Narrative Muster in der 'Historia von D. Johann Fausten'


Hausarbeit, 2001

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Analyse der einzelnen Textteile
1. Die Vorrede
2. Der Teufelspakt
3. Fausts Forschungsreisen
4. Die Schwankteile
5. Fausts Ende

III. Zeitgenössische narrative Muster
1. Teufelspaktdarstellungen
2. Jenseitsvisionen
3. Schwankliteratur

IV. Schlußbemerkungen

V. Bibliographie

I. Einleitung

Die Rezeption der Historia von D. Johann Fausten war lange Zeit von Geringschätzung für den literarischen Wert des Werkes geprägt. Zwar wurde anerkannt, daß der Dichtung ein Rang im Kanon der Weltliteratur zugewiesen werden müsse, da der Faust- Stoff durch ihn seine Popularisierung erfuhr und somit spätere, für wertvoller befundene Bearbeitungen u.a. durch Goethe oder Mann überhaupt erst ermöglicht wurden. Aber ansonsten untersuchte man den Text eher nur auf seine unterhaltenden Elemente und die darin vertretenen, im christlichen Sinne belehrenden Moralvorstellungen hin. Eine geschlossene konzeptionelle Struktur und eine angemessene dichterische Umsetzung würden hier angeblich fehlen.

Dieses pauschale Urteil mag bei oberflächlicher Betrachtung als zutreffend erscheinen. Die einzelnen Abschnitte sind, wie zu zeigen sein wird, von teilweise sehr unterschiedlicher Beschaffenheit. Wenn man versucht, anhand des Textes die Handlungsmotive des Protagonisten oder gar eventuelle Intentionen des Verfassers auszumachen, so wird man bisweilen auf Differenzen, scheinbar vielleicht gar Widersprüche stoßen. Einzelne Passagen wirken wahllos aneinandergereiht und ganz unterschiedlichen Erzählstrategien folgend; so, als habe der Verfasser die Feder aus der Hand gegeben und einem anderen das Wort überlassen- namentlich der dritte Teil scheint einen deutlichen Bruch in der Erzählung darzustellen. Der Verfasser, so wurde oft unterstellt, habe den Text nicht eigentlich „erdichtet“, sondern ihn vielmehr lediglich „kompiliert“.

Erst langsam konnte sich die Ansicht durchsetzen, daß eine solche Betrachtungsweise dem Werk nicht gerecht wird und daß die textliche Gestaltung sehr wohl auch hohen Ansprüchen genügen könne- in dem Zusammenhang ist vor allem die Forschungsarbeit Barbara Könnekers zu nennen.

In dieser Arbeit soll erörtert werden, inwiefern in der Historia auf damals gebräuchliche narrative Muster zurückgegriffen wurde, d. h. ob der Text sich an bestimmte tradierte Handlungskonzeptionen und den zeitgenössischen Diskurs bestimmende Bräuche des Erzählens anlehnt. Zunächst wird neben den formalen und handwerklichen Aspekten, mit welchen der Verfasser den Stoff bearbeitete, die Suche nach möglichen Werkintentionen in den Blickpunkt gerückt. Nur dann, wenn man sich verdeutlicht, was der Autor erreichen wollte, macht es Sinn, danach zu fragen, mit welchen stilistischen Mitteln er dies tat.

II. Analyse der einzelnen Textteile

Wie kaum eine zweite Dichtung legt die Historia ob der genannten Besonderheiten eine genaue Lektüre nahe. Daher erscheint es angebracht, die aufgeworfenen Fragestellungen zunächst auf der textgestalterischen Ebene anzugehen und mit einer Rekapitulation der einzelnen Teile des Volksbuches einzusetzen. Interpretatorische Versuche werden sich dabei schrittweise und von den entsprechenden Textstellen ausgehend ergeben.

1. Die Vorrede

Nach einer kurzen Vorrede des Druckers Johann Spies, bei dem der von einem Anonymus verfaßte Text erschien, folgt eine Vorred an den christlichen Leser (S. 8). Schwarzkünstlerei und Magie werden ausgiebig als Sünden gebrandmarkt und die Leser auf die Folgen all dessen hingewiesen. In diesem Zusammenhang ist die Vorrede durchzogen von Referenzen auf Bibelstellen, die der vertretenen Deutung Gewicht verleihen. So zitiert der Verfasser beispielsweise den Apostel Paulus: „Wer Abgoetterey vnd Zauberey treibe/ werde das Reich Gottes nicht ererben.“ (S. 11). Das Spiel mit Schwarzkunst und Magie ist eine ganz besonders schlimme, ja die schlimmste Sünde:

Es draewet auch Gott den Zauberern vnd Schwartzkuenstlern vnd jren Anhaengern die hoechste Straff/ vnnd befilcht der Obrigkeit dieselbige an jnen zuexequirn. (S. 10)

Die Begründung ist darin zu suchen, daß die Zauberei von Gott weg- und zum Teufel hinführt. Könneker schreibt dazu:

Damit aber ist die Zauberei per definitionem ein Verstoß gegen das Erste Gebot, gehört also einer grundsätzlich anderen Wertkategorie an als der weite Bereich menschlicher Schwächen, Laster und Verfehlungen und ist daher auch mit grundsätzlich anderen Wertmaßstäben zu messen.[1]

Am Verhalten Fausts wird im Weiteren „fressen/ sauffen/ Hurerey vnd aller Vppigkeit/“ (S. 11) gegeißelt. Dies legt den Schluß nahe, daß die Dichtung im Gedankengut der Reformation verwurzelt sein könnte. Ein ganz wesentliches Bestreben des Protestantismus war es, der Verweltlichung der römischen Kirche entgegenzutreten und den Glauben zu seinen Grundlagen zurückzuführen- dadurch läßt sich auch die Häufung von Bibelzitaten erklären.

Die Kritik der Reformationsbewegung an der Kirche hatte zur Folge, daß ein verstärkter Druck nach dem richtigen Verhalten, ein enormes Verantwortungsgefühl für das eigene Schicksal auf den einzelnen lastete. Dies war zuvor nicht in solchem Ausmaß der Fall, da ja jeder Buße tun und so mit der erteilten Absolution in der Gewißheit leben konnte, die Nähe Gottes erlangt zu haben. Hierzu noch ein Zitat von Barbara Könneker:

Die Kehrseite der durch Luther gewonnenen christlichen Freiheit, durch die das Individuum eine nie zuvor gekannte religiöse Aufwertung erfuhr, war also in der Erfahrung des ganz auf sich selbst Gestelltseins ein völlig neues Gefühl religiöser Unsicherheit und Angst […].[2]

Die Vorrede endet also nicht grundlos mit einem warnenden Appell an den Leser, das Schicksal Fausts als abschreckendes Beispiel zu nehmen und vielmehr die Nähe Gottes zu suchen, „daß jhr bestehen koennet wider die listige Anlaeuff deß Teuffels.“ (S. 12).

2. Der Teufelspakt

Im ersten Teil der eigentlichen Dichtung, der die ersten 17 Kapitel beinhaltet, wird davon berichtet, wie Faust heranwuchs, zu einem gebildeten Mann wurde und schließlich den Weg zum Teufel einschlug. Hier wird dem Leser ein detailgenaues Bild der Person Faust mit all ihren Motivationen und Bestrebungen vermittelt; in den Worten Barbara Könnekers ausgedrückt: „Statt der Außensicht herrscht hier die Innensicht, [...]“[3]. Das wiederholte Auftreten und Disputieren des Teufels mit Faust, die genaue Schilderung der Anbahnung und Durchführung des Teufelspaktes machen ersichtlich, welch hohe Bedeutung der Anonymus diesem Teil und den darin verhandelten religiösen und allgemein moralischen Fragestellungen beigemessen haben muß.

Obwohl christlich erzogen, legte D. Faust, der „eines gantz gelernigen vnd geschwinden Kopffs“ (S. 14) war, die Bibel während seiner Forschungsarbeit „ein weil hinder die Thuer vnnd vnter die Banck“ (S. 14). Dies ist im Text deutlich als Bedingung für den folgenden Teufelspakt zu erkennen. Das Vernachlässigen der Orientierung an der Bibel zieht den Abfall von Gott nach sich und führt letztlich zur Beschäftigung mit der Zauberei. Im Text heißt es dazu: „Was zum Teuffel wil/ das laeßt sich nicht auffhalten/ noch jm wehren.“ (S. 14). Getrieben von „Fuerwitz/ Freyheit und Leichtfertigkeit“ (S. 15) läßt Faust sich vom Teufel verführen. Diese drei Schlüsselbegriffe hatten in der damaligen Zeit ganz bestimmte moralische Konnotationen und sind mit „Forscherdrang“ oder ähnlichem nur sehr unzureichend zu übersetzen. Hans- Gert Roloff betont etwa, das der Fuerwitz bisweilen der Treue gegenübergestellt und ein freier Wille von Luther generell in Abrede gestellt wurde.[4] Jan- Dirk Müller bemüht zur Charakterisierung der Tabus, an die Faust mit seinem Verhalten rührt, den Begriff „Curiositas“- und zwar definiert er dies als

[...]


[1] B. Könneker: Faust- Konzeption und Teufelspakt im Volksbuch von 1587. S. 166.

[2] B. Könneker: Der Teufelpakt im Faustbuch. S. 7.

[3] B. Könneker: Faust- Konzeption und Teufelspakt im Volksbuch von 1587, S. 173.

[4] H.- G. Roloff: Artes et Doctrina. Struktur und Intention des Faustbuchs von 1587, S. 544- 545.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Narrative Muster in der 'Historia von D. Johann Fausten'
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für deutsche und niederländische Philologie)
Veranstaltung
Grundkurs C: Historia von D. Johann Fausten
Note
2,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
16
Katalognummer
V59209
ISBN (eBook)
9783638532082
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Narrative, Muster, Historia, Johann, Fausten, Grundkurs
Arbeit zitieren
Boris Kruse (Autor), 2001, Narrative Muster in der 'Historia von D. Johann Fausten', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59209

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