Wenn Liebe Leiden schafft. Scheitert Goethes Werther am Liebeswahn?


Hausarbeit, 2016

20 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Werthers Liebeswahn
2.1 Die Liebe zu Lotte als
2.1.1 als Verbündete
2.1.2 als Geliebte
2.1.3 als Mutterersatz
2.2. Die Selbstverliebtheit
2.3 Die Naturliebe
2.4 Die Liebe am eigenen Leid

3 Abneigung als Liebesopposition gegen
3.1 die Gesellschaft
3.2 den Rivalen Albert
3.3 sich selbst

4 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Die menschliche Natur [...] hat ihre Grenzen: sie kann Freude, Leid, Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen, und geht zugrunde, sobald der überstiegen ist.“ (S.56)1

In der vorliegenden Arbeit wird untersucht, inwiefern Goethes Werther an genau diesen übersteigerten Gefühlen seiner Liebe scheitert. Das Liebesmotiv wird in verschiedenen Zusammenhängen ergründet, wobei es nicht nur um Werthers Liebesbeziehung zu Lotte geht, sondern auch um seine Selbstverliebtheit und seine Liebe am eigenen Leid. Als Opposition nimmt auch die Abneigung Werthers gegen einige Komponenten einen großen Stellenwert ein. Es wird die These aufgestellt, dass Werther letztlich zwar an seinem krankhaften Liebeswahn scheitert, jedoch auch ein Geflecht aus Gesellschaftshass und Selbstverachtung eine große Rolle spielt. Zu Goethes Die Leiden des jungen Werther liegen bereits zahlreiche Untersuchungen und wissenschaftliche Arbeiten vor. Einige dieser Ergebnisse sollen im Laufe dieser Arbeit aufgegriffen, bestärkt oder aber auch widerlegt werden.

2 Werthers Liebeswahn

„Wilhelm, was ist unserem Herzen die Welt ohne Liebe! Was eine Zauberlaterne ist ohne Licht!“ (S.45) Werthers Worte zeigen hier deutlich, welch großen Stellenwert die Liebe in seinem Leben einnimmt. Sei es die Liebe zur Frau, zur Natur, zu Kindern, oder gar zu sich selbst – Werther ist von seiner Liebe besessen.

2.1 Die Liebe zu Lotte als...

Werthers Liebe zu Lotte ist von Anfang an innig und auf eine bestimmte Art und Weise übersteigert. Doch es gibt verschiedene Facetten Lottes, die der Grund für diese Verehrung sind. Nach seiner Begegnung mit ihr schreibt Werther: „[...] sie hat allen meinen Sinn gefangen genommen.“ (S.20) Werther selbst zieht zum Vergleich das Märchen des Magnetenbergs heran, um die anziehende Wirkung, die Lotte auf ihn ausübt, zu beschreiben. Dass das Märchen mit dem Scheitern der „armen Elenden“ endet, mag ein Hinweis auf das Zugrundegehen Werthers sein. (S.48) Lotte wird von einem Tag auf den anderen zu seinem einzigen Lebensinhalt, sodass seine hoffnungslose Liebe schlussendlich „die Quelle seines Elendes“ wird. (S.60) Da Werther letztlich die Abwesenheit Lottes in seinem Leben akzeptieren muss, fühlt er sich gleich dem tot im Wasser aufgefunden Mädchen: „Erstarrt, ohne Sinne steht sie vor einem Abgrunde; alles ist Finsternis um sie her, keine Aussicht, kein Trost, keine Ahnung! Denn der hat sie verlassen, in dem sie allein ihr Dasein fühlte.“ (S.58) Durch Lottes Abwesenheit hat Werther jeglichen Lebensinhalt verloren, daher schreibt er: „Ich leide viel, denn ich habe verloren, was meines Lebens einzige Wonne war, die heilige belebende Kraft, mit der ich Welten um mich schuf; sie ist dahin!“ (S.103) Das Scheitern an seiner Liebe zu Lotte wird symbolisch dadurch verdeutlicht, dass gerade Lotte diejenige ist, welche die Pistolen dem Knaben Werthers übergibt. Werther reflektiert darüber: „[U]nd du, Lotte, reichst mir das Werkzeug, du, von deren Händen ich den Tod zu empfangen wünschte […].“ (S.149) Im Folgenden wird nun Werthers Beziehung zu Lotte genauer untersucht, um festzustellen, warum seine Liebe zum Wahn wird und ob dieser ihn auch zum Selbstmord bewegt.

2.1.1 als Verbündete

In vielen wissenschaftlichen Arbeiten wird darüber diskutiert, ob Lotte Werthers „Gegenstück“ oder seinen „Doppelgänger“ darstellt.2 Diese Debatte ist durchaus nachvollziehbar, denn Lotte ergänzt Werther mit Eigenschaften, die ihm fehlen und nach denen er sich sehnt3, sie spiegelt sein Ich jedoch auch wider, da sie viele Gemeinsamkeiten miteinander teilen, sodass Werther sich in ihrer Gegenwart verstanden fühlt. Lotte ist, genau wie Werther, eine sehr gefühlvolle Person. Somit ist sie in der Lage, Werthers Gemütszustand zu deuten, sodass sie sich ohne Worte verstehen zu scheinen. Rockwood bemerkt: „Auch wenn Lotte viel weniger emotional ist als Werther, scheint sie seine Gefühle jedoch immer zu verstehen, wobei sie seine Schwärmerei sowohl erduldet wie auch tadelt.“4 Lotte zeigt Werther gegenüber also ein großes Einfühlungsvermögen und bietet ihm zudem die starke Seite ihrer Persönlichkeit, die ihm fehlt, um sein Verhalten zu reflektieren. Werther und Lotte verbindet außerdem die Übereinstimmung ihrer Interessen. Beide widmen ihre Zeit der Literatur. Genau wie Werther ist Lotte bei der Auswahl der Bücher sehr wählerisch. Während sie von einem Werk berichtet, beschreibt er: „Ich fand so viel Charakter in allem, was sie sagte, […] weil sie an mir fühlte, dass ich sie verstand.“ (S.24) Genauso muss Lotte nach dem Gewitter nur das magische Wort „Klopstock“ aussprechen, sodass Werther über all ihre Gefühle und Gedanken Bescheid weiß. Immer wieder wird auch unterschwellig die „Übereinstimmung ihrer Gemüter“ gezeigt. (S.131) Sie scheinen selbst von den gleichen Orten magisch angezogen zu werden: „[...] und wir freuten uns, als wir im Anfang unserer Bekanntschaft die wechselseitige Neigung zu diesem Plätzchen entdeckten […].“ (S.67) Auch Lotte schätzt Werther als ihren „Seelenverwandten“: „Alles, was sie Interessantes fühlte und dachte, war sie gewohnt, mit ihm zu teilen, und seine Entfernung drohete in ihr ganzes Wesen eine Lücke zu reißen […].“ (S.131) Werther liebt zudem die natürliche Lebensart Lottes, die sich ganz von der restlichen Gesellschaft unterscheidet: „So viel Einfalt bei so viel Verstand, so viel Güte bei so viel Festigkeit, und die Ruhe der Seele bei dem wahren Leben und der Tätigkeit.“ (S.20) Er bewundert es, dass sie ihr Leben natürlich hält und dabei trotzdem nicht naiv, sondern besonnen handelt. Sie unterliegt ihren Schwächen nicht, sondern steht mit beiden Beinen fest im Leben und kümmert sich sorgsam um ihre Geschwister. Diese Tätigkeit sieht Werther als sinnvoll und lebenserfüllend an – ganz im Gegensatz zu den bloßen existenzsichernden Bemühungen der Anderen.5 Lotte wird zum Fixpunkt in seinem Leben, weil er sich bei ihr, seiner „Verbündeten“, verstanden fühlt. Auf seiner Flucht aus der verhassten Gesellschaft wird Lotte zu seinem Anlaufpunkt und schützt ihn zunächst vor einer vollkommenen Isolation.

2.1.2 als Geliebte

Werthers Verhalten lässt sich klar dem eines Verliebten zuordnen. Er verehrt Lotte wie eine Heilige, sehnt sich unentwegt nach ihr und leidet an Liebeskummer. Nach der ersten Begegnung mit ihr, beschreibt er sich selbst als „Träumender“, der die Welt um sich herum vergisst. (S.25) Zudem reagiert er sehr empfindlich auf ihre Berührungen: „Ach wie mir das durch alle Adern läuft, wenn mein Finger unversehens den ihrigen berührt […].“ (S.44) Seine Gefühlslage gegenüber Lotte wird deutlich, als Werther den Vergleich mit dem Mädchen, das tot im Wasser aufgefunden wurde, heranzieht:

„[...] bis sie endlich einen Menschen antrifft, zu dem ein unbekanntes Gefühl sie unwiderstehlich hinreißt, auf den sie nun alle ihre Hoffnungen wirft, die Welt rings um sich vergisst, nichts hört, nichts sieht, nichts fühlt als ihn, den Einzigen, sich nur sehnt nach ihm, dem Einzigen.“ (S.57)

Bei näherer Betrachtung stellt sich jedoch die Frage, ob Werther wirklich von Lotte oder nur von dem Zustand des Verliebtseins angetan ist. Das Szenario, sie wirklich als Geliebte an seiner Seite zu haben, ist für ihn nämlich weit entfernt und somit nicht real. Er macht sich keine Gedanken darüber, wie eine Beziehung mit ihr aussehen oder welche Konsequenzen diese mit sich führen würde.6 Es ist folglich sein eigenes Verschulden, dass Lotte für ihn unerreichbar bleibt. Diese Unerreichbarkeit ist selbstbestimmt und es ist nicht die feste Bindung an den Verlobten, die Werther von einer Beziehung mit Lotte abhält.7 Assling konstatiert: „Werther genießt den Schwebezustand zwischen Hoffnung und Enttäuschung, auf den es in seiner Liebe wesentlich ankommt.“8 Als Werther das Porträtieren Lottes nicht gelingt, begnügt er sich mit einem „Schattenriss“. (S.47) Dies spiegelt seine Liebesbeziehung zu ihr wider. Er gibt sich mit der bloßen Phantasievorstellung zufrieden und versucht erst gar nicht, gegen Albert zu konkurrieren. Der Vergleich mit dem Bauernburschen, der unglücklich in seine Herrin verliebt ist, zeigt wie Werther sich nach dem Gefühl einer innigen Liebe sehnt: „[…] dass mich das Bild dieser Treue und Zärtlichkeit überall verfolgt, und dass ich, wie selbst davon entzündet, lechze und schmachte.“ (S.20) Er beneidet den Bauernburschen, obwohl dieser sich in einer misslichen Lage befindet. Doch genau diese schmerzliche, hoffnungslose Liebe fasziniert Werther. So wird schon früh deutlich, dass die Liebe zu Lotte bei Werther eine gespaltene Gemütslage hervorrufen wird. Meyer-Kalkus stellt fest: „Lottes Abwesenheit ist Ursache für Melancholie und Schwermut, ihre Anwesenheit Ursache für psychotische Ängste und Wahnsinn.“9 Sowohl die Distanz zur Geliebten, als auch ihre Nähe stellt sich für ihn als unerträglich dar. Gerade deshalb, kommt es erst sehr spät zu körperlichem Verlangen Werthers, welches er deshalb auch schnell wieder als Sünde abtut:

„Nie will ich es wagen, einen Kuss euch aufzudrücken, Lippen! […] Und doch – ich will – Ha! siehst du, das steht wie eine Scheidewand vor meiner Seele […] und dann untergegangen diese Sünde abzubüßen – Sünde?“ (S.107)

Assling erklärt: „Werther schreckt vor jedem Versuch, seinen sexuellen Wunsch zu erfüllen, zurück, weil eine solche Erfüllung die Unendlichkeit seiner Liebe zerstören müßte, die ihre Identität in der Sehnsucht hat.“10 Werther wird so vielmehr von dem Ideal, das Lotte verkörpert, angezogen, als von ihrer Körperlichkeit. Er schreibt folglich: „Ist nicht meine Liebe zu ihr die heiligste, reinste, brüderlichste Liebe? Habe ich jemals einen strafbaren Wunsch in meiner Seele gefühlt?“ (S.123) Hinzu kommt, dass Werther seine Liebe in der Gesellschaft, in der er lebt, gar nicht verwirklichen möchte, da er seinen Ansprüchen nicht gerecht werden könnte. Dies verdeutlicht sein Brief, in dem er die Liebesauffassung eines Philisters beschreibt. (S.15f.) Diese würde er niemals vertreten, denn so wäre Lotte nicht der Mittelpunkt seines Lebens, sondern nur ein Zeitvertreib nach getaner Arbeit. So beginnt er sich eine Jenseitshoffnung zu schaffen, in der er glücklich, ohne jegliche Einschränkung, mit Lotte zusammen sein kann. Er ist sich sicher: „[...] wir werden uns wiedersehn! Hier und dort wiedersehn.“ (S.68) Auffällig ist, dass Werther trotz dem er sich darüber im Klaren ist, dass es nie zu einer Liebeserfüllung kommen wird, klare Besitzansprüche an Lotte stellt. Er ist besessen davon, dass Lotte ihm allein gehört, sodass er sie schon gleich zu Beginn als die „Seinige“ bezeichnet. (S.26) Der Liebeswahn, der „als krankhaft entstandene Fehlbeurteilung der Realität beschrieben wird, wobei an dieser Fehlbeurteilung mit absoluter Gewissheit […] festgehalten wird, selbst wenn sie im Widerspruch zur Wirklichkeit […] steht“, wird hier deutlich.11 Er blendet Albert zunächst völlig aus. Doch auch Alberts Anwesenheit hindert Werther nicht daran, Lotte für sich zu beanspruchen. Gerade die Tatsache, dass er sie nicht besitzen kann, scheint ihn zu reizen. Dies ahnt Lotte: „[...] just mich, das Eigentum eines andern? […] ich fürchte, es ist nur die Unmöglichkeit, mich zu besitzen, die Ihnen diesen Wunsch so reizend macht.“ (S.126 f.) Doch zugleich wird seine aufgebaute Traumwelt12 durch die Anwesenheit Alberts zerstört. In dieser gehört Lotte ihm allein: „Ich begreife manchmal nicht, wie sie ein anderer lieb haben kann, lieb haben darf […].“ (S.93)

Werthers übersteigerte Gefühle zu Lotte lassen sich als Liebeswahn interpretieren. Hierbei sind „[s]exuelle Wünsche […] in der Regel zweitrangig; vielmehr geht es meistens um eine idealisierte, romantische Liebe oder eine seelische Verbundenheit („Seelenpartnerschaft“).“13 Werther sehnt sich folglich nach dem Zustand des Verliebtseins, wobei dieser durch schmerzliche Hoffnungslosigkeit geprägt sein darf.

2.1.3 als Mutterersatz

Lote verkörpert durch viele Eigenschaften die Rolle einer Mutter. Einerseits ist sie an die Stelle ihrer eigenen Mutter getreten und sorgt somit für ihre Geschwister, andererseits kümmert sie sich auch um Kranke, nimmt selbst anderen Erwachsenen die Angst und sorgt stets für Ausgeglichenheit.14 Als sie sich um eine sterbende Freundin kümmert, bezeichnet Werther sie als das „holde Geschöpf, das, wo sie hinsieht, Schmerzen lindert und Glückliche macht.“ (S.40) Sie stellt also die fürsorgliche, Schutz bietende und Existenz sichernde Mutterfigur dar.15 Werther, dem Kindern sehr vertraut sind, beneidet deren triebgesteuertes Verhalten, das keinen Regeln zu folgen scheint: „[...] besonders ergetze ich mich an ihren Leidenschaften und simplen Ausbrüchen […].“ (S.18) So kommt es, dass Werther sich in seiner eigens zugewiesenen Rolle als Kind bei Lotte geborgen fühlt, da er so die damit einhergehende Verantwortungslosigkeit in ihrer Gegenwart genießen kann.16 Er versucht so, die fehlende Beziehung zu seiner Mutter zu kompensieren. Über diese Beziehung erfährt der Leser zwar nicht viel, aber sie lässt sich durch distanzierte Äußerungen Werthers als nicht sehr innig deuten. Denn seine Mutter entspricht genau dem, wovor er zu flüchten versucht.17 Lotte bietet Werther Geborgenheit und Aufmerksamkeit, die für sein Wohlbefinden essentiell sind. Es ist daher möglich, dass er seine Gefühle für Lotte als Geliebte, mit der Liebe zu ihr als Mutterfigur verwechselt.

2.2. Die Selbstverliebtheit

Werther schreibt sich selbst eine positive Sonderstellung zu. Immer wieder betont er seine herausragenden Fähigkeiten und seine Überlegenheit gegenüber anderen. Gleich dem Genie des Sturm und Drang glaubt Werther, sich selbst durch Originalität genug zu sein.18 Wenn er sich mit dem „einfachen Volk“ abgibt, bemerkt er: „[…] dass noch so viele andere Kräfte in mir ruhen, die alle ungenutzt vermodern […].“ (S.11) Er sieht sich sogar durch die Fähigkeit fühlen zu können, seinen Mitmenschen überlegen, denn „ein Herz wie das [s]eine“ gilt für ihn als etwas Besonderes. (S.5) Er glaubt außerdem, er sei bei seinen Mitmenschen durchaus beliebt. Schon wenige Tage nach seiner Ankunft behauptet er: „Ich weiß nicht, was ich Anzügliches für die Menschen haben muss; es mögen mich ihrer so viele und hängen sich an mich […].“ (S.10) Das diese Selbstwahrnehmung nicht stimmig ist, wird im Kapitel 3.1 näher erläutert. Er glaubt, die Gesellschaft, die er selbst verachtet, nähme ihn gern auf. So schreibt er: „Du kennst mein Wahlheim; dort bin ich völlig etabliert […].“ (S.31) Folglich hält er es kaum aus, wenn er hört, dass jemand schlecht über ihn spricht: „Ach ich habe hundertmal ein Messer ergriffen, um diesem gedrängten Herzen Luft zu machen.“ (S.85) Dadurch, dass er in der Gesellschaft die eigentlich negativ konnotierte Außenseiterrolle19 einnimmt, spricht er sich, dem hervorstechenden Individuum, wieder eine positive, gesonderte Position zu und kann sich dadurch selbst aufwerten. Er verallgemeinert die Menschheit und ermöglicht sich so, sich von ihr abzugrenzen: „Wenn du fragst, wie die Leute hier sind, muss ich dir sagen: wie überall! Es ist ein einförmiges Ding um das Menschengeschlecht.“ (S.10) Werthers Egozentrik reicht soweit, dass er sich höher als einen Heiligen Gottes sieht: „Ich lebe so glückliche Tage, wie sie Gott seinen Heiligen ausspart […].“ (S.31) Genau dieser Drang zur Selbstvergötterung wird durch die Liebe provoziert. Dies wird schon früh sichtbar. Die Liebe einer alten Freundin, die längst verstorben ist, gab ihm Selbstbestätigung: „[…] in deren Gegenwart ich mir schien mehr zu sein, als ich war, weil ich alles war, was ich sein konnte.“ (S.11) Durch die Liebe zu Lotte ernennt sich Werther selbst zu etwas Übermenschlichem - zu einer Gottheit. Nach dem ersten Tanz mit ihr schreibt er: „Ich war kein Mensch mehr.“ (S.27) Für diese Ernennung zum Gott benötigt Werther jedoch auch seine Angebetete, denn ihre Liebe ist das Maß für seine Eigenliebe. Den wohl bedeutendsten Satz dafür schreibt er am 13. Juli: „Und wie wert ich mir selbst werde […] - wie ich mich selbst anbete, seitdem sie mich liebt!“ (S.44) Fischer konstatiert folglich:

„Seine geliebte Lotte interessiert ihn eigentlich nur wenig. Einzig wichtig für ihn ist, daß er geliebt wird und dadurch ein grandioses Gefühl in ihm entsteht. […] Liebe heißt für Werther einzig und allein, geliebt zu werden. Das allerdings macht ihn zu einem Gott. Er betet sich selber an.“20

[...]


1 Die Seitenangabe in Klammern bezieht sich auf die Primärliteratur: Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werther. In: Reclams Universal-Bibliothek Nr. 67. Hg. von Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG. Stuttgart 2014.

2 vgl. Heidi M. Rockwood: Jungs Typenlehre und Goethes Die Leiden des jungen Werthers. In: „Wie froh bin ich, daß ich weg bin!“ Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ in literaturpsychologischer Sicht. Hg. von Helmut Schmiedt. Würzburg 1989, S.173-188, S.182.

3 siehe auch Kapitel 2.1.3 … als Mutterersatz

4 Heidi M. Rockwood: Goethes Die Leiden des jungen Werthers, S.183 f.

5 siehe auch Kapitel 3.1 … die Gesellschaft

6 vgl. Heidi M. Rockwood: Goethes Die Leiden des jungen Werthers, S.179.

7 Reinhard Assling: Werthers Leiden. Die ästhetische Rebellion der Innerlichkeit. Frankfurt am Main 1981, S.159.

8 ebd. S.161.

9 Reinhart Meyer-Kalkus: Werthers Krankheit zum Tode. Pathologie und Familie in der Empfindsamkeit. In. „Wie froh bin ich, daß ich weg bin!“ Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ in literaturpsychologischer Sicht. Hg. von Helmut Schmiedt. Würzburg 1989, S.85-146, S.111.

10 Reinhard Assling: Werthers Leiden, S.169.

11 Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik: http://lexikon.stangl.eu/5453/liebeswahn/.

12 siehe Kapitel 2.3 Die Naturliebe

13 PsychologieLexikon.com: http://www.psychologielexikon.com/423-liebeswahn.

14 Diese Thematik wird hier nur in geringem Rahmen untersucht. Es liegen viele Untersuchungen vor, in denen Werthers Liebe zu Lotte als reine Mutterliebe interpretiert wird.

15 vgl. Reinhart Meyer-Kalkus: Werthers Krankheit zum Tode, S.109.

16 Elisabeth Auer: „Selbstmord begehen zu wollen, ist wie Gedichte zu schreiben.“ Eine psychoanalytische Studie zu Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“. Edsbruk 1999, S.153.

17 siehe Kapitel 3.1 … die Gesellschaft

18 vgl. Edgar Hein: Johann Wolfgang von Goethe. Die Leiden des jungen Werther. In: Oldenburg Interpretationen mit Unterrichtshilfen. 1. Aufl. Bd 52. Hg. von Bernhard Sowinski und Reinhard Meurer. München 1991, S.34.

19 siehe Kapitel 3.1 … die Gesellschaft

20 Peter Fischer: Familienauftritte. Goethes Phantasiewelt und die Konstruktion des Werther Romans. In: „Wie froh bin ich, daß ich weg bin!“ Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ in literaturpsychologischer Sicht. Hg. von Helmut Schmiedt. Würzburg 1989, S.189-220, S.201 f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Wenn Liebe Leiden schafft. Scheitert Goethes Werther am Liebeswahn?
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,0
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V590668
ISBN (eBook)
9783346218100
ISBN (Buch)
9783346218117
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Werther, Liebeswahn
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Wenn Liebe Leiden schafft. Scheitert Goethes Werther am Liebeswahn?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/590668

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