Otto von Freisings "Historia de duabus civitatibus". Eine Umformung von Augustinus "De civitates Dei"?


Hausarbeit, 2019

14 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorstellung und Vergleich der Werke
2.1. Vorstellung der Weltgeschichte Otto von Freisings
2.2. Vorstellung der Weltgeschichte bei Augustinus
2.3. Vergleich der Werke

3. Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Was bei Augustinus […] zu zerflattern scheint, weil häufig gegen die Chronologie verstoßend, ist bei Otto in eine straffe der historischen Entwicklung gerecht werdenden Form gebracht.“1

Diese Aussage, welche sich auf Otto von Freisings Orientierung für sein Werk Historia de duabus civitatibus an Augustins De civitate Dei bezieht, findet man in Johannes Spörls Aufsatz zu Otto von Freising. Durch diese Aussage lässt sich die These aufstellen, dass Otto von Freising als Grundlage für sein Werk, die Grundideen von Augustinus übernommen und umgeformt hat. Beide Werke sind zu unterschiedlichen Zeiten entstanden, weswegen sich die Frage stellt, welche Intention hinter dem Verfassen ihrer beiden Werke gesteckt hat. Dazu ist zu betrachten, wie das damalige Weltbild war und ob es besondere Ereignisse gab, die die Werke beeinflusst haben könnten. Des Weiteren ist die Frage, wie Augustinus Auffassung der Geschichte war und wie diese bei Otto von Freising aussah, um zu klären und herauszustellen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es zwischen den beiden gibt.

Um diese Fragen zu klären, werden zu Beginn die beiden Werke vorgestellt und der historische Kontext zu den beiden Werken dargelegt. Im Anschluss werden die beiden Weltgeschichten analysiert und miteinander verglichen. Zum Abschluss wird ein Fazit gezogen, in dem die zu Beginn gestellten Fragen beantwortet, und die These bestätigt oder widerlegt wird.

Die zentralen Quellen zur Beantwortung dieser Frage sind die beiden Originalwerke der Autoren. Diese werden benötigt, um einen Überblick über die Weltbilder zu bekommen und diese zu vergleichen. Ebenso wird der Sammelband von Walther Lammers betrachtet und vor allem der Artikel von Johannes Spörl aus diesem Sammelband näher thematisiert.

2. Vorstellung und Vergleich der Werke

2.1. Vorstellung der Weltgeschichte Otto von Freisings

Die Historia de duabus civitatibus von Otto von Freising wird heutzutage als sein Hauptwerk betrachtet.2 Dieses Werk ist eine Deutung der Geschichte der Zeit von Adam bis zu der Zeit, in der er lebte.3 Seine Darstellung der Geschichte beruht auf der Geschichtsschreibung Augustinus und Orosius.4 Die ersten sieben Bücher der Chronik widmen sich der eigentlichen Geschichte, wohingegen das achte Buch sich mit der Zukunft befasst und einen eschatologischen Ausblick liefert. Die gesamte Geschichte in diesem Werk wird, wie zu der Zeit üblich, in Berücksichtigung einer göttlichen Macht geschrieben.5 Das Werk beruht auf einem heilsgeschichtlichen Schema bezüglich der Interpretation und Deutung der Geschichte, was sich unter anderem durch das Enden des Werkes mit dem Jüngsten Gericht zeigt.6 Er teilt, wie schon Augustinus vor ihm, die Weltgeschichte in drei Epochen auf, die ante gratia, die sub gratia und die post presentem vitam. 7 Er stellt in diesem Werk die Geschichte der Entwicklung der civitates Dei und der civitates terrena dar.8 Civitas bedeutet bei ihm nicht Staat, sondern wird als Gesellschaft definiert.9 Im ersten Status der Weltgeschichte, dem ante gratia, herrscht die civitas terrena, in dem zweiten Status, der sub gratia, kommt die civitas Dei an die Macht. Daraufhin folgt eine Zwischenstufe, in der die beiden civitates sich vermischen und ein civitas permixta entsteht, in Folge dessen die civitas Dei ihren perfekten Zustand erlangt.10 Dieser perfekte Zustand der civitas Dei und zugleich die Auslöschung der civitas terrena entspricht dem dritten und letzten Status.11

Bei ihm gibt es für beide civitates unterschiedliche Einteilungen der Zeit. Der erste Zeitabschnitt der civitas perversa ist von Anbeginn der Zeit bis zur Geburt Christi, in der der Zustand der civitas perversa elend ist. Dieser Zustand wandelt sich zu einem noch elenderen in dem zweiten Zeitabschnitt von der Geburt Christi bis zum Ende der Zeit. Der dritte Zeitabschnitt ist der letzte und zudem der elendste der civitas perversa, der von dem Ende der Zeit bis in die Ewigkeit geht. Es gibt also eine Steigerung des Elends im Verlauf der Geschichte der civitas perversa.12 Im Gegensatz dazu geht es für die civitas Dei im Verlauf der Zeitabschnitte bergauf. Der erste Zeitabschnitt geht von dem Anbeginn der Zeit bis zu dem Zeitpunkt, als die ersten römischen Kaiser Christen wurden, in welchem der Zustand der civitas Dei gedrückt war. Im zweiten Zeitabschnitt von Kaiser Konstantin dem Großen und Theodor dem Großen bis zum Ende der Zeit war der Zustand aufblühend und im dritten Zeitabschnitt, der nach dem jüngsten Gericht beginnt und bis in die Ewigkeit geht, perfekt.13 In dieser Dreiteilung der der Geschichte der civitas Dei drückt Otto von Freising die, im Mittelalter als Heilsgeschichte verstandene, Weltgeschichte aus.14 Das Besondere an Ottos Geschichtsbildes ist der dualistische Vortrag der gesamten Weltgeschichte, es gibt jederzeit zwei nebeneinander existierende Staaten.15 Der Sinn seiner Weltgeschichte ist die Überwindung des irdischen Staates durch den Staat Christi.16

Zum Ende des historischen Teils seines Werkes lobt er das Mönchtum, das seiner Definition einer civitas Dei sehr nahe kommt.17 Dieses Werk kann durch seine christlich-theologische Deutung der Geschichte als Geschichtstheologie beschrieben werden.18 Jedoch ist in dem Werk kein Versuch der genauen chronologischen Bestimmung des Endes der Zeit zu finden.19

2.2. Vorstellung der Weltgeschichte bei Augustinus

Die Intention des Werkes von Augustinus war es, das Christentum gegen das Heidentum zu beschützen. Diese Notwendigkeit gab es zu der Zeit dadurch, dass Truppen der Heiden Rom angegriffen hatten und dies als Angriff gegen das Christentum gewertet wurde.20 Im Vordergrund von De civitate Dei standen die heidnische Religion und Theologie, sowie die Darstellung seines christlichen Geschichtsbildes . 21 Die Stadt Gottes, bei Augustinus als civitas divina bezeichnet, ist das Hauptthema seines Werkes und er versucht unter anderem in seinem Werk zu klären, wie es zu dieser Stadt kam und wie das Verhältnis zu dem Rest der Menschheit, der terrena civitas ist.22 De civitate Dei ist in zwei Hauptteile aufgeteilt, der erste Teil handelt von einer Verteidigung des Christentums gegen die Heiden und der zweite Teil handelt von der christlichen Heilsgeschichte.23 Die Geschichte endet für ihn in der Etablierung der civitas Dei, nachdem die Widersacher ausgeschaltet worden sind.24

Die Wichtigkeit der civitas divina und der terrena civitas ist in seinem Werk unterschiedlich groß, so kommt die civitas divina eine größere Aufmerksamkeit zugute.25 Die civitas terrena wird zu einer irdischen Gesellschaft, die selbst kein Ziel verfolgt.26 Augustinus Weltgeschichte beginnt, genauso wie die römische Geschichtsauffassung, endet jedoch nicht mit einem irdischen Friedensreich.27 Es beginnt mit der Geschichte von Kain und Abel. Kain ist von Beginn an, ein Bürger der irdischen Stadt und so fängt Augustinus direkt mit der Unterscheidung zwischen Himmel und Erde an. Der Beginn der irdischen Stadt, welche durch Kain gegründet, war durch den Brudermord, diabolischer Natur. Durch diese Einteilung der beiden Brüder in civitas divina und civitas terrena setzt er den Grundstein für die Differenzierung zwischen den beiden civitates.28 So beginnt die Unterteilung mit dem Brudermord, setzt sich in Kriegen fort und endet mit dem jüngsten Gericht. Dennoch gibt es einen zwischenzeitlichen Frieden zwischen den beiden civitates.29

Die Interpretation der beiden Grundbegriffe der civitas terrena und der civitas divina durch andere Autoren sind sehr unterschiedlich, so hat Otto von Freising diese so interpretiert, dass Augustinus dadurch eine Herrschaft der Kirche über die weltliche Gemeinschaft ausdrücken möchte.30 Die beiden civitates sind nicht mit Kirche und Staat gleichzusetzen, sie unterscheiden sich viel mehr durch Glaube und Nichtglaube.31 Es bestehen zahlreiche Vergleiche um die Zugehörigkeiten zu den beiden civitates zu erklären, wie Gottes- und Selbstliebe oder Babylon und Jerusalem. In diesem Fall wird Jerusalem als Stadt Gottes und Babylon als Stadt des Teufels definiert.32 Jeder ist entweder zugehörig zu der civitas divina oder zu der civitas terrena.33

2.3. Vergleich der Werke

Bei dem Vergleich der beiden Werke ist zu Beginn der Unterschied der Epochen, in denen die beiden Werke geschrieben wurden, zu beachten. So kennt Augustinus noch nicht das, zu Otto von Freisings Zeit allgegenwärtige, christliche Machtgefüge. Die Situation zwischen Staat und Kirche ist auch unterschiedlich zu den Lebzeiten der Beiden.34 Genau wie Augustinus wollte Otto von Freising mit seinem Werk keine Staatslehre erschaffen.35 Augustinus wollte mit seiner Lehre auf die Ereignisse der damaligen Zeit reagieren, insbesondere auf die Plünderung Roms und wollte den Sinn und das Ziel des Christentums aufzeigen.36 Des Weiteren wollte er die Ideen des Christentums verteidigen und es durch sein Geschichtsbild erläutern.37 Otto hingegen versuchte in seinem Werk den Phänomenen der jeweiligen beschriebenen Situationen nachzugehen und die Weltreiche in die Heilsgeschichte einzubinden.38 Otto von Freising war einer der bedeutendsten Geschichtsdenker seiner Zeit und durch sein Werk und seine Einteilung der Geschichte, kann man Teile chronologisch einordnen.39 Durch diese Erläuterungen des Umstandes und der Intention der beiden Werke, zeigen sich die ersten Unterschiede.

Auch die Gliederung der Werke ist verschieden und zeigt weitere Unterschiede, so ist Augustinus Werk in 22 Bücher unterteilt, wohingegen Ottos Werk aus lediglich acht Bücher besteht.40 Die ersten zehn Bücher bei Augustinus handeln von der Verteidigung des Christentums und der Argumentation gegen Glauben und Völker, die gegen das Christentum waren. In den weiteren zwölf Büchern erläutert er die Geschichte der göttlichen und der irdischen Stadt.41 Otto von Freising beginnt mit der Heilsgeschichte und der Geschichte Babylons, daraufhin werden Rom und die Zwischenreiche vorgestellt, woraufhin der Werdegang Roms folgt und er in seinem sechsten Buch zu dem Investiturstreit und dessen Folgen kommt und mit einem eschatologischen Ausblick in seinem achten Buch schließt.42 Dies zeigt, dass Otto von Freising einen geschichtlichen Schwerpunkt in seinem Werk verfolgt. Er benutzt, um diese Geschichte zu erläutern, die beiden civitates, jedoch nehmen sie bei ihm nicht so eine starke Rolle wie bei Augustinus ein.

Augustinus Werk ist des Weiteren von einer pessimistischen Geschichtsauffassung geprägt. Er übernimmt mit seinem Ablauf der Geschichte die römische Geschichtsauffassung, mit dem Unterschied, dass es bei ihm am Ende kein irdisches Friedensreich gibt.43 Die Geschichtsauffassung Ottos von Freising hingegen ist nicht pessimistischer Natur, auch wenn es teilweise durch die Schwierigkeiten der Verbindung zwischen Kirche und Staat so scheinen mag.44 Doch, auch wenn es diese Schwierigkeiten gab, sieht Otto am Ende der Welt das Mönchtum als einzig bestehend bleibendes Element der Welt und dies ist kein Pessimismus, durch den Hintergrund, dass Otto von Freising selbst dem Zisterziensermönchtum angehörte.45

[...]


1 Vgl. Spörl, Johannes, Die ‚Civitas Dei‘ im Geschichtsdenken Ottos von Freising, in: Lammers, Walther (Hrsg.), Geschichtsdenken und Geschichtsbild im Mittelalter, Darmstadt 1961, S. 310.

2 Vgl. Grzybowski, Lukas Gabriel, Politische Tugendvorstellung im 12. Jahrhundert: Die Schriften Ottos von Freising und Bernhards von Clairvaux, Hamburg 2014, S. 56.

3 Vgl. ebd., S. 57.

4 Vgl. Brincken, Anna-Dorothée von den, Höhepunkt der Weltgeschichtsschreibung des Mittelalters (Otto von Freising), in: Brincken, Anna-Dorothée von den (Hrsg.), Studien zur Lateinischen Weltchronistik bis in das Zeitalter Ottos von Freising, Münster 1955, S. 233.

5 Vgl. Grzybowski, Lukas, Schriften Ottos von Freising, S. 57.

6 Vgl. ebd., S. 58.

7 Vgl. ebd., S. 58.

8 Vgl. ebd., S. 59.

9 Vgl. Brincken, Anna-Dorothée von den, Höhepunkt der Weltgeschichtsschreibung, S. 227.

10 Vgl. Grzybowski, Lukas, Schriften Ottos von Freising, S. 59.

11 Vgl. ebd., S. 59.

12 Vgl. Lammers, Walther, Weltgeschichte und Zeitgeschichte bei Otto von Freising (Sitzungsberichte der Wissenschaftlichen Gesellschaft an der Johann-Wolfgang- Goethe-Universität Frankfurt a. M., 14/3), Wiesbaden 1977, S.86 f.

13 Vgl. ebd., S.86 f.

14 Vgl. ebd., S. 87.

15 Vgl. ebd., S. 87.

16 Vgl. ebd., S. 88.

17 Vgl. Brincken, Anna-Dorothée von den, Höhepunkt der Weltgeschichtsschreibung, S. 228.

18 Vgl. Grzybowski, Lukas, Schriften Ottos von Freising, S. 60.

19 Vgl. Brincken, Anna-Dorothée von den, Höhepunkt der Weltgeschichtsschreibung, S. 228.

20 Vgl. Horn, Christoph, Augustinus, De Civitate Dei (ca. 413-427), in: Brocker, Manfred (Hrsg.), Geschichte des politischen Denkens. Ein Handbuch (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1818), Frankfurt a. M. 2007, S. 62.

21 Vgl. ebd., S. 62.

22 Vgl. ebd., S. 63.

23 Vgl. ebd., S. 65.

24 Vgl. Saint Augustin : La cité de Dieu, übersetzt von Pierre de Labriolle, Paris 1960, S. 110 f.

25 Vgl. Ottmann, Henning, Augustinus, in: Brocker, Manfred (Hrsg.), Geschichte des politischen Denkens. Band 2: Römer und Mittelalter (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1818), Stuttgart/Weimar 2002, S. 23.

26 Vgl. ebd., S. 23.

27 Vgl. ebd., S. 24.

28 Vgl. ebd., S. 32.

29 Vgl. Ottmann, Henning, Augustinus, S. 24.

30 Vgl., S. 26.

31 Vgl. ebd., S. 27.

32 Vgl. Piret, Pierre, La destinée de l’homme : La Citée de Dieu. Un commentaire du « De Civitate Dei » d’Augustin, Bruxelles 1991, S. 282.

33 Vgl. Ottmann, Henning, Augustinus, S. 27.

34 Vgl. Spörl, Johannes, Die ‚Civitas Dei’, S.309.

35 Vgl. ebd., S. 299.

36 Vgl. ebd., S. 300.

37 Vgl. Horn, Christoph, Augustinus, S. 62.

38 Vgl. Brincken, Anna-Dorothée von den, Höhepunkt der Weltgeschichtsschreibung, S. 223.

39 Vgl. Lammers, Walther, Weltgeschichte, S. 81.

40 Vgl. Horn, Christoph, Augustinus, S. 65 f.

41 Vgl. Ebd., S. 66.

42 Vgl. Brincken, Anna-Dorothée von den, Höhepunkt der Weltgeschichtsschreibung, S. 226 f.

43 Vgl. Ottmann, Henning, Augustinus, S. 24.

44 Vgl. Brincken, Anna-Dorothée von den, Höhepunkt der Weltgeschichtsschreibung, S. 225.

45 Vgl. Brincken, Anna-Dorothée von den, Höhepunkt der Weltgeschichtsschreibung, S. 226

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Otto von Freisings "Historia de duabus civitatibus". Eine Umformung von Augustinus "De civitates Dei"?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V590745
ISBN (eBook)
9783346189981
ISBN (Buch)
9783346189998
Sprache
Deutsch
Schlagworte
augustinus, historia, otto, umformung, Otto von Freising
Arbeit zitieren
Anton Schulze (Autor), 2019, Otto von Freisings "Historia de duabus civitatibus". Eine Umformung von Augustinus "De civitates Dei"?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/590745

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Otto von Freisings "Historia de duabus civitatibus". Eine Umformung von Augustinus "De civitates Dei"?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden