Nationalismus und Rationalität


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rational Choice und struktureller Individualismus
2.1. Rational Choice
2.2. Struktureller Individualismus

3. Definition von Nationalismus und Nation

4. Die Konstruktion von Nationalismus
4.1. Staatsgelenkter Nationalismus
4.2. Soziale Konstruktion von Nationalismus

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Erklärung

1. Einleitung

Nationalism proved to be stronger than socialism when it came to bonding working classes together, and stronger than capitalism that bound bankers together.

Joseph S. Nye (1993: 61)

Der Nationalismus bildet heute trotz, oder vielleicht auch grade wegen der immer weiter fortschreitenden Globalisierung eine der Hauptantriebskräfte der internationa- len Politik. Die Suche nach einer Erklärung und Deutung der Ursachen für Nationa- lismus und seiner Antriebskraft für die Massen stellt weiterhin eine große Herausfor- derung für sämtliche Sozialwissenschaften dar. Nationalismus scheint dabei auf den ersten Blick nicht sehr rational. Es ist schwer verständlich, warum Individuen sich einer Nation zugehörig und loyal fühlen sollten, welche weitestgehend aus Menschen besteht, die sie nicht kennen und nie kennen lernen werden. Im Gegenteil scheint nationalistisches Engagement eine höchst irrationale Komponente zu besitzen, die bis hin zur Verletzung elementarer Bedürfnisse und zur Inkaufnahme extrem hoher Kosten reichen kann, bis zur völligen Selbstaufgabe oder Selbstzerstörung. Extrems- tes Beispiel hierfür sind sicherlich die islamistischen Selbstmordattentäter in Isra- el/Palästina, im Irak und anderen Teilen der Welt.

Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, was grade die oft sehr kostenintensi- ven nationalistischen Gruppen in vielen Ländern so erfolgreich in der Rekrutierung und Aktivierung von Mitgliedern und Ressourcen macht. Es soll untersucht werden, ob und wie weit der Rational Choice Ansatz und der damit verbundene strukturell- individualistische Ansatz einen Beitrag zur Erklärung der Entstehung und der Anzie- hungskraft des Nationalismus leisten können. Dazu werden diese beiden klassischen Ansätze mit einer sozialpsychologischen Erklärungsebene ergänzt, welche die ratio- nalen Handlungsmotivationen der Akteure hinsichtlich anscheinend irrationalem nationalistischen Verhalten vielleicht besser begreiflich machen kann. Dabei muss beachtet werden, dass an der Auffassung des Nationalismus als emotional und irrati- onal vieles sicherlich unstrittig und richtig ist. Allerdings scheint es trotzdem sinn- voll anzunehmen, dass auch der Nationalismus in seinen vielen Formen durchaus eine nicht zu unterschätzende rationale Komponente besitzt (vgl. Esbach 2000: 1; Hardin 1995: 14).

Im folgenden Kapitel wird zunächst der Ansatz des Rational Choice und der strukturelle Individualismus vorgestellt und diskutiert. Im dritten Kapitel wird auf die Definition der zentralen Begriffe „Nation“ und „Nationalismus“ eingegangen und einer erster Versuch unternommen, diese mit den vorher erörterten Ansätzen zu ver- binden. In dieser Arbeit können unmöglich auch nur annährend die vollständigen Diskussionen zu den Themen Rational Choice und Nationalismus präsentiert werden. Daher beschränkt sich die Darstellung auf die Definition der wichtigsten Begriffe die zum weiteren Verständnis nötig sind und verweist an geeigneten Stellen auf weiter- führende und vertiefende Literatur. Im vierten Kapitel wird das Phänomen des Nati- onalismus von den beiden Ebenen des strukturell-individualistischen Ansatzes her betrachtet, einmal von der Makroperspektive als Ideologie und einmal von der Mik- roebene mit einem vom Individuum ausgehenden sozialpsychologischen Erklärungs- ansatz. Das letzte Kapitel fasst die Ergebnisse kurz zusammen und versucht auf die eingangs gestellte Problematik eine Antwort zu finden. Zum Abschluss soll kurz ein selbst entwickeltes Schema präsentiert werden, das den Nationalismus nach dem strukturell-individualistischen Ansatz in einem Mehrebenenmodell darstellt.

2. Rational Choice und struktureller Individualismus

2.1. Rational Choice

Die zentrale Annahme des Rational Choice Ansatzes lautet, dass Individuen rational, das heißt Kosten abwägend und Nutzen maximierend handeln. Aus diesem individu- ellen Handeln kann dann nach Rational Choice auf das Verhalten von Kollektiven geschlossen werden. Das Handeln von Individuen vollzieht sich dabei in einer Situa- tion der Knappheit. Die Akteure müssen daher entscheiden, welchen konkurrieren- den Präferenzen und Bedürfnissen Priorität eingeräumt wird und welche zurückge- stellt werden. Die Entscheidungssituation wird dabei von den auf das Individuum einwirkenden (sozialen oder natürlichen) Restriktionen einerseits und seinen Präfe- renzen und Bedürfnissen andererseits bestimmt. In dem verbleibenden Spielraum eröffnen sich verschiedene Handlungsalternativen, aus denen der Akteur im Hinblick auf seine Ziele eine rationale Wahl trifft. Das bedeutet er wählt, bewusst oder unbe- wusst, die Handlung, die am ehesten seinen Präferenzen entspricht, bzw. bei minima- len Kosten ein Maximum an Nutzen verspricht. Dabei kann es allerdings durchaus zu anscheinend irrationalen Handlungen der Individuen auf Grund von Wahrnehmungs- fehlern oder fehlenden oder falschen Informationen kommen. Zudem sind Individuen selbst bei vollständiger Information kognitiv selten in der Lage, alle Möglichkeiten richtig in den Gesamtkontext einzuordnen Wichtig ist an sich nur, dass man von der subjektiven Wahrnehmung und Definition der Situation durch den Akteur ausgeht. Die Wahl der Mittel ist dann als rational anzusehen, wenn das gewählte Mittel dem Akteur im Vergleich zu allen anderen zur Verfügung stehenden Handlungsalternativen am besten geeignet erscheint, die gegebenen Präferenzen zu verwirklichen (vgl. Kunz 2004: 152f; Schmitt 1996: 112).1

Aufgrund der begrenzten Informationsverarbeitungskapazität konzentrieren sich Individuen häufig auf die Verarbeitung weniger, für sie bedeutsamer Informationen. Diese „bounded rationality“ lässt sich durchaus mit dem Prinzip der Nutzenmaximie- rung vereinbaren, wenn das Maximierungskalkül auch auf die Verarbeitung von In- formationen angewandt wird. Aus der Sozialpsychologie entlehnt wird dieses Phä- nomen in der Regel mit den Begriffen Stereotyp, (Handlungs-)Rahmen oder Frame umschrieben. In dieser Hinsicht lässt sich die in vielen Situationen beobachtbare Ori- entierung der Akteure an vereinfachenden handlungsleitenden Mustern oder kogniti- ven Schemata erklären, wie sie beispielsweise Ideologien oder Religionen darstellen (vgl. Kunz 2004: 156).

2.2. Struktureller Individualismus

Zur Untersuchung sozialer kollektiver Phänomene spielt im Rational Choice der strukturell-individualistische Ansatz eine zentrale Rolle. Dieser beschreibt kollektive Phänomene auf der Makroebene als das Resultat individueller Handlungen von rati- onalen Akteuren auf der Mikroebene. Diese Akteure sind dabei selbst wiederum in soziale Zusammenhänge eingebunden. Die individuellen Handlungen finden daher im Rahmen sozialer Strukturen statt, werden durch diese beeinflusst und beeinflussen diese im Gegenzug auch wieder. Zur Erklärung dieser Handlungen ist also wieder eine Rückbeziehung auf die Makroebene notwendig (vgl. Kunz 2004: 24f; Esser 1999: 92ff). Nach James S. Coleman (1995, Bd. 1) lassen sich diese Wechselwirkun- gen zwischen Makroebene (Struktur) und Mikroebene (Individuum) als ein Mehr- ebenenzusammenhang darstellen, nachdem Beziehungen auf der Makroebene grund- sätzlich durch einen Rückgriff auf die individuelle Ebene zu erklären sind (Abbil- dung 1). Diese Perspektive ist grundlegend für den Rational Choice Ansatz, findet sich aber auch mehr oder weniger in anderen Theorien (vgl. Kunz 2004: 25).

Der erste Schritt der strukturell-individualistischen Erklärung (Logik der Situati- on) verknüpft die Makro- mit der Mikroebene und stellt damit den Bezug zwischen den situativen Bedingungen und den Akteuren her. Im zweiten Schritt (Logik der Selektion) wird das individuelle Handeln der Akteure auf der Mikroebene mit einer allgemeinen Handlungstheorie (wie Rational Choice) erklärt. Die aggregierende Transformation der Auswirkungen des individuellen Handelns der Akteure zu dem jeweiligen kollektiven Phänomen, das es zu erklären gilt, ist der dritte Schritt (Logik der Aggregation). Damit wird Verbindung von der Mikroebene zurück auf die Mak- roebene hergestellt. Erst durch die Aggregation, bzw. die Transformation kommt es zur Verknüpfung zwischen den individuellen Handlungen und den kollektiven Fol- gen (vgl. Kunz 2004: 26ff; Esser 1999: 94ff).

Abbildung 1: Strukturell-individualistisches Analyseschema (nach Kunz 2004: 26; Esser 1999: 98).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Definition von Nationalismus und Nation

Allgemein wird der Nationalismus in der Literatur als modernes Phänomen betrach- tet, das seine politische Bedeutung erst vor allem im Zeitalter der Aufklärung und im Zuge der Französischen Revolution gewann (vgl. Esbach 1999: 52; Hardin 1995: 34). Der fraglos problematischste und kontroverseste Bereich in der Auseinanderset- zung mit Nationalismus ist die zugrunde liegende Begriffsbestimmung von „Nation“. Anthony Smith (2001: 13) definiert Nation idealtypisch als „eine namentlich be- zeichnete menschliche Gemeinschaft, welche ein Heimatland beansprucht und die bestimmte Mythen, eine gemeinsame Geschichte, eine gemeinsame Kultur und eine eigenständige Wirtschaft besitzt, sowie allgemeine Rechte und Pflichten für alle Mit- glieder umfasst.“ Diese Definition des Begriffs „Nation“ ist auch Grundlage der vor- liegenden Arbeit, wobei der Aspekt einer gemeinsamen Sprache, der in vielen ande- ren Definitionen als zentral hervorgehoben wird, in diesem Verständnis in der gemeinsamen Kultur einer Nation enthalten ist.2

Anhand der Vielzahl möglicher Kriterien für die Existenz einer Nation sowie de- ren Beliebigkeit und Manipulierbarkeit wird deutlich, dass es bestimmten Bemühun- gen und Handlungen einer Gruppe von Menschen bedarf, die sich als Volk identifi- zieren um eine Nation darzustellen. Diese kann demnach nur teilweise als natürliches und gewachsenes, sondern muss vor allem als von Individuen künstlich geschaffe- nes, konstruiertes soziales Gebilde verstanden werden, welches bestimmte Egoismen unter dem Dach einer gemeinsamen Nation vereint und durch diese zusammen gehal- ten wird (vgl. Esbach 1999: 70ff).

Der Begriff „Nationalismus“ ist ähnlich umstritten und wurde ebenso verschie- denartig definiert wie der Begriff „Nation“. Diese unterschiedlichen Definitionen überschneiden sich nach Smith (2001: 9) allerdings in vielen Bereichen und beinhal- ten gemeinsame Motive. Nicht überraschend ist das Hauptthema in den meisten De- finitionen von Nationalismus ein vorrangiges Interesse an der eigenen Nation und die Förderung ihres Wohlergehens. Nach Smith können die grundsätzlichen Ziele des Nationalismus zusammengefasst werden als „nationale Autonomie“, „nationale Ein- heit“ und „nationale Identität“. Nationalismus kann demnach definiert werden als „eine ideologische Bewegung zur Herstellung und Aufrechterhaltung von Autono- mie, Einheit und Identität für eine Bevölkerung, die eine bestehende oder potentielle Nation darstellt“ (vgl. ebd.). Nationalismus soll im Folgenden also nicht nur als Se- paratismus verstanden werden, sondern als umfassende Ideologie, welche die Entste- hung und den inneren Zusammenhalt einer Nation beeinflusst und die Darstellung der Nation nach innen und außen steuert.

Es muss allerdings zwischen der Existenz einer allgemeinen nationalistischen Grundeinstellung eines Individuums und dem weitergehenden Engagement in einer nationalistischen Bewegung unterschieden werden. Menschen können zwar in ihrer generellen Haltung nationalistischen Argumenten gegenüber positiv eingestellt sein, eine Beteiligung an nationalistischen Bewegungen aber an bestimmte Bedingungen knüpfen. Erfolg verspricht Nationalismus, bzw. eine nationalistische Bewegung aber nur dann, wenn sich ausreichend viele Individuen daran beteiligen.

[...]


1 Zur Diskussion und Kritik des Rational Choice Ansatz siehe beispielsweise Coleman (1995), Esbach (2000), Kunz (2004) und Schmitt (1999).

2 Sehr ausführlichen Darstellungen zur Definition und Entwicklung der verschiedenen Auffassungen von Nationalismus sind beispielsweise zu finden in Hutchinson und Smith (2000), Miscevic (2005), Smith (2001), oder Zuelow (2002).

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Nationalismus und Rationalität
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Grundseminar: Wirtschaft und Gesellschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V59216
ISBN (eBook)
9783638532143
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Nationalismus bildet heute trotz, oder vielleicht auch gerade wegen der immer weiter fortschreitenden Globalisierung eine der Hauptantriebskräfte der internationalen Politik. Die Suche nach einer Erklärung und Deutung der Ursachen für Nationalismus und seiner Antriebskraft für die Massen stellt weiterhin eine große Herausforderung für sämtliche Sozialwissenschaften dar.
Schlagworte
Nationalismus, Rationalität, Grundseminar, Wirtschaft, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Paul Eschenhagen (Autor), 2006, Nationalismus und Rationalität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59216

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