Wenn man den Ring in seinen Einzelheiten auf philosophischer, psychologischer und logischer Ebene eingehender betrachtet, kommt man nicht umhin, festzustellen, dass Wagners Monumentalwerk von Brüchen durchzogen ist. Ob und wie nun Schopenhauers Philosophie zu diesen Ungereimtheiten in Wagners Ring-Werk beigetragen hat, soll in dieser Arbeit eingehender erörtert werden. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass einiges nur vermutet werden kann, da nicht überall eindeutigen Belege zu finden sind. Zuerst wird zum späteren Vergleich Wagners vorschopenhauerisches Konzept des Gesamtkunstwerks kurz dargestellt. Anschließend wird diesem Wagners neues, durch Schopenhauer beeinflusstes Konzept des Musikdramas gegenübergestellt. Fehlen darf dann natürlich nicht eine kurze Einführung in die Philosophie Schopenhauers, insbesondere im Hinblick auf die Musikrezeption. Schließlich folgt dann der Hauptteil dieser Seminararbeit mit einer eingehenden Untersuchung des Ring-Werks auf “Schopenhauerspuren”, und zwar unterteilt in Parallelen auf der Handlungsebene und (möglichen) direkten Einflüssen auf der Musikebene.
B. Wagners Musikdramenkonzept vor Schopenhauer
Nachdem sich durch die Französische Revolution die feudale Gesellschaftsstruktur und mit ihr die ehemals übergreifende gesellschaftliche, politische und religiöse Ordnung aufgelöst hatte, wurden auch die Künste, welche eng mit jener Ordnung im Zusammenhang standen zersplittert und zunehmend isolierter. Als Gegenmaßnahme zu dieser Zersplitterung entstand die Idee eines alle Künste zusammenfassenden Gesamtkunstwerks. (MGG 1282) Sie läßt sich unter anderem zurückführen auf Herder, Klopstock, Bretano und die Gebrüder Schlegel. (Kunze 99) Schelling kritisierte schon 1802 in seinem Buch Philosophie der Kunst die Oper und wertete statt dessen das antike musikalische Drama auf, was schon deutlich auf Wagner später folgende Ideen hinweist. (MGG 1283)
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
B. Wagners Musikdramenkonzept vor Schopenhauer
C. Wagners Begegnung mit der Philosophie Schopenhauers
D. Schopenhauers Philosophie
I. Allgemeine Thesen
II. Speziell zum Schopenhauers Metaphysik der Musik
E. Wagners Musikdramenkonzept nach der Schopenhauer-Rezeption
F. Untersuchung des Einflusses der Schopenhauer-Philosophie auf den Ring
I. Die Handlungsebene
1. Allgemeines
2. Die Wotan-Figur
3. Die Liebe zwischen Brünnhilde und Siegfried
4. Die Siegfried-Figur
5. Die verschiedenen Schlussentwürfe
a). Der Schluss im Prosaentwurf von 1848
b). Der Feuerbach-Schluss von 1852
c). Der Schopenhauer-Schluss von 1856
d). Der tatsächlich auskomponierte Schluss von 1874
4. Ergebnis
II. Die Musikebene
1. Die Walküre (ab II. Akt)
2. Siegfried
3. Götterdämmerung
4. Musikdramatische Gründe für die Verwerfung des Schopenhauer-Schlusses
5. Musik des Rheingold im Vergleich
6. Ergebnis
G. Zusammenfassung und Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Einfluss der Philosophie Arthur Schopenhauers auf Richard Wagners monumentales Musikdrama „Der Ring des Nibelungen“. Das primäre Ziel ist es zu analysieren, ob und inwieweit Schopenhauers pessimistische Weltanschauung und seine Metaphysik der Musik Wagners ursprüngliche Konzeptionen und die finale musikalische Gestaltung des „Rings“ tatsächlich beeinflusst oder lediglich als nachträgliche, teilweise widersprüchliche Interpretation gedient haben.
- Wagners Entwicklung vom Gesamtkunstwerk-Ideal zum Musikdrama unter Schopenhauer-Einfluss.
- Untersuchung von Schopenhauers Metaphysik der Musik und deren Rezeption durch Wagner.
- Analyse von Handlungsbrüchen und Schlussentwürfen im „Ring“ im Hinblick auf Schopenhauer.
- Evaluation der zunehmenden musikalischen Autonomie des Orchesters in der „Götterdämmerung“.
- Vergleichende Gegenüberstellung von Einflüssen durch Feuerbach und Schopenhauer.
Auszug aus dem Buch
Die Siegfried-Figur
Die Oper Siegfrieds Tod, welche Ausgangspunkt für den Ring war, zeigt, daß die Siegfried-Figur eine zentrale Bedeutung für den gesamten Ring spielt. Auffällig ist, daß Wagner bei seiner Umdeutung die Siegfried-Figur nicht direkt miteinbezieht. Dies läßt sich dadurch erklären, daß gerade die Siegfried-Figur eine gänzliche Umdeutung im Sinne Schopenhauers nicht zuläßt.
Nietzsche beschreibt den Siegfried als Wagners „ureigenste Schöpfung“ und bemerkt, daß gerade dessen Hedonismus und völliges Ausleben des Lebenswillens der Schopenhauerphilosophie völlig widerspricht. (Millington WKOMP 153/154) Nietzsche sieht in der Siegfried-Figur den „typischen Revolutionär“ und damit einen Repräsentanten von Wagners revolutionären Ideen (Der Fall Wagner 13). Allerdings hat Nietzsche unrecht, wenn er behauptet, daß Siegfried erst durch Wagners Beeinflussung durch Schopenhauer ein tragisches Ende findet, da die Dichtung ja schon fertiggestellt war, bevor Wagner Schopenhauer läßt (Der Fall Wagner 14; WHB/Wapnewski 109).
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, wie Schopenhauers Philosophie Wagners Ring-Werk beeinflusste und welche methodische Herangehensweise zur Untersuchung dieser Einflüsse auf Handlungs- und Musikebene gewählt wird.
B. Wagners Musikdramenkonzept vor Schopenhauer: Dieses Kapitel skizziert Wagners frühe theoretische Schriften wie „Kunst und Revolution“ und „Oper und Drama“, in denen das Gesamtkunstwerk als politisch-utopische Idee unter der Vorherrschaft des Dramas steht.
C. Wagners Begegnung mit der Philosophie Schopenhauers: Die Begegnung mit dem Hauptwerk Schopenhauers im Jahr 1854 wird als einschneidender Wendepunkt dargestellt, wobei die Frage erörtert wird, ob Wagner bereits zuvor unbewusst „schopenhauerisch“ gedacht hat.
D. Schopenhauers Philosophie: Eine Zusammenfassung der nihilistischen Hauptthesen Schopenhauers, insbesondere der Verneinung des Willens zum Leben und der Sonderstellung der Musik als Ausdruck des irrationalen Willens.
E. Wagners Musikdramenkonzept nach der Schopenhauer-Rezeption: Hier wird der theoretische Wandel beleuchtet, in dem Wagner der Musik eine neue, höhere Bedeutung zuschreibt, was sein früheres Ideal des Gesamtkunstwerks theoretisch in Frage stellt.
F. Untersuchung des Einflusses der Schopenhauer-Philosophie auf den Ring: Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Handlung (Wotan, Siegfried, Schlussentwürfe) und der Musikebene, wobei die Diskrepanz zwischen philosophischem Anspruch und musikalischer Praxis untersucht wird.
G. Zusammenfassung und Schlussbetrachtung: Das Fazit stellt fest, dass Schopenhauers Einfluss auf die Musik des Rings zwar vorhanden ist, die Umdeutung der Handlung jedoch unüberzeugend bleibt und Wagner sich letztlich in Widersprüchen verstrickt.
Schlüsselwörter
Richard Wagner, Schopenhauer, Der Ring des Nibelungen, Musikdrama, Gesamtkunstwerk, Metaphysik der Musik, Wille zum Leben, Feuerbach, Orchestrierung, Götterdämmerung, Siegfried, Handlungsebene, Musikebene, Erlösung, Musikästhetik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie die Philosophie Arthur Schopenhauers das Werk Richard Wagners, speziell den „Ring des Nibelungen“, beeinflusst hat und ob dieser Einfluss tatsächlich in der Struktur des Werkes nachweisbar ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind der Wandel von Wagners Musikdramenkonzept, die Philosophie Schopenhauers, die Analyse der Handlungsebene im Ring sowie die Entwicklung der musikalischen Ausdruckskraft innerhalb des Werkes.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die kritische Prüfung der Hypothese, ob Schopenhauers Philosophie Wagners ursprüngliche poetische und dramatische Konzeption des Rings grundlegend verändert hat oder ob es sich eher um eine nachträgliche ideologische Konstruktion Wagners handelt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt einen komparativen Ansatz, bei dem er philosophische Texte Schopenhauers mit Wagners theoretischen Schriften und dem konkreten Libretto sowie der Musik des Ring-Werkes vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil ist zweigeteilt: Zunächst wird der Einfluss auf die Handlungsebene (Figuren, Schlussentwürfe) untersucht, anschließend folgt eine Analyse der zunehmenden Autonomie und Bedeutung der Musik in den verschiedenen Teilen der Tetralogie.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Die Analyse ist stark durch Begriffe wie Gesamtkunstwerk, Wille zum Leben, Musikdrama, Feuerbachscher Materialismus und musikalische Motivdichte geprägt.
Warum konnte Wagner den Schopenhauer-Schluss nicht dauerhaft umsetzen?
Laut dem Autor war der Schopenhauer-Schluss unvereinbar mit der ursprünglichen, auf das Thema der Liebe zwischen Siegfried und Brünnhilde zentrierten Konzeption des Rings, was zu dramaturgischen Brüchen führte.
Inwiefern unterscheidet sich die Musik der Götterdämmerung vom Rheingold?
Die Musik der Götterdämmerung zeigt eine wesentlich höhere Motivdichte, ein vermehrtes Vorkommen rein orchestraler Themen und eine deutlich stärkere Stellung der Musik gegenüber dem gesungenen Wort im Vergleich zum eher „starren“ Rheingold.
Gilt Schopenhauers Einfluss auf den Ring als vollständig nachgewiesen?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass der Einfluss auf die Musik zwar erkennbar ist, die Neuinterpretation der Handlung im Sinne Schopenhauers jedoch als nicht überzeugend betrachtet werden muss, da Wagner sich selbst widerspricht.
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- Oliver Steinert-Lieschied (Author), 2005, Der Einfluss Schopenhauers auf Wagners Musikdrama "Ring des Nibelungen", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59259