Bindungsaufbau von Eltern und Kind im Wochenbett

Bedürfnisse der Neugeborenen und Unterstützung durch das Pflegepersonal


Forschungsarbeit, 2004

34 Seiten, Note: ohne Note


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zusammenfassung

2. Inhaltsverzeichnis

3. Einleitung
3.1 Einführung
3.2 Ziel
3.3 Eingrenzung
3.4 Adressaten
3.5 Fragestellung

4. Theoretischer Rahmen
4.1. Geschichtliches
4.2. Definitionen nach den wichtigsten Bindungsforschern
4.2.1 Einflüsse der Eltern/ Kind Interaktion
4.2.2 Definition nach Ainsworth
4.2.3 Feinfühligkeit
4.2.4 Bindungsmuster
4.2.5 Definition nach Klaus und Kennell
4.2.6 Sensible Phase
4.2.7 Bindung als Prävention
4.2.8 Definition nach Largo
4.3 Verhaltenskompetenzen
4.3.1 Stillen als aktive Verhaltenskompetenz von Mutter und Kind
4.3.2 Fähigkeiten des Neugeborenen die Bindung zu fördern
4.3.2.1 Soziale Wahrnehmung
4.3.2.2 Sozial interpretierte Signale
4.3.2.3 Interaktions- und Kommunikationsspiele:
4.3.3 Verhaltenskompetenz der Eltern
4.4 Methode
4.5 Ergebnisse aus der Umfrage
4.6 Praxisergebnisse im Bezug zur Theorie

5. Schlussteil
5.1 Persönliche Reflexion
5.2 Schlussfolgerung
5.3 Reflexion der Fragestellung und Zielsetzung
5.4 Weiterführende Gedanken und Fragestellungen

6. Literaturverzeichnis

1. Zusammenfassung

Die Ursache für die Wahl dieses Themas liegt darin, dass ich auf dem Wochenbett die Begleitung der Eltern mit ihrem Neugeborenen beim sich kennen lernen eine zentrale Aufgabe für die Pflegenden sehe.

Daraus entstand auch die Frage welche Bedürfnisse dabei entstehen.

Es war mir wichtig, zuerst einmal herauszufinden, was unter dem diffusen Ausdruck Bindung von verschiedenen Fachleuten verstanden wird.

Um einen Überblick über dieses komplexe Gebiet zu bekommen, habe ich mir ein Mind-map zusammengestellt. In dieser Arbeit werden jedoch aus Relevanzgründen nur die roten Äste aufgeführt. Die blauen Pfeile zeigen auf, wer sich mit welchem Thema besonders auseinander gesetzt hat.

Anhand der Theorie zeige ich die Bedürfnisse des Neugeborenen auf, um eine sichere Bindung eingehen zu können.

Mit dem Fragebogen hatte ich die Absicht, mir ein Bild über die Bedürfnisse und Erfahrungen der Eltern zu machen.

Überrascht und gefreut haben mich die vielen offenen und zum Teil auch ausführlichen Antworten der Eltern.

Aus diesen Fragebögen habe ich versucht, Erkenntnisse für die Pflegenden abzuleiten.

Die Fotos sollen den Lesern bildlich auf das Thema der Bindung sensibilisieren. Sie wurden grösstenteils von den Vätern abgelichtet und mir für diese Arbeit zur Verfügung gestellt. Aus urheberrechtlichen Gründen wurden die Abbildungen von der Redaktion für die Veröffentlichung entfernt.

3. Einleitung

3.1 Einführung

Meine Motivation über dieses Thema zu schreiben, liegt darin, dass wir auf dem Wochenbett täglich mit der Bindungsaufnahme zwischen Eltern und Neugeborenen zu tun haben. Vieles läuft basierend auf Erfahrungen, einiges auch ganz intuitiv.

Zugleich denke ich, dass eine sichere Bindung das Kind in der Entwicklung fördert, vor familiären Misshandlungen schützt und das Urvertrauen des Kindes sich besser entfalten kann.

3.2 Ziel

Ich möchte in Erfahrung bringen, was für Bedürfnisse beim Bindungsaufbau zwischen den Eltern und dem Neugeborenen vorhanden sind.

Daraus möchte ich Erkenntnisse gewinnen, wie die Pflege die Beziehung zwischen dem Neugeborenen und den Eltern vorteilhaft unterstützen kann.

3.3 Eingrenzung

Ich werde mich nur mit der Beziehungsgestaltung zwischen Eltern und Kind während der Dauer des Wochenbetts auseinandersetzen.

Zugleich möchte ich mich klar von pathologischen Bindungen abgrenzen und mich auf die sichere Bindung beziehen.

3.4 Adressaten

Mit meiner Arbeit möchte ich speziell Pflegende von Neugeborenen und deren Eltern ansprechen und natürlich Alle, die sich mit diesem Thema auseinander setzten möchten. Die Eltern der Neugeborenen sollen von dem komprimierten Wissen profitieren können, indem ich ihnen in meinem Pflegealltag Tipps und Anregungen zur bewussten Beziehungsgestaltung geben kann.

3.5 Fragestellung

Was brauchen die Eltern und ihr Neugeborenes um eine sichere Bindung auf dem Wochenbett aufbauen zu können?

4. Theoretischer Rahmen

In der Theorie möchte ich unter dem Aspekt der Zeit anschauen, wie sich der Umgang und der Stellenwert des Kindes in unserer Gesellschaft gewandelt hat. Anschliessend stelle ich die wichtigsten Bindungsforscher mit ihren Definitionen und Erforschtem aus entwicklungspsychologischer Sicht vor.

Auf der Suche nach Literatur stiess ich auf das Psychologische Institut der Universität Zürich. In einem Vortrag über Bindung im November 2002 von Dr. J. Kienbaum über Feinfühligkeit und Bindungsarten werden die eher etwas älteren Theorien als immer noch gültig weiter gelehrt. Um zu wissen, was eine sichere Bindung ist und wie wichtig die Feinfühligkeit bei der Bindungsgestaltung ist, habe ich sie in meine Theorie aufgenommen.

Klaus und Kennell beschäftigen sich mit der „mystischen“ sensibler Phase und schliessen mit der Bindung als Prävention ab.

Der Pädiater Prof. Largo ergänzt die Definitionen als Professor der Kinderheilkunde.

Um herauszufinden, welche Bedürfnisse die Eltern mit ihren Kindern haben, muss ich zuerst wissen, welche Fähigkeiten und Veranlagungen sie schon mitbringen. Aus diesem Ansatz heraus beschreibe ich kurz das Stillen als Möglichkeit, die Bindung zu unterstützen und Fähigkeiten ausleben zu können. Im Folgenden zeige ich die „angeborenen“ Fähigkeiten der Neugeborenen und der Eltern auf.

Mit Remo Largo beleuchte ich kurz die Bedürfnisse des Neugeborenen, um eine sichere Bindung eingehen zu können.

4.1. Geschichtliches

Die Liebe zu einem Kind und die Verbundenheit die die Eltern mit ihm haben, ist eine wichtige Voraussetzung für die Sicherheit und das gesunde Gedeihen des Kindes. Die innere Bindung oder auch Bonding (aus dem Englischen), welche Eltern zu ihrem Kind entwickeln, ist ein Prozess, welcher durch Einflüsse und Erfahrungen geprägt wird.

Die Beziehungsgestaltung erlebte mit der Zeit eine Wandlung. Im 17. Jahrhundert war die Kindersterblichkeit noch sehr hoch. Die Säuglinge wurden als Wesen ohne Persönlichkeit und Rechte behandelt. Im Zuge der Industrialisierung wurden die Kinder zu Disziplin und Strenge erzogen. Die Hauptaufgabe bestand im Füttern, Entwöhnen, Reinlichkeit, Ausführen von Aufforderungen und Selbständigkeit. Die Angst, das Kind zu verwöhnen war gross.

In den 50er Jahren verlagerte sich durch entwicklungspsychologischen Forschungen das Interesse auf das Interaktionsgeschehen zwischen Kind und Eltern. Es konnte auch festgestellt werden, dass Väter zu ihren Kindern von Geburt an eine intensive Beziehung entwickeln können und sich kaum Unterschiede zur Mutter-Kind-Beziehung erkennen. Voraussetzung ist, dass sich Mutter und Vater etwa gleichermassen in Pflege und Betreuung eines Kindes einbringen. (Schiemann D.; 1993)

Heute ist das Bewusstsein da, Bedürfnisse des Kindes zu befriedigen und die Beziehung aktiv zu gestalten. Das Kind hat einen grossen Stellenwert in unserer Gesellschaft übernommen.

4.2. Definitionen nach den wichtigsten Bindungsforschern

4.2.1 Einflüsse der Eltern/ Kind Interaktion

Der Entwicklungspsychologe Bowlby ist der Ansicht, dass folgende Zustände die Eltern-/ Kindbindung beeinträchtigen können:

- Frühgeburt
- Postnatale Depression
- Temperament des Kindes

Das Temperament der Kinder wird in unkomplizierte Kinder, schwierige Kinder und zurückhaltende Kinder unterteilt (Niven N. / Robinson J; 2001). Aus weniger wertenden Gründen scheinen mir die Begriffe ein „extrovertiertes Kind“ und ein „eher introvertiertes Kind“ geeigneter zu sein. (Harder U.; 2003)

Aus Erfahrung möchte ich noch den Gesundheitszustand des Kindes, die soziale Umgebung der Eltern und die eigene Kindheit mit derer Erziehung zu den drei Zuständen, welche die Bindung beeinträchtigen können, hinzufügen.

4.2.2 Definition nach Ainsworth

„Bindung wird verstanden als die besondere Beziehung eines Kindes zu seinen Eltern oder Personen, die es beständig betreuen. Sie ist im Gefühl verankert und verbindet das Individuum mit der anderen, besonderen Person über Raum und Zeit hinweg“ (Ainsworth, aus Vortrag von Kienbaum J. am Psychologischen Institut Zürich; 2002, siehe Anhang B).

4.2.3 Feinfühligkeit

Die Fähigkeit und Bereitwilligkeit der Betreuungsperson, die Mitteilungen und das Verhalten des Säuglings wahrzunehmen und richtig zu deuten, sowie daraufhin prompt und angemessen zu reagieren, bezeichnet man als Feinfühligkeit gegenüber dem Kleinkind. Mit zunehmendem Alter des Kindes brauchen die Reaktionen nicht mehr immer sofort zu erfolgen.

Daraus ergibt sich Folgendes:

- Die Eltern nehmen die Mitteilungen des Babys bewusst wahr, sind somit in der Nähe des Säuglings und offen für seine Äusserungen.
- Sie bemühen sich die Mitteilungen richtig zu deuten, d.h. sie versuchen mitfühlen zu können, die Sicht des Babys nachzuvollziehen.
- Die Eltern sind bemüht, sofort auf Äusserungen des Babys zu reagieren, im Bewusstsein, dass es nur lernen kann, wenn etwas schnell auf seine Handlungen folgt.
- Die Eltern sind bemüht, angemessene Reaktionen zu zeigen bzw. das Baby weder zu überreizen noch zu isolieren.

Diese Feinfühligkeit kann dem Säugling helfen, die Entwicklungsaufgabe Vertrauen gegen Misstrauen, wie sie nach dem Entwicklungspsychologen Ericson beschrieben wird, zu meistern. Dieses Urvertrauen wird dem Kind helfen, die Umwelt zu erkunden und sich auf Neues einzulassen. Die Feinfühligkeit der Bezugsperson bestimmt bedeutend welches Bindungsmuster ein Mensch entwickelt. (Ainsworth et al; 1978)

4.2.4 Bindungsmuster

Es gibt unterschiedliche Arten von Bindungen:

- Sichere Bindung
- Unsicher- vermeidende Bindung
- Unsicher- ambivalente Bindung
- Desorganisierte/ desorientierte Bindung

Wie in der Einleitung erwähnt, möchte ich nur auf die sicheren Bindungen eingehen.

Studien zeigen, dass Mütter von sicher gebundenen Kindern erheblich mehr Feinfühligkeit und Eingehen auf die Signale und Kommunikationen ihrer Kinder zeigen als Mütter unsicher-vermeidend und unsicher-ambivalent gebundener Kinder (Ainsworth et al; 1978, siehe Anhang B).

4.2.5 Definition nach Klaus und Kennell

Klaus und Kennell verstehen unter einer Bindung eine in ihrer jeweiligen Art einmalige Beziehung zwischen zwei Menschen, welche nicht austauschbar ist und eine gewisse Dauerhaftigkeit besitzt. Als Zeichen für das Vorhandensein einer solchen Bindung sind Verhaltensweisen wie Küssen, Umarmen, Liebkosen und verlängerten Blickkontakt. Diese Verhaltensweisen dienen dazu, den Kontakt zu einer bestimmten Person aufrechtzuerhalten, sowie ihr seine Zuneigung zu zeigen (Klaus Marshall H., Kennell John H.; 1987).

4.2.6 Sensible Phase

Klaus und Kennell beschreiben die sensible Phase als ein grundlegender Moment des Prozesses der Entstehung der Eltern-Kind-Bindung:

„Es gibt eine in den ersten Minuten und Stunden nach der Geburt umfassende sensible Phase, während derer es im Interesse einer optimalen späteren Entwicklung erforderlich ist, dass die Mutter bzw. der Vater engen körperlichen Kontakt mit dem Säugling halten“ (Klaus/Kennell; 1987, S.33). Diese These wurde durch Studien widerlegt. Bindung sei auch in einem späteren Zeitpunkt nachholbar. Die Wissenschaftler sind sich in diesem Punkt nicht einig.

Es gibt jedoch keinen Zweifel an der Bedeutung einer zuverlässigen, stützenden, aktivitätsfördernden und haltgebenden Umgebung um eine sichere Bindung aufbauen zu können (Friedrich H. / Hantsche B. / Henze K.H. / Piechotta; 1997).

4.2.7 Bindung als Prävention

In den sechziger Jahren untersuchten Klaus und Kennell die Eltern-Kind Bindung bei Frühgeborenen, Kindern mit längeren Krankenhausaufenthalten und Kinder, welche die erste Zeit nach der Geburt getrennt von der Mutter in der Klinik verbrachten. Trennungen durch harmlose Erkrankungen oder Adaptionsschwierigkeiten des Neugeborenen in den ersten 24 Stunden wirken sich auf die Beziehung zwischen Eltern und Baby aus, indem eine verzögerte Beziehungsaufnahme zustande kommt. Dies muss jedoch nicht zu einer gestörten emotionalen Bindung führen.

Dennoch wurden diese Kinder laut Studie häufiger Opfer körperlicher Misshandlungen (Friedrich,H. / Hantsche B. / Henze K.-H. / Piechotta; 1997).

4.2.8 Definition nach Largo

Largo bezeichnet die Stunden nach der Geburt für Eltern und Kind als eine aussergewöhnliche Zeit. Sie haben ein intensives Bedürfnis, sich gegenseitig kennen zu lernen. Dies geschieht mit genauen Betrachtungen, Streicheln, Halten, Riechen und Befühlen des Neugeborenen. Jede Regung des Kindes wird von den Eltern wahrgenommen.

Die Meisten Neugeborenen sind in den ersten Lebensstunden ungewöhnlich wach und aufmerksam. Ihre Augen sind weit offen. Mit ihrer Mimik, Körperhaltung und ihren Bewegungen geben sie ihren Eltern zu verstehen, dass sie an ihnen interessiert sind.

Die ersten Stunden nach der Geburt haben zweifelsohne eine besondere Bedeutung für Eltern und Kind. Der Bindungsvorgang ist beim Menschen aber kein zeitgebundenes Reflexgeschehen und haben nicht die ausschlaggebende Bedeutung für die Eltern-Kind-Bindung. Die Beziehung zwischen Kind und Eltern entwickelt sich langsam und stetig. Sie entsteht und verändert sich aufgrund unzähliger Erfahrungen, die Kind und Eltern über Monate und Jahre hinweg miteinander machen (Largo R.H.; 2001).

4.3 Verhaltenskompetenzen

4.3.1 Stillen als aktive Verhaltenskompetenz von Mutter und Kind

Stillen erfüllt sowohl die Funktion einer ernährungsphysiologisch optimalen Nahrungsversorgung als auch die Funktion der Beruhigung. Stillen nach Bedarf unterstützt das Kind, einen aktiven Part in der Interaktion mit der Mutter zu übernehmen, indem es Anzahl, Dauer und Menge der Stillmahlzeiten mitsteuert (Schiemann D; 1993).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Skript Ausbildungsprogramm der Laktationsberaterinnen, Kern A-M., 2004 Studien zeigen, dass frühes Berühren und/oder Saugen an der Brustwarze zu einer erhöhten Interaktion und engeren Bindung zwischen Mutter und Kind während des Aufenthaltes auf dem Wochenbett führen.

Neugeborene, welche innerhalb der ersten 30 Minuten nach der Geburt Gelegenheit hatten, die Brustwarze zu berühren, wurden von ihren Müttern auffallend kürzer im Kinderzimmer abgegeben und sprachen am 4. Lebenstag mehr mit ihnen als Mütter, deren Babys durchschnittlich erstmalig acht Stunden nach der Geburt die Brustwarze berührten (Widstrom AM et al; 1990).

4.3.2 Fähigkeiten des Neugeborenen die Bindung zu fördern

In der Fachliteratur wird immer wieder vom kompetenten Säugling gesprochen, welcher die Fähigkeit hat, aktiv an der Bindungsgestaltung teil zu nehmen. Die Kompetenzen eines Neugeborenen lassen sich in drei Bereiche unterteilen:

4.3.2.1 Soziale Wahrnehmung

Bereits in der Gebärmutter ist der Sehapparat soweit ausgebildet, dass Neugeborene schon in den ersten Lebenstagen Augenkontakt halten können. Sie können Farben unterscheiden und bevorzugen gemusterte wie auch farblich ansprechende Stimuli (Aus diesem Grund verändert sich auch die Brustwarze und wird dunkler). Insbesondere Gesichter werden von den Kindern bevorzugt. Die Sehfähigkeit ist auf 20 bis 30cm beschränkt. Entspricht in etwa die Distanz, wenn das Kind in den Armen gehalten wird, zum Gesicht der Eltern.

Bei der Entwicklung kommunikativer Fähigkeiten steht die auditive Wahrnehmung im Vordergrund. Bereits unmittelbar nach der Geburt kann das Neugeborene die Stimme der Mutter von anderen Stimmen unterscheiden. Geruch- und Geschmacksinn sind zum Zeitpunkt der Geburt bereits ausgebildet. Süsses löst bei Kindern Wohlgefallen aus.

Auch der Tastsinn ist zum Zeitpunkt der Geburt vorhanden. Druck-, Schmerz-, Temperatur- und Berührungsempfindlichkeiten werden von Neugeborenen wahrgenommen. Neugeborene suchen eine Begrenzung, wie sie sie im Mutterleib erfahren haben, indem sie Halt z.B. an der Wand des Bettchens suchen.

4.3.2.2 Sozial interpretierte Signale

Neugeborene reagieren mit spezifischen Verhaltensweisen auf ihre soziale Umwelt und verfügen bereits über Kompetenzen zur nonverbalen Kommunikation. Mit dem Ankuscheln und Anschmiegen des Körpers und Köpfchens, der Zuwendung zur Geräuschquelle, dem Schauen und Verfolgen der Augen, reagieren Neugeborene auf ihre soziale Umwelt.

Säuglinge saugen nicht nur zur Nahrungsaufnahme und Beruhigung, sondern auch zur eigenen Beschäftigung. Sind jedoch Aussenreize für das Kind interessant, unterbricht es das Saugen und wendet seine Aufmerksamkeit dem Stimulus zu.

Mit der Aufnahme von Blickkontakt, dem Greifreflex und dem Saugen besitzt es die Fähigkeit, Kontakt aufrechtzuerhalten, mit der Blickabwendung kann es den Kontakt abbrechen.

Mit dem Weinen/ Schreien, als eine Form der präverbalen Kommunikation, ist es in der Lage, die unmittelbare Bezugsperson in seine Nähe zu bringen.

4.3.2.3 Interaktions- und Kommunikationsspiele:

Aufgrund von Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass Neugeborene bereits nach wenigen Tagen in der Lage sind, die menschliche Sprache mit synchronen Bewegungen zu begleiten und Mund- sowie Kopfbewegungen nachahmen. Um die erwähnten Kompetenzen nutzen zu können, sind Neugeborene auf Eltern angewiesen, die auf ihre individuellen Signale adäquat reagieren (Holoch E. / Gehrke U. / Knigge B. / Zoller E.; 1999).

4.3.3 Verhaltenskompetenz der Eltern

Körperkontakt: Beim ersten Kontakt untersuchen Eltern ihr Kind meist zunächst taktil: Als erstes mit den Fingerspitzen die Arme und Beine, dann streicheln sie mit der ganzen Hand den Körper. Danach richten die Eltern ihr Interesse auf den Augenkontakt. Durch das Berühren der Mundregion des Kindes oder spielen mit den Händchen erhalten sie unwillkürlich Informationen über seinen Muskeltonus und über sein Befinden.

Weinen: Eltern verfügen über eine Vielzahl von Beruhigungsstrategien (auf den Arm nehmen, an sich drücken, streicheln, klopfen, schaukeln, stillen und beruhigendes Sprechen). Im Vordergrund steht dabei rhythmische Stimulation. Je näher dieser Rhythmus dem inneren Rhythmus des Säuglings (Herzschlag) kommt, desto wirksamer ist er.

Babysprache: Die elterliche Sprechweise ist ein fast unerschöpfliches Repetoire intuitiver, didaktischer Verhaltensanpassungen. Erhöhte Stimmlage, erweiterter Stimmumfang, einfache Strukturen. Die Babysprache erregt die Aufmerksamkeit des Kindes.

Dialoge: Die Eltern spiegeln das Verhalten des Neugeborenen und gleichen das ihrige Verhalten an die Bedürfnisse des Kindes an.

Wichtig zu wissen ist sicher, dass die Entfaltung des intuitiven elterlichen Verhaltens besonders anfällig ist für jede Form von Verunsicherung, Spannung, Ambivalenz, Überbesorgtheit und nicht verarbeitete eigene Kindheitserlebnisse. (Schiemann Doris; 1993)

Bedürfnisse des Neugeborenen

Um sich auf dieser Welt wohl zu fühlen und eine sichere Bindung eingehen zu können braucht das Neugeborenen folgendes:

- Wärme
- Nähe, sie wollen gehalten, herumgetragen und gestreichelt werden
- Regelmässige und ausreichende Nahrungszufuhr
- Geborgenheit
- Schutz
- Körperpflege
- Feinfühliger Umgang
- Zeit um mit den Eltern vertraut zu werden
- Verfügbarkeit der Eltern, um die verschiedenen Bedürfnisse des Neugeborenen befriedigen zu können.
- Zuverlässigkeit der Eltern, indem sie immer etwa auf die gleiche Art und Weise auf das Neugeborene reagieren.
- Angemessenheit im Umgang der individuellen Bedürfnisse des Kindes.
- Kontinuität der Eltern in der Betreuung des Kindes

Largo R. (2003) und persönliches E-Mail Oktober 2004 siehe Anhang A

4.4 Methode

Mit einer jährlichen Geburtenzahl von ca. 1300 und dem unterschiedlichen Klientengut hinsichtlich Alter, Kultur und Geburtsart habe ich mich entschlossen, einen Fragebogen zusammenzustellen. Mit dieser Methode erhoffe ich mir die verschiedenen Bedürfnisse der Eltern bezüglich der Bindung zu ihrem Neugeborenen ausfindig machen zu können.

Der Fragebogen besteht aus offenen, affektiven und geschlossenen Fragen, Sondierfragen bzw. Zweitfragen sowie zum Schluss fakultative Abruffragen. Die Oberbegriffe des Fragebogens sind: Körperkontakt, Fähigkeiten des Neugeborenen, die Bedürfnisse des Neugeborenen, Stillen und der Umgang mit dem Neugeborenen.

Die Fragen wurden folgendermassen entwickelt:

1. Theoriegestützt durch die Themen Sensible Phase nach Klaus und Kennell (1987), Fähigkeiten des Neugeborenen nach Holoch/ Gehrke/ Knigge/ Zoller (1999), Feinfühligkeit der Eltern nach Ainsworth (1978), Stillen als aktive Verhaltenskompetenz von Mutter und Kind nach Schiemann (1993), Verhaltenskompetenz der Eltern und deren Anfälligkeit auf Sorgen nach Schiemann (1993).
2. Auf Grund eigener Beobachtungen der letzten zwei Jahren als Pflegende und angehende Stillberaterin. Dies kommt vor allem in den Fragen im Umgang mit dem Neugeborenen und dem Thema Sillen zum Ausdruck. In der Praxis erlebe ich den Umgang mit Nähe und Distanz sehr unterschiedlich. Gerade währen der Nacht werden die Neugeborenen gerne abgegeben. Zugleich zeigt die Erfahrung, dass die Rolle der Eltern seins auch Schwierigkeiten hervorrufen kann. Als UNICEF anerkannte stillfreundliche Klinik, wollte ich in Erfahrung bringen, ob das Stillen den Frauen wichtig ist und es zugleich die Bindung zum Kind unterstützt. In der Praxis zeigt sich doch, dass nicht allen Frauen einen einfachen Stillstart gegeben werden kann.
3. Durch das Besprechen des Fragebogens mit Fachexperten, Chefärztin sowie mit Mitarbeiterinnen. Die Eltern wurden mit einem Informationsschreiben über Sinn und Zweck, der Anonymität, der Schweigepflicht und der Freiwilligkeit informiert (Siehe Anhang C). Dies bezweckte mitunter die Einhaltung der ethischen Richtlinien des Schweizerischen Berufverbandes der Krankenpflege (SBK).

Auf dem Wochenbett konnten 42 Fragebögen während eines Monats an Mütter und Väter verteilt werden, welche gute Deutschkenntnisse besitzen und ihr Kind bei sich auf dem Wochenbett hatten. Davon kamen 35 zurück. Der Zeitpunkt der Abgabe lag zwischen dem 3. Tag nach der Geburt bis vor dem Austritt nach Hause.

Die Zusammenstellung der Antworten erfolgte mit Microsoft Office Excel 2003. Die Antworten der offenen, sondierten und affektiven Fragen wurden codiert und aufgelistet. Aus Abruffragen sowie geschlossenen Fragen bekommene Ergebnisse stelle ich mit dem Kreisdiagramm vor.

Aus den Antworten der Eltern habe ich Anregungen für die Pflegenden abgeleitet, wie sie diesen Bedürfnissen gerecht werden könnten.

Als kritisch an der Methode ist zu betrachten, dass Rückfragen oder Verständigungsfragen an die Eltern nicht mehr möglich sind. Somit kommt man mit dem Fragebogen nicht immer in die Tiefe und an Hintergrundsinformationen heran. Dem gegenüber steht jedoch die breitere Erfassung von verschiedenen Menschen wie dies bei einem Interview nur schwierig machbar wäre. Die zwei Begriffe Quantität gegen Qualität stehen einem unwillkürlich entgegen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Bindungsaufbau von Eltern und Kind im Wochenbett
Untertitel
Bedürfnisse der Neugeborenen und Unterstützung durch das Pflegepersonal
Hochschule
WE'G Weiterbildungszentrum für Gesundheitsberufe SRK; Careum Weiterbildung
Note
ohne Note
Autor
Jahr
2004
Seiten
34
Katalognummer
V592033
ISBN (eBook)
9783346240255
ISBN (Buch)
9783346240262
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bindungsaufbau Eltern Kind, Bedürfnisse der Eltern und Säuglinge
Arbeit zitieren
Melanie Bouvard (Autor:in), 2004, Bindungsaufbau von Eltern und Kind im Wochenbett, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/592033

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