Der platonische Begriff der Erziehung am Beispiel Platons Höhlengleichnisses


Seminararbeit, 2002

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Höhlengleichnis

3 Die Übertragung des Gleichnisses auf das Lernen

4 Platons „Staat“
4.1 Der Ausbildungsgang der Regenten - Die Lehrfächer
4.2 Die Dialektik
4.3 Der Regent
4.4 Der Ausbildungsweg der Regenten in Platons „Staat“

5 Die Erziehungsmacht

6 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das Werk „Politeia“ wurde von Platon im Jahre 370 v. Chr. verfasst. Er entwirft darin einen Staat, der als idealtypisch gelten soll. Es stellt einen Neuanfang zur Verbesserung der politischen Institutionen und des Menschen dar, die Rettung vor dem Zerfall von Staat und Mensch. (vgl. Kersting 1999, S. 4) Diese Rettung kann nur durch die Lehre der Philosophie fruchten. Sie allein ist in der Lage zu erkennen was gerecht, gut und schön ist. Das Elend der Menschen kann nur durch Symbiose von politischer Macht und philosophischer Einsicht gelindert werden. Die Erziehung zum wahren Philosophen ist somit erste und wichtigste Aufgabe eines idealen Staates. Nur der wahre Philosoph vermag es die Menschen aus der politischen und moralischen Krise zu führen. Demzufolge müssen entweder die Philosophen zu Herrschern werden oder die Herrscher zu Philosophen (vgl. Kersting, 1999, S. 5). Das Bemühen um Gerechtigkeit, Charakter und Güte liegen als unerlässlich sämtlichen Bemühungen zu Grunde.

Im Verlauf der Hausarbeit wird auf die Thematik der Erziehungskonzeption in Platons Idealstaat eingegangen werden. Hierbei soll schwerpunktmäßig auf die Erziehung der zukünftigen Regenten seines Staates Bezug genommen werden. Grundlegende Frage in diesem Zusammenhang soll sein:

- Wie äußert sich der platonische Begriff der Erziehung in der Konzeption der Lehrvermittlung, der Auswahl der Edukanten, ihrem Ausbildungsweg und dem übergeordneten Erziehungsziel, dem Philosophenherrscher?

Die Hausarbeit soll auch explizit auf die Vorrausetzungen der Zulassung zur Platonischen Akademie eingehen. Um ein Gesamtbild der Erziehung der Herrscher von Kind auf zu erlangen, werden die Inhalte des siebten Buches der „Politeia“ beleuchtet. Ebenso soll herausgestellt werden welche Lehrfächer Platon als wichtig erachtet um einen wahren Philosophenherrscher zu formen. Das Höhlengleichnis dient als Anleitung zur Regentenausbildung und soll daher Grundlage der Argumentationen sein.

2 Das Höhlengleichnis

Im siebten Buch von Platons „Politeia“ erzählt er eine Geschichte, ein Gleichnis. Es handelt sich hierbei um einen Dialog zwischen Sokrates und Glaukon. Dem Höhlengleichnis wird eine große Bedeutung für die Platonische Philosophie zugeschrieben. In diesem Gleichnis wird der schwere Weg beschrieben, den es zu gehen gilt, um in einem Idealstaat, wie ihn Platon in „Politeia“ konstruiert, Herrschaft zu erlangen.

Ausgangspunkt dieser Schilderung ist die Beschreibung der Situation der Menschen. Der Mensch lebt, nach Platons Vorstellung, in einer höhlenartigen Welt. Diese Höhle hat einen Eingang der so breit ist wie der Querschnitt der Höhle selbst. Der Weg in die Höhle ist abschüssig und führt vom Tageslicht in das Dunkel der Behausung. Die Menschen sind seit ihrer Geburt im Innern dieser Höhle und an ihren Gliedmaßen so gefesselt, dass sie bewegungslos dasitzen und nur in eine Richtung sehen können. Doch in Platons Vorstellung ist diese Höhle nicht vollständig dunkel. In ihr befindet sich ein Feuer, das weit hinter den vor der Höhlenwand nebeneinander sitzenden Bewohnern brennt. Im Raum zwischen den Menschen und dem Feuer ist eine Mauer, gerade so hoch, dass ein stehender Mensch verdeckt werden würde. Hinter dieser Mauer, vor dem Feuer, tragen andere Menschen verschieden Gerätschaften über ihren Köpfen an der Mauer entlang. Diese ragen bei diesem Prozess gerade über die Mauer rüber. Die Träger können nicht von den in ihrer Blickrichtung fixierten Menschen erkannt werden. Selbst wenn diese in der Lage wären den Kopf zu drehen, würden sie die Menschen hinter der Mauer nicht erkennen. Die Gegenstände die getragen werden könnten Anfertigungen handwerklicher Natur, Statuen und andere Dinge aus Stein oder Holz sein. Die vor der Höhlenwand sitzenden Menschen haben nicht den Wunsch sich zu befreien, schon von Geburt an dort sitzend, können sie nur die projizierten Schatten der vorbeigetragenen Gegenstände an der Höhlenwand erkennen. Diese Schattenbilder sind die einzige unumstößliche Wahrheit für sie. Die Träger kommunizieren leise miteinander, der gefesselte Mensch erkennt den Ursprung der Laute nicht, da er keine Erkenntnis über die Existenz der Träger hat. Für ihn gehören die vernommenen Worte zu den Schattenbildern an der vor ihm liegenden Höhlenwand. Die Projektion gestaltet sich für den Betrachter als Realität, als real existente Welt. Der Wunsch nach Wahrheitsfindung wird durch den völligen Glauben an die Unumstößlichkeit dieser Umwelt in den Hintergrund gedrängt.

Würde jedoch einer dieser Menschen nun befreit werden, ja geradezu gezwungen werden sich von den Projektionen abzuwenden und in den Feuerschein zu blicken, würde er große Schmerzen verspüren. Da er weder das aufrechte Gehen, noch den hellen Schein des Feuers gewohnt ist kommt er erst mit dieser neuen Situation nicht zurecht. Er kann die getragenen Gegenstände erst nicht richtig erkennen, weil diese ihn durch ihre Helligkeit blenden würden. Dieser Mensch wäre immer noch davon überzeugt, dass die wahren Dinge nur die Schatten seien, von ihm schon von Kind an betrachtet. Hat dieser Mensch nun einmal seine Fesseln abgelegt, Fesseln die seine Einfältigkeit verdeutlichen sollen, so kann er nun auch hinter die Mauer geführt werden um direkt in das Feuer zu sehen. Dies würde dennoch gegen seinen Willen geschehen, die Freiwilligkeit der neuen Erkenntnis gegenüber würde durch den Schmerz der Blendung und die Angst vor dem Ungewissen minimalisiert.

F. Schleiermacher beschreibt den Prozess der Entfesselung durch die Außenstehende Instanz als Akt des Zwanges. ,,Wenn einer entfesselt wäre und gezwungen würde, sogleich aufzustehen, den Hals herumzudrehen, zu gehen und gegen das Licht zu sehen, und, indem er das täte, immer Schmerzen hätte und wegen des flimmernden Glanzes nicht recht vermöchte, jene Dinge zu erkennen, wovon er vorher die Schatten sah: was, meinst du wohl, würde er sagen, wenn ihm einer versicherte, damals habe er lauter Nichtiges gesehen, jetzt aber, dem Seienden näher und zu dem mehr Seienden gewendet, sähe er richtiger, und, ihm jedes Vorübergehende zeigend, ihn fragte und zu Antworten zwänge, was es sei? Meinst du nicht, er werde ganz verwirrt sein und glauben, was er damals gesehen, sei doch wirklicher als was ihm jetzt gezeigt werde? [...] wenn man ihn gar in das Licht selbst zu sehen nötigte, würden ihm wohl die Augen schmerzen, und er würde fliehen und zu jenem zurückkehren, was er anzusehen imstande ist, [...]" (Schleiermacher 1958, S. 225)

Also kann festgehalten werden, dass der Mensch seine Höhle nicht verlassen will. Der, der ihn entfesselt hat, muss ihn mit Gewalt den Weg aus der Höhle ziehen und empor zum Höhlenausgang, in die Außenwelt, ins helle Licht, zwingen. Damit übernimmt diese Instanz auch die Verantwortung für den Aufstieg und darf nicht von dem Menschen ablassen, bis das Ziel erreicht ist. Der Aufstieg kann also nicht als Befreiung, sondern sollte besser als Freigabe gesehen werden, da er seiner Fesseln nur entledigt wird, um den Weg der Erkenntnis beschreiten zu können. Für den Bewohner der Höhle muss dieser Aufstieg noch schmerzhafter sein, als sich in der Höhle selbst umzuschauen. Er beschreitet unter Zwang einen holprigen, steilen Weg und das Tageslicht, welches noch heller als das Licht des Feuers in der Höhle ist, wird seinen Augen noch mehr Schmerzen bereiten. Sein Blick richtet sich zunächst nur auf die Erde und die Spiegelungen des Himmels im Wasser. Doch mit der zunehmenden Gewöhnung der Augen an das Licht beginnt er die Real-Welt zu erkennen. Schließlich wird er auch in der Lage sein, den Himmel, zumindest bei Nacht, zu betrachten. Der Sternenhimmel ist ein Symbol für die Welt der Ideen, die jetzt für ihn erkenntlich werden. Ihm wird bewusst, dass die Projektionen die er zuvor betrachtet hat nur Nachbilder dieser Ideen waren. Mit dieser Erkenntnis muss dem Menschen zwangsläufig sein früheres Leben trist erscheinen, und er wird Mitleid mit seinen ehemaligen Brüdern empfinden, da diese nicht in der Lage sind die wirkliche Welt in ihrer Wahrheit zu erkennen.

Für T. Ballauff geht es an diesem Punkt noch weiter. Der Mensch ist nicht nur fähig den Himmel bei Nacht zu schauen, sondern er erblickt die Sonne selbst. Ihm wird klar, dass sie die Urheberin allen Seins ist, er versteht dadurch die Ordnung der Welt und des Lebens. Er begreift, dass sein primäres Wissen einem Nichtwissen gleichkommt. Der Mensch kann jetzt dankbar sein, denn er hat eine neue Heimat gefunden. Die Sonne steht für die Idee über den Ideen, für das höchste Gut. Diese essentielle Erkenntnis zwingt den Menschen dazu, sein Wissen an die Mitbrüder weitergeben zu wollen. Ballauff sieht hierin die Geburt des Pädagogen (vgl. Ballauff 1952, S. 17).

Nun folgt zu diesem Zweck der Abstieg in die dunkle Höhle, zu den anderen noch gefesselten Menschen. F. Schleiermacher beschreibt den Blick in das Licht der Sonne und die Rückkehr in die Höhle wie folgt: ,,Zuletzt aber, denke ich, wird er auch die Sonne selbst, nicht Bilder von ihr im Wasser oder anderwärts, sondern sie als sie selbst an ihrer eigenen Stelle anzusehen und zu betrachten imstande sein. [...] Und dann wird er schon herausbringen von ihr, dass sie es ist, die [...] alles ordnet in dem sichtbaren Raume und auch von dem, was sie dort sahen, gewissermaßen die Ursache ist. [...] Wenn ein solcher nun wieder hinuntersteige und sich auf den selben Schemel setzte: würden ihm die Augen nicht ganz voll Dunkelheit sein, da er so plötzlich von der Sonne herkommt? [...] würde man ihn nicht auslachen und von ihm sagen, er sei mit verdorbenen Augen von oben zurück gekommen und es lohne nicht, dass man auch nur versuche hinaufzukommen; sondern man müsse jeden, der sie lösen und hinaufbringen wollte, wenn man seiner nur habhaft werden und ihn umbringen könnte, auch wirklich umbringen? - So sprächen sie ganz gewiss, sagte er." (Schleiermacher 1958, S.227).

Das Licht wird als Quelle allen Lebens, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Höhle gesehen. Die Konsequenz dieser Erkenntnis in ihrer gesamten Bandbreite, wie sie bereits bei T. Ballauff dargestellt wurde, ist der Abstieg zurück in die Höhle. Der Weg vom Licht ins Dunkel ist dem Weg vom Dunkel ins Licht recht ähnlich. Der Mensch ist zu Anfang orientierungslos, er wird sich in der Dunkelheit nicht zurechtfinden können und in seiner Hilflosigkeit wird er auf die anderen in der Höhle lächerlich wirken. Genau wir er sich in dem Moment seiner Entfesselung gewehrt hat, werden auch seine Brüder in der Höhle ihn abwehren, denn er spricht von Dingen die ihrer Ordnung und Wertvorstellung nicht entsprechen. Platon geht sogar soweit zu sagen sie würden ihn töten, falls sie die Möglichkeit hätten.

Nach E. Hoffman befindet sich der Mensch, nach dem erblicken des Lichtes, auf der Stufe der Vernunft, der Dialektik, die danach verlangt, sich mit anderen auseinanderzusetzen. In der Welt der Ideen gibt es eine Idee die über allen steht, sie gibt allem eine Ordnung und bringt deren Existenz hervor. Im Gleichnis ist dies das Bild der Sonne, die Idee des Guten. ,,Diese Idee muss Gott sein." (Hoffman 1955, S.159)

Ballauff geht auch hier weiter. Er sieht die Diskrepanz zu den Mitmenschen, die den Wissenden für die Unwissenden lebensuntauglich erscheinen lässt. Da der Wissende nicht aufgeben kann den anderen seine Erkenntnis mitzuteilen, muss er an deren Übermacht scheitern. „Das Höhlengleichnis gibt die unüberholbare Exposition der Tragödie der Paideia: der unaufhebbare Anspruch der Paideia an die Menschen und das unabänderliche Scheitern der Paideia in den Menschen. Gerade hierin spricht Platon, um sein Lebensschicksal wissend, von sich und seinem Vorhaben." (Ballauff 1952, S.17) Platon ist sich durchaus bewusst, dass der steile Weg der Erkenntnis nicht von jedem gegangen werden kann. Die übergeordnete Instanz, also der Philosoph ist verpflichtet die Auserwählten zu finden und sie zu zwingen, diesen Weg zu gehen, sie zu erziehen. Für ihn ist es eine Abwendung von allem vorher Bekannten, eine Hinwendung zu Neuem und somit eine Richtungsänderung der Sicht. Haben sie das Ziel erreicht, ist es ihre Pflicht, zwischen diesen beiden Welten zu leben, zu regieren und die nächste Generation zu erziehen.

3 Die Übertragung des Gleichnisses auf das Lernen

Die schmerzvolle Befreiung des Menschen im Höhlengleichnis zum Zwecke der Erkenntnisfindung ist bei Platon nicht im Sinne der Verleihung von Sehkraft für die Realität zu betrachten. Platon sagt in Politeia aus, dass Wissenschaftler der Theorie folgen, dass Erkenntnis das Implantieren von vorher nicht da gewesenem Wissen in die menschliche Seele sei. Er bezieht sich dabei auf die Sophisten. Dem Paradigma des Auges folgend bedeutet dies das Erlangen von Sehkraft. Platon hingegen geht von der Theorie aus, dass in jedem Menschen die Vorraussetzungen biologischer Art vorhanden sind um neue Sachverhalte zu verinnerlichen. Die volle seelische Zuwendung zum Seienden und die damit einhergehende Abwendung vom Werdenden, das dem Menschen innewohnende Organ in Interaktion mit dem Auge, beschreibt der Prozess der „ans Lichtführung“ des Menschen, weg vom Dunkel der Höhle, in die offene Welt der Erkenntnis.

Platon gelangt nach diesen Thesen zu dem Schluss, dass bei Ausschaltung des Werdenden von Beginn an, also von Kind an, die Zuwendung zum Seienden weit aus schmerzfreier vollzogen werden kann. Die Notwendigkeit der forcierten Erkenntnisfindung im höheren Alter wäre somit hinfällig. Lernvorgänge und Erziehung sollen laut Platon, bei auserwählten Menschen, schon so früh wie nur möglich begonnnen werden, um die Wahrheitsfindung zu erleichtern. Platon schließt in seiner Reflektion über diese Thematik die bereit Erzogenen und Erwachsenen nicht aus, er sieht grundsätzlich die Möglichkeit, dass alle Menschen die Wahrheit erfahren können.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Der platonische Begriff der Erziehung am Beispiel Platons Höhlengleichnisses
Hochschule
Universität Hamburg  (Pädagogik)
Veranstaltung
Seminar: Allgemeine Pädagogik, Platons Erziehungsphilosophie und Erziehungsstaat
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
24
Katalognummer
V5906
ISBN (eBook)
9783638136273
ISBN (Buch)
9783640870875
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Platon, Paideia, Philosophie, Erziehung
Arbeit zitieren
Christian Schäfer (Autor), 2002, Der platonische Begriff der Erziehung am Beispiel Platons Höhlengleichnisses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5906

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