Toleranz und Wahrheit im Spätwerk


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

27 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Erziehungsschrift: für eine Eschatologie der Toleranz
2.1. Vernunft oder Offenbarung?
2.2. Die Erziehungsschrift am Wendepunkt zwischen altem und neuem Denken
2.3. Eine Teleologie – mit welchem Ziel?

3. Neben- und Miteinander der großen Weltreligionen: Nathan der Weise
3.1. Die Ringparabel als zentrales Motiv
3.2. Das Nebeneinander der Konfessionen
3.3. Figurenkonstellationen
a.) Vaterfiguren: Nathan und der Patriarch
b.) Der Klosterbruder
c.) Der Islam: Saladin und Sittah
d.) Daja und Recha
3.4. Läuterung durch Leidenserfahrung
3.5. Diskursive Wahrheitsfindung

4. Lessings Toleranzphilosophie auf dem Prüfstand

5. Schlußbemerkungen

6. Bibliographie

1. Einleitung

Lessings Spätwerk ist geprägt von einer Auseinandersetzung mit verschiedenen eschatologischen Entwürfen, in den großen Weltreligionen als auch in der Philosophie seiner Zeitgenossen. Das gilt für sein theoretisch-philosophisches wie auch für sein dichterisches Schaffen.

Insbesondere das dramatische Gedicht „Nathan der Weise“ ist der Nachwelt immer wieder als mustergültiges Beispiel für die Verkörperung des Toleranzgedankens aufgefallen. In der Schrift „Die Erziehung des Menschengeschlechts“ lieferte Lessing zuvor die theoretisch-philosophische Fundierung seines Toleranzbegriffes.

In dieser Arbeit geht es um ideengeschichtliche Aspekte seines Toleranzgedankens im Spannungsfeld zwischen bloßer Duldung des Fremden und wahrer Akzeptanz. Es soll untersucht werden, wie der späte Lessing sein Konzept einer auf Toleranz basierenden, utopischen Menschheitsgemeinschaft mit den Ausdrucksmitteln des Theaters verwirklichen, und mehr noch: zur gelebten Praxis werden lassen wollte. Dazu soll der Dichter Lessing auch und gerade als Philosoph betrachtet werden. Der vielzitierte Satz aus einem Brief an Elise Reimarus vom 06.September 1778, demzufolge er sich nach unglücklich durchstandenem Goeze-Streit und daraus resultierendem eingeschränktem Publikationsverbot wieder „auf [s]einer alten Kanzel, dem Theater“[1] zu vermelden gedenke, läßt doch nur um so deutlicher werden, wie sehr er sich in der Zeit unmittelbar zuvor seinen philosophischen Studien widmete, ja, wie wichtig und ernst ihm die philosophischen Diskurse seiner Zeit waren. Daher wird mit einer Analyse der Erziehungsschrift begonnen. An den daraus resultierenden Forderungen soll der Dichter Lessing dann in einem zweiten Arbeitsschritt gemessen werden. Schließlich sollen noch einige Überlegungen zu der Frage angestellt werden, welche Einwände aus heutiger Perspektive gegen Lessings Auffassung von Toleranz vorgebracht werden können.

Noch eine Bemerkung zum Verfahren: hier soll eine so weit als möglich auf die beiden genannten Texte Lessings fokussierte Lesart geprobt werden. Durchaus interessante Hintergründe, die für ein umfassendes Verständnis zweifellos wichtig gewesen wären, müssen daher hintanstehen oder werden überhaupt gar nicht zur Geltung kommen. Das gilt etwa für die problematischen Fragen zur Textgenese der Erziehungsschrift, den „Fragmentenstreit“ zwischen Lessing und dem Hamburger Hauptpastor Goeze, aber auch für den Einfluß der Philosophie Leibnizscher Prägung auf Lessing.

2. Die Erziehungsschrift: für eine Eschatologie der Tolarenz

2.1. Vernunft oder Offenbarung?

Lessings philosophisch-theologisches Spätwerk „Die Erziehung des Menschengeschlechts“ ist von einem argumentativen Selbstwiderspruch geprägt. Zum einen stellt Lessing gleich zu Beginn seiner Abhandlung in § 4 die These auf, daß die Erziehung wie auch die Offenbarung dem Menschen nichts brächten, was dieser nicht aus seinen eigenen Anlagen heraus erreichen könne, „nur geschwinder und leichter“ (Lessing, Werke II/1964, S. 280). In § 77 hingegen spricht Lessing von denkbaren Begriffen, auf welche die menschliche Vernunft von selbst, d.h. ohne einen göttlichen Wink, nie gekommen wäre (LW II, S. 299).

Der Gegensatz dieser beiden Äußerungen ist eklatant; es gibt nicht viele Stellen im Text, die ihn relativieren oder gar klären könnten. Eine vermittelnde Rolle kommt am ehesten den § 36 und 37 zu: hier ist von einem „wechselseitigen Dienst“ (LW II, S. 289) die Rede, den Offenbarung und Vernunft einander leisten würden.

Um zu verstehen, was dies im einzelnen bedeutet, muß zunächst ein Schritt zurückgegangen werden. Bereits im ersten Paragraphen definiert Lessing für seine weiteren Ausführungen, daß Erziehung und Offenbarung praktisch synonym zu verwenden wären- was das eine für den Einzelmenschen, ist Lessing zufolge das andere für das gesamte Menschengeschlecht. Damit stellt Lessing die Offenbarungslehre, zumindest in der Bedeutung, wie sie die traditionelle Theologie vertrat, in Frage. Denn die Möglichkeit von Offenbarungswahrheiten ist dadurch für die philosophische Diskussion des Erkenntnisproblems nur insofern relevant, als sie das Unbekannte, (noch) außerhalb der Reichweite des verstandesmäßig Erfaßbaren Liegende kennzeichnet:

Von hier aus entwickelt sich die Idee einer Erziehung des Menschengeschlechts. Die Offenbarung besteht nur partikular; das heißt sie ist kein unbedingter Vorgang des Ewigen in der Zeit, sondern nur ein subjektives Wissen des Menschen von Offenbarung.[2]

Sie ist, in anderen Worten, keine eigenständige epistemologische Kategorie mehr. In Lessings geschichtsphilosophischem Konzept erscheint die Offenbarung als funktionalisiert. Sie erfüllt eine eindeutige Aufgabe im Projekt einer Erziehung des Menschengeschlechts: „The purpose of revelation is to stimulate the human mind to reflect upon the allegory presented until its rational meaning becomes evident.“[3]

Die Notwendigkeit von Offenbarungen ist der Unzulänglichkeit des menschlichen Verstandes geschuldet und hat somit eine klare didaktische Funktion; in letzter Konsequenz muß sich die Offenbarung aber dennoch als empirisch-historisch fundierte Vernunft bewähren.

Für die "Inhalte", die Substanz der Offenbarungen, hat das zur Folge, daß diese insgesamt an Bedeutung verlieren, weil es tatsächlich mehr auf die Form, die angewandten Metaphoriken und Bilder ankommt, wie Wessel am Beispiel der Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, von Lessing selbst in § 71 der Erziehungsschrift als geoffenbarte Erkenntnis bezeichnet, ausführt:

Christ was the first reliable preacher of the doctrine of immortality. But the legitimacy of his teaching lies not in their internal `inner truth`, rather in Christ`s being `zuverlässig`. And Christ showed himself as `zuverlässig` through fulfilling prophecies, working miracles, and resurrecting. [4]

So gelingt es Lessing en passant, durch einen eleganten Kunstgriff zu rechtfertigen, daß die christliche Doktrin auch Ansichten beinhaltet, die sich mit seiner aufklärerischen Sichtweise gar nicht weiter vertragen – schließlich bewegte Lessing sich mit seinem geschichtsphilosophischen Projekt auf einem schmalen Grat. Denn wie auch Bollacher argumentiert, steht Lessing mit seinem Wahrheitsbegriff „an einem Wendepunkt des neuzeitlichen Religionsbewußtseins“[5]: hier wird allererst unterschieden zwischen wissenschaftlicher und religiöser Wahrheit.

Hinter diesen Gegenpositionen verbirgt sich eine zentrale Fragestellung Lessings, ja, der zeitgenössischen Aufklärung überhaupt: nämlich die nach dem Verhältnis der Kraft des menschlichen Verstandes zur geschichtlichen Entwicklung bzw. zur Möglichkeit geschichtlicher Wahrheiten.

Lessings komplexer Wahrheitsbegriff ist offenkundig ein zentrales Moment in seiner Philosophie. Er läßt sich wohl tatsächlich am ehesten durch jenen unbestimmten, immer wieder bemühten Begriff der Weisheit erfassen, mit dem Nathan assoziiert wird, und beinhaltet gleichermaßen Klugheit, Vernunft, Weitblick, Toleranz, Güte und auch Leiderfahrung:

Lessings Parteinahme - innerhalb der von der Aufklärung vertretenen Optionen - ist offensichtlich: für die Vernunft, nicht für den Verstand, für die alles umfassende Weisheit, gegen eine bloß instrumentelle Rationalität. [6]

Mit dieser kritisch gewendeten Auffassung von Wahrheit begibt Lessing sich allerdings in Widerspruch zur gängigen Lehrauffassung der zeitgenössischen Dogmatik.

2.2. Die Erziehungsschrift am Wendepunkt zwischen altem und neuem Denken

Orthodoxie und Vernunftdenken – wie geht das nun zusammen? Kann man sagen, daß Lessing eine Synthese angestrebt hat? Und wenn ja, ist sie ihm geglückt oder stehen am Ende unauflösbare Widersprüchlichkeiten? Oder werden diese Zuschreibungen dem Werke Lessings vielleicht überhaupt gar nicht gerecht?

In Lessings Konzeption wird der Gegensatz von Vernunft und Offenbarung in seiner ursprünglichen Schärfe, die in der Auseinandersetzung untergründig immer mitschwingt, unter dem Strich relativiert. Beide Kategorien begegnen, da sie sich ja einen „wechselseitigen Dienst“ zu leisten haben, als Kehrseite einer Medaille. Worin besteht nun aber der unabdingbare Nutzen der Offenbarungen, der ihnen Lessing zufolge notwendigerweise zu eigen ist?

Erhellende Erläuterungen dazu finden sich bei Volker Nölle: "Aber das Ziel des Menschen ist laut der aufklärerischen Konzeption seine Autonomie. Im Hinblick auf dieses Ziel haben die Offenbarungswahrheiten paradoxerweise nur dann Sinn, wenn sie sich selbst aufheben und zu Vernunftswahrheiten werden."[7]

Aber worin gründen die Offenbarungen denn nun letztlich? Ist in Lessings Konzeption, konsequent zu Ende gedacht, anthropologisch überhaupt noch Platz für metaphysische Komponenten wie Offenbarungen?

Bollacher versucht, Lessings Offenbarungen zu erklären, indem er sie versteht als "Inkognito der Vernunft": "Der Leidenschaft, der Empfindung, dem Instinkt des einzelnen Menschen entspricht bei dem ganzen Menschengeschlecht - die Offenbarung."[8] Offenbarungen also als das, was die Grenzen des menschlichen Verstandes übersteigt und nicht rational erfaßt werden kann: dies ist aus der Distanz von über 200 Jahren auch als diplomatische Antwort zu deuten in Richtung sowohl der christlichen Dogmatik als auch in Bezug auf zeitgenössische religionskritische Denkarten.

Mit einer Argumentation für die unabdingbar notwendige Existenz eines einzigen Gottes hat das nicht mehr gar so viel zu tun; es läßt sich bequem auch einfach als Stellenhalter für all das verstehen, was sich dem Horizont der damals just aufblühenden positiven Wissenschaften wenigstens vorerst entzieht. Nichtsdestotrotz nimmt die Offenbarung im Lessingschen Konzept eine sehr wichtige Stellung ein. Denn dadurch, daß es eine solche Rückbindung der Erkenntnis an etwas außerhalb des Subjektes Liegendes gibt, ist die Möglichkeit objektiver Wahrheiten von absoluter Gültigkeit immer noch gegeben.

„Wenn nicht mehr das Dogma die letzte Appellationsinstanz ist, sondern der Konsens, dann führt das zu einer tiefgreifenden Veränderung des Wahrheitsbegriffs [...]“, so Karl Eibl über Hintergründe und Strategie der Lessingschen Argumentation, „In einem unabgeschlossenen Weltbild kann das Prinzip der zureichenden Begründung keinen Halt mehr finden. Jede Begründung heischt abermals nach Begründung, führt in einen infiniten Regreß; will man den Regreß irgendwo abschließen, so gelingt das nur durch Setzung eines Dogmas. Wird aber auch die Setzung eines Dogmas verweigert, so geht das an den Nerv des Begründungsverfahrens überhaupt [...]. An die Stelle des Dogmas tritt der je neu zu erarbeitende Konsens, mit all seinen Unsicherheiten.“[9]

Eibl nennt das eine „Wende vom Begründungs- zum Bewährungsdenken“[10]. Im „Nathan“ wird deutlich, was dies epistemologisch bedeutet. Denn laut Ringgleichnis kann gar nicht mehr die Frage sein, welcher Ring der echte ist- die Unterschiede sind wesenhaft zu gering bzw. vom Menschen überhaupt gar nicht einsehbar. Daher kommt es nicht mehr darauf an, welcher Ring der echte ist, sondern darauf, „Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag/ Zu legen“ (LW II, S. 80), so der Richterspruch, wie Nathan ihn in seinem Ringgleichnis gegenüber Saladin vorträgt.

Wahrheiten werden zu einer intersubjektiv, im Dialog, im produktiven Streitgespräch zu erfassenden Angelegenheit. Dies rückt nicht allein den Dichter, sondern auch den Philosophen und Theoretiker Lessing in die Nähe diskursanalytischer Positionen. Was dazu gehört, jene beschworene „Kraft des Steins“ an den Tag zu legen, ist in diesem Sinne eine bestechende, unanfechtbare Argumentation, die einsichtig gemacht werden muß.

In der Erziehungsschrift wird das mustergültig vorgeführt. Die Argumentation hat einen auffallend deduktiven Charakter; geradezu mustergültig wird dem Leser wie einem Gesprächspartner vorgeführt, wie die vertretene Argumentationskette funktioniert- eine Einladung an den Leser, das Geäußerte kritisch zu überprüfen und nachzuhaken, mit eigenen Überlegungen in die Debatte einzusteigen, diese dem Geäußerten entgegenzusetzen.

[...]


[1] Lessing: Neunter Band/Briefe, S. 799.

[2] Wiese, S. 148.

[3] Wessel, S. 193.

[4] Wessel, S. 181.

[5] Bollacher, S. 131.

[6] Sanna, S. 100 - 101.

[7] Nölle, S. 216.

[8] Bollacher, S. 245.

[9] Eibl, S. 244-245.

[10] Eibl, S. 245.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Toleranz und Wahrheit im Spätwerk
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für deutsche und niederländische Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Befremdung und Anteilnahme bei Lessing
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
27
Katalognummer
V59219
ISBN (eBook)
9783638532167
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Toleranz, Wahrheit, Spätwerk, Hauptseminar, Befremdung, Anteilnahme, Lessing
Arbeit zitieren
Boris Kruse (Autor), 2004, Toleranz und Wahrheit im Spätwerk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59219

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