Säule des Zusammenspiels.

4. Das Kind

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde weitläufig davon ausgegangen, daß der Erwachsene den Charakter eines Kindes formen kann und daß es nicht nur die Aufgabe, sondern die Pflicht des Erziehers ist, diese Formung vorzunehmen. Dem Kind und seiner schöpferischen Kraft überlässt man den kleinsten Teil an dieser Bildungsarbeit (Oswald et al. 1967: 25).

Damit wird deutlich, dass bisher nicht die Bedürfnisse des Kindes im Vordergrund standen, sondern diese vom Erwachsen vorgegeben wurden und der Nutzen somit nicht beim Kind sondern beim Erwachsenen lag. Geht man dem eigenen Geiste des Kindes nach, so sagt Montessori, kann Bildung stattfinden (vgl. Oswald et al. 1972: 234). Diese vollzieht sich demnach vom Kinde aus und nicht wie angenommen vom Erwachsenen. Das Kind trägt seinen eigenen Bauplan in sich und ihm wohnt eine schöpferische Kraft inne, aus der heraus es seine eigene Persönlichkeit entwickelt und eine innere Ordnung findet. Montessori schreibt: „Jeder Mensch ist von allen anderen verschieden, in jedem wohnt ein eigener, schöpferischer Geist, der aus ihm ein Kunstwerk der Natur macht" (Montessori o.J., zit. nach Helming: 57f.).

Der Begriff der „Polarisation der Aufmerksamkeit", welcher im nächsten Punkt konkretisiert wird, nimmt im Rahmen der Montessori-Pädagogik einen besonderen Stellenwert ein.

4.1 Polarisation der Aufmerksamkeit

Montessori ging davon aus, dass sich Kinder in einer passenden Umgebung einer intensiven geistigen Tätigkeit widmen und nutzt daher den Begriff der Arbeit. Gemeint ist dabei eine Entwicklungsarbeit, die das Kind durchlebt, indem es sich intensiv einer Sache widmet (vgl. Fuchs 1992: 113). Lässt man dem Kind und seinem natürlichen Explorationsverhalten freien Lauf, so lässt sich erkennen, dass Kinder in der Lage sind, sich für einen längeren Zeitraum mit viel Engagement und einer hohen Konzentration einem frei gewählten Interesse zu widmen. Hierzu beschreibt Montessori eine Schlüsselsituation, in der sie ein dreijähriges Mädchen dabei beobachtet hat, wie es sich völlig aufmerksam und konzentriert mit einer Arbeit befasst, die es selbst gewählt hatte. Dieses Mädchen ließ sich trotz vieler Ablenkungsversuche nicht von ihrem Tun abbringen und wiederholte es ganze 44 Male. Montessori stellte ausserdem fest, dass das Kind, nachdem es von sich aus mit der Aktivität aufgehört hatte, sich freundlich den anderen zuwandte und sich in einem Zustand innerer Befriedigung, Offenheit und Heiterkeit befand (vgl. Helming 1963: 53).

Diese erhöhte Form der Aufmerksamkeit konnte sie anschließend bei allen Kindern beobachten, denen sie den Freiraum ließ, ihre Umwelt eigenständig und aus einer inneren Motivation heraus zu erforschen. Sie prägt dieses Phänomen durch den Begriff der Polarisation der Aufmerksamkeit, welche letztendlich zu einer inneren Ruhe und Entspanntheit der Kinder führt. Montessori schreibt dazu:

Nachdem das Phänomen der Polarisation der Aufmerksamkeit stattgefunden hatte, schien sich in ähnlicher Weise alles Unorganisierte und Unbeständige im Bewusstsein des Kindes zu einer inneren Schöpfung zu organisieren, deren überraschende Merkmale sich bei jedem Kinde wiederholten (Montessori o.J. zit. nach Oswald et al. 2008: 77 ff.).

Der Prozess der Polarisation der Aufmerksamkeit lässt sich in drei Phasen zusammenfassen:

1. die vorbereitende Stufe, in der das unruhige Kind nach einer Arbeit sucht und ggf. mit Hilfe des Erwachsenen eine findet.
2. die Stufe der großen Arbeit, in der sich das Kind sich intensiv seiner Arbeit widmet und sich der Erwachsene bewusst zurückzieht und nicht eingreift. Diese Phase ist gekennzeichnet durch ständige und intensive Wiederholungen der Übung (z.B. das Sortieren von Erbsen und Nüssen).

[...]


1 franz. Arzt, Pädagoge, lebte von 1812 - 1880, gilt als Begründer einer wissenschaftlich -systematischen Geistigbehindertenpädagogik

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Maria Montessori. Pädagogische Grundgedanken im Kontext der frühen Kindheit
Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
21
Katalognummer
V590577
ISBN (eBook)
9783346194725
ISBN (Buch)
9783346194732
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frühe Bildung Erziehung Pädagogik u3
Arbeit zitieren
Melina Trichli (Autor), 2020, Maria Montessori. Pädagogische Grundgedanken im Kontext der frühen Kindheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/590577

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