Betrügereien am Aktienmarkt in Deutschland. Funktion von Cum/Ex-Geschäften


Hausarbeit, 2019

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Definitorische Abgrenzungen
2.1 Dividendenstripping
2.2 Leerverkauf

3 Cum/Ex-Geschäfte
3.1 Gestaltungsmodelle und Abwicklung
3.2 Monetäre Anreize
3.2.1 Exkurs Cum/Cum-Geschäfte
3.3 Beteiligte

4 Steuerrechtliche Betrachtung
4.1 Zeitraum bis 2006
4.2 Zeitraum ab 2007 bis 2011
4.3 Zeitraum ab 2012
4.3.1 Cum/Cum-Geschäfte

5 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Entscheidungen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

"Nichts in dieser Welt ist sicher, AUßER dem Tod und den Steuern."1

Die Richtigkeit des in die deutsche Sprache übersetzten Zitates von Benjamin Franklin, einem der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, darf im Hinblick auf den „größten Steuerbetrug der Geschichte Europas“2 wohl kritisch hinterfragt werden.

Diese Seminararbeit beschäftigt sich mit vergangenen und aktuellen Betrügereien auf dem Aktienmarkt. Hierbei wird insbesondere auf die sogenannten Cum/Ex- Geschäfte -in Kombination mit Leerverkäufen- eingegangen und erläutert, wie diese Geschäfte grundsätzlich funktionieren. Hauptaugenmerk wird hierbei auf die Ausgangssituation in Deutschland gelegt. Zu diesem Zweck ist die Seminararbeit wie folgt aufgebaut. Im Hauptteil dieser Arbeit werden zuerst das sogenannte Dividendenstripping und das Prinzip des Leerverkaufs definiert und erläutert. Anschließend werden die Gestaltungsmodelle sowie die Abwicklung solcher Cum/Ex-Deals dargestellt und des Weiteren wird ein Einblick darüber gewährt, aus welcher Intuition heraus die betrachteten Deals entstanden sind und welche Beteiligten davon profitiert haben. Eine grundlegende steuerrechtliche Analyse wird die rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland beleuchten. Da der Umfang dieser Arbeit begrenzt ist, werden die sogenannten Cum/Cum-Geschäfte lediglich in jeweils einem kurzen Exkurs erläutert. Zweck dieser Arbeit ist es darzulegen, welche steuerrechtlichen Faktoren den Grundstein für diese Form von Geschäften gelegt haben und ob diese Geschäfte in Deutschland aktuell noch praktiziert werden können.

2 Definitorische Abgrenzungen

In folgendem Kapitel werden die wichtigsten Begrifflichkeiten der Arbeit erläutert. Dazu werden zuerst der Begriff und die Vorgehensweise des Dividendenstripping erläutert und anschließend das Prinzip eines Leerverkaufs veranschaulicht.

2.1 Dividendenstripping

Der Begriff Dividendenstripping wird häufig im Zusammenhang mit Cum/Cum- Geschäften sowie Cum/Ex-Geschäften erwähnt. Unter diesem Begriff werden Aktientransaktionen (Käufe, Verkäufe und Übertragungen) rund um einen bestimmten Zeitpunkt, dem sogenannten Dividendenstichtag, verstanden. Die Besonderheit bei diesen Transaktionen liegt darin, dass der Anspruch auf eine Dividendenzahlung dabei von den zugrundeliegenden Aktien getrennt wird.3 4 Dem Trennen des Dividendenanspruches hat der Begriff auch seinen Namen zu verdanken, das Wort „stripping“ kommt aus der englischen Sprache und bedeutet „abtrennen“ oder „ablösen“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 - Dividendenzeitplan Allianz SE4

Dabei gilt als Dividendenstichtag der Tag der Hauptversammlung, bei dem der Beschluss über die Gewinnverwendung und damit über die Dividendenzahlung gefasst wird. 5 Schon am darauffolgenden Handelstag wird die Aktie der ausschüttenden Gesellschaft an der Börse mit dem Handelszusatz „ex Dividende“ gehandelt und der Kurs wird um die Bruttodividende bereinigt. Die tatsächliche Auszahlung des Gewinnanspruches an die Aktionäre findet am dritten auf den Hauptversammlungsbeschluss folgenden Geschäftstag statt. 6 Abbildung 1 stellt den Zeitplan vom Zeitpunkt des Dividendenvorschlags bis zur Auszahlung am Beispiel der Allianz SE dar und soll den Verlauf noch einmal veranschaulichen.

2.2 Leerverkauf

Da in dieser Seminararbeit, wie bereits erwähnt, der Fokus auf die Cum/Ex- Geschäfte in Kombination mit Leerverkäufen gelegt wird, soll dem Leser an dieser Stelle das Prinzip eines Leerverkaufes dargestellt werden.

Hinter diesem Begriff verbirgt sich der Verkauf von Wertpapieren (insbesondere Aktien), bei dem der Verkäufer zum Zeitpunkt des Verkaufs kein Eigentum an den verkauften Wertpapieren besitzt.7 Um den Sachverhalt und die Intention hinter solchen Transaktionen zu verdeutlichen, soll das folgende Beispiel helfen.

Am 05.01.20xx verkauft Person A eine Aktie „X“ an Person B, der Kaufpreis beläuft sich auf 100,00 €. A ist zum Zeitpunkt des Verkaufs nicht Eigentümer der Aktie „X“. Allerdings hat A noch 2 Tage Zeit (bis zum 07.01.20xx), die Aktie an Person B zu liefern. Dementsprechend kauft A die Aktie „X“ am 06.01.20xx einer dritten Person an der Börse ab, und zwar zum Preis von 90,00 €, da der Kurs der Aktie am Markt zwischenzeitlich gesunken ist. A kann nun wie vereinbart am 07.01.20xx die Aktie an B liefern.

Das Motiv des Leerverkäufers ist also ein zwischenzeitlicher Preisverfall an der Börse. Im obigen Beispiel verkauft er die Aktie zu einem Preis von 100,00€ und kauft sie vor Lieferfälligkeit für 90,00€ am Markt. Aus der Differenz von Verkaufspreis und Kaufpreis resultiert der Gewinn des Leerverkäufers, in diesem Fall 10,00 €. In der Praxis sind jedoch Transaktionskosten und Kosten zur Risikoabsicherung zu berücksichtigen, auf die der Verfasser dieser Arbeit allerdings nicht näher eingeht.

3 Cum/Ex-Geschäfte

3.1 Gestaltungsmodelle und Abwicklung

Cum/Ex-Geschäfte können grundsätzlich in zwei verschiedenen Gestaltungsformen durchgeführt werden. Zum einen besteht die Möglichkeit Cum/Ex-Geschäfte mit einem Inhaberverkauf durchzuführen. Bei dieser Form verkauft der Inhaber der Aktien diese vor dem Dividendenstichtag mit (cum) Dividendenanspruch und liefert nach Dividendenstichtag ohne (ex) Dividendenanspruch. Da diese Art von Geschäft jedoch nicht zur Erzielung von Steuerersparnissen führen kann und es sich nur um eine gewöhnliche Marktransaktion handelt8, wird auf diese Gestaltungsform in dieser Seminararbeit nicht weiter eingegangen.

Kritischer zu beleuchten sind hingegen Cum/Ex-Geschäfte in Kombination mit Leerverkäufen. Dabei sind drei Parteien am Geschehen beteiligt. Der Verkäufer der Aktien ist zum Zeitpunkt des Verkaufs nicht zivilrechtlicher Eigentümer derselbigen. Die Wertpapiere befinden sich zum Dividendenstichtag im Eigentum eines Dritten. Der Dritte hat demnach Anspruch auf Dividendenzahlung und erhält eben jene. Der Leerverkäufer erwirbt die Aktien nach Dividendenstichtag vom Dritten ohne Dividendenanspruch.

Allerdings schuldet er dem Käufer die Aktien mit Dividende, da er sie vor Dividendenstichtag verkauft hat. Da er lediglich die Aktien ohne Dividende liefern kann steht dem Käufer eine Dividendenkompensationszahlung in Höhe der Nettodividende zu.9

3.2 Monetäre Anreize

Die Motivation hinter Cum/Ex-Geschäften mit Leerverkäufen liegt bei dem Großteil der bekannten Fälle in der doppelten Erstattung der in Deutschland einmalig abgeführten Kapitalertragsteuer. In einigen Fällen wurde jedoch sogar eine mehr als zweifache Erstattung vermutet, gerichtlich ließen sich diese Geschäfte jedoch nicht zweifelsfrei feststellen, da die Strukturen noch einmal weitaus komplexer waren als bei den gängigen Cum/Ex-Deals.10 11 Betrachten wir nachfolgend ein konkretes Beispiel wie solch ein Geschäft in den Grundzügen abläuft und wie es zu der enormen Rendite der Geschäfte kommt. Aktieninhaber I ist am 31.05. - dem Tag vor der Dividendenausschüttung - Eigentümer der Aktie der X AG. Der Preis der Aktie liegt zu diesem Zeitpunkt bei 100,00 €. Der Leerverkäufer LV verkauft die Aktie, die er (noch) nicht besitzt, an den Leerkäufer LK zum oben genannten Preis und hat zwei Tage Zeit diese zu liefern. Der Leerkäufer LK hat somit einen Anspruch auf Dividendenkompensationszahlung, da er die Aktie vor dem Dividendenstichtag erworben hat.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Hauptversammlung findet am 01.06. statt und eine Dividende in Höhe von 10,00 € je Aktie wurde beschlossen. Diese wird an Aktieninhaber I auch, nach Einbehalt der Kapitalertragsteuer in Höhe von 2,50 € ausgezahlt. I erhält also 7,50 € Nettodividende ausgezahlt und eine Steuerbescheinigung über gezahlte Kapitalertragsteuer in Höhe von 2,50 € von seiner Depotbank. Am Tag nach der Dividendenausschüttung wird die Aktie „ex Dividende“ gehandelt. Der Kurs wird dementsprechend um die gezahlte Bruttodividende in Höhe von 10,00 € bereinigt und beträgt nun 90,00 €. Daraufhin verkauft der Aktieninhaber I seine Aktie also für 90,00 € an den Leerverkäufer, der diese direkt an den Leerkäufer LK liefert, zwar ohne Dividende, dafür mit einer Dividendenkompensationszahlung in Höhe der Nettodividende von 7,50 €. Obwohl der Leerkäufer nun keine Steuern abgeführt hat, sondern eine Kompensationszahlung ohne Steuerabzug erhalten hat, stellt ihm seine Depotbank eine Kapitalertragsteuerbescheinigung in Höhe von 2,50 € aus. Daraus resultiert folgendes Ergebnis: Die Kapitalertragsteuer wurde ein einziges Mal vom Finanzamt vereinnahmt, jedoch sind zwei Steuerbescheinigungen (sowohl von I als auch von LK) im Umlauf und diese können zwecks Anrechnung bzw. Erstattung von den jeweiligen Parteien beim Finanzamt eingereicht werden. Das finanzielle Ergebnis der einzelnen Parteien stellt sich zusammenfassend wie folgt dar.

Tabelle 1 - Ergebnis des Aktieninhabers I

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2 - Ergebnis des Leerkäufers LK

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3 - Ergebnis des Leerverkäufers LV

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die drei Teilergebnisse führen also zu einem Gesamtergebnis von + 2,50 €. Hierbei handelt es sich um die zusätzlich in Anspruch genommene Kapitalertragsteuererstattung von LK. Der Staat trägt somit den finanziellen Gewinn aus diesem Geschäft, für den Fall, dass es tatsächlich zur Erstattung der (de facto nicht gezahlten) Steuer kommt.12 Das größte Risiko für die Beteiligten besteht darin, dass das Finanzamt eine Steuererstattung ablehnt. In solch einem Fall würden die Beteiligten aufgrund der bereits erwähnten Transaktion- und Kurssicherungskosten einen Verlust erleiden.13 In den gerichtlich festgestellten Fällen wurden jedoch nicht wie im obigen Beispiel 100,00 € für ein Geschäft transferiert, sondern Milliardenbeträge, und die daraus resultierenden Gewinne wurden unter den Beteiligten aufgeteilt.14 Die Kriterien zur Auswahl der Aktientitel werden weder in der Literatur noch in den gerichtlichen Entscheidungen genannt. Der Verfasser dieser Arbeit postuliert jedoch, dass vor allem dividendenstarke Titel ausgewählt wurden, denn je höher die gezahlte Dividende ausfiel, umso höher fiel auch die bescheinigte Kapitalertragsteuer aus und damit letztlich der Gewinn der Beteiligten.

3.2.1 Exkurs Cum/Cum-Geschäfte

Bei Cum/Cum-Geschäften handelt es sich ebenfalls um Aktientransaktionen, jedoch erfolgt hierbei der Verkauf der Wertpapiere mit (cum) Dividendenanspruch und die Lieferung vor dem Dividendenstichtag ebenfalls mit (cum) Dividendenanspruch. Bei diesen Transaktionen findet, im Gegensatz zu Cum/Ex, meist kein Leerverkauf statt, sondern der Verkäufer der Aktien ist gleichzeitig Eigentümer.15 Der Anreiz für solche Geschäfte liegt für ausländische Investoren in der Umgehung der Definitivsteuer in Deutschland. Da sich Steuerausländer sich die im Normalfall abgeführte Kapitalertragsteuer nicht anrechnen lassen können16, transferieren sie vor Dividendenausschüttung ihren Aktienbestand an inländische Kreditinstitute, die daraufhin die Dividende einnehmen. Das deutsche Kreditinstitut verkauft daraufhin die Aktien wieder an den ausländischen Investor und realisiert dabei einen Kursverlust in Höhe der ausgeschütteten Dividende (Kursverfall nach Dividendenzahlung) und kann den Verlust aus dem Verkauf nun mit der erhaltenen Dividende verrechnen.17 Der ausländische Investor hat am Ende die Aktien mit ihrem Wert ex Dividende im Depot, sowie die Differenz aus dem Verkaufspreis der ersten Transaktion sowie dem Kaufpreis der letzten Transaktion. Dies entspricht genau dem Wert vor Dividendenausschüttung, da er die Besteuerung der Dividende vermeidet. Die somit umgangene Steuerlast wird, wie bei Cum/Ex, wieder unter den Parteien aufgeteilt.18 Statt die Aktien zu verkaufen werden diese in der Praxis häufig lediglich verliehen. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass das Volumen der verliehenen Aktien deutscher Unternehmen rund um den Dividendenstichtag rund 9-mal größer ausfällt als zu einem beliebigen Handelstag im Jahr.19

Im Gegensatz zu Cum/Ex geht es bei dieser Art von „Steuertrick“ also nicht darum, eine doppelte Steuererstattung vom Staat zu erhalten, sondern die eigentlich definitiv zuzahlende Steuerlast tatsächlich zu umgehen. Der deutschen Staatskasse entsteht durch solche Geschäfte jährlich ein geschätzter Schaden in Höhe von einer Milliarde Euro.20

[...]


1 Franklin, B. (1783)

2 Vgl. Daubenberger, M. / Polke-Majewski, K., / Rohrbeck, F. / Salewski, C. / Schröm, O. (2018)

3 Vgl. Spengel, C. (2016), S. 3

4 Allianz SE (2018)

5 § 174 Abs. 2 Nr. 2 AktG

6 § 58 Abs. 4 AktG

7 Vgl. Hindelang, M. / Schindler, C. (2016)

8 Vgl. Spengel, C. (2016), S. 23

9 Vgl. Spengel, C. (2016), S. 24-25

10 Vgl. Rau, S. (2010), S. 1267 ff.

11 Spengel, C. (2016), S. 14

12 Vgl. Spengel, C. (2016), S. 13-15

13 ebd., S. 15

14 Entscheidung des Hessischen Finanzgerichts Urteil vom 10.2.2016, Az. 4 K 1684/14

15 Vgl. Spengel, C. (2016), S. 4

16 § 50 Abs. 2 Satz 1 EStG, § 32 Abs. 1 Nr. 2 KStG

17 Vgl. Spengel, C. (2016), S. 11

18 ebd., S. 13

19 Vgl. o.V. Handelsblatt (2016)

20 Vgl. Iwersen/Osman/Votsmeier (2016)

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Betrügereien am Aktienmarkt in Deutschland. Funktion von Cum/Ex-Geschäften
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V590682
ISBN (eBook)
9783346253910
ISBN (Buch)
9783346253927
Sprache
Deutsch
Schlagworte
betrügereien, aktienmarkt, deutschland, funktion, cum/ex-geschäften
Arbeit zitieren
Mario Harder (Autor), 2019, Betrügereien am Aktienmarkt in Deutschland. Funktion von Cum/Ex-Geschäften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/590682

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