Diese Arbeit liefert ein neues und unverbrauchtes Setting für ein progressives Unterrichtskonzept, welches den Schülerinnen und Schülern die Freude am Schreiben zurückgeben soll. Mit einem durch Fachliteratur fundierten, ausgestalteten Konzept zum Schreiben mit vielen Hilfen, Anregungen und Ideen soll die Kreativität gefördert werden. Inklusive möglicher Unterrichtseinheit, Hausaufgaben und Anregungen für Arbeitsaufträge.
Mit den Worten "Heutzutage machen drei Pointen und eine Lüge einen Schriftsteller" beschrieb Georg Friedrich Lichtenstein seine literarische Umgebung im 18. Jahrhundert. Was vermutlich als unverblümte Kritik an den vermeintlich geistlosen Werken seiner Zeit gedacht war, klingt gleichzeitig nach einer Anleitung. Einer machbaren Anleitung. Wenn man Schriftsteller werden will, muss man also das Lügen und Pointieren beherrschen. Wenn man den Schülern – als böse Unterstellung – nachsagen will, dass sie im Bereich des Lügens grundsätzlich versiert erscheinen, gilt es nur noch die Expertise des Pointierens zu schulen, um sie in Schriftsteller zu verwandeln. Das pointenreiche Schreiben erfordert natürlich etwas Übung und Originalität, aber die Schülerwerke weisen deutlich weniger Konkurrenz und ein wahrscheinlich unkritischeres Publikum als die Weltliteratur auf. Und es hat ja auch niemand behauptet, alle SchülerInnen würden am Ende gute Schriftsteller werden. Insofern lässt sich das Adjektiv vor dem "Schreiben" im Kontext der Schule guten Gewissens streichen bzw. in Klammern setzen. Es bleiben lügen und schreiben.
Beides erfordert erfahrungsgemäß Inspiration, Übung und Austausch. Auch wenn historische Wegbereiter wie Wilhelm von Humboldt, Professoren, Eltern, Politiker, Lehrkräfte, das Bildungsministerium und nicht zuletzt ich selbst es sich wahrscheinlich anders wünschten, erleben viele Schülerinnen und Schüler die Schule vermutlich eher als einen Ort der Übung und des Austausches als der Inspiration. Die Frage ist nun, ob und inwieweit dies überhaupt durch Lehrer geleistet werden kann. Kann man Inspiration heraufbeschwören? Gibt es Möglichkeiten, Techniken oder Verfahren, um sie zu aktivieren?
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2. Definition und Legitimation:
3. Stehlen – Woher kommen eigentlich die Ideen?
3.1 Themengebiete
3.2. Hauptfiguren
3.3. (Start-) Ereignis
3.4. Umgebung und Gattung
4. Schreiben –Wie wird aus Kapiteln eine Geschichte?
4.1. Kapitel schreiben: 8./9. Klasse
4.2. Kapitel schreiben: 10./11. Klasse
4.3. Austausch: Vorteile für die 8./9. Klasse
4.4. Austausch: Vorteile für die 10/.11. Klasse
4.5. Austausch und Überarbeitung
4.6. Input und Abschluss
5. Lügen – Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht?
5.1. Nachbearbeitung
5.2. Bewertung des Textes
5.3. Arbeit mit dem Text
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit entwickelt ein didaktisches Konzept für den Deutschunterricht, das durch eine klassenübergreifende Schreibpartnerschaft und handlungs- sowie produktionsorientierte Methoden Schülerinnen und Schüler bei der Entstehung eigener Kurzgeschichten unterstützt und so ihre Kreativität sowie Schreibkompetenz fördert.
- Förderung der Kreativität durch prozessorientierte Schreibphasen.
- Klassenübergreifende Kooperation als didaktisches Werkzeug zur gegenseitigen Unterstützung.
- Einsatz von Scaffolding zur individuellen Schreibförderung.
- Integration kreativer Verfahren wie „Diebstahl“ von Ideen und Figuren.
- Verzahnung von Textproduktion mit reflexiver Nachbearbeitung und Feedback.
Auszug aus dem Buch
3. Stehlen – Woher kommen eigentlich die Ideen?
Als erste Phase der Geschichten-Genese steht die Ideenfindung. Probleme, die der Volksmund „Schreibblockade“ oder „Angst vor dem leeren Blatt“ nennt, betreffen Schülerinnen und Schüler ebenso wie berufliche Schriftsteller. Insofern ist es wichtig, diese Anfangsphase aufzuweichen und geschickt zu umgehen. Mit Hilfe von vier Arbeitsschritten sollen die Fragen „Worüber?“ „Wer?“ „Was?“ und „Wo?“ in Bezug auf die Geschichte geklärt werden, bevor das Geschehen tatsächlich beginnt.
Auch wenn der Zweck nicht grundsätzlich die Mittel heiligt und natürlich keinerlei Plagiat oder Kriminalität in den Schützlingen angelegt werden soll, wird hier bei anderen Werken ,gestohlen‘. Wenn selbst renommierte Schriftsteller wie Håkan Nesser dieses Vorgehen mit den Worten: „Die schlechten Schriftsteller leihen, aber die guten stehlen“ befürwortet, klingt es nicht nur legitim, sondern auch erfolgversprechend. Es geht natürlich nicht darum, Ideen ohne Zustimmung der Autoren als seine eigenen zu verkaufen, sondern darum, Inspiration zu schaffen. Dies soll es den schwächeren Schülerinnen und Schülern ermöglichen, einen unkomplizierten Einstieg zu finden.
Diese Taktik ist allerdings zu keinem Zeitpunkt eine Einschränkung für stärkere Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Klasse, da eigene Ideen jederzeit eingebracht werden können oder komplett auf die Hilfe verzichtet werden kann. Martin Fix bewertete diese „Initialphase“ als besonders wichtig im Kontext des kreativen Schreibens, weshalb diese mit besonderer Sorgfalt gestaltet und individuelle angepasst werden sollte. Inspiration schafft hier eine von Ulf Abraham kreierte Tabelle zu Techniken literarischen Schreibens (siehe Anhang Seite I).
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Dieses Kapitel verortet das kreative Schreiben im schulischen Kontext und stellt die zentrale Fragestellung nach der Aktivierung von Inspiration durch produktionsorientierte Ansätze vor.
2. Definition und Legitimation: Hier wird der Gattungsbegriff der Kurzgeschichte für das Projekt definiert und die Einbettung in die geltenden Fachanforderungen sowie didaktische Konzepte begründet.
3. Stehlen – Woher kommen eigentlich die Ideen?: Dieses Kapitel beschreibt die Einstiegsphase der Ideengenese, in der Schüler durch strukturierte Arbeitsschritte wie Themenfindung und Figurencharakterisierung Schreibblockaden überwinden.
4. Schreiben –Wie wird aus Kapiteln eine Geschichte?: Der Fokus liegt hier auf der Hauptphase des Schreibprozesses, der durch klassenübergreifende Schreibpartnerschaften, regelmäßigen Austausch und Feedbackmechanismen organisiert wird.
5. Lügen – Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht?: Dieses Kapitel widmet sich der abschließenden Überarbeitung, der Reflexion über den eigenen Schreibprozess sowie der inhaltlichen Arbeit mit den entstandenen Texten.
6. Fazit: Das abschließende Kapitel reflektiert die Chancen und Herausforderungen des Konzepts, wie den hohen Organisationsaufwand, und plädiert für eine Erprobung des Projekts in der Praxis.
Schlüsselwörter
Kreatives Schreiben, Unterrichtsprojekt, Kurzgeschichte, Schreibpartnerschaft, Prozessorientierung, Ideengenese, Deutschunterricht, Schülerorientierung, Feedback, Schreibkompetenz, Produktive Verfahren, Didaktik, Scaffolding, Textproduktion, Reflexion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Es geht um die Konzeption eines didaktischen Unterrichtsprojekts, das Schülerinnen und Schüler durch handlungs- und produktionsorientierte Methoden dazu befähigt, eigene Kurzgeschichten zu verfassen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Förderung von Kreativität, den Einsatz von Schreibpartnerschaften über Klassenstufen hinweg sowie die prozessorientierte Begleitung von Schreibvorhaben.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel ist es, einen strukturierten Rahmen zu schaffen, der auch weniger kreativen Lernenden den Einstieg in das Schreiben ermöglicht und die Schreibmotivation durch Austausch und Mitbestimmung steigert.
Welche wissenschaftliche Methode wird für das Projekt verwendet?
Das Projekt basiert auf dem handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterricht nach Haas sowie auf didaktischen Ansätzen von Ulf Abraham und Kaspar Spinner zur Schreibdidaktik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die drei Phasen der Geschichten-Genese: Ideenfindung (Stehlen), den eigentlichen Schreibprozess unter Einbeziehung von Schreibpartnern und die abschließende Reflexion und Nachbearbeitung (Lügen).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind kreatives Schreiben, Schreibpartnerschaft, Prozessorientierung, Schreibdidaktik und schülerzentrierter Unterricht.
Welche Rolle spielt die klassenübergreifende Kooperation konkret?
Die Kooperation dient als methodisches Instrument, bei dem Schüler höherer Klassen als Schreibpartner agieren, um Feedback zu geben, die Struktur zu verbessern und die Verbindlichkeit im Arbeitsprozess zu erhöhen.
Warum wird im Projekt von „Stehlen“ und „Lügen“ gesprochen?
Die Begriffe sind metaphorisch zu verstehen: „Stehlen“ beschreibt die Inspiration durch bestehende Werke, „Lügen“ bezieht sich auf die kreative Erfindung fiktionaler Welten und die Reflexion über die eigenen inhaltlichen Setzungen.
- Arbeit zitieren
- Sven Beth (Autor:in), 2019, Genese von kurzen Geschichten. Ein didaktisches Unterrichtsprojekt mit klassenübergreifender Schreibpartnerschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/591925