Was macht den Prozess der Sozialisation aus, und wie lässt sich dieser von dem Aspekt der Erziehung abgrenzen?


Hausarbeit, 2018

9 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover

Wintersemester 2017/18

Institut für Soziologie

Modul: Bildung, Kultur, Lebenslauf I

Seminar: Familie, Uni, Lebenslauf – Bildungswege mit (und ohne) Kind

Prüfungsessay

Was macht den Prozess der Sozialisation aus, und wie lässt sich dieser von dem Aspekt der Erziehung abgrenzen?

Verfasserin: Annkatrin Falke

Studiengang: Sozialwissenschaften

Fachsemester: 3

Abgabedatum: 19.03.2018

1. Einleitung

Der Bereich der Sozialisation stellt einen Themenbereich dar, bei dem die Forschung fortlaufend umfangreicher wird. Um diesen Bereich zu erfassen existiert die Sozialisationsforschung, die gesellschaftliche Bedingungen und konkrete Lebensverhältnisse analysiert, und dabei zentrale Thematiken der Psychologie, Soziologie, Pädagogik, Anthropologie, Theologie und Themenfelder der Gesundheits-, Kommunikations-, Geschichts- und Rechtswissenschaften behandelt. Bei der Sozialisation besteht ein individueller Entwicklungsprozess mit der Interdependenz zur sozialen und materiellen Umwelt des Individuums (vgl. Hurrelmann et. al. 2008: 14).

Ein Teilbereich der Sozialisation ist die Erziehung in der Familie, sodass die Erziehung befähigt ist, den Sozialisationsprozess eines Individuums zu beeinflussen (vgl. Grundmann 2011: 65). Die Forschungsfrage: „Was macht den Prozess der Sozialisation aus, und wie lässt sich dieser von dem Aspekt der Erziehung abgrenzen?“, wird in folgendem Essay nacheinander beantwortet.

2. Hauptteil

2.1 Der Prozess der Sozialisation

Der Sozialisationsprozess ist ein individueller Prozess, bei dem das Individuum sich mit Körper und Gefühlen sowie der sozialen und materiellen Umwelt für eine lebenslange und individuelle Entwicklung, auseinandersetzt (vgl. Ecarius et. al. 2011: 9). Die Umwelt wird durch das Zusammenleben von Individuen konstituiert und reproduziert, dadurch ist sie stetig im Wandel. Die gesellschaftlichen Bedingungen und die konkreten Lebensverhältnisse spielen in der Sozialisation des Individuums eine zentrale Rolle, weil sie die Entwicklung des Individuums im Prozess der Sozialisation positiv oder negativ beeinflussen. Einen großen Einfluss auf die Sozialisation haben beispielsweise die Gesetze, die in einem Land herrschen, denn je mehr Meinungsfreiheit einem Individuum in seinem Land zusteht, desto freier und selbstständiger kann es sich sozialisieren (vgl. Hurrelmann et. al. 2008: 14). Daraus lässt sich folgern, „dass die soziale und personale Entwicklung des Menschen untrennbar verwoben ist mit den gesellschaftlichen Verhältnissen.“ (Dippelhofer-Stiem 2012: 20).

Der Prozess der Sozialisation lässt sich als aufbauenden Prozess beschreiben, der sich immer weiter entwickelt. Zuerst geht es um den Erwerb von Verhaltensweisen, durch die das Individuum am sozialen Leben teilnehmen kann und dazu beiträgt, dieses Leben weiterzuentwickeln. Die Arten des Verhaltens erlernt das Individuum durch den Kontakt zu anderen, indem es sich mit anderen Individuen austauscht und neue Handlungsweisen beobachtet und erlernt. Als Voraussetzung des Sozialisationsprozesses gilt „die Existenz zwischenmenschlicher Beziehungen sowie de[r] Wille zu deren Weiterentwicklung“ (Hurrelmann et. al. 2008: 25). Als Beispiel dient die Weitergabe von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten von Generation zu Generation, wie Traditionen, Werte und Normen, bei der eine soziale Bindung zwischen den Generationen hergestellt wird. Das hat eine Festigung der Gesellschaft, sowie den Erhalt von wichtigen Grundsätzen der Gesellschaft zur Folge (vgl. Grundmann 2011: 65).

Zum weiteren Erlernen von angepassten Verhaltensweisen dient das Bewusstsein über sich selbst als Individuum der Gesellschaft, um künftig gezielt zu handeln. Die Sozialisation als Prozess findet in verschiedenen Bildungskontexten oder Sozialisationsinstanzen statt (vgl. Hurrelmann et. al. 2008: 24f.). Die Bezeichnung von Sozialisationsinstanzen trifft auf begrenzte oder freie Orte zu, in denen Sozialisation stattfindet, wie zum Beispiel die Familie, Institutionen wie Kindergärten und Schulen, und der Lebenslauf eines Individuums. Hierbei stehen Institutionen wie der Kindergarten, die Schule und die Arbeitsstätte für die räumliche Dimension von Sozialisation. Der parallele Ablauf von Sozialisationsinstanzen beschreibt dabei, dass zum Beispiel ein Kind durch die Erziehung in der Familie sozialisiert wird, und nebenbei eine Sozialisation durch die Lehrer*innen und Mitschüler*innen in der Schule stattfindet, sodass das Kind einem parallelen Einfluss ausgesetzt ist. Jedes Individuum durchläuft im Leben viele Sozialisationsinstanzen, die den persönlichen Lebenslauf prägen, und durch die das Individuum sich weiterentwickelt und neue Erfahrungen sammelt (vgl. Ecarius et. al. 2011: 11). Die zeitliche Dimension des Sozialisationsprozesses ist in den Lebensphasen eines Individuums wiederzuerkennen, weil die Länge der Phase, aber auch wie lange sie schon zurückliegt, eine Auswirkung auf das Individuum in seiner Entwicklung hat (ebd.: 54). Besonders in der Kindheit und Jugend findet eine starke Sozialisation statt, weil dies die ersten Lebensphasen eines Individuums sind. Das Individuum hat in der ersten Lebensphase nur wenig bis gar keine Erfahrungen gesammelt, aus denen es lernen kann, somit ist die Prägungsphase sehr intensiv und die Aufnahme des Individuums von Verhaltensweisen, Normen etc. frei von Wertungen. Im fortlaufenden Alter sind besonders die Phasen der Fort- und Weiterbildung, der Partnerschaftsentwicklung und der Übergang zur Elternschaft wichtige Lebensphasen, in denen das Individuum sozialisiert wird, weil in diesen Phasen gegebenenfalls die Lebensweise angepasst und geändert werden muss, sodass neue Grundsätze entstehen. Dennoch sind die Kindheit und die Jugend die Lebensphasen, die die stärksten sozialisierenden Auswirkungen auf das Individuum vermerken, weil sie die Grundlage für alle folgenden sozialisierenden Abhandlungen darstellen (vgl. Hurrelmann et. al. 2008: 18f.).

Nach dem Erwerb von Verhaltensweisen erfolgt die Anwendung des Erlernten, sodass das Individuum aktiv in die Gesellschaft integriert wird. Der Übergang vom Erwerb zur Anwendung des Erlernten erfolgt unbewusst und automatisch im Sozialisationsprozess. Nichtsdestotrotz hat die Anwendung der erlernten Verhaltensweisen, und somit das soziale Handeln, eine wichtige Bedeutung, weil sich die Persönlichkeitsentwicklung des Individuums daran orientiert (vgl. Grundmann 2011: 65). Je uneingeschränkter das Individuum handeln kann, desto bessere Chancen hat es seine Persönlichkeit zu entwickeln, und diese weiter zu formen. Während die Verhaltensweisen angewendet werden, findet die Weitergabe von Handlungsarten, Werten und Normen an andere Individuen statt, die damit ebenfalls einen weiteren Teil ihrer Sozialisation erfahren. Der Kontakt zu anderen Individuen kann jedoch auch die Persönlichkeitsentwicklung hindern, wenn das andere Individuum mit einer sehr autoritären Art handelt, und damit Ängste hervorruft sowie den Entwicklungsprozess des Gegenübers einschränkt. Außerdem läuft die persönliche Entwicklung nicht optimal ab, wenn ein Kontakt zu einem anderen Individuum auf einer sehr lockeren Basis besteht, sodass es zu keiner klaren Verhaltenspositionierung kommt, nach der sich das Individuum richten kann, was zu Missverständnissen führen kann. Beide Typen von Individuen können längerfristige Probleme in dem Aufbau von Bindungen zu anderen hervorbringen, besonders wenn das betroffene Individuum sich nur schwer selbstständig in die Gesellschaft einbringen kann. Individuen mit einem hohen Maß an Selbstständigkeit und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten kommen auch nach einer einschüchternden oder lockeren Kontakterfahrung, ausreichend im Leben und in der Gesellschaft zurecht (vgl. Hurrelmann et. al. 2008: 25).

Insgesamt bilden die "Aneignung und Verarbeitung der inneren und äußeren Realität und die Auseinandersetzung mit Körper und Psyche sowie der sozialen und materiellen Umwelt" (Ecarius et. al. 2011: 9) den Sozialisationsprozess, der im Leben eines jeden Individuums als nicht endender, individueller Lernprozess verstanden wird (vgl. Ecarius et. al. 2011: 9).

2.2 Der Aspekt der Erziehung

Die Erziehung ist eine wesentliche soziale Tatsache, die in unzähligen verschiedenen Arten existiert, so wie es verschiedene soziale Umwelten gibt. Dennoch besitzen alle Erziehungsstile eine Gemeinsamkeit, und zwar die Abstimmung mit dem Ideal der Gesellschaft, was auf die Anpassung des Kindes an die Gesellschaft abzielt. Bei der Geburt besitzt das Kind die Ausprägungen der individuellen Natur und bekommt instinktive Mechanismen vererbt, die für das soziale Leben als Individuum in der Gesellschaft jedoch nicht ausreichen. Um das Kind auf das soziale Leben vorzubereiten, ist die Aufgabe der Erziehung das Kind zu sozialisieren, bei der es mit einer bestimmten Gesellschaft in Verbindung gesetzt wird (vgl. Durkheim 1973: 7ff.). In der Erziehung geben die Eltern vor, was allgemein als angemessen gilt und wertgeschätzt werden soll, und führen damit eine starke Prägung des Kindes durch. Diese Rolle wird teilweise auch von Lehrern*innen oder Betreuern*innen übernommen. Denn ein Kind ist neu in der Gesellschaft und wird mit ihr konfrontiert, sodass die Erziehung dafür sorgen muss, dass das Kind als Individuum seinen Platz findet. Dabei liegt die Erziehung der Eltern im Fokus der Prägungsphase, weil von da aus der stärkste Einfluss auf das Kind in seinem Entwicklungsprozess ausgeübt wird (vgl. Hurrelmann et. al. 2008: 18f.). Eine genaue Beschreibung des Erziehungsaspekts wird im Folgenden von Grundmann passend zusammengefasst:

„Durch Erziehung wird es daher möglich, Individuen mit Verhaltensregeln, gesellschaftlich relevanten Handlungsfähigkeiten und Wissensbeständen auszustatten, was ihnen ein relativ homogenes Verständnis für die sozialen und gesellschaftlichen Anforderungen und Handlungszusammenhänge vermittelt.“ (Grundmann 2011: 67)

Die Erziehung vermittelt im Zuge der Sozialisation genaue Eigenschaften und Verhaltensweisen, die das Kind aufnimmt, verinnerlicht und dann selbst in der Gesellschaft anwendet (vgl. Grundmann 2011: 65). Außerdem werden Grunddisziplinen gelehrt, und das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit sowie die Fähigkeit zur Assoziation durch individuelle Erfahrungen weiterentwickelt (vgl. Durkheim 1973: 25). Anschließend ist das Kind fähig, selbstständig zu leben, daher wird die Erziehung als lebensnotwendig für Individuum und Gesellschaft angesehen. Zugleich wird das Individuum jedoch auch einer gewissen Verpflichtung unterzogen, an die es sich halten muss, um in der Gesellschaft integriert zu werden. Die kulturellen Werte und Normen bieten Orientierung und Sicherheit, um nicht vom allgemeinen Verhalten abzuweichen. Außerdem ist es wichtig, dass in der Erziehung die persönlichen Stärken des Kindes hervorgebracht werden, um eine klare individuelle Selbstentfaltung zu gewährleisten, was eine gelungene Integration in das existierende System für das heranwachsende Individuum bringen soll. Gleichermaßen wird dabei der soziale Zusammenhalt in der Gesellschaft gestärkt und die Gesellschaft durch neue Fortschritte vorangebracht. Zusammenfassend dient die Erziehung der Formung des Individuums, sodass die erforderlichen Verhaltensweisen und Handlungsanforderungen der gesellschaftlichen Umstände dem Kind abverlangt werden können (vgl. Grundmann 2011: 66-68).

2.3 Die Zusammenführung der Sozialisation und der Erziehung

Der Sozialisationsprozess und der Aspekt der Erziehung sind zwei weitreichende Bereiche, die das Leben eines Individuums stark beeinflussen. Um einen Vergleich der beiden darzustellen, werden im Folgenden zuerst Überschneidungen, und im Anschluss Unterschiede dargelegt.

Die Sozialisation und die Erziehung haben auf der einen Seite einen gemeinsamen Handlungsbereich, denn die Sozialisation schafft die Basis für die Aspekte der Bildung und der Erziehung, weil sie beide Bereiche mit ihrer hohen Wirkungskraft umschließt. „Mit Erziehung und Bildung wird also der allgemeine Prozess der Sozialisation inhaltlich zugespitzt.“ (Grundmann 2011: 64). Dabei bildet die Erziehung einen unterstützenden Teil der Sozialisation, die durch eine zielgerichtete Handlung geprägt ist, und zwar der Integration des Individuums durch die Weitergabe von Eigenschaften und Verhaltensweisen, sowie die Förderung von persönlichen Fähigkeiten (vgl. Grundmann 2011: 67f.).

„Insofern kann Erziehung auch als eine spezifische Form sozialisatorischer Praxis bestimmt werden, die durch spezifische institutionelle Rahmenbedingungen und von außen definierten Handlungsbezügen charakterisierbar ist.“ (Grundmann 2011: 67)

Die Erziehung findet in Sozialisationsinstanzen statt, wie der Familie, dem Kindergarten oder der Schule, sodass das Kind nicht nur von den eigenen Eltern sozialisiert wird, sondern auch von anderen Individuen beeinflusst und gelenkt wird. Somit fungiert die Erziehung in den Instanzen der Sozialisation, sodass den Bereichen ein gegenseitig fördernder Charakter zugeschrieben werden kann (vgl. Ecarius et. al. 2011: 11). Zudem haben die Sozialisation sowie die Erziehung das gleiche Ziel, und zwar die Stärkung des sozialen Zusammenhalts in der Gesellschaft durch die erfolgreiche Integration von Individuen (vgl. Grundmann 2011: 69).

Auf der anderen Seite lassen sich jedoch die Erziehung und die Sozialisation voneinander abgrenzen, weil die Erziehung im Feld der Selektion von Individuen über den Bereich der Sozialisation hinausgeht. Durch verschiedene Arten von Erziehung wachsen Individuen unterschiedlich heran und lernen andere Verhaltensweisen, Traditionen und Werte kennen. Beim Eintreten in die Gesellschaft gibt es somit Individuen, die sich nicht so gut wie andere in die Gesellschaft integrieren lassen und gegebenenfalls sogar ausgeschlossen werden. Diese Selektion steht in Abhängigkeit zur gesellschaftlichen Wertschätzung, bei der die ‚richtigen‘ Grundsätze und Verhaltensweisen festgelegt werden. Ein passendes Beispiel dafür ist die schulische Bildung, die jedes Individuum erfährt, wobei der Abschluss an einer Hauptschule das Individuum anders sozialisiert, als der Abschluss an einem Gymnasium, weil es mit einem anderen Umfeld in Berührung kommt. So werden Individuen mit einem höheren Bildungsabschluss anders sozialisiert, und folglich auch anders in die Gesellschaft integriert. Inwieweit ein Individuum von der Gesellschaft angenommen wird, entscheiden zum Großteil die Maßstäbe der sozialen Beziehungsgruppen im direkten Umfeld, deren Ausprägung abhängig von der kulturellen Umgebung ist. Die Selektion nimmt bei der Sozialisation keine bedeutende Rolle ein, und ist somit ein Alleinstellungsmerkmal für den Aspekt der Erziehung, weil die Sozialisation weitestgehend den positiven Blickwinkel beim Eintreten des Individuums in die Gesellschaft, sowie die Vorbereitung darauf beschreibt (vgl. Grundmann 2011: 68f.). Außerdem ist die Erziehung „weniger an solch normativen Leitbildern orientiert“ (Grundmann 2011: 69), und legt mehr Wert auf klare Handlungsanforderungen zur erfolgreichen Integration des Individuums. Hingegen ist die Sozialisation auf die Werte und Normen der Gesellschaft fokussiert, und nimmt diese als Richtwert für eine passende Sozialisierung des Individuums (vgl. Grundmann 2011: 69).

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Details

Titel
Was macht den Prozess der Sozialisation aus, und wie lässt sich dieser von dem Aspekt der Erziehung abgrenzen?
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Bildung Kultur und Lebenslauf
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
9
Katalognummer
V591661
ISBN (eBook)
9783346178312
ISBN (Buch)
9783346178329
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aspekt, erziehung, prozess, sozialisation
Arbeit zitieren
Annkatrin Falke (Autor), 2018, Was macht den Prozess der Sozialisation aus, und wie lässt sich dieser von dem Aspekt der Erziehung abgrenzen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/591661

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