In einigen Dörfern Südchiles trifft man auf deutsche Straßennamen oder kann im Supermarkt Gebäck mit der Aufschrift „Kuchen“ kaufen. Auch Jahrzehnte nach der deutschen Besiedlung Chiles scheint das Deutsche hier präsent zu sein. Findet die deutsche Sprache tatsächlich noch Verwendung im Alltag der Deutsch-Chilenen oder hinterließ sie bloß ihre Spuren aus einer längst vergangenen Zeit?
In der vorliegenden Arbeit wird die aktuelle Verwendung der deutschen Sprache bei der deutschsprachigen Minderheit in Südchile untersucht. Dabei werden sowohl historische Grundbedingungen als auch die Entwicklung der deutschen Sprache und des deutsch-spanischen Sprachkontaktes dargelegt. Hinsichtlich des Schwerpunktes zur Verwendung der deutschen Sprache soll die Frage beantwortet werden, in welchen Situationen, mit welchen Interaktionspartnern und in welcher Form das Deutsche verwendet wird. Hierzu werden einige bereits vorliegende soziolinguistische Untersuchungen herangezogen. Im Laufe der Arbeit wird außerdem analysiert, ob in der deutsch-chilenischen Sprachgemeinschaft ein Sprachwechsel zum Spanischen erfolgen wird oder ob dieser bereits vollzogen wurde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschichte der deutschen Einwanderung in Südchile
2.1 Die Entwicklung der Kolonie am Llanquihue-See
2.2 „Launadeutsch“ und „Chilotendeutsch“
3. Die Sprachentwicklung der deutschen Minderheit in Südchile
4. Die aktuelle Situation der deutschen Sprache in Südchile
4.1 Sprecherzahlen und geografische Verbreitung
4.2 Verwendung der deutschen Sprache
4.2.1 Die beeinflussenden Faktoren „Alter“ und „Konfession“
4.2.2 Deutsche Institutionen
4.2.3 Gebrauchssituationen
4.2.4 Form der Sprache
4.2.5 Sprachwechsel
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die aktuelle Verwendung der deutschen Sprache bei der deutschsprachigen Minderheit in Südchile, wobei historische Rahmenbedingungen, der Sprachkontakt zum Spanischen und die soziolinguistischen Entwicklungsprozesse analysiert werden, um die Frage nach einem vollzogenen oder drohenden Sprachwechsel zu beantworten.
- Historische Einwanderungsgeschichte und Siedlungsgebiete in Südchile
- Entwicklung und Variationen des Deutschen („Launadeutsch“)
- Soziolinguistische Stadien der Sprachentwicklung und des Sprachwechsels
- Einflussfaktoren wie Alter, Konfession und institutionelle Stützung
- Analyse der Gebrauchssituationen und der heutigen Sprachform
Auszug aus dem Buch
Die deutsche Einwanderung in Südchile
Die ersten deutschen Einwanderer ließen sich vor ca. 170 Jahren im Süden Chiles nieder. Es lassen sich drei große Siedlungsgebiete erkennen. Das Gebiet um Valdivia, die „Llanos“ von Osorno und La Unión und die Llanquihue-Region von Puerto Octay über Frutillar bis Puerto Montt. (Müller 2000:75) Die Auswanderer suchten nach verbesserten Lebensbedingungen, da es durch die wirtschaftliche Lage Europas und die fortschreitende Industrialisierung zur Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten kam. Außerdem förderte die chilenische Regierung die Einwanderung von Europäern, da diese als willkommene Arbeitskräfte die Wirtschaft ankurbeln sollten. (Müller 2000:65f.) Nach der erreichten Unabhängigkeit wollte Chile außerdem viele größere Gebiete in Besitz nehmen. Darunter die Region „La Frontera“ südlich von Concepción und die fast unbewohnten Provinzen Valdivia und Llanquihue. Um diese Randterritorien zu sichern, mussten sie möglichst schnell durch ausländische Kolonisten besiedelt werden. (Bernedo 1995:62) 1845 tritt deshalb das Kolonisationsgesetz in Kraft, in dem bestimmt wird, dass die Siedler in einem Handwerk oder in der Landwirtschaft tätig sein müssen. Außerdem sollten sie der katholischen Glaubensgemeinschaft angehören. Der Staat wiederum verpflichtete sich, die Siedler finanziell zu unterstützen und ihnen die sofortige chilenische Staatsbürgerschaft zu gewähren. (Müller 2000:70ff.) Jedoch unternahm die Regierung erst 1848 erste Schritte zur Ausführung dieses Gesetztes. So wurde der deutsche B. E. Philippi als Kolonisationsagent nach Deutschland geschickt, um dort 150 – 200 katholische Familien anzuwerben. Da die Bischöfe in Deutschland Philippis Vorhaben nicht genehmigten, kamen größtenteils Protestanten nach Chile. (Blancpain 1974:887, Golte 1973:65) Als kein Land mehr zur Besiedlung zur Verfügung stand, beschloss die Regierung den Einwanderern Land um den Llanquihue-See zuzuweisen. (Müller 2000:73) Hier sollte eine geschlossene deutsche Siedlung entstehen. (Fröschle 1979:308) 1852 kamen die ersten Siedler nach Melipulli, dem späteren Puerto Montt. (Golte 1973:71) Diese Siedlung war fast vollständig vom Kernland abgetrennt. (Hein 2006:122) In der Zeit von 1840 bis 1875 kamen ca. 6.000 deutschsprachige Einwanderer ins Seengebiet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert den Untersuchungsgegenstand, die geografische Eingrenzung auf Südchile sowie die wissenschaftliche Fragestellung zum aktuellen Sprachgebrauch und dem möglichen Sprachwechsel.
2. Geschichte der deutschen Einwanderung in Südchile: Dieses Kapitel erläutert die historische Ansiedlung ab 1845, die Rolle der Regierung und die Entstehung der spezifischen Sprachvarietäten „Launadeutsch“ und „Chilotendeutsch“.
3. Die Sprachentwicklung der deutschen Minderheit in Südchile: Hier wird der Prozess des Sprachwechsels anhand des Fünf-Stadien-Modells von Winford theoretisch fundiert und die Entwicklung vom Monolinguismus hin zum Bilingualismus dargestellt.
4. Die aktuelle Situation der deutschen Sprache in Südchile: Das Kapitel analysiert empirisch die heutige Sprecherzahl, die schwindende Bedeutung im öffentlichen Leben und die Herausforderungen durch den zunehmenden Spanisch-Gebrauch.
5. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung resümiert, dass das Deutsche in Südchile als Umgangssprache weitgehend ausstirbt und sich in einer Übergangsphase zur reinen Fremdsprache befindet.
Schlüsselwörter
Deutsch-Chilenen, Südchile, Sprachwechsel, Sprachkontakt, Einwanderungsgeschichte, Bilingualismus, Llanquihue-Region, Launadeutsch, Soziolinguistik, Sprachverlust, Deutschunterricht, Identität, Sprachdomäne, Minderheitensprache, Akkulturation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, inwieweit die deutsche Sprache in Südchile bei Nachfahren deutscher Einwanderer noch aktiv genutzt wird oder ob ein Sprachwechsel zum Spanischen bereits stattgefunden hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Geschichte der Einwanderung, der soziolinguistischen Entwicklung der Minderheit, den aktuellen Sprachverwendungsbedingungen und den Einflussfaktoren auf den Erhalt des Deutschen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, in welchen Situationen, mit welchen Partnern und in welcher Form das Deutsche noch verwendet wird und ob ein Sprachwechsel zum Spanischen vollzogen wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf der Auswertung und Zusammenführung bereits existierender soziolinguistischer Studien und Untersuchungen zum Sprachverhalten der deutschstämmigen Bevölkerung in Chile.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Einwanderung, die linguistische Entwicklung der Sprachgemeinschaft sowie eine detaillierte Analyse der heutigen Sprecherzahlen, Institutionen und Gebrauchssituationen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem über Begriffe wie Deutsch-Chilenen, Sprachwechsel, Soziolinguistik, Sprachkontakt und Einwanderungsgeschichte definieren.
Warum spielt die Konfession bei der Sprachbeherrschung eine Rolle?
Evangelische Einwanderer brachten ihre Kirchen und damit die deutsche Sprache in ihre Gottesdienste ein, während katholische Einwanderer sich durch Mischehen und spanischsprachige Schulen schneller in die chilenische Gesellschaft integrierten.
Was beschreibt der Begriff „Launadeutsch“?
„Launadeutsch“ bezeichnet eine regionale Sprachvarietät im Seengebiet, die durch die Fusion verschiedener deutscher Dialekte mit einem starken spanischen Einfluss auf die Syntax und Lexik entstand.
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- Anonym (Autor:in), 2015, Die deutschsprachige Minderheit in Chile. Verwendung der deutschen Sprache in Südchile, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/590671