Salutogenetische Gesundheitsförderung im Sportunterricht der Sekundarstufe I

am Beispiel der Bewegungsform 'Laufen'


Examensarbeit, 2005

76 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Situationsanalyse
2.1 Der gesundheitliche Zustand von Kindern und Jugendlichen
2.2 Motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen – Eine positive Entwicklung.
2.3 Motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen – Eine negative Entwicklung
2.4 Entwicklung der motorischen Leistungsfähigkeit bei Kindern und Jugendlichen aus der Sicht des ersten Deutschen Kinder- und Jugendsportberichts
2.5 Ursachen für die Verschlechterung der körperlichen Leistungsfähigkeit
2.6 Fazit

3. Grundlagen der Gesundheitsförderung
3.1 Definition von Gesundheit
3.1.1 Naturwissenschaftlich-medizinischer Gesundheitsbegriff
3.1.2 Psychologischer Gesundheitsbegriff
3.1.3 Soziologischer Gesundheitsbegriff
3.1.4 Ein Gesundheitsbegriff
3.2 Gesundheitsförderung
3.3 Das Salutogenese-Modell von Aaron Antonovsky…
3.3.1 Gesundheits-Krankheits-Kontinuum
3.3.2 Generalisierte Widerstandsquellen (Schutzfaktoren)
3.3.3 Stressoren (Risikofaktoren)
3.3.4 Das Kohärenzgefühl
3.3.4.1 Verstehbarkeit
3.3.4.2 Handhabbarkeit
3.3.4.3 Bedeutsamkeit
3.3.5 Zusammenfassung
3.4 Zwischenfazit.

4. Didaktische und pädagogische Aspekte der
Gesundheitsförderung.
4.1 Vorwort
4.2 Zusammenhang von Sport und Gesundheit nach Balz
4.2.1 Chancen für die Gesundheit durch Sport…
4.2.2 Risiken für die Gesundheit durch Sport
4.2.3 Aspekte gesundheitsorientiertem Sporttreiben…
4.3 Gesundheitsförderung im Schulsport…
4.4 Salutogenetische Gesundheitsförderung im Sport-
unterricht…
4.4.1 Sportliche Aktivität innerhalb des Salutogenese-Modells…
4.4.2 Aufgaben salutogenetischer Gesundheitsförderung
im Sportunterricht
4.4.3 Inhalte und Methoden einer salutogenetischen
Gesundheitsförderung im Sportunterricht…
4.5 Pädagogische Perspektiven…
4.5.1 Gesundheit fördern, Gesundheitsbewusstsein entwickeln…
4.5.2 Mehrperspektivität
4.6 Merkmale des Schulsports in der Sekundarstufe I
4.7 Zusammenfassung..

5. Umsetzung des Salutogenese-Modells im Sportunterricht -
Ein Praxisbeispiel.
5.1 Hinführung…
5.2 Bewegungsform Laufen – Laufdisziplinen und Technik
5.3 Gesundheitliche Aspekte des Laufens…
5.4 Vorbemerkung
5.4.1 Erste Doppelstunde
5.4.2 Zweite Doppelstunde…
5.4.3 Dritte Doppelstunde

6. Schlussbetrachtung
Literaturverzeichnis…

1. Einleitung

„Es gibt nur eine Gesundheit und eine Menge von Krankheiten“.

(Wilhelm von Humboldt)

Gesundheit sollte als ein wichtiger Bestandteil im Leben eines jeden Menschen verankert sein. Ohne sie ist der Mensch in seiner Lebensweise eingeschränkt.

Betrachtet man vor diesem Hintergrund das gesundheitliche Bild von Kindern und Jugendlichen in der heutigen Zeit, so wird man schnell auf negative Schlagzeilen aufmerksam. Die „Generation XXL“, wie sie von der Mediengesellschaft tituliert wird, weist immer mehr gesundheitliche Probleme und Defizite auf. Sowohl Kinder als auch Jugendliche haben sich den veränderten Lebensbedingungen anzupassen. Durch die Verstädterung werden die Heranwachsenden in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, da ihnen die Nutzung von möglichen Spielflächen verwehrt wird. Sie werden dazu verleitet immer mehr Indoor-Aktivitäten zu treiben, welche allerdings nicht unbedingt durch Bewegungen gekennzeichnet sind. Dieser Aspekt wird vor allem aufgrund des zunehmenden Medien-Interesses verstärkt. Kinder und Jugendliche verbringen ihre Freizeit zunehmend mit Kommunikations- und Interaktionsmedien und finden z.B. in der Auseinandersetzung mit Computerspielen einen angemessenen Ausgleich zu ihren Alltagsproblemen.

Diese Lebensweise bleibt nicht ohne Folgen: Ca. 16% aller Kinder und Jugendlichen sind übergewichtig und ungefähr ein Drittel von ihnen ist sogar adipös. Als Hauptursache wird in vielen Studien Bewegungsmangel angegeben. Die Heranwachsenden treiben zwar viel Sport im Verein und bewegen sich dort wahrscheinlich auch regelmäßig, aber die Dropout-Quote ist relativ hoch: Ungefähr 40% der Kinder und Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren verlassen ihren Verein und viele von ihnen finden auch danach keinen Zugang mehr zu sportlicher Betätigung. Da bereits im Alter von 12 Jahren ein regelrechter Einbruch der sportlichen Aktivität stattfindet, steigt die Gefahr, dass bereits in jungen Jahren die Gesundheit aufgrund von mangelnder Bewegung gefährdet ist.

Beeinträchtigungen des Herz-Kreislauf-Systems, Übergewicht oder auch Haltungsschwächen und Defizite in der motorischen Leistungsfähigkeit können als Folgen von Bewegungsmangel genannt werden. Diese Auswirkungen haben letztendlich negativen Einfluss auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.

Aus den genannten Aspekten lassen sich zentrale Betrachtungsweisen für meine Arbeit ableiten:

Wie sieht der gesundheitliche Zustand von Kindern und Jugendlichen wirklich aus? Existieren geeignete Maßnahmen um ihre Gesundheit zu schützen oder zu fördern? Inwieweit kann sportliche Aktivität die Gesundheit der Heranwachsenden verbessern? Kann Dauerlaufen positive Konsequenzen für die Gesundheit haben? Welche Chancen können speziell dem Sportunterricht für die Förderung der Gesundheit von Jugendlichen zugesprochen werden? Wie muss ein gesundheitsförderlicher Sportunterricht gestaltet sein?

Nach diesem einleitenden Vorwort (Kap. 1) folgt der Hauptteil dieser Arbeit, welcher sich in vier Abschnitte gliedert (Kap. 2-5), bis schließlich in einer Schlussbetrachtung (Kap. 6) die wesentlichen Ergebnisse der Arbeit reflektiert und festgehalten werden.

Eingangs wird in einer Gegenüberstellung verschiedener Analysearbeiten die aktuelle gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen beleuchtet (Kap. 2). Dabei richtet sich der Fokus auf Arbeiten zur Untersuchung der motorischen Leistungsfähigkeit von Heranwachsenden. Damit die kontroverse Diskussion über den Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen deutlich wird, erfolgt zunächst die Darstellung zweier Studien (Kap. 2.2), die bei ihren Untersuchungen zur motorischen Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen zu optimistischen Ergebnissen kommen. Im Anschluss daran werden zwei weitere Analysearbeiten vorgestellt, deren Befunde allerdings ein negatives Bild des gesundheitlichen Zustandes von Kindern und Jugendlichen aufzeigen (Kap. 2.3). Wie nun die aktuelle gesundheitliche Situation der Heranwachsenden aussieht, wird in Kapitel 2.4 endgültig geklärt. Bevor nun nach effizienten Bewältigungsstrategien gesucht werden kann, müssen die Ursachen für diese motorischen Defizite bekannt sein (Kap. 2.5).

Aber was wird eigentlich unter Gesundheit verstanden? Ist sie mehr als das Ausbleiben von Krankheiten?

Zu Beginn des dritten Kapitels werden diese Fragen beantwortet, indem eine Definition von Gesundheit vorgestellt wird, welche in abgewandelter Form für die vorliegende Arbeit gelten soll (Kap. 3.1.4).

Damit die Menschen ihre Gesundheit erhalten bzw. verbessern können, sollen sie im Sinne der Gesundheitsförderung individuelle Schutzfaktoren ausbilden, welche ihnen die Bewältigung der jeweiligen Umweltanforderungen erleichtern (Kap. 3.2).

Ein bedeutendes Modell der Gesundheitsförderung ist das Modell der Salutogenese von Aaron Antonovsky (Kap. 3.3). Der zentrale Gedanke dieses Konzepts beschäftigt sich mit der Frage, wie Menschen trotz widriger Umstände gesund bleiben können. Vor dem Hintergrund dieser Fragestellung wird der Entwicklung und Stärkung individueller Schutzfaktoren eine große Bedeutung zugemessen. Dieser salutogenetische Ansatz dient als theoretische Grundlage für die praktischen Ausführungen zur Gesundheitsförderung im 5. Kapitel. Um die pädagogischen Aspekte der Gesundheitsförderung näher zu erläutern, erfolgt im vierten Kapitel ein konkreter Bezug auf die Rahmenbedingungen und Voraussetzungen innerhalb des Schulsports (Kap. 4.3). Vorab wird allerdings der Zusammenhang von Sport und Gesundheit dargestellt, wobei implizit die Chancen (Kap. 4.2.1) und die Risiken (Kap. 4.2.2) sportlicher Aktivitäten für die Gesundheit angeführt werden. In den Kapiteln 4.4 bis 4.4.3 werden die Aufgaben, Inhalte und Methoden eines salutogenetisch orientierten Sportunterrichts beleuchtet. Damit die praktische Umsetzung des Salutogenese-Modells im Sportunterricht der Sekundarstufe I gelingen kann, müssen die pädagogischen Perspektiven (Kap. 4.5) und der in diesem Zusammenhang formulierte Gedanke der Mehrperspektivität berücksichtigt werden (Kap. 4.5.2) Darüber hinaus wird die Durchführung und Planung einer Sportstunde in der Sekundarstufe I von den verschiedenen Facetten und Merkmalen des Schulsports in den Klassen 5-10 geprägt (Kap. 4.6).

Auf der Grundlage dieser didaktischen und pädagogischen Inhalte wird dann zunächst überlegt, ob die Bewegungsform Laufen als adäquates Mittel eingesetzt werden kann, um die Gesundheit zu fördern (Kap. 5.3).

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen erfolgt im Anschluss eine exemplarische Darstellung einer Unterrichtsreihe im Sportunterricht der Sekundarstufe I (9. Klasse). Innerhalb von drei Doppelstunden wird, vor dem Hintergrund einer salutogenetischen Gesundheitsförderung, der Aspekt des langsamen und erholsamen Laufens thematisiert (Kap. 5.4).

Den Abschluss dieser Arbeit bildet eine Schlussbetrachtung (Kap. 6), welche auf der Grundlage der Ausführungen in den einzelnen Kapiteln, die eingangs gestellten Fragen zu beantworten versucht.

2. Situationsanalyse

2.1 Der gesundheitliche Zustand von Kindern und Jugendlichen

„Deutschlands Schüler werden immer schlapper“ (Kieler Nachrichten, 2003). Diese u.Ä. Schlagzeilen sind oft die Aufmacher diverser Zeitungsberichte zum gesundheitlichen Zustand von Kindern und Jugendlichen. Oft beruhen diese Veröffentlichungen auf unterschiedlichen Studien, die alle versuchen eine mehr oder weniger präzise Aussage über den aktuellen Gesundheitsstatus von Heranwachsenden zu machen. Aber aufgrund der konträren Datenlage, der uneinheitlichen Testverfahren und der unterschiedlichen Beurteilungskriterien wird eine genaue Angabe erschwert.

Das vorliegende Kapitel versucht nun, diese Situation zu klären, indem es auf ausgewählte Untersuchungen zurückgreift, die zwar nicht explizit die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen analysiert, mit denen aber geklärt werden kann, inwieweit sich die motorische Leistungsfähigkeit der Heranwachsenden verändert hat. Neben psychischen und sozialen Faktoren nehmen auch körperliche Faktoren (motorische Leistungsfähigkeit) Einfluss auf die Gesundheit und gesundheitsrelevantem Verhalten. Die vorhandenen Ergebnisse repräsentieren sowohl den Leistungsstand der Jungen als auch den der Mädchen und sind i.d.R. charakteristisch für die Gruppe von Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 6 und 17 Jahren.

Nachdem im Kapitel 2.2 die Betrachtung zweier Studien, welche Schülern und Schülerinnen eine unveränderte motorische Leistungsfähigkeit zusprechen, erfolgt, werden in Kapitel 2.3 zwei Untersuchungen vorgestellt, mit denen ein Rückgang der Leistung bei Kindern und Jugendlichen diagnostiziert wird. Anschließend wird auf eine Analyse hingewiesen (Kap. 2.4), die ausgehend von diversen Untersuchungen der letzten 25 Jahren, eine repräsentative Aussage über die aktuelle Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen macht.

Vor dem Hintergrund der Leistungsdefizite wird dann auf verschiedene Ursachen hingewiesen (Kap. 2.5), bis schließlich nachfolgend die wesentlichen Erkenntnisse festgehalten werden (Kap. 2.6).

2.2 Motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen – Eine positive Entwicklung?

Um die motorische Leistungsfähigkeit von 1672 Hamburger Grundschulkindern (868 Jungen und 804 Mädchen) zu beurteilen, wendeten Kretschmer und Giewald (2001) den Allgemeinen Sportmotorischen Test (AST 6-11) von Bös und Wohlmann (1987)[1] an.

Ausgehend von sechs Testaufgaben (u.a. 20-m-Lauf, Hindernislauf und Medizinballstoßen) wurden verschiedene motorische Fähigkeiten wie z.B. Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Koordination der Schüler überprüft.

Anschließend wurden diese Untersuchungsergebnisse sowohl mit der Normierungsstichprobe von Bös und Wohlmann (1987) als auch mit den Befunden der Studie von Kunz (1992) verglichen. Letzterer überprüfte ebenfalls auf der Grundlage des AST von Bös und Wohlmann (1987) im Jahre 1992 die motorische Leistungsfähigkeit von 1200 Grundschulkindern in Frankfurt.

Gegenüber der Normierungsstichprobe von Bös und Wohlmann (1987) zeigen die Ergebnisse der Untersuchung von Kretschmer und Giewald (2001) bei 48 möglichen Einzelvergleichen (bezogen auf Alter, Geschlecht und die verschiedenen Aufgaben) in 24 Fällen schlechtere und in 23 Fällen bessere Leistungen, sowie einen Fall mit gleichen Werten. Die Leistungsunterschiede sind sowohl bei den konditionellen als auch bei den koordinativen Fähigkeiten erkennbar.

Im Vergleich zu den Studien von Kunz (1992), schneidet die Leistungsfähigkeit der Hamburger Kinder wesentlich besser ab:

In 38 Fällen sind die Leistungen besser, einmal wird ein gleicher Wert erzielt und in neun Fällen, in erster Linie bei den Testübungen Medizinballstoßen und Hindernislauf, sind die Leistungen schlechter.

Um festzustellen, ob die Leistungsunterschiede zufällig oder nicht zufällig sind, überprüften Kretschmer und Giewald (2001) in einem zweiten Vergleich die statistische Signifikanz der Mittelwertunterschiede und stellten fest, dass von den 24 schlechteren Leistungen im Vergleich zu den Untersuchungen von 1987 nach der Signifikanzprüfung nur 11 schwächere Leistungen nicht zufälligen Einflüssen unterlagen. Dabei sind die schwachen Leistungen vornehmlich im Bereich der Schnelligkeit (20 m-Lauf) und im Bereich der Differenzierungsfähigkeit (Zielwurf) zu finden. Gegenüber der Studie von 1992 konnten nach dieser Prüfung lediglich bei den 9-Jährigen Schülerinnen für die Testübung Medizinballstoßen schlechtere Werte diagnostiziert werden.

Aufgrund der Ergebnisse dieser drei Vergleichsuntersuchungen kommen Kretschmer und Giewald (2001) zu folgendem Resultat:

Es ist kein Trend zu einer Verschlechterung der motorischen Leistungsfähigkeit bei Kindern zu erkennen (vgl. Kretschmer & Giewald, 2001).

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam Englicht (1997). Sie verglich die Daten ihrer im Jahr 1997 durchgeführten Untersuchung zur motorischen Leistungsfähigkeit von 11-15-Jährigen, mit den Mittelwerten der 1972 durchgeführten Studie von Kirsch und Kunze.

Englicht (1997) untersuchte 628 Schüler und Schülerinnen (301 Jungen und 327 Mädchen) auf der Grundlage des Internationalen Standard Fitness-Tests (ISFT, Kirsch, 1974). Sie überprüfte anhand von fünf ausgewählten Aufgaben, wie z.B. „Aufrichten aus der Rückenlage zur Beurteilung der Kraftausdauer der Bauchmuskulatur“ (Dordel, 2003, S. 87), folgende weitere motorische Fähigkeiten der Probanden: Schnellkraft, Flexibilität und Koordination.

Ein Vergleich der Ergebnisse von Englicht mit den Werten von Kirsch und Kunze (1972) expliziert, dass sich die motorische Leistungsfähigkeit von 11-15-Jährigen gegenüber gleichaltrigen Jugendlichen vor etwa 25 Jahren nicht wesentlich verändert hat:

Die Leistungsfähigkeit hinsichtlich der Muskelkraft (Klimmzüge) der Jungen entspricht heute den Werten der Stichprobe von 1972 und bezüglich der Gewandtheit (Pendellauf) zeigen die 14- und 15-Jährigen heute bessere Leistungen als Jugendliche der Stichprobe von 1972 (vgl. Englicht, 1997).

Obwohl die Ergebnisse von Kretschmer und Giewald (2001), sowie von Englicht (1997) auf unterschiedlichen Untersuchungen beruhen, stehen die Resultate beider Studien im Einklang, da bei beiden Arbeiten kein Trend zu einer verminderten Leistungsfähigkeit von Kindern bzw. Jugendlichen festgestellt werden konnte.

Die motorische Leistungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen zeigt demnach in den vergangenen 25 Jahren kein verändertes Bild. Sie haben sich nicht wesentlich verändert; „sie zeigen teils schlechtere, teils bessere, überwiegend aber vergleichbare Leistungen“ (Dordel, 2003, S. 96).

2.3 Motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen – Eine negative Entwicklung?

Im Gegensatz zu den relativ positiven Resultaten von Kretschmer und Giewald (2001) und Englicht (1997), kommen Rusch und Irrgang (2002) zu der Einschätzung, dass das Leistungsniveau der 11-14-Jährigen in den letzten 15 Jahren erheblich gesunken ist. In ihrer Studie „Aufschwung oder Abschwung“ untersuchten sie 1986 (n=269)[2], 1995 (n=850) und 2001 (n=2500) die motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen im Alter von 11 – 14 Jahren, auf der Grundlage des Münchener Fitnesstest (MFT, Rusch & Irrgang, 2001). Dieser besteht aus folgenden sechs Aufgaben:

Rumpf-/ Hüftbeugen, Standhochspringen, Ballprellen, Zielwerfen, Halten im Hang und Stufensteigen.

Ein Vergleich der Befunde zeigt, dass 1995 nur 22% und 2001 nur 27% der Probanden die Durchschnittswerte von 1986 erreichen.

Des Weiteren konnten Rusch und Irrgang (2002) anhand der sechs Testübungen eine differenzierte Betrachtung der motorischen Leistungsfähigkeit für die einzelnen Jahrgänge (Altersstufen von 6-17 Jahren) innerhalb des Zeitabschnitts von 1995 bis 2001 verwirklichen.

Die erzielten Ergebnisse stehen allerdings nicht im Widerspruch zu denen von Kretschmer und Giewald (2001), da für den o.g. Untersuchungszeitraum sowohl schlechtere (in 31 Fällen) als auch bessere Leistungen (in 36 Fällen) bei den Probanden festgestellt werden konnten.

Damit zeigen Rusch und Irrgang (2002) zum einen zwar, dass sich die Leistung der Kinder und Jugendlichen 2001 gegenüber den Ergebnissen von 1995 leicht verbessert hat, aber zum anderen, und das ist der wesentlichere Punkt, deuten sie gleichzeitig daraufhin, dass die Probanden das hohe Leistungsniveau von 1986 nicht mehr erreichen konnten. Demnach stehen Kinder und Jugendliche heute auf einem niedrigerem Level als noch vor 15 Jahren und damit sich ihr motorischer Leistungsstand nicht noch mehr verschlechtert, fordern Rusch und Irrgang (2002) als notwendige Konsequenz, eine Verbesserung des ganzheitlichen Bewegungsangebotes für Kinder und Jugendliche in Schule und Freizeit (vgl. Rusch & Irrgang, 2002).

Die Ergebnisse von Rusch und Irrgang (2002) werden von der Untersuchung „Bewegungsstatus von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“, die die AOK zusammen mit dem Deutschen Sportbund (DSB) und dem Wissenschaftlichen Institut der Ärzte Deutschlands (WIAD) in den Jahren 2001 und 2002 durchgeführt hat, unterstützt. Zwischen 2001 und 2002 wurden u.a. die sportmotorische Leistungsfähigkeit sowie die subjektive Leistungsbeurteilung von 20.599 Schülern und Schülerinnen im Alter von 6 bis 18 Jahren analysiert. Ein „Bewegungs-Check-Up“, welcher sich aus dem MFT (Rusch & Irrgang, 2001) und einem Kurzfragebogen zusammensetzt, bildet dafür die Grundlage.

Ausgehend von den Werten einer Anfang 2001 festgelegten Normierungspopulation (repräsentiert durchschnittliches Leistungsvermögen mit einem Punktwert von 50) fanden AOK, DSB und WIAD (2003) heraus, dass sich die sportmotorische Leistungsfähigkeit von Jungen und Mädchen bis zum Jahresende 2002 um 3,1 Punkte verschlechtert hat.

Der Rückgang des körperlichen Leistungsvermögens ist sowohl im koordinativen Bereich (Ballprellen und Zielwerfen) als auch im Bereich der anaeroben Ausdauerfähigkeit zu erkennen. Beispielsweise fiel die Leistung der Probanden bei der Übung „Stufensteigen“ mit acht Punkten Differenz 2002 erheblich schlechter aus, als noch zu Beginn des Jahres 2001. Demnach kann schon für diesen knappen Zeitraum von zwei Jahren eine Verschlechterung der sportmotorischen Leistungsfähigkeit festgestellt werden.

Auch bei einem Vergleich mit Daten des MFT aus dem Jahre 1995, welche allerdings nur für die 10-14-Jährigen jahrgangsweise vorliegt, lässt sich ein Rückgang der körperlichen Fitness in den letzten sieben Jahren erkennen:

Lediglich 80% der Jungen und nur noch 74% der Mädchen im Alter von 10 bis 14 Jahren, erreichen Ende 2002 die Durchschnittswerte von 1995 (vgl. AOK, DSB & WIAD, 2003)

Im Gegensatz zu den positiven Resultaten von Kretschmer und Giewald (2001) bzw. Englicht (1997), kommen Rusch und Irrgang (2002) und AOK, DSB und WIAD (2003) zu folgendem Ergebnis:

Betrachtet man die motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen im Zeitverlauf, so lässt sich anhand der Untersuchungsergebnisse eine negative Entwicklung der körperlichen Fitness bei den 6- bis 18-Jährigen erkennen.

2.4 Entwicklung der motorischen Leistungsfähigkeit bei Kindern und Jugendlichen aus der Sicht des ersten Deutschen Kinder- und Jugendsportberichts

Während für einige Professoren und Wissenschaftler ein Rückgang der Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen nicht ersichtlich ist, weisen andere daraufhin, dass sich die körperliche Fitness der Heranwachsenden in einem besorgniserregenden Zustand befindet.

Eine klare Aussage über den allgemeinen Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen erhofften sich die Wissenschaftler von dem „Ersten Deutschen Kinder- und Jugendsportbericht“, der im September 2003 erschienen ist.

Mit dieser umfangreichen Studie wollen die Herausgeber Werner Schmidt, Ilse Hartmann-Tews und Wolf-Dietrich Brettschneider (2003) zum einen den aktuellen Erkenntnisstand der wissenschaftlichen Untersuchungen hinsichtlich der motorischen Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen darstellen und zum anderen soll gezeigt werden, inwieweit der Sport in der Lebenswelt der Heranwachsenden von Bedeutung ist.

Auf über 400 Seiten werden u.a. die Lebensformen und Lebenssituationen der Kinder und Jugendlichen geschildert, ihre Gesundheit bzw. Entwicklung im Zusammenhang mit ihren sportlichen Aktivitäten beleuchtet und das sportliche Engagement der Heranwachsenden wird im Hinblick auf ihr Umfeld, z.B. ihre soziale Schichtung oder ihr Geschlecht, unter die Lupe genommen.

In einem grundlegenden Kapitel dieses Kinder- und Jugendsportberichts widmet sich Bös (2003) den Auswertungen diverser Untersuchungsergebnisse zur Veränderung des motorischen Leistungsvermögens von Heranwachsenden.

Im Folgenden befasse ich mich mit dieser Studie von Bös, um für meine Arbeit ein grundlegendes und präzises Bild über die aktuelle motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen zu bekommen.

Zunächst macht Bös (2003) u.a. auf die Schwierigkeiten aufmerksam, die sich bei einer repräsentativen Erfassung der Motorik von Kindern und Jugendlichen in Deutschland ergeben.

Er weist daraufhin, dass sich nur die Tests für die Feststellung der aktuellen Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen eignen, die neben ihrer repräsentativen Norm- und Vergleichswerte auch die Gültigkeit eines wissenschaftlichen Versuchs aufweisen.

Damit die verschiedenen Diagnoseverfahren zur Beurteilung der motorischen Leistungsfähigkeit alle auf der gleichen Grundlage beruhen, richten sie sich nach der von Bös (1987) aufgestellten Systematisierung motorischer Fähigkeiten (vgl. Bös, 2003, S. 87).

Dieser fähigkeitsorientierte Ansatz liefert Basisaufgaben für sportmotorische Tests und bietet dadurch eine aussagekräftige Methode für die Bestimmung der motorischen Leistungsfähigkeit.

Nachdem auf einer ersten Stufe konditionelle und koordinative Fähigkeiten betrachtet werden, erfolgt auf Stufe zwei die Unterscheidung der motorischen Grundeigenschaften (z.B. Ausdauer, Kraft und Schnelligkeit), bis schließlich auf einer dritten Stufe neben der aeroben Ausdauer und der Kraftausdauer, noch acht weitere motorische Teilfähigkeiten differenziert werden können.

Auf der Basis dieses Konzepts werden diverse motorische Tests entwickelt, von denen Bös (2003) 20 normierte Tests mittels einer Übersichtstabelle in Konditions-, Koordinations- und Komplextests gliedert (vgl. S.89). Neben 18 weiteren Tests werden hier auch der AST 6-11 von Bös und Wohlmann (1987) und der MFT von Rusch und Irrgang (2001) aufgeführt.

Die Vielzahl der eingesetzten Diagnoseverfahren bereitet Bös (2003) jedoch Kopfzerbrechen, da diese oft widersprüchliche und nicht vergleichbare Ergebnisse liefern und es deshalb erforderlich ist, einen repräsentativen Test zu finden, der bundesweit in Deutschland Anwendung findet.

Vor dem Hintergrund dieser Schwierigkeit versucht Bös (2003) eine präzise Aussage über die motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen zu machen. Dabei geht er in drei Schritten vor:

Zunächst stellt er in einer Tabelle in knapper Form 21 Studien aus den Jahren 1986 bis 2001 zur Untersuchung der motorischen Leistungsfähigkeit von Heranwachsenden vor (vgl. Bös, 2003, S. 93-94). Bei diesen Arbeiten wurden insgesamt über 10.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 4 bis 15 Jahren getestet, wobei die Mehrheit der Testergebnisse auf die Zunahme motorisch auffälliger Kinder und Jugendliche hinweist.

Eine eindeutige Darlegung des aktuellen Leistungsstandes ist nach Bös (2003) angesichts folgender Schwierigkeiten aber nicht gegeben: Die vielen verschiedenen Testverfahren und die unterschiedlichen Bewertungskriterien erschweren einen Vergleich zwischen den Befunden. Außerdem werden die jeweiligen Testsituationen von der Motivation der Probanden und der Kompetenz der Versuchsleiter beeinflusst.

Da anhand der Ergebnisse dieser Studien keine präzise Aussage über den Leistungsstand der Heranwachsenden gemacht werden kann, überprüft Bös (2003) in einem zweiten Schritt die Veränderung der Motorik im Generationenvergleich. Dazu analysiert er die Trends von sieben ausgewählten Untersuchungen (u.a. MFT Rusch & Irrgang, 2002), welche in einer Zeitspanne von 5 bis 30 Jahren festgestellt worden sind.

Bei der Betrachtung der Ergebnisse ist zwar ein Leistungsverlust bei den Heranwachsenden gegenüber früheren Generationen erkennbar, wie z.B. Rusch und Irrgang (2002) diagnostizieren (vgl. Kap. 2.3), aber da die Untersuchungsmethoden nicht identisch sind, kann kein exakter Vergleich und demzufolge auch keine prägnante Angabe zum aktuellen Leistungsstand der Kinder und Jugendlichen erfolgen (vgl. Bös, 2003, S.97-98).

Aber wie sieht denn das derzeitige Leistungsvermögen der Kinder und Jugendlichen nun aus? Haben sich ihre motorischen Fähigkeiten in den letzten Jahren gewandelt?

Diese Fragen will Bös (2003) in einem dritten Untersuchungsschritt endgültig klären.

Um das Problem der Vergleichbarkeit im Vorhinein auszuschließen, wurde die Analyse auf folgende fünf motorische Einzeltests, die alle umfangreiche Datensätze aufweisen, beschränkt (vgl. Bös, 2003, S. 99):

Dauerläufe (1.000 m, 6 bzw. 12 Min. / Aerobe Ausdauer), Standweitsprung (Schnellkraft), Sit-ups (30 sec / Kraftausdauer), 20-m Lauf (Aktionsschnelligkeit) und Rumpfbeugen (Beweglichkeit).

Darüber hinaus wurden die drei Kontrollvariablen Körpergewicht, Körpergröße und der Body-Mass-Index (BMI) berücksichtigt.

Insgesamt wurden 54 Untersuchungen aus den Jahren 1965 bis 2002 mit mehr als 100.000 männlichen und weiblichen Testpersonen im Alter von 6 bis 17 Jahren ausgewählt.

In einem ersten Analyseschritt wurden für die neun Messungen (Größe, Gewicht, BMI, 6-Min-Lauf, 12-Min-Lauf, Sit-ups etc.) Mittelwerte der folgenden Kategorien definiert: Erstens nach Geschlecht, zweitens nach vier Altersgruppen (6-8, 9-11, 12-14, 15-17 Jahren) und schließlich nach vier Untersuchungszeiträumen (bis 1975, 1976-85, 1986-95, ab 1996).

Bei der Betrachtung der Resultate ist eine tendenzielle Progression der Mittelwerte für Größe, Gewicht und BMI sichtbar.

Diese Entwicklung geht einher mit einer tendenziellen Verminderung der sportmotorischen Leistungsfähigkeit.

Innerhalb von 25 Jahren kann für alle Probanden jeder Altersstufe im Durchschnitt eine Gewichtszunahme von 3-4 kg und eine Wachstumssteigerung von 5 cm diagnostiziert werden. Zugleich zeigen die Ergebnisse beim Standweitsprung, beim Ausdauerlauf und beim Rumpfbeugen eine negative Entwicklung der motorischen Leistungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen auf.

Um eine stichprobenunabhängige Angabe über den Wandel der motorischen Leistungsfähigkeit zu bekommen, wurden für alle neun Messwerte über den Zeitraum von 1975 bis 2000 Regressionsgleichungen vorgenommen (vgl. S. 103).

Die Ergebnisse sind eindeutig: Die motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen hat sich innerhalb von 25 Jahren signifikant um durchschnittlich mehr als 10% verschlechtert. Die größte Differenz zeigt sich bei den Ausdauerläufen und bei der Beweglichkeit. Beispielsweise zeigen die Werte bei der Übung „Rumpfbeugen“, sowohl bei den Jungen (21,0%) als auch bei den Mädchen (15,9%) erhebliche Leistungsunterschiede auf. Deutliche Leistungsabfälle werden auch bei der Laufausdauer deutlich, da hier z.B. die Leistungsdifferenzen bei den Mädchen beim 12 Minuten-Lauf 18,8% beträgt. Somit konnte der Trend zur Leistungsverschlechterung, welcher sowohl bei den 21 Studien zur motorischen Leistungsfähigkeit (1. Schritt) als auch bei den Untersuchungen im Generationenvergleich (2. Schritt) deutlich geworden ist, bestätigt werden (vgl. S. 104).

2.5 Ursachen für die Verschlechterung der körperlichen Leistungsfähigkeit

Die Entwicklung der körperlichen Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen hat alarmierende Züge angenommen.

Ausschlaggebend für diese Situation sind neben den Risikofaktoren Bewegungsmangel, Haltungsschwächen und Übergewicht (mittlerweile sind 16% aller Kinder und Jugendliche übergewichtig) nach der Ansicht von Sygusch et al. (2003), auch psychische und soziale Anforderungen relevant für den gesundheitlichen Zustand der Kinder und Jugendlichen.

Sowohl das verminderte motorische Leistungspotenzial, als auch die verschiedenen Risikofaktoren wirken sich nachteilig auf die gesundheitliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen aus. Und damit diese negativen Tendenzen sich nicht weiter fortsetzen, müssen sinnvolle Gegenmaßnahmen gefunden werden. Aber zunächst sollte die Frage geklärt werden, welche Ursachen für diese Entwicklung verantwortlich sind. Sygusch et al. (2003) machen darauf aufmerksam, dass körperliche Aktivität, sei es im Sportverein oder in der Freizeit, einen günstigen Einfluss auf die Gesundheit hat und dass durch sportliches Engagement Risikofaktoren, wie z.B. Übergewicht, Haltungsschwächen oder Bewegungsmangel, gehemmt werden können. Allerdings weisen sie auch daraufhin, dass sportliche Betätigung nicht per se gesundheitsfördernd ist, sondern dass positive Effekte erst zu erreichen sind, wenn Umfang, Regelmäßigkeit und Intensität der sportlichen Aktivitäten angemessen dosiert werden. Der positive Einfluss von sportlicher Betätigung auf die Gesundheit wird auch von AOK, DSB und WIAD (2003) bestätigt: Bei ihrer Testreihe finden sie heraus, dass Kinder und Jugendliche mit einem hohen Sportpensum leistungsfähiger sind, als Heranwachsende, die lediglich ein Mal in der Woche sportlich aktiv sind. Des Weiteren wird durch die Ergebnisse der Studie ersichtlich, dass Vereinsmitglieder bessere motorische Leistungen erzielen, als Nichtmitglieder. Darüber hinaus sind Sportler besser integriert, haben mehr soziale Kontakte zu Gleichgesinnten und erleben mehr soziale Unterstützung (vgl. Sygusch, 2000, S 75).

Eigentlich müssten diese Erkenntnisse einen positiv stimmen, denn nach Aussage von Gogoll, Kurz und Menze-Sonneck (2003) haben ca. 80% aller Heranwachsenden bis zu ihrem 19. Lebensjahr im Durchschnitt acht Jahre lang Erfahrungen im Sportverein gesammelt (vgl. S. 160).

Trotz dieser enormen Sportbegeisterung, steigen die Zahlen der motorisch auffälligen Kinder und Jugendlichen stetig an. Warum?

Brettschneider und Bünemann (2005) sehen das Hauptproblem in den veränderten Lebensumständen, welche es Kindern und Jugendlichen unmöglich machen, sich im Alltag genug zu bewegen. Sie weisen z.B. daraufhin, dass Kinder und Jugendliche immer häufiger mit dem Auto zur Schule gefahren werden, unabhängig davon, wie lang die Strecke ist.

Überdies ruft die Situation in der Schule weiteres Missfallen hervor: Lediglich 70-75% der angesetzten drei Schulsportstunden werden in der Woche auch ausgeführt. Der Sport im Verein kann ihrer Ansicht nach diese Inaktivität bei den Heranwachsenden nicht ausgleichen.

AOK, DSB und WIAD (2003) bekräftigen mit den Ergebnissen ihrer Studie, dass der Ausfall von Sportstunden sich negativ auf die motorische Leistungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen auswirkt. Während 71,4% der Kinder im Alter von 10-14 Jahren drei oder mehr Stunden Schulsport in der Woche haben, trifft dieses Verhältnis lediglich bei 16,9% der 16-18-Jährigen zu (vgl. AOK, DSB & WIAD, 2003, S.24). Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich zu sehen, dass die Ergebnisse der Testübungen (Bewegungs-Check-Up) bei den älteren Schülern mit nur zwei Sportstunden wesentlich schlechter ausfallen, als bei den Schülern, die öfter (drei oder vier Mal) in der Sporthalle sind. Darüber hinaus machen AOK, DSB und WIAD (2003) auf einen weiteren gravierenden Trend aufmerksam: Mit höherem Alter (15 Jahren) findet ein regelrechter Einbruch der sportlichen Aktivität statt. Kinder im Alter von 6-10 Jahren sind zu 58,4% im Sportverein organisiert, während Jugendliche ab dem 15. Lebensjahr nur noch zu 37,7% als Mitglied im Verein aktiv sind (vgl. S. 26). Diese Tendenz wird von Gogoll et al. (2003) bestätigt: Hat das Aktivitätsniveau um das 12. Lebensjahr noch seinen durchschnittlichen Höhepunkt (42%), verliert das Sportengagement mit den Jahren seinen Reiz, so dass lediglich noch 16% der 18-Jährigen sportlich tätig sind (vgl. S. 150).

Eine weitere Ursache für die Verschlechterung der sportmotorischen Leistungsfähigkeit von Kindern sieht Dordel (2003) in dem eingeschränkten Lebensraum. Immer mehr offene Flächen werden zugebaut und die wenigen freien Bereiche, wie z.B. Garagenhöfe oder Grünflächen in Wohnsiedlungen, werden als Spielfläche nicht gestattet. Dadurch müssen die Kinder auf einen beengten Aktionsraum im häuslichen Bereich ausweichen (vgl. S. 30-31).

Die vermehrte Nutzung von audio-visuellen Medien ist ein weiteres Kennzeichen für den veränderten Lebensstil von Kindern und Jugendlichen.

Ihr Alltag wird von einer Vielzahl bewegungsarmer Freizeitangebote, wie z.B. Fernsehen, Computer, Internet etc., mitbestimmt.

So sind Jugendliche im Durchschnitt bis zu sechs Stunden täglich mit Medien beschäftigt und bereits jeder 43% der 6-Jährigen schaut fast jeden Tag fern (vgl. Schmidt, 2003, S. 40; Brettschneider, 2003, S.55).

Allerdings weisen Brettschneider und Bünemann (2005) darauf hin, dass nach aktuellen Studien nicht explizit bestätigt werden kann, dass hoher Medienkonsum die sportliche Aktivität einschränkt. Solange sich Kinder und Jugendliche neben der Mediennutzung noch Zeit für Freunde und sportlicher Aktivität nehmen, ist ihre Gesundheit nicht gefährdet. Erst im Zusammenhang mit sportlicher Inaktivität und ungesundem Ernährungsverhalten ist der Umgang mit Medien eine Ursache für Übergewicht und demzufolge auch für verminderte Leistungsfähigkeit.

Die wesentlichen Ursachen für die Verschlechterung der körperlichen Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen lässt sich wohl mit einem Statement von Werner Schmidt zusammenfassen. Bei der Veröffentlichung des „Ersten Deutschen Kinder- und Jugendsportberichts“ sagte der Herausgeber, dass „nicht die Kinder schlechter geworden [seien] , sondern die Umweltbedingungen“. Es ist zwar festgestellt worden, dass die motorischen Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen zurück gehen, aber der Wissenschaftler betonte, dass die Heranwachsenden nicht „fett, faul und fernsehsüchtig“ seien, sondern weiterhin den Sport als „wichtigste Freizeitbeschäftigung“ ansehen (Frankfurter Rundschau 2003; Westdeutsche Allgemeine 2003).

2.6 Fazit

Ausgehend von einer kurzen Einführung zum Problem der Klärung des gesundheitlichen Zustands von Kindern und Jugendlichen, wurden die Ergebnisse von vier verschiedenen Studien vorgestellt, die alle den Stand der motorischen Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen untersuchten (vgl. Kap. 2.2 & 2.3).

Die ersten beiden Studien diagnostizieren einen stabilen motorischen Leistungsstand bei Grundschulkindern und bei den 11-15-Jährigen. Dem gegenüber stehen die zwei Untersuchungen von Rusch und Irrgang (2002) und der AOK, DSB und WIAD (2003), welche den Kindern und auch den Jugendlichen eine verschlechterte motorische Leistungsfähigkeit zusprechen. Diese uneinheitliche Datenlage wurde dann mit Hilfe einer Übersichtsanalyse, welche auf der Basis einer Literaturrecherche von 1965 bis 2002 beruhte, auf den Punkt gebracht. Der Rückgang der motorischen Leistungsfähigkeit innerhalb der letzten 25 Jahre um durchschnittlich 10% zeigt, dass Kinder und Jugendliche dringend gefördert werden müssen. Ihre körperlichen Defizite liegen vor allem im Bereich der aeroben Ausdauer und in der Beweglichkeit.

Da eine verbesserte motorische Leistungsfähigkeit die Gesundheit langfristig erhalten kann (vgl. Bös, 2003, S. 106), ist eine Beseitigung der verschiedenen Defizite erstrebenswert.

Die Ursachen, welche für dieses veränderte Leistungsbild von Kindern und Jugendlichen verantwortlich sind, liegen in erster Linie bei den veränderten Lebensbedingungen.

„Die Umwelt ist – salopp formuliert – quasi der Täter, das Kind [bzw. der Jugendliche] das Opfer und die Schule oder der Lehrer [bzw. die Eltern] der Retter“ (Kretschmer & Giewald, 2001, S. 36).

Die körperlichen Defizite von Kindern und Jugendlichen haben in den vorliegenden Kapiteln ausreichend Erwähnung gefunden. Inwieweit psychische und soziale Faktoren die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen schädigen, soll an dieser Stelle nicht mehr erörtert werden.

Ich habe mich darauf beschränkt die gesundheitsschädlichen Auswirkungen von motorischen Leistungsdefiziten zu erläutern und werde erst in den nächsten Kapiteln die Bedeutsamkeit von psycho-sozialen Faktoren für die Gesundheit darstellen.

[...]


[1] Kretschmer und Giewald (2001) datieren in ihrem Artikel den Allgemeinen Sportmotorischen Test (AST) von Bös und Wohlmann auf das Jahr 1986. Meine Arbeit richtet sich nach der Angabe von Bös (vgl. Bös, 2003, S.89), welcher dem Test das Entstehungsjahr 1987 zuweist.

[2] n = Zahl der untersuchten Probanden

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Salutogenetische Gesundheitsförderung im Sportunterricht der Sekundarstufe I
Untertitel
am Beispiel der Bewegungsform 'Laufen'
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
76
Katalognummer
V59169
ISBN (eBook)
9783638531764
ISBN (Buch)
9783638694216
Dateigröße
645 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Salutogenetische, Gesundheitsförderung, Sportunterricht, Sekundarstufe, Beispiel, Bewegungsform, Laufen
Arbeit zitieren
Sonja Noack (Autor:in), 2005, Salutogenetische Gesundheitsförderung im Sportunterricht der Sekundarstufe I, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59169

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