Das abweichende Verhalten junger Ausländer aus äthiologischer und reaktionstheoretischer Perspektive


Hausarbeit, 2002
23 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 . Einführung in die Thematik

2. Die Kontroverse um die Kriminalität junger Ausländer
2.1 Die Polizeiliche Kriminalstatistik
2.2 Die „Gefährdungsthese“
2.3 Die „Kriminalisierungsthese“

3. Verzerrungseffekte
3.1 Der Regionaleffekt
3.2 Der Anzeige- und Polizeieffekt

4. Generationsspezifische Betrachtung der Ausländerkriminalität

5. Resümee

6. Literaturliste

7. Erklärung über die selbstständige Erarbeitung Studienbegleitender

Hausarbeiten

1. Einführung in die Thematik

Kriminalität ist immer verbunden mit Abweichungen von herrschenden Normen, wer sich kriminell verhält, verstößt gegen geltende Rechtsnormen. "Kriminalität" meint in diesem Bezugsrahmen die Summe der strafrechtlich missbilligten Handlungen. Das Strafrecht bestimmt also, was als Rechtsbruch zu gelten hat, d.h. es legt Umfang und Inhalt der als Rechtsbruch anzusehenden Teilmenge des abweichenden Verhaltens fest. Diese Normen existieren nicht als unumstößliche ewig geltende Gesetze, sondern werden durch soziale Prozesse hergestellt, in denen mittels Bewertungen das produziert wird, was von den Normen abweicht. Das bedeutet, dass Kriminalität keine feste und unabänderliche Größe ist, denn das was in einer Gesellschaft als kriminell gilt, wird von dieser festgelegt und kann im Verlauf der Entwicklung einer Gesellschaft und insbesondere unter veränderten (Macht-)Verhältnissen auch modifiziert werden. Trotzdem bedeuten kriminelle Delikte immer einen Verstoß gegen die jeweils gültigen Normen. Diejenigen, die sich - nach den jeweils gültigen Kriterien - kriminell verhalten, riskieren ihren Ausschluss aus der Normen-Gemeinschaft. Die folgenden Ausführungen zur Devianz von Ausländern, insbesondere die der jungen Ausländer, sollen einen Einblick in die verschieden Interpretationsmöglichkeiten von Kriminalstatistiken bieten. Hierbei kommt es auf eine wertungsfreie und unabhängige Betrachtung der Tatverdächtigenzahlen in der Polizeilichen Kriminalstatistik an. Sinn dieser Betrachtungsweise soll die Interpretation der vorhandenen Datensammlungen sein. Die angestellten Überlegungen sollen zur Thematik der Ausländerkriminalität in Deutschland verschiedene Blickwinkel ermöglichen. Einmal soll die äthiologische Sichtweise näher beleuchtet, andererseits die reaktionstheoretischen Überlegungen aufgeworfen werden. Die äthiologische Betrachtungsweise der Thematik geht von den grundsätzlichen Verhaltensunterschieden von Ausländern und Angestammten Deutschen aus. Bei reaktionstheoretischer Reflektion wird die Begründung für eine hohe Belastung der Ausländer in Kriminalstatistiken in den nationalitätenspezifischen Reaktionen der Strafverfolgungsbehörden und dem Umgang der Bevölkerung mit Ausländerdevianz gefunden. Beide Interpretationsmöglichkeiten werfen verschiedene Begründungen für die Problematik des abweichenden Verhaltens von Ausländern in Deutschland auf. Schwerpunkt der folgenden Arbeit ist die Frage nach der Aussagekraft von Kriminalstatistiken, die Suche nach dem tatsächlichen Ausmaß dieses Problems. Verzerrungseffekte und Fehlinterpretationen aufgrund wenig repräsentativer Vergleichsgruppen sollen dargelegt und näher beschrieben werden. Die Ausführungen behandeln die Thematik kontrovers und haben das Ziel die Lücken in dem System der Kriminalstatistik aufzuzeigen, welche maßgeblich an der Meinungsbildung beteiligt sind, dass Ausländer kriminell mehr belastet sind als Deutsche. Andererseits soll nicht Schadensbegrenzung und Augenwischerei betrieben werden, sondern reflektierend und ergründend auf die Problemstellung eingegangen werden.

2.Die Kontroverse um die Kriminalität junger Ausländer

Die Begriffe „Ausländer“ und „Deutscher“ stellen sich im Folgenden als Schlüssel der Zugehörigkeitskennung zu einer bestimmten sozialen Beziehungsweise gesellschaftlichen Gruppe in Deutschland dar. Es geht bei der Betrachtung der Kriminalitätsbelastung und ihrer Ursachen in erster Linie um eine Trennung zwischen Zuwanderern, ihren Nachkommen die in Deutschland als „Deutsche“ leben, den nach Familienzusammenführungen eingereisten und als „Deutsche“ geltenden Familienangehörigen der Zuwanderer oder Gastarbeiter und der einheimischen deutschen Bevölkerung. Bade umschriebt diese Vielzahl der Beschreibungen für den Begriff „Ausländer“ wie folgt, „Menschen anderer Staatsangehörigkeit, die seit Jahrzehntendauerhaft in der Bundesrepublik leben (Erste Generation), ihre hier geborenen und aufgewachsenen Kinder (Zweite Generation) oder sogar ihre Enkel (Dritte Generation) sind im rechtlichen Sinne zwar zumeist nach wie vor „Ausländer“. In einem weiteren, Lebensformen, Mentalitäten und Selbstverständnis einschließendem Sinne aber sind viele längst so etwas wie einheimische Ausländer, ausländische Inländer, Bindestrich-Deutsche, Pass-Ausländer, oder Deutsche mit einem fremden Pass.“ (Bade; 1994) Aus dieser Mannigfaltigkeit dem Ausländerbegriff zuzuordnenden Bevölkerungsgruppen besteht der im Folgenden verwandte Terminus „Ausländer“. Im ersten Teil der Betrachtung geht es um die empirische Basis der Mehrbelastungsthese, um die Polizeiliche Kriminalstatistik.

2.1 Die Polizeiliche Kriminalstatistik

Im Allgemeinen existiert die Annahme das Ausländer krimineller sind als Deutsche. Auf diese These trifft man nicht nur im Volksmund oder am Stammtisch, auch in den Medien und in der wissenschaftlichen Literatur ist diese Meinung vorhanden. Die Hypothese ist jedoch aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Wenn in diesem Zusammenhang von Ausländern gesprochen wird, meint man zumeist die Nachkommen der Gastarbeiter. Diese werden auch als die „Zweite Generation“ bezeichnet. Jungen Ausländern wird nachgesagt sie seien krimineller als gleichaltrige Deutsche. Diese Behauptung hat auch eine empirische Basis, die Polizeiliche Kriminalstatistik. In der polizeilichen Erhebung sind Personen gegen welche Ermittlungen wegen Verdachts einer Straftat eingeleitet wurden berücksichtigt. Im Jahre 1978 machte das Bundeskriminalamt (BKA) erstmals in diesem Zusammenhang auf die hohe Belastung der „Zweiten Generation“ aufmerksam. Die allgemeine Kriminalstatistik, mit der, gleichsam naturalistisch, Kriminalität gemessen werden könnte, gibt es nicht, weder im Inland noch im Ausland. Die amtlichen Kriminalstatistiken geben vielmehr Aufschluss über die auf verschiedenen Ebenen des Strafverfahrens stattfindenden Definitions- und Ausfilterungsprozesse. Nicht die Kriminalitätswirklichkeit wird gemessen, sondern die jeweils registrierte Kriminalität. In diesen Statistiken wird nur ein Teil jener Sachverhalte und Personen erfasst, die - wären sie den Behörden bekannt geworden - als kriminell hätten bezeichnet werden können. Dies gilt selbst für die Statistik, die der Tat zeitlich noch am nächsten und deshalb noch am wenigsten von den Entscheidungen anderer Instanzen beeinflusst ist, für die Polizeiliche Kriminalstatistik. Die Polizeiliche Kriminalstatistik arbeitet mit „Kriminalitätsbelastungsziffern“ Sie ergeben sich aus der Anzahl der Tatverdächtigen bezogen auf jeweils 100000 der entsprechenden Bevölkerungsgruppe. Das BKA stellte somit für das Jahr 1988 fest, dass die Kriminalitätsbelastung der ausländischen Jugendlichen das 2,4fache und die der Heranwachsenden das 2,6fache der Deutschen aus der gleichen Bevölkerungsgruppe betrug. (Geißler, Marißen; 1990, S.664; zit. nach: Bundeskriminalamt 1989, S.63) Was jedoch in dieser Statistik nicht beachtet wir, ist das sich die „Kriminalitätsbelastungsziffern“ der erwachsenen Ausländer nicht wesentlich von denen der Deutschen unterscheiden. Grund hierfür kann sein, dass somit explizit auf Problemfelder hingewiesen werden kann und Aktionsfelder der Kriminalitätsbekämpfung eingegrenzt werden sollen. Wird also in Massenmedien über diese Ergebnisfindung berichtet hat dies nachhaltige Effekte auf das Meinungsbild der Bevölkerung und auf das politische Klima im Land. Betrachtet man dies einmal aus dieser Perspektive, so wird eine Art Stigmatisierung der Ausländer deutlich. Als „Stigma“ bezeichnet man die „Situation des Individuums, das von vollständiger sozialer Akzeptierung ausgeschlossen ist“ (Schrader; 1976, S.184; zit. nach: Goffman, 1967). Ein Stigma beinhaltet also eine Abwertung/Reduzierung einer Person oder Personengruppe in der Interaktion mit anderen. Ein Stigma wirkt sich also auf die Art der Interpersonale Beziehung aus. Die der Stigmatisierung zu Grunde liegende „Andersartigkeit“ der betreffenden Person ist Grundlage sämtlicher Wertungsprozesse gegenüber der stigmatisierten Person. Die Gesamtheit der Ausländer, die Betroffenen also, wird diskreditiert und die Normalität Dritter definiert. Die durch die Annahme der Generalisierbarkeit dieser Aussagen nicht erfüllten Normen der Gesellschaft führen zu Stereotypisierung und Stigmatisierung. Auf diese Festsetzung folgen dann Integrationsprobleme und Identitätsprobleme, ausgelöst durch die möglicherweise nicht vollständige Projektion einer Bevölkerungsminderheit. Ergebnisse Statistischer Untersuchungen und Erhebungen sollten nicht ohne eine gewisse Art von objektiver Filterung oder Erklärung der Erhebungsumstände an die Öffentlichkeit getragen werden. Die Polizeiliche Kriminalstatistik trägt also bei äthiologischer Interpretation der Daten als empirischer Stützpfeiler zur Aufrechterhaltung der im nachfolgenden Abschnitt zu behandelnden Gefährdungsthese bei. Diese Form der Interpretation sieht Verhaltensunterschiede zwischen Deutschen und Ausländern als wesentlichen Grund für die unterschiedliche Kriminalitätsbelastung der beiden Bevölkerungsgruppen.

2.2 Die Gefährdungsthese

Eine Basis für die Gefährdungsthese ist die oben behandelte Polizeiliche Kriminalstatistik. Die Grundaussage diese These lässt sich im Allgemeinen wie folgt beschreiben. Man betrachtet als Ausgangspunkt der Überlegung die Kriminalitätsbelastung der „Ersten Generation“ der ausländischen Bevölkerung. Diese setzt sich aus Einwanderern zusammen die im Zuge des Importes von Arbeitskräften nach dem 2. Weltkrieg in die Bundesrepublik Deutschland einreisten. Gründe dafür sind zum einen die enorme industrielle Entwicklung in der Nachkriegzeit und der damit einhergehende gigantische Arbeitskräftebedarf Deutschlands. Der primäre Motivationsgrund für diese Menschen war vor allem die Situation in ihrem Heimatland. Hier sind als Beispiele die Türkei und Italien zu nennen, da aus diesen Ländern ein Großteil der benötigten Arbeitskräfte rekrutiert wurde. Die dortige Arbeitslosigkeit und die schlechten Verdienstmöglichkeiten, das heißt das real existente ökonomische Gefälle zwischen den Ballungsgebieten in der Bundesrepublik Deutschland und der in den Quellländern vorherrschenden sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen, waren wesentliche Argumente für eine Einwanderung in die Bundesrepublik Deutschland. Betrachtet man diese Generation nun aus Sicht der Migrationssoziologie, so ist festzustellen das die „Erste Generation“ der Einwanderer seltener kriminell wurde als Referenzgruppen der beheimateten Bevölkerung. Hinsichtlich steigender Aufenthaltsdauer schwand diese noch bestehende Diskrepanz immer mehr, bis sich die Kriminalitätsrate der „Ersten Generation“ an die der ansässigen Bevölkerung anglich. Die deutsche Gefährdungsthese trifft aber im wesentlichen Aussagen über die „Zweite Generation“, die Kinder der Einwanderer in Deutschland. Die Anomie-Theorie ist hier vielleicht eine bessere Grundlage der folgenden Gedankenführung. Sie beschäftigt sich mit der Situation der Ausländerkinder die in einer anderen Gesellschaft aufwachsen als ihre Eltern. Habitus der Familie und gesellschaftliches Umfeld stellt diese Jugendlichen vor Konflikte. Auf der einen Seite stehen die limitierten Möglichkeiten ihrer Familie und deren Orientierung an den aus dem Heimatland mitgebrachten Ansprüchen und Lebenszielen, andererseits wachsen sie in einem Umfeld auf welches weitaus höhere Ziele steckt und hohe Erwartungen weckt. Die jungen Ausländer sind nun in einer Konfliktsituation zwischen den in ihnen von der sie umgebenden Gesellschaft geweckten Erwartungen und den Möglichkeiten ihres unmittelbaren sozialen Milieus, ihrer Familie. Ventil der aus Misserfolgen und ausbleibender Realisierung von Wünschen entstehenden Frustration ist beispielsweise abweichendes Verhalten. Das diese Theorie gesellschaftlich und politischer Zündstoff ist lässt sich nicht verleugnen. Einerseits kann sie zu Integrationsbemühungen anspornen und das Problem als Ansporn nehmen, anderseits lädt sie auch zu Restriktionen im Bezug auf Familiennachzug und Aufenthaltsrecht von Ausländern ein. Bei der genaueren Analyse der Gefährdungsthese sind jedoch Lücken erkennbar. Die in der Gefährdungsthese dargelegte Gefahr der potentiell steigenden Kriminalitätsrate bei Ausländern ist nach Betrachtung der prinzipiell stagnierenden, ja zum Teil rückläufigen Kriminalitätsraten von Ausländern, nicht mehr so gravierend sichtbar wie noch zuvor. (vgl. Schüler-Springorum 1983, S. 531 ff.) Die daraus resultierende Infragestellung der Gefährdungsthese gibt Anlass zur Reflektion der Thematik aus einer anderen Sichtweise.

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Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das abweichende Verhalten junger Ausländer aus äthiologischer und reaktionstheoretischer Perspektive
Hochschule
Universität Hamburg  (Soziologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
23
Katalognummer
V5907
ISBN (eBook)
9783638136280
ISBN (Buch)
9783640870882
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ausländerkriminalität, Ausländer, Jugendkriminalität, Soziologie
Arbeit zitieren
Christian Schäfer (Autor), 2002, Das abweichende Verhalten junger Ausländer aus äthiologischer und reaktionstheoretischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5907

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