Der gängigen Lehrmeinung zufolge ist die Schrift „Über die Seele" ein Spätwerk des Aristoteles. Da zudem seine Aufzeichnungen für Vorlesungen an der Akademie vorgesehen waren, so ist damit zu rechnen, daß der Autor Gedanken aus anderen, früheren Werken immer wieder voraussetzen wird, auch ohne explizit auf diese hinzuweisen. Es scheint mir daher unerläßlich, der Untersuchung über die allgemeine Definition der Wahrnehmung den Grundgedanken der aristotelischen Philosophie vorauszuschicken. Stark vereinfacht läßt sich die Philosophie des Aristoteles in der Formel„Sein ist werden" bzw. „Sein istBewegung" zusammenfassen. Damit ist gemeint, daß alle natürlichen Dinge nach der Verwirklichung (energeia) ihres Wesens (ousia) streben. Dabei ist das Wesen der Dinge in der Materie zunächst nur der Möglichkeit (dynamis) nach angelegt; im Laufe der Entwicklung manifestiert sich das Wesen allmählich in der Form (eidos), die zugleich das Ziel (telos) der Entwicklung ist. An allem Seiendem (Werdenden) lassen sich also drei Strukturmomente finden, nämlich Beraubung, Materie und Form. Werden heißt bei Aristoteles also immer etwas werden, nämlich eine Veränderung (Umschlag) bezüglich Qualität, Quantität, Ort und Substanz. Ein Umschlag der Substanz vom potentiell zum wirklich Seienden meint das Werden im engeren Sinne. Alles Seiende (Werdende, Bewegte) wird bewegt von etwas, das immer etwas anderes ist als das Bewegte und dieses kann außerhalb oder innerhalb des Bewegten liegen. So trägt das Natürliche den Ursprung seiner Bewegung in sich selbst; wie die Ruder das Schiff, so bewegt die Seele den Körper. Anders verhält es sich bei künstlichen Dingen: der Handwerker wirkt als äußere Ursache auf den Stoff ein, um ihm zu einem bestimmten Zweck eine bestimmte Form zu verleihen.
Inhaltsverzeichnis
1 Sein ist Bewegung
2 Die allgemeine Definition der Sinneswahrnehmung
2.1 Das Wahrnehmungsvermögen ist bloße Möglichkeit
2.2 Der Wahrnehmungsvorgang ist reine Energie
2.3 Bewegtwerden ist Leiden
2.3.1 Die Theorie vom Wirken und Leiden
2.3.2 Das Leiden beim Wahrnehmen
3 Die Nähe zum common sense Realismus
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die aristotelische Definition der Sinneswahrnehmung basierend auf dem Werk "De anima" und stellt diese in den Kontext der allgemeinen aristotelischen Philosophie des Akt-Potenz-Dualismus sowie des common sense Realismus. Die zentrale Forschungsfrage adressiert die ontologische Verortung der Wahrnehmung als einen Prozess des Bewegtwerdens und Erleidens.
- Die aristotelische Philosophie von "Sein als Bewegung"
- Die Differenzierung von Wahrnehmungsvermögen, Tätigkeit und Gegenstand
- Die Theorie vom Wirken und Leiden als Grundlage der Wahrnehmung
- Die Analogie zwischen Wissenserwerb und Wahrnehmungsprozess
- Die Verträglichkeit von Aristoteles' Wahrnehmungstheorie mit dem common sense Realismus
Auszug aus dem Buch
2.3 Bewegtwerden ist Leiden
Ich hatte bereits erwähnt, daß Aristoteles zufolge die Wahrnehmung auf einem Bewegtwerden und Erleiden beruhe. Nachdem nun die Bewegung dargestellt wurde, ist die Definition der Wahrnehmung weitergehend zu präzisieren und darzustellen, was das Erleiden bezüglich der Wahrnehmung bedeuten könne.
Gleich zu Beginn von §5 verweist Aristoteles ausdrücklich auf seine „allgemeine Ausführung über das Wirken und Erleiden". Es ist daher naheliegend, der Erörterung des Leidens bei der Wahrnehmung diese Gedanken voranzustellen. Nach CASSIRER [4] finden wir sie im 7. Kapitel des 1. Buches der Schrift „De generatione et corruptione". Dort überwindet Aristoteles (wie auch an anderen Stellen) das Statusdenken seiner Vorgänger durch prozeßorientierte Synthese. Zentral ist die These, daß Seiendes zueinander im Verhältnis des Tuns und Leidens stehe. Das ergibt sich für Aristoteles aus seinen Naturbeobachtungen. Es geschieht ja nichts zufällig, sondern in der Natur ist alles um eines bestimmten Zweckes willen da, so etwa die Pflanze als Nahrungs- und Sauerstoffproduzent für Tier und Mensch.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Sein ist Bewegung: Dieses Kapitel legt die philosophischen Grundlagen bei Aristoteles dar, insbesondere die Konzepte von Materie, Form, Akt und Potenz, die als Basis für das Verständnis der Wahrnehmung dienen.
2 Die allgemeine Definition der Sinneswahrnehmung: Hier wird die Wahrnehmung als ein Prozess des Bewegtwerdens und Erleidens definiert und das Wahrnehmungsvermögen als eine bloße Möglichkeit (dynamis) bestimmt.
2.1 Das Wahrnehmungsvermögen ist bloße Möglichkeit: Dieses Kapitel erläutert durch logische Schlüsse und Analogien, warum das Wahrnehmungsvermögen ein ens in potentia sein muss, das erst durch einen äußeren Gegenstand aktiviert wird.
2.2 Der Wahrnehmungsvorgang ist reine Energie: Hier wird mittels Analogien zum Wissenserwerb verdeutlicht, wie der Übergang vom Vermögen zur tatsächlichen Wahrnehmung als Vollzug (Energie/Akt) zu verstehen ist.
2.3 Bewegtwerden ist Leiden: Dieses Kapitel expliziert das Verhältnis von aktivem Wirken und passivem Erleiden als notwendige Bedingung für Wahrnehmungsprozesse.
2.3.1 Die Theorie vom Wirken und Leiden: Es wird die ontologische Basis des Tuns und Leidens untersucht und wie Aristoteles durch eine prozessorientierte Synthese das Verhältnis zwischen Aktivem und Passivem erklärt.
2.3.2 Das Leiden beim Wahrnehmen: Die zuvor erarbeiteten Prinzipien werden spezifisch auf die Sinneswahrnehmung angewandt, um zu zeigen, wie das Wahrnehmbare das Wahrnehmungsvermögen aktualisiert und angleicht.
3 Die Nähe zum common sense Realismus: Das abschließende Kapitel setzt die aristotelische Wahrnehmungstheorie in Beziehung zum modernen common sense Realismus und zeigt eine weitgehende Verträglichkeit beider Positionen auf.
Schlüsselwörter
Aristoteles, De anima, Sinneswahrnehmung, Wahrnehmungsvermögen, Akt-Potenz-Dualismus, Energeia, Dynamis, Entelechie, Wirken und Leiden, common sense Realismus, physische Gegenstände, Erkenntnistheorie, Materie, Form, Ontologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die allgemeine Definition der Sinneswahrnehmung bei Aristoteles, eingebettet in seine grundlegende Naturphilosophie.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind der Akt-Potenz-Dualismus, die Konzepte von Bewegung und Veränderung, die Theorie vom Wirken und Leiden sowie der Vergleich mit dem common sense Realismus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die aristotelische Definition der Wahrnehmung als Prozess des "Bewegtwerdens durch das Wahrgenommene" theoretisch präzise herzuleiten und zu verorten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-analytische Methode, die sich auf die Interpretation der Texte von Aristoteles (insbesondere "De anima") sowie auf die Auseinandersetzung mit sekundärliterarischen Positionen stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Wahrnehmungsvermögens als bloße Möglichkeit, den Wahrnehmungsvorgang als reine Energie und die Einordnung der Wahrnehmung in die Theorie von Wirken und Leiden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Aristoteles, Wahrnehmung, Entelechie, Akt, Potenz, Leiden, Wirken und der common sense Realismus.
Inwiefern ist das Wahrnehmungsvermögen für Aristoteles eine "bloße Möglichkeit"?
Es ist eine Möglichkeit (dynamis), da es ohne die Einwirkung eines äußeren, aktuellen Gegenstandes nicht von sich aus aktiv wird; es ist somit ein "ens in potentia".
Wie unterscheidet sich die aristotelische Position vom common sense Realismus?
Die Arbeit stellt fest, dass Aristoteles' Theorie den common sense Realismus nicht nur vertritt, sondern in ihrer Ausgearbeitheit und Erklärungskraft weit übertrifft, wobei der common sense Realismus als Teilmenge der aristotelischen Position betrachtet werden kann.
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- Werner Müller (Author), 1995, Die allgemeine Definition der Sinneswahrnehmung bei Aristoteles, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59149