Genozid an den Herero. Erster Völkermord des 20. Jahrhunderts?


Hausarbeit, 2016

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Definition von Völkermord

2. Merkmale des Genozids am Herero Krieg?

3. Ursachen für den Hereroaufstand

4. Ziel der deutschen Kolonialmacht

5. Vorbereitung eines Völkermordes

6. Verfolgung und Vertreibung in die Wüste

7. Durchführung eines Völkermordes

8. Konzentrationslager

9. Opferzahlen der getöteten Herero

10. Erster Genozid des 20. Jahrhunderts?

Quellen und Literaturverzeichnis

Einleitung

Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero, mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auch auf sie schießen. Das sind meine Worte an das Volk der Herero.“1

So formulierte der deutsche General Lothar von Trotha den „Schießbefehl“ an das Volk der Herero 1904 und leitete damit den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts ein. Doch war die Zerschlagung des Herero Aufstands wirklich ein Völkermord? Mit dieser Frage beschäftigt sich die folgende Arbeit. Zunächst wird definiert, was ein Völkermord oder auch Genozid überhaupt ist und an welchen Merkmalen man einen solchen erkennt. Dann wird die Kriegsführung der Deutschen gegen die Herero genauer beleuchtet. Dabei werden erst die Intention und die Vorbereitung der deutschen Truppen auf den Entscheidungskampf am Waterberg untersucht. Die Arbeit konzentriert sich ausschließlich auf den militärischen Aspekt und die Durchführung des Genozids an den Herero. Somit wird auch der Große Generalsstab der Kriegsgeschichtlichen Abteilung 1 (Hrsg.), die Kämpfe der Deutschen Truppen in Südwestafrika, Bd. 1: Der Feldzug gegen die Hereros, sowie der „Schießbefehl“ Lothar von Trothas als Quellen herangezogen. Da die Bundesregierung den Genozid an den Herero nicht offiziell anerkennt, ist auch von Trothas Befehl zur Ermordung der Herero auch nur als „Schießbefehl“ und nicht als Vernichtungsbefehl im Bundesarchiv vorzufinden. Ob die Bundesregierung die Ermordung der Herero nun anerkennen sollte oder nicht, wird auch im Laufe der Arbeit beantwortet. Des Weiteren wird auch die Thematik der Konzentrationslager behandelt, als Literatur dafür werden Jonas Kreienbaum, und Gesine Krüger herangezogen. Auch Jürgen Zimmerer und Joachim Zellers Texte werden zur Stützung der Argumentation benutzt. Hauptfokus der Arbeit wird die Schlacht am Waterberg sein, in deren Folge die Herero größtenteils ermordet wurden und die Überlebenden in die Wüste fliehen mussten. Am Ende der Arbeit wird endgültig die Frage beantwortet, ob es sich bei dem Krieg gegen die Herero um den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts handelt oder es nur kolonialer „Alltag“ war.

1. Definition von Völkermord

Der Völkermord oder auch Genozid ist ein seit dem zweiten Weltkrieg geprägter Begriff des Völkerrechts. Das Völkerrecht ist verankert im internationalen Strafrecht. Wenn Menschen einer ganzen Volksgemeinschaft durch eine industriell angefertigte Maschinerie oder durch Handlungen von Staatsapparaten und politischen Organisationen, außerhalb von Kriegshandlungen ermordet werden, dann liegt ein Völkermord beziehungsweise Genozid vor.2

Die Definition von Völkermord wurde erst nach dem zweiten Weltkrieg von den UN als Genozid-Konvention veröffentlicht. Zur besseren Beantwortung der Leitfrage wird der Begriff Genozid nach der UN Konvention nochmal präzisiert. Dabei werden im Folgenden nur die Aspekte der Definition angeführt, die zum besseren Verständnis der zu beantwortenden Frage benötigt werden.

Genozid begeht derjenige, der mit Absicht nationale, rassische, ethische und religiöse Gruppen ganz oder nur teilweise zu vernichten versucht. Dabei gilt bereits die Tötung einzelner Mitglieder einer Gruppe, das Hinzufügen schwerer körperlicher oder seelischer Schäden, sowie das Herbeiführen von Lebensbedingungen, welche die Gruppe körperlich schwer oder teilweise zerstören, als Völkermord.3

2. Merkmale des Genozids am Herero Krieg?

Durch die Definition des Genozids lassen sich einige Merkmale des Völkermordes am Krieg gegen die Herero erkennen. Im Folgenden werden die Merkmale genannt, an denen untersucht wird, ob es sich bei dem Krieg der deutschen Schutztruppe gegen die Herero um einen Völkermord handelte oder nur um einen „alltäglichen“ Kolonialkrieg.

Es wird untersucht, mit welcher Intention die Deutsche Kolonialmacht den Krieg gegen die Herero führte. Dabei bekämpften die deutschen Schutztruppen nicht nur die Armee der Herero, sie ermordeten unter anderem die Zivilbevölkerung.4

Es gilt also herauszufinden, ob es sich bei der Ermordung der Zivilbevölkerung um eine absichtliche Dezimierung dieser handelte, oder nur um eine Kriegstaktik zur Demoralisierung des Gegners.

Auch was das Herbeiführen von Lebensbedingungen angeht, welche zur Ermordung von tausenden Hereros beitrugen, sind die deutschen Schutztruppen nicht unbeteiligt. So hetzten die Offiziere und Mannschaften der Deutschen die Herero in die wasserlose Omaheke-Wüste, was zum Verdursten der Herero führte.5 Was das Kriterium der Lebensbedingung angeht, wird diese Frage auch noch im Laufe der Arbeit beantwortet. Im Folgenden werden Kriegsursachen, das Kriegsziel der deutschen Schutztruppe, Vorbereitung und weiterer Verlauf des Krieges bis hin zur Vertreibung der Herero in die Omaheke-Wüste untersucht.

3. Ursachen für den Hereroaufstand

Die deutsche Kolonialherrschaft führte zu erheblichen sozialen und politischen Veränderungen für die Herero. Durch den Zufluss von immer mehr deutschen Siedlern kam es im Laufe der Zeit zu Auseinandersetzungen mit der einheimischen Bevölkerung. Vor allem durch das Verhalten von manchen Siedlern, welche sich als Herrenmenschen ansahen und die indigene Bevölkerung als Menschen zweiter Klasse behandelten. Vergewaltigungen der indigenen Bevölkerung waren dabei keine Seltenheit. Zudem konnten sich die Afrikaner rechtlich nicht wehren, da die deutsche Kolonialmacht es ihnen verbat sich über Weiße zu beschweren, wohingegen die deutschen Gerichte Verbrechen an Afrikanern kaum ahndeten. Zu dem unverschämten Verhalten der deutschen Siedler waren auch die Rinderpest 1896 und die dadurch verbreiteten Epidemien Hauptursachen für den Aufstand der Herero im Jahre 1904.6

Zudem waren die Herero aufgrund der allgemeinen Verarmung dazu gezwungen, ihre Dienste an weiße Siedler zu verkaufen. Auch die Forderung nach immer mehr Land stieg bei den Siedlern an, was für zunehmend mehr Aufregung bei den Herero führte.7

4. Ziel der deutschen Kolonialmacht

Am 11. August 1904 kam es dann zum Entscheidungskampf der deutschen Schutztruppe gegen die Herero, welcher am Waterberg ausgefochten wurde. Angeführt wurde die Schutztruppe vom damaligen Oberbefehlshaber Lothar von Trotha.8

Schon vor Beginn der Schlacht am Waterberg war die Intention Lothar von Trothas eindeutig. Er zielte auf die vollkommene Ausrottung des gesamten Herero Volkes. Dabei war ihm keine Grausamkeit zu schade, so mussten laut seiner eigenen Aussage „die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut“9 niedergeschlagen und vernichtet werden.10

Auch nachdem die Herero militärisch am Waterberg geschlagen worden und die Überlebenden in die Omaheke-Wüste geflüchtet waren gab es keine Gnade. So schrieb von Trotha noch am selben Tag, an dem er seinen Vernichtungsbefehl freigab, dass das Volk der Herero durch die Omaheke-Wüste sterben solle und dass das gesamte Volk der Herero an sich vernichtet werden musste.11

Somit war die Absicht der deutschen Kolonialmacht klar, es ging nicht nur um einen militärischen Sieg über die aufständischen Herero, sondern auch um die komplette Auslöschung des gesamten Volks. Eine diplomatische Lösung war damit ausgeschlossen. Dabei war die Verwendung des Wortes „Vernichten“ durchaus ernst gemeint. Es wurde gezielt auf die Dezimierung eines ganzen Volks hingesteuert, dabei war es unwichtig, ob Unschuldige sterben oder nicht, alle Herero mussten laut von Trotha ausgelöscht werden.

Von Trotha war nicht der einzige, der die komplette Vernichtung der Herero beabsichtigte. Auch für den deutschen Kaiser und den Generalstab war ein Sieg über die Aufständischen, egal mit welchen Mitteln, höchstes Kriegsziel. Dabei ging es nicht nur um einen einfachen militärischen Sieg. Denn die deutsche Kolonialmacht musste nämlich einen „Rassenkampf“ gewinnen, um ihr Prestige aufrecht zu erhalten. Der Generalstab teilte damit auch von Trothas Meinung, nur durch eine vollständige Vernichtung oder eine bedingungslose Unterwerfung des Feindes, konnte dieser Kolonialkrieg gewonnen werden.12

Von Trotha war die Vernichtung aller Herero sogar so ernst, dass er versuchte seine Politik wissenschaftlich zu begründen. Er rechtfertigte seine Vernichtungsstrategie nach Darwins Auffassung des Überlebens des Stärkeren. Trothas Meinung nach wurden die Eingeboren als „Wirtschaftsgut“ überschätzt und mussten früher oder später den Weißen weichen.13

5. Vorbereitung eines Völkermordes

Nachdem das Ziel der deutschen Kolonialmacht nun deutlich geworden ist, nämlich die Vernichtung des gesamten Herero Volks, wird im Folgenden die Vorbereitung auf die Schlacht am Waterberg genauer untersucht, in deren Folge es zum Genozid an den Herero kam.

Schon vor Kriegsbeginn wurden die Kolonialtruppen darauf gestimmt, gegen Wilde zu kämpfen. Die Kolonialpropaganda bereitete die deutschen Truppen darauf vor, gegen Barbaren in den Krieg zu ziehen, die deutsche Frauen bedrohten und Kinder töteten. Ziel dieser Kolonialpropaganda war es, den deutschen Soldaten klar zu machen, dass es gegen einen solchen Feind keine Gnade gab und man die Herero erbarmungslos bekämpfen musste. Dies war auch erfolgreich denn trotz aller Grausamkeiten, die gegen die Herero verübt wurden, gab es bis auf einen einzigen Fall keine bekannten Befehlsverweigerungen von Seiten der deutschen Soldaten.14 Durch das Verbreiten von Gerüchten über die Brutalität der Herero legitimierte die Kolonialpropaganda den noch kommenden Völkermord an den diesen. Aus der Sicht der Kolonialmacht waren die Herero grausame Wilde, die Frauen und Kinder bedrohten. Durch die Propaganda wurden die deutschen Soldaten genügend instrumentalisiert, um jeden noch so brutalen Befehl zu befolgen. Von Trotha besaß also eine Armee, die in allen seinen Befehlen und Anordnungen komplett hinter ihm stand und bereit war, das Volk der Herero vollkommen zu vernichten. Dabei ist wichtig zu bemerken, dass jedem einzelnen Soldaten bewusst war, dass es sich beim Krieg gegen die Herero um einen „Vernichtungskrieg“ handelte. Somit wurden auch alle Regeln der zivilisierten Kriegsführung in der Schlacht gegen die Herero aufgehoben. „Gegen Unmenschen lässt sich nicht menschlich Krieg führen.“15 So äußerte sich Lothar von Trotha zum Kampf gegen die Herero, was zeigt, dass er bereit war die Herero zu schlagen, egal mit welchen Mitteln.

[...]


1 Lothar von Trotha, Schießbefehl. Osombo-Windhuk 1904.

2 Vgl. António Louca. Genozid, in: Wolfgang Fritz Haug/Frigga Haug/Peter Jehle/Wolfgang Küttler (Hrsg.), Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus Bd. 5, (Ort Unbekannt) 2001, Spalten 295-300.

3 Vgl. UN. Artikel 2. Genozid-Konvention. 1948.

4 Vgl. Jürgen Zimmerer, Joachim Zeller. Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen, Berlin 2003, S. 45.

5 Vgl. ebd. 51.

6 Vgl. ebd. S. 45f.

7 Vgl. ebd. S. 46.

8 Großer Generalsstab der Kriegsgeschichtlichen Abteilung 1 (Hrsg.), Die Kämpfe der Deutschen Truppen in Südwestafrika, Bd. 1: Der Feldzug gegen die Hereros. 1906. S. 156f.

9 Trotha an Leutwein, 5.11.04, zit. nach Zimmerer: Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen, S. 49.

10 Vgl. [Jürgen, Joachim, Völkermord in Deutsch-Südwestafrika, Berlin 2003, S. 49.]

11 Jeremy Sarkin, Germany’s Genocide of the Herero. Kaiser Wilhelm II, His General, His Settlers, His Soldiers, Cape Town 2010, S. 112.

12 Vgl. Gesine Krüger, Kriegsbewältigung und Geschichtsbewusstsein. Realität, Deutung und Verarbeitung des deutschen Kolonialkriegs in Namibia 1904 bis 1907, in: Helmut Berding/Jürgen Kocka/Hans-Peter Ulmann/Hans-Uhlrich Wehler (Hrsg.), Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft Bd. 133, Göttingen(Jahr Unbekannt). S. 62f.

13 Vgl. ebd. S. 66.

14 Vgl. ebd. S. 65.

15 Brief aus Deutsch-Südwestafrika, Berliner Lokalanzeiger, Nr.358, 2.8.04. zit. nach Kreienbaum: Ein trauriges Fiasko. Koloniale Konzentrationslager im südlichen Afrika 1900-1908, Hamburg 2015. S. 62.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Genozid an den Herero. Erster Völkermord des 20. Jahrhunderts?
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V593618
ISBN (eBook)
9783346184375
ISBN (Buch)
9783346184382
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herero, Völkermord, Genozid, Deutsche Kolonialgeschichte
Arbeit zitieren
Roman Tsitrin (Autor), 2016, Genozid an den Herero. Erster Völkermord des 20. Jahrhunderts?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/593618

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