Prototypentheorie nach E. Rosch - Prototypen in abstrakten Kategorien?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

27 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Prototypenkonzept
2.1. Begriffsentstehung und Begriffsentwicklung
2.2. Prototypenbildung
2.3. Prototypenrepräsentation

3. Das Basisebenenkonzept
3.1. Kennzeichen der Basisebene
3.2. Information, cue validity, Distinktivität
3.3. Zusammenhang zwischen Prototypenkonzept und der Basic Level Category

4. Nutzen der Prototypensemantik
4.1. Kategoriegrenzen und Kategorien
4.2. Eigenschaften
4.3. Hierarchische Wortschatzstruktur
4.4. Zur lexikalischen Semantik

5. Auswertung der Umfrage

1. Einleitung

In dieser Arbeit soll versucht werden, einen Überblick über die Prototypentheorie, basierend auf den Arbeiten von E. Rosch, zu geben.

Im Hauptteil wird unterteilt in das Prototypen- und das Basisebenenkonzept und einer Darstellung des Zusammenhangs zwischen beiden Konzepten. Den Abschluss des Theoriebereiches bildet eine Aufstellung zum Nutzen der Prototypensemantik.

Der Schluss ist gleichzeitig eine praktische Anwendung der Theorie und besteht aus der Auswertung einer Untersuchung zu Prototypen in abstrakten Kategorien (mit StudentInnen). Dazu wurden 20 Studierende befragt, welches der für sie prototypischste Vertreter für die jeweilige abstrakte Kategorie sei.

„Prototypen sind das Ergebnis einer perzeptuellen Klassifizierung der in sich strukturierten Welt durch menschliche Kategorienbildung.“[1] Diese Kategorisierung ist eine Spezifik menschlichen Denkens, eine mentale Operation, verschiedene Dinge zusammen zu ordnen. Jedesmal, wenn wir eine Sache als eine Spezies wahrnehmen, haben wir bereits kategorisiert. Diese Annahme über das menschliche Denken ist die Grundlage für die Erkenntnisse der Prototypentheorie.

2. Das Prototypenkonzept

Die Basis für dieses Konzept bildet die aristotelische Kategorisierung[2], bei der mittels notwendiger und hinreichender Bedingungen entschieden wird, ob ein Vertreter zu einer Kategorie gehört oder nicht. Dementsprechend werden Kategorien durch die Verbindung von notwendigen und ausreichenden Merkmalen definiert. Ein Bündel dieser binären Merkmale bildet schließlich die Bedeutung eines Wortes.

Dies führt zu drei wesentlichen Eigenschaften des aristotelischen Modells: Zunächst existiert die Vorstellung, dass Begriffe oder Kategorien scharfe Grenzen besitzen, die markieren, ob ein Vertreter entweder zur Kategorie gehört oder aber einer anderen zugeordnet wird. Für die Zugehörigkeit einer Entität zur Kategorie ist das Wahr – Falsch - Prinzip verantwortlich, und letztlich haben alle Vertreter der Kategorie den gleichen Status, da sie gleichsam die Eigenschaften der Definitionszugehörigkeit besitzen.[3]

E. Rosch entwickelte nun die beiden Grundpfeiler ihrer Theorie: Der Begriff und das Konzept des Prototypen wurden neu bestimmt und die so genannte Basic Level Category ausgegliedert.

2.1. Begriffsentstehung und Begriffsentwicklung

Den Ausgangspunkt und gleichzeitig den Bestandteil von der Arbeit Roschs bildet die These, dass ein Prototyp als zentrales, repräsentatives und typisches Mitglied innerhalb einer Kategorie existiert. Die Kategorien setzen sich nicht aus Exemplaren zusammen, die im gleichen Verhältnis zu ihr stehen, sondern die Idee ist, dass es Vertreter gibt, die besser als andere sind. „Die innere Struktur vieler natürlicher Kategorien besteht aus dem Prototyp der Kategorie [...] und den nicht - prototypischen Exemplaren, welche in einer Rangfolge angeordnet sind, die sich von den besten zu weniger guten Beispielen erstreckt. (E. Rosch)"[4]

Rosch ordnet einigen ausgezeichneten Exemplaren eine Kernbedeutung zu, die für die semantische Referenz[5] eine große Bedeutung haben. Sie geht davon aus, dass das Erlernen der semantischen Referenz zunächst über die besten Repräsentanten erfolgt und später auf die gesamte Kategorie ausgeweitet wird. Das größte Interesse jedoch legt Rosch auf die kognitiven Prototypen, da diese auch kategorienübergreifend zutreffen.[6]

„Im Zuge zunehmender Kritik an ihrem Prototypenkonzept, stellt Rosch noch einmal ausdrücklich klar, dass ihr Begriff `Prototyp´ nicht ein bestimmtes Mitglied einer Kategorie meint, sondern dass bestimmte Mitglieder einer Kategorie über einen besonders hohen Grad an Prototypikalität verfügen und unter dem Begriff Prototyp subsumiert werden.“[7]

Es stellt sich heraus, dass der Grundgedanke des Prototypen als bester Vertreter einer Kategorie zwar erhalten bleibt, Rosch diese enge Definition nun aber auflöst und somit den Prototypen an sich erweitert. Der Prototyp als bestes Beispiel lässt sich nicht in verschiedene Merkmale oder Eigenschaften dekomponieren, da es sich um eine holistische Vorstellung handelt. Diese ist keine Summe bestimmter Einzelteile oder Komponenten, sondern ein Ganzes. Der Prototyp ist somit eher ein Bewußtseinsinhalt, Schema oder kognitives Bild, welches mit einem Wort assoziiert wird und als Bezugspunkt dient.[8] Die Grund- oder Kernbedeutung einer Kategorie ist im Prototypen enthalten, aber eine Antwort auf die Frage, was ein Prototyp ist, beinhaltet stets ein Beispiel oder eine exemplarische Auflistung. Auch auf die Frage, wie ein Prototyp entsteht, können zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur Diskussionsansätze geliefert werden. G. Harras stellte fest, dass Kategorien unterschiedlich strukturiert sind und somit auch die Prototypenbildung unterschiedlich erfolgt sein muss.[9]

Im folgenden Abschnitt stelle ich die wichtigsten Prinzipien zur Prototypenbildung dar und treffe anschließend Aussagen zur Repräsentation eines Prototyps.

2.2. Prototypenbildung

Kleiber fasst zusammen, dass die Frage nach dem Ursprung des Prototypen verschiedene Ansätze hat und gleichzeitig eine der grundlegendsten der Prototypentheorie ist. „Auf die Frage Warum ist `Spatz` ein typisches Beispiel für die Kategorie `Vogel`? sind verschiedene Antworten möglich, die eine neue Definition des Prototypen erlauben.“[10]

Zunächst lässt sich feststellen, dass ein Vertreter als bester gilt, wenn er die für die Kategorie typischen Eigenschaften besitzt, auf die ich später genauer eingehen möchte.

Es wurde weiterhin versucht, eine Erklärung für das angesprochene Phänomen auf Grund der Vertrautheit mit dem Objekt zu liefern. Gemeinhin wird oft gesagt, dass der Prototyp das Exemplar sei, welchem der Sprecher auch am häufigsten in der Umwelt begegnen kann. Kleiber allerdings widerlegt diese These anhand eines Beispiels: In der Kategorie Vögel nimmt der Adler auf der Prototypieskala einen höheren Platz als das Küken ein, obwohl ein Küken dem Sprecher häufiger begegnen kann und somit vertrauter sein und einen höheren Platz einnehmen müsste.[11] Dennoch verwirft Kleiber die Vertrautheitshypothese nicht vollständig, da sie sich als „unentbehrlich für die Erklärung der Prototypen übergeordneten Kategorien“[12] erweist.

Letztlich kommt er zu dem Schluss, dass der Faktor, der für die Erklärung des Prototypen als bestes Exemplar heranzuziehen ist, der der Typizität ist. „Der Prototyp ist das beste Exemplar der Kategorie, weil er die besten Eigenschaften, die typischen Eigenschaften der Kategorie aufweist.“[13] Da aber mehrere Vertreter einer Kategorie die gleichen Eigenschaften aufweisen können, spricht man von mehreren prototypischen Objekten mit zugeordneten Begriffen, die für einen Vergleich zu anderen Objekten herangezogen werden können.

Diese prototypischen Objekte sind nicht mehr Prototypen der Kategorie, sondern lediglich „Beispiele oder Erscheinungsformen des Prototypen, da sie über dessen Eigenschaften verfügen.“[14] Ein Prototyp müsste Merkmale haben, die allen Vertretern gemeinsam sind - die prototypischen Objekte aber haben mitunter Eigenschaften, die andere Vertreter nicht besitzen.

Mit der Hypothese der typischen Eigenschaften geht die Vorstellung einher, dass die innere Struktur der Kategorie dem Bild der Famlilienähnlichkeit entspricht.

Die verwandten Merkmale, die die Familienähnlichkeit ausmachen, können auch als typische Merkmale betrachtet werden. Der Prototyp wäre dann der Vertreter mit dem höchsten Grad an Familienähnlichkeit und tritt genau dort auf, wo die Überschneidung von Attributen am ausgeprägtesten ist. Die Phänomene aber, welche am Rand liegen, sind diejenigen mit den wenigsten übereinstimmenden Merkmalen in Bezug zum Prototyp (siehe Schema unten).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schema von T. Givòn[15]

Die Familienähnlichkeit gilt „sozusagen als Maßeinheit, die anzeigt, welche Eigenschaften einzelne Mitglieder gemeinsam haben bzw. welche sie von anderen kategorieexternen Mitgliedern unterscheiden.“[16] Unweigerlich gelangen wir dabei zu einer intensiveren Beschäftigung mit den typischen Eigenschaften, die auch von allen Mitgliedern einer Sprachgemeinschaft als solche anerkannt werden müssen. Diese Attribute sind im Gegensatz zu den (notwendigen und hinreichenden) Bedingungen des aristotelischen Modells nicht unbedingt notwendig. Es geht nicht mehr darum, unterscheidende Merkmale zwischen Vertretern zu finden, sondern Eigenschaften zu suchen, die einen Vertreter speziell charakterisieren. Die Prototypensemantik versucht somit, auch nicht - unterscheidende Merkmale mit einzubeziehen.

Um zu ermitteln, welches die betreffenden Merkmale sind, beziehungsweise auf welcher Grundlage sie ausgewählt werden, dient das Kriterium der Häufigkeit als ein Ansatzpunkt. Gemeint ist damit die Vorhersagbarkeit einer Eigenschaft für ein Objekt der Kategorie, die cue validity.

„E. Rosch und C. Mervis definieren sie als Quotienten der Frequenz des mit der betreffenden Kategorie assoziierten Attributs und der Gesamtfrequenz dieses Attributs bei allen anderen in Frage kommenden Kategorien.“[17] Kleiber führt dazu ein leicht verständliches Beispiel an: Eine hohe cue validity haben Federn für die Kategorie Vögel, weil fast alle Kategoriemitglieder Federn als Eigenschaft aufweisen, aber keine andere Kategorie die Eigenschaft hat.[18]

Prototypische Vertreter teilen also mit anderen Vertretern der Kategorie die meisten Merkmale, haben aber mit benachbarten Kategoriemitgliedern am wenigsten gemeinsam. Dementsprechend ist der Prototyp der Schnittpunkt aller Attribute und hat die höchste Vorhersagbarkeit für die Kategorie. Je geringer also die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Mitglied einer anderen Kategorie angehören könnte, desto höher ist auch der Grad an Prototypikalität. Innerhalb der Kategorie dienen die Prototypen als Referenzpunkte für die Organisation, in Bezug auf die einzelnen Mitglieder jedoch als Vergleichsbasis der Klassifizierung.

Diese Kategorienbildung und die Existenz der Prototypen erleichtern für die Sprechergemeinschaft den Umgang mit der Welt, da sie geordneter erscheint und somit besser zu verstehen ist.

2.3. Prototypenrepräsentation

Wie nun aber wird ein Prototyp repräsentiert und dargestellt?

Kleiber meint dazu: „Unabhängig davon, ob man den Prototyp als Vertreter der Kategorie oder als Kombination typischer Merkmale betrachtet, gibt es zwei mögliche Darstellungsweisen: Entweder eine Liste von Merkmalen, die den Prototyp beschreiben oder ein Bild oder Schema, das den Prototyp repräsentiert und das in manchen Fällen durch eine Merkmalliste ergänzt werden kann.“[19]

[...]


[1] Bußmann, H.: Lexikon der Sprachwissenschaft. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart, 1990, S. 736.

[2] Im folgenden immer NHB – Modell genannt.

[3] Vgl.: Kleiber, G.: Prototypensemantik. Eine Einführung. Narr Studienbücher, Tübingen, 1993, S. 12.

[4] Ebd.: S. 34.

[5] Nach Bußmann ist die Referenz die „Beziehung zwischen dem sprachlichen Ausdruck und dem Gegenstand der außersprachlichen Realität, auf den sich der Ausdruck bezieht.“, S. 632.

[6] Neben kognitiven Prototypen stellt sie die Existenz von künstlichen/ konventionalisierten und natürlichen Prototypen fest.

[7] Mangasser- Wahl, M.: Von der Prototypentheorie zur empirischen Semantik. Dargestellt am Beispiel von Frauenkategorisierungen. Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main, 2000, S. 13.

[8] Vgl.: Kleiber, G.: Prototypensemantik. Eine Einführung. Narr Studienbücher, Tübingen, 1993, S. 40.

[9] Ebd.

[10] Ebd.: S. 41.

[11] Vgl.: Kleiber, G.: Prototypensemantik. Eine Einführung. Narr Studienbücher, Tübingen, 1993, S. 42.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Ebd.: S. 44.

[15] Kleiber, G.: Prototypensemantik. Eine Einführung. Narr Studienbücher, Tübingen, 1993, S. 45.

[16] Mangasser- Wahl, M.: Von der Prototypentheorie zur empirischen Semantik. Dargestellt am Beispiel von Frauenkategorisierungen. Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main, 2000, S. 19.

[17] Kleiber, G.: Prototypensemantik. Eine Einführung. Narr Studienbücher, Tübingen, 1993, S. 52.

[18] Ebd.: S. 53.

[19] Ebd.: S. 45/46.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Prototypentheorie nach E. Rosch - Prototypen in abstrakten Kategorien?
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Sagen und Meinen - zum Problem Sagen und Meinen - zum Problem sprachlicher Missverständnisse
Note
2,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
27
Katalognummer
V59254
ISBN (eBook)
9783638532488
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prototypentheorie, Rosch, Prototypen, Kategorien, Sagen, Meinen, Problem, Missverständnisse
Arbeit zitieren
Ines Meier (Autor), 2002, Prototypentheorie nach E. Rosch - Prototypen in abstrakten Kategorien?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59254

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