Die Rational Choice Theorie nach Gary S. Becker und Hartmut Esser. Eine Anwendung auf das Thema kriminelles Verhalten


Hausarbeit, 2017

9 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Rational-Choice Ansatz nach Gary S. Becker

III. Rational-Choice Ansatz nach Hartmut Esser

IV. Fazit

V. Anhang

Einleitung

Der Rational-Choice-Ansatz beschreibt eine Sammlung von vielen Theorien. Das Grundprinzip aller Theorien ist, dass sich menschliches Handeln durch rationale Wahlvorgänge erklären lässt.1 Die Rational-Choice-Theorie umfasst dabei ein ökonomisches Denkmodell eines nutzenmaximierenden Akteurs.

In der vorliegenden Arbeit werden zwei verschiedene Ansätze dieser Theorie in Bezug auf kriminelles Verhalten dargestellt. Zum einen der Ansatz von Gary S. Becker, und zum anderen der Ansatz von Hartmut Esser. Im Anschluss werden beide Ansätze kritisch betrachtet, inwieweit sie auf die gegenwärtige Kriminalität anzuwenden sind.

Rational-Choice Ansatz nach Gary S. Becker

Der Rational-Choice-Ansatz von Gary S. Becker baut auf dem Ansatz von Adam Smith auf.2 Dieser entwarf das Prinzip des Homo Oeconomicus, bei dem der Mensch als wirtschaftsmaximierendes Wesen verstanden wird. Jede Handlung des Akteurs wird spezialisiert und abgewogen, sodass sie der Wirtschaft zugutekommt. In Beckers Werk „The economic way of looking at life“, welches er 1992 veröffentlichte, nimmt er Bezug auf das Prinzip von Smith und wendet es auf gesellschaftliche Bereiche außerhalb der Wirtschaft an. Das gesamte menschliche Handeln beruht in Beckers Werk auf dem ökonomischen Wahlverhalten der Akteure. Dementsprechend ist das Handeln eine rationale Wahl zwischen Alternativen, die der Akteur anhand einer Präferenzhierarchie bewertet.

Der ökonomische Denkansatz grenzt sich klar von der marxistischen Theorie ab, die besagt, dass Akteure nur aus Selbstsucht und Gewinn handeln.3 Becker sieht im Sinn der Handlung, die Maximierung des Wohlergehens für den Akteur, aber auch für die Gesellschaft. Jedes Verhalten ist für ihn zukunftsorientiert und konstant. Es gibt verschiedene Arten des Handelns wie zum Beispiel egoistisch, loyal oder gehässig. Dennoch besitzen alle Akteure das gleiche Ziel, welches die Optimierung der Handlung ist, um unklare Konsequenzen ihrer Handlungen vorherzusehen. Das Endergebnis soll die am ehesten befriedigende Option der Handlungen sein. Außerdem wird das Verhalten durch vergangene Vorkommnisse beeinflusst, in dem diese eine gewisse Routine bieten können. Becker betont besonders den Einfluss von Einkommen, Zeit, Erinnerungen, Kapazitäten des Akteurs und anderen begrenzten Ressourcen, die sich auf die Handlung auswirken.4 Sie schränken den Wahlprozess der richtigen Handlungsoption ein. Zudem sind die Handlungsmöglichkeiten, die der Akteur hat, durch privates und kollektives Handeln von anderen Akteuren und Organisationen festgelegt. Nach Gary S- Becker spiegelt die stärkste Begrenzung die Zeit wider. Trotz wirtschaftlichem und medizinischem Fortschritt, die die Lebensdauer im Laufe der Jahrzehnte stark verlängert haben, beschränkt sich die Zeit jedes Tages auf vierundzwanzig Stunden. Diese Einschränkung gilt für jeden Akteur, ganz gleich welche Handlung er ausübt oder was sein persönliches Ziel ist.

Im weiteren Teil seines Werkes schildert Becker vier verschiedene Handlungsbereiche und erklärt ihre Hintergründe, und zwar das Handeln in Bezug auf die Diskriminierung von Minderheiten, das kriminelle Verhalten, das Humankapital und die Familie. Der Bereich des kriminellen Verhaltens wird im Folgenden genauer erläutert.

Jeder Akteur versucht sein Verhalten seiner Umgebung anzupassen und die Moral der Gesellschaft zu unterstützen.5 Kriminelles Verhalten stellt hingegen das abweichende Verhalten dar, weil sich die Handlung des Akteurs gegen die Gesellschaft richtet. Kriminalität entsteht nach Becker durch soziale Unterdrückung oder den Besitz von Geisteskrankheit, daher sind nach ihm kriminelle Akteure hilflose Opfer der Gesellschaft. Becker vertritt die These, dass kriminelles Verhalten rational ist. Die Rationalität ist dabei nicht auf materielle Gegenstände ausgerichtet und vertritt den Standpunkt, dass Akteure durch bewährte moralische und ethische Einschränkungen weniger kriminell werden, weil sie in ihrer Handlung eingeschränkt sind. Dieses Modell greift jedoch nicht bei allen, da Kriminelle Akteure sich nicht durch die Moral oder die Werte der Gesellschaft einschränken lassen. Sie sehen den Anreiz im Finanziellen oder in anderen Belohnungen von Straftaten. Verbrechen finden nach Beckers Erkenntnissen nur statt, wenn der Gewinn rentabel ist und keine Gefahr besteht, dass die Tat aufgedeckt wird. Die Moral greift zwar in der Gesellschaft, aber wird nicht von jedem Akteur der Gesellschaft akzeptiert.

Die Stärke des Verbrechens wird neben der Rationalität und den Präferenzen des Kriminellen, auch durch das wirtschaftliche und soziale Umfeld angegeben.6 Die wirtschaftliche Lage des Akteurs kann den Akteur positiv oder negativ stimmen. Sobald sie negativ ist, kann sich die schlechte Lage auf eine Wut gegen die Wirtschaft projizieren, die eine Abneigung des Akteurs gegen die Gesellschaft hervorruft. Außerdem werden Akteure ihr gesamtes Leben von andern Akteuren beeinflusst, die sich in ihrem Umfeld befinden. So werden Akteure mit einem kriminellen Umfeld eher kriminell, als Akteure ohne ein solches Umfeld. Besonders die drei Schwerpunkte Recht, Ordnung und Strafe bestimmen die Handlungsbasis des kriminellen Akteurs, weil sie den Kriminellen in seinem Handeln einschränken oder beziehungsweise Anreize für kriminelle Taten geben, wenn zum Beispiel Unzufriedenheit gegenüber der Regierung herrscht.

Rational-Choice Ansatz nach Hartmut Esser

Hartmut Essers Ansatz der Rational-Choice-Theorie als handlungstheoretisches Modell wird aus dem methodologischen Individualismus abgeleitet.7 Dieser basiert auf der Annahme, dass alle sozialen Phänomene und Vorkommnisse, Resultate von Entscheidungen, Handlungen und Einstellungen sind. Zuzüglich der Rational-Choice-Ansatz von Hartmut Esser aus der ökonomischen Theorie abgeleitet und ist dabei anwendbar auf die Verbindung von Kultur und Sinn in der Gesellschaft. Esser verwendet in seinem Ansatz die Annahme, die die Selektion bezüglich des Handelns menschlicher Akteure durch kalkulierende Nutzenmaximierung erklärt. Die Akteure orientieren sich, laut Esser ausschließlich an zukünftigen Konsequenzen ihres Handelns. Aus dieser Orientierung leitet sich eine Unterstützung besonders für konsistentes Handeln und soziale Ordnung ab. Durch die vorangegangene Sozialisation der Akteure, haben sie sozial geteilte und kulturelle Werte und Ideen erworben. Zudem erlangen sie Kenntnis über die Bedeutung gewisser Zeichen und Symbole in der Gesellschaft, die ihnen vermittelt werden. Insgesamt bekommt das Handeln der Akteure einen Sinn, durch die Orientierung an den Werten, den Ideen und der Kommunikation der Gesellschaft. Dies sind somit wichtige Bestandteile sozialer Prozesse.

Die ökonomische Theorie ist vergleichbar mit der Nutzentheorie.8 Sie bildet das Grundgerüst des Rational-Choice-Ansatzes, den Hartmut Esser aufstellte. Die ökonomische Theorie vertritt folgende Hauptannahme:

"Jeder Akteur hat die Wahl aus einer klar definierten Menge von Alternativen, er verfügt über eine ebenso klar definierte, konsistente und vollständige Ordnung seiner Präferenzen, kann allen künftigen Ereignissen eine gemeinsame und konsistente Verteilung von Wahrscheinlichkeiten zuweisen, und er wählt schließlich jene Alternative, die den aus Präferenzen und Wahrscheinlichkeiten gebildeten erwarteten Nutzen maximiert."9

Bezüglich der richtigen Wahl durchläuft der Akteur Phasen der genauen Überlegung und der Abwägung der einzelnen Optionen, um den maximalen Nutzen zu erreichen. Bei der Abwägung helfen die gegebenenfalls auch materiellen Anreize, die Eintrittswahrscheinlichkeiten der Zielereignisse und der vorhandene Aufwand des Handelns. Der Rational-Choice-Ansatz von Hartmut Esser ist anwendbar auf alle sozialen Phänomene, wie die Partnerwahl, gewisse Bildungsinvestitionen, politische Wahlen und abweichendes Verhalten.

Kriminelles Verhalten ist eine Form des abweichenden Verhaltens, da es von den Grundhandlungen der Akteure in der Gesellschaft abweicht.10 Als Faktoren des Verbrechens bestehen laut Esser ausschließlich die Anreize des Materiellen, die Eintrittswahrscheinlichkeiten bestimmter Ziele und der Aufwand der Handlung. Die Bereiche Sinn und Kultur, als Verbindung zwischen Akteur und Gesellschaft, sind dabei nicht mehr entscheidend. Der Akteur wendet sich von der Gesellschaft und ihren Akteuren ab, sodass sein abweichendes Verhalten ihn zu einem Außenseiter macht. Die Gesellschaft besitzt daraufhin keinen hohen Stellenwert in der Handlung des Kriminellen. Seine Handlung weicht ab, richtet sich dabei gegen die Werte und Moraleinstellungen der Allgemeinheit und lässt das Vertrauen in die Gesellschaft schwinden. Außerdem werden die institutionellen Regeln, wie die Gesetze der Regierung, zu Randbedingungen, die nur in Betracht gezogen werden, wenn es sich um die Sanktionen der Straftat handelt. Somit ist der Akteur nicht mehr an der Verbesserung des Allgemeinwohls interessiert.

Bei der Wahl der richtigen Handlungsmöglichkeit besitzt ein Akteur gute Gründe.11 Hinter kriminellen Taten steht daher auch ein guter Grund, der die Handlung für den Akteur selbst bekräftigt und rational ist. Um das Verbrechen als Handlung in seinem Kern nachzuvollziehen und die Ursache der Handlung herauszuarbeiten, muss die Annahme verfolgt werden, dass jeder Akteur eine subjektive Rationalität besitzt. Auch kriminelles Verhalten beruht auf subjektiven Absichten und Interessen des Akteurs. Die Kultur des Kollektivs dient allgemein als die Lösung für Alltagsprobleme. Ein Teilbereich der Kultur ist die Legitimation und Erklärung von Interessen. Akteure machen sich dies strategisch zu ihrem Nutzen, in dem sie die Ansichten der Kultur für ihre eigenen, persönlichen Zwecke verändern, um ihr Verbrechen zu rechtfertigen.

Fazit

Gary S. Beckers Ansatz der Rational-Choice-Theorie erklärt das Handeln von Kriminellen durch die Anreize von finanziellen oder anderen Belohnungen.12 Daher ist der Ansatz beispielsweise passend für die Delikte des Einbruchs, des Diebstahls oder der Geldfälschung. Darüber hinaus kann man alle materiellen Verbrechen hinzuzählen, bei denen der Akteur einen Gewinn macht. Auf Delikte wie Mord oder Totschlag ist dieser Ansatz nur selten anzuwenden, da die Gründe meistens auf dem Persönlichen beruhen. Außer wenn gegebenenfalls ein Kopfgeld, also eine Summe für den Tod eines anderen Akteurs ausgesetzt ist, ist der Ansatz des Finanziellen wieder gegeben.

Hartmut Esser stellt in seinem Rational-Choice-Ansatz neben dem Anreiz des Materiellen, auch die Eintrittswahrscheinlichkeiten der Zielereignisse und den Aufwand der kriminellen Handlung als Faktoren eines Verbrechens dar.13 Bezogen auf die materiellen Anreize lässt sich der Ansatz auf die gleichen Delikte wie bei Gary S. Becker übertragen, also Einbrüche, Diebstähle und andere Straftaten, bei denen der materielle Gewinn im Vordergrund steht. Der zweite Aspekt der Eintrittswahrscheinlichkeit von Zielereignissen kann nur bezogen auf eine bestimmte Situation bewertet werden. Dieser Aspekt hängt zudem von der subjektiven Bewertung des Kriminellen ab, zum Beispiel inwiefern dieser die Eintrittswahrscheinlichkeit für das Erlangen des geklauten Geldbetrags einschätzt.

[...]


1 vgl. Kruse 2012: 305

2 ebd.: 305

3 vgl. Becker 1992: 1

4 vgl. Becker 1992: 1f.

5 ebd.: 5f.

6 vgl. Becker 1992: 5

7 vgl. Esser 2011: 249

8 vgl. Esser 2011: 253

9 Esser 2011: 252

10 vgl. Esser 2011: 253

11 vgl. Esser 2011: 254ff.

12 vgl. Becker 1992: 6

13 vgl. Esser 2011: 253

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Die Rational Choice Theorie nach Gary S. Becker und Hartmut Esser. Eine Anwendung auf das Thema kriminelles Verhalten
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
9
Katalognummer
V591659
ISBN (eBook)
9783346200143
Sprache
Deutsch
Schlagworte
anwendung, theorie, thema, rational, hartmut, gary, esser, eine, choice, becker, verhalten
Arbeit zitieren
Annkatrin Falke (Autor), 2017, Die Rational Choice Theorie nach Gary S. Becker und Hartmut Esser. Eine Anwendung auf das Thema kriminelles Verhalten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/591659

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