Die Theaterinszenierung als Gegenstand von Medienrealität und erfahrbarer Realität. Die Wirkung schriftlich verfasster Theaterkritiken in Zeitungen


Bachelorarbeit, 2018

48 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Explikation
1.2 Relevanz und Forschungsstand
1.3 Definition zentraler Begriffe

2. Grundpfeiler: erfahrbare und mediale Realität
2.1 Inszenierungsrealität als erfahrbare Realität
2.2 Inszenierungskritik als mediale Realität
2.3 Überschneidungen und Differenzen der Realitäten

3. Medienwirkung
3.1 Psychophysische Wirkungsweise
3.2 Erfahrung und differente mediale Darstellung

4. Potentielle Wirkungen von Theaterkritiken
4.1 Das Medium
4.1.1 Das Medium als Teil der Wirkung
4.2 Der Rezipient
4.2.1 Der Rezipient als Teil der Wirkung
4.3 Der Kritiker
4.3.1 Der Kritiker als Teil der Wirkung

5. Argumentationen
5.1 Plädoyer für eine Anpassung der auf persönlicher Erfahrung basierenden Bewertungen an Theaterkritiken
5.2 Plädoyer gegen eine Anpassung der auf persönlicher Erfahrung basierenden Bewertungen an Theaterkritiken
5.3 Diskussion und Schlussfolgerung

6. Resümee
6.1 Zusammenfassung
6.2 Ausblick

Literaturverzeichnis

Abstract

Die vorliegende Arbeit widmet sich einem wenig erforschten Bereich der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft: Schriftlich verfasste Theaterkritiken in Zeitungen werden auf ihre Wirkung hin untersucht. Die sich dabei zentral eröffnende Fragestel- lung lautet: Haben diese Textformen das Potential zur Beeinflussung des Rezipien- ten*, obwohl dieser über eine (differente) Vorerfahrung in Form eines Inszenierungs- besuchs verfügt? In erster Linie wird der Umgang des Rezipienten mit den sich ihm eröffnenden Realitäten – faktische Realität im Kontrast zur Medienrealität – betrach- tet. Da es bisher keine einschlägigen Untersuchungen von kritisch-analytischen Texts- orten und deren Wirkung in der Kommunikationswissenschaft gibt, wird in dieser Ar- beit ein Anfang versucht. Es wird die Übertragbarkeit von in der Kommunikations- wissenschaft bekannten Medienwirkungen auf Theaterkritiken aus Printmedien hin untersucht. Physische Informationsverarbeitungsprozesse deuten darauf hin, dass von verstärkter medialer Wirkung auf Rezipienten ohne Vorerfahrung ausgegangen wer- den kann. Auf Grundlage neuester Erkenntnisse werden erste Annahmen bezüglich der Wirkung von Theaterkritiken auf Rezipienten mit vorangehender Erfahrung einer In- szenierungsrealität vorgebracht. Die daraus resultierende Erkenntnis lautet, dass von einer grundsätzlichen Wirkung von Theaterkritiken ausgegangen werden kann, deren Ausmaß jedoch in Abhängigkeit von Primär- und Sekundärerfahrung steht.

*Der besseren Lesbarkeit halber werden nur die männlichen Bezeichnungen aller Protagonistinnen und Protagonisten verwendet.

1. Einleitung

1.1 Explikation

Es ist in der Kommunikationswissenschaft keine Neuigkeit, dass zwischen erfahrbarer Realität und Medienrealität erhebliche Diskrepanzen bestehen. Ganz im Gegenteil: Eine Divergenz zwischen der Wahrnehmung von einer unmittelbaren, erlebbaren Re- alität und dem, was die Medien als eine solche abbilden, wird mittlerweile angenom- men und akzeptiert (z. B. Donsbach, Brosius & Mattenklott, 1993; Lang & Lang, 1953; Scherer & Schlütz, 2003). Die beiden Realitäten können sich unterscheiden, über- schneiden oder ergänzen (vgl. Meltzer, 2017, S. 16). Doch welche Wirkung hat es auf einen Rezipienten, wenn sich die beiden Realitäten nicht entsprechen?

Unlängst konnte unter experimentellen Bedingungen „eine durchgängige Anpassung der auf persönlicher Erfahrung basierenden Bewertungen an die mediale Darstellung“ (ebd., S. 220) nachgewiesen werden. Das heißt, dass eine Medienwirkung in Form einer Meinungsadaption stattfinden kann, wenngleich andere persönliche Erfahrungen dem vorangehen. Obwohl eine „Primärerfahrung“ 1 (Bentele, 2008, S. 69) vorliegt, haben Medien demnach das Potential, am Selbstvertrauen des Rezipienten zu rütteln und eine Meinungsadaption zu veranlassen. Es ist nicht überraschend, dass Rezipien- ten ohne Primärerfahrung und lediglich mit einer „Sekundärerfahrung“ (ebd.) dem Einfluss der medialen Darstellung weitaus mehr unterliegen (vgl. Atwater, Salwen & Anderson, 1985). Wenn sich die eigene Erfahrung an die mediale Darstellung anpasst, so hat dies Auswirkungen, die sich nicht nur auf einen einzelnen Rezipienten beschrän- ken, sondern auf sämtliche Rezipienten der medialen Quelle. Demnach sind nicht ein- mal Urteile von Experten und fachlich prädestinierten Personen (auch Journalisten) vor dem Einfluss der Medien gefeit, denn auch ihre Erfahrung kann durch differente Mediendarstellung beeinflusst werden2 (vgl. Meltzer, 2017, S. 226).

Gedruckte Theaterkritiken innerhalb von Zeitungen bilden den Mittelpunkt der Arbeit:

Eine Theaterinszenierung befindet sich im Spannungsfeld der erfahrbaren Realität und der durch den Rezensenten dargestellten Medienrealität. Die zentrale Fragestellung3 dieser Arbeit ist: Inwieweit können vorausgegangene Befunde einer Medienwirkung, die ihren Einfluss trotz vorangehender diskrepanter Erfahrung entfalten kann, auch auf die „kritisch-analytische Textform“ (Schalkowski, 2005, S. 11) der (Theater-) Kritik übertragen werden? Des Weiteren gilt es, den Einfluss eines kritischen Textes auf das Verhalten des Rezipienten zu betrachten. Eine Theaterinszenierung ist dabei ein Event, dessen Eindrücke der Zuschauer und spätere Kritikenrezipient sehr gut mit den Ein- drücken des Rezensenten abgleichen kann. Als ein genuines Ereignis ist sie von den Massenmedien unabhängig und gleichzeitig ein Magnet für Besucher und mediale Be- richterstattung. Theaterkritiken sollen die Eindrücke des bei der Inszenierung (und eventuell bei vorangehenden Proben) anwesenden Kritikers wiedergeben. Sein auf dieser Basis gefälltes Urteil kann sich der Rezipient der Kritik im Anschluss an oder aber im Voraus zum Theaterbesuch zu Gemüte führen.

In dieser literatursystematischen Arbeit soll Folgendes herausgearbeitet werden: Ist es möglich, dass die Rezension eines einzelnen Kritikers die zuvor getroffene subjektive Einstellung eines Theaterbesuchers gegenüber einer Theaterinszenierung nach an- schließender Kritikenrezeption verändern oder adaptieren könnte? Um dies zu unter- suchen, werden verschiedene Wirkungsmodelle kurz vorgestellt, kombiniert und ge- geneinander abgewogen. Anhand dieses Konzeptes werden nicht einzelne Variablen auf ihre Wirkung, vielmehr die Interaktion vieler verschiedener möglicher Wirkungs- variablen auf ihr Zusammenspiel hin untersucht.

Um das Thema der Theaterinszenierung als Gegenstand von Medienrealität und er- fahrbarer Realität möglichst umfangreich und detailliert zu beleuchten, wird folgen- dermaßen vorgegangen: Zunächst wird die Interaktion von wahrgenommener Realität und Medienrealität untersucht. Hierbei soll die Realität als Aspekt der persönlich wahrnehmbaren Theaterinszenierung um die Medienrealität in Gestalt von Inszenie- rungskritiken innerhalb von (Tages-/Wochen-) Zeitungen erweitert werden. Dabei soll die spezielle Form der Rezension hinsichtlich ihrer Medienwirkung im Fokus stehen sowie die Relevanz von Theaterkritiken reflektiert werden. Daran wird sich eine Ar- gumentation für oder gegen eine Meinungsadaption an die mediale Darstellung an- schließen. Die daraus resultierenden Schlussfolgerungen werden diskutiert, eingeord- net und bewertet. Mit dem Verweis auf abschließende empirische Prüfung der Befunde endet schließlich diese Arbeit.

1.2 Relevanz und Forschungsstand

Die Medienwirkungsforschung durchläuft seit ihrer Gründung verschiedene Phasen bezüglich der den Wirkungen zugesprochenen Stärke. Von der anfänglichen Phase, in der von einer sehr starken Medienwirkung ausgegangen wurde, über die Phase wir- kungsschwacher Medieneffekte befindet sich die derzeitige Forschung an einem Punkt, die sich in der Mitte des Wirkungsspektrums verorten will (zu einem Überblick siehe Kunczik & Zipfel, 2005, S. 287-294). Mittlerweile wird angenommen, dass ei- nige Medienbotschaften unter bestimmten Umständen bei bestimmten Personen zu ge- wissen Zeiten eine Wirkung haben (vgl. Maccoby, 1964). Die bisherige Medienwir- kungsforschung befasst sich zum großen Teil mit der Wirkung von audiovisuellen Me- dien in Form von Fernsehen und dessen Kultivierungsfunktion (z.B. Gerbner, 1980; Signorielli & Morgan, 1996), der Wirkung von politischer Berichterstattung (z.B. Donsbach, Brosius & Mattenklott, 1993; Kepplinger & Maurer, 2000) und der Wir- kung der Berichterstattung über gesellschaftliche Ereignisse (z.B. Halloran, Elliott & Murdock, 1970; Lang & Lang, 1953). Auch Hörspiele (Cantril, 1940) und Radiosen- dungen (z.B. Rosengren, Arvidson & Sturesson, 1975) werden auf ihre Wirkung hin untersucht. Die Wirkung von Zeitungsartikeln wird ebenfalls in einschlägigen Studien erörtert (z.B. Donsbach, 1991; Lazarsfeld, Berelson & Gaudet, 1965).

Es gibt Erkenntnisse über die Gegenüberstellung von erfahrener Realität und medialer Rekonstruktion derselben. Die Studie von Lang und Lang (1953) beispielsweise erhebt die Eindrücke von neutralen Teilnehmern einer Parade in Chicago sowie die von Fern- sehzuschauern ebendieser. Die Eindrücke fallen auseinander; berichten die einen doch von Langweile und schlechter Sicht, die anderen hingegen von jubelnden Menschen und guter Stimmung.

Weniger populär indes sind die publizistischen empirischen Studien auf dem Gebiet der meinungsbetonten Medienprodukte (vgl. Meltzer, 2017, S. 102). Wertende Urteile sind Meinungen. Es handelt sich nicht um Fakten, die empirisch prüfbar sind oder die ich durch weitere Quellen validieren lassen. Denn Urteile über ästhetische Wahrneh- mung sind überaus komplexe Meinungsbilder. So lassen sich Theaterinszenierungen oftmals nicht nur als positiv oder negativ bezeichnen. Vielmehr setzt sich die Haltung gegenüber der Aufführung facettenreich aus vielen Komponenten zusammen. Die Operationalisierung eines Untersuchungsdesigns, das diesem Anspruch gerecht wird, ist dementsprechend schwierig (vgl. Betz, 2017, S. 10). Dennoch sind auch wertende Medienprodukte durchaus nicht von einer Medienwirkung ausgeschlossen und sind Gegenstand der Persuasionsforschung (z.B. Hovland, Janis & Kelly, 1953; Hovland & Weiss, 1951).

Meltzer (2017) stellt die Anpassung der Meinung von Teilnehmern eines Hochschu- lereignisses an audiovisuelle Nachrichtenbeiträge fest. Es ist also nicht auszuschlie- ßen, dass als Reaktion auf die Rezeption von kritisch-analytischen Texten, zu denen es in der Publizistikwissenschaft keine einschlägige wissenschaftliche Auseinander- setzung gibt, eine Anschlusshandlung folgen könnte.

1.3 Definition zentraler Begriffe

Der Begriff „Medienwirkung“ soll im Kontext dieser Arbeit verstanden werden als eine Einstellungs- und gegebenenfalls daraufhin folgende Verhaltensänderung/-beein- flussung/-adaption beim Rezipienten4, die durch ein Medienprodukt initiiert wurde o- der wird. Medienwirkungen können sich grundsätzlich im Bereich des Verhaltens, Wissens, der Meinungen und Attitüden, Emotionen, der Psyche und des Körpers des rezipierenden Individuums artikulieren (vgl. Maletzke, 1963, S. 192). Medienwirkung kann einen kurzfristigen oder, unter gewissen Voraussetzungen, einen langfristigen Wirkungseffekt erzielen.

Die „Wirkungsstärke“ kann unterschiedlich sein und wird in „Effektstärke“ gemessen. So bedeutet eine mittlere Effektstärke entweder, „dass viele Menschen von einer schwachen oder wenige Menschen von einer starken Medienwirkung betroffen sind“ (Schweiger, 2013, S. 26-27).

„Meinungen“ sind Ausdrücke mit wertender Konnotation. Sie sind losgelöst vom tat- sächlichen Gehalt ihres Bezugsobjekts und entsprechen ausschließlich der Haltung des Emittenten (vgl. Kepplinger, 2009, S. 652).

„Erfahrung“ spielt im Kontext dieser Arbeit eine große Rolle. Es handelt sich um Er- fahrungen, die von zeitlich begrenzten Ereignissen (hier einer Theaterinszenierung) ausgehend erworben werden. Die Sinnesorgane des Menschen helfen, Erfahrungen zu machen. Durch Erfahrungen können bestehende Einstellungen beeinflusst und verän- dert werden. Sie hinterlassen beim Individuum einen charakteristischen Eindruck, der zur Urteilsbildung herangezogen wird. Allerdings postuliert eine Erfahrung nicht un- mittelbare Anteilnahme am Ereignis. Die Medien als vermittelnde Instanz können zu Erfahrungen beitragen, ohne dass der Rezipient selbst dem Ereignis beiwohnt (Sekun- därerfahrung). Allerdings werden, so die Annahme, direkt gesammelte Erfahrungen anders gespeichert und abgerufen als indirekte (vgl. Meltzer, 2017, S. 34).

„Einstellungen“ sind mittels wissenschaftlicher Konstrukte messbar und verhältnismä- ßig konstante Veranlagungen. Sie werden durch Erfahrungen gebildet oder auch ver- ändert und können Auswirkungen auf das Verhalten haben (vgl. Kepplinger, 2009, S. 652; Meltzer 2017, S. 29.).

Der Begriff „Theater“ soll hier nicht als ein eigenes Medium begriffen werden wie in der Theaterwissenschaft (vgl. Kotte, 2010, S. 42), die zu den Kulturwissenschaften gehört. In dieser Arbeit – und in der Publizistikwissenschaft im Allgemeinen – steht eine Theaterinszenierung lediglich für ein genuines Ereignis, welches als Grundlage für mediale Berichterstattung dienen kann. Ziel dieser Arbeit ist es primär, die Wir- kungsweise von Theaterkritiken zu untersuchen. Zwar ist nicht auszuschließen, dass sich die hier erkannten Erkenntnisse auch auf andere Kritiken (Film, bildende Kunst, Literatur) übertragen lassen, doch wird von einer Verallgemeinerung, außer sie wird explizit genannt, bewusst abgesehen.

Der Begriff des „Kritikers“ wird mit dem des „Rezensenten“ gleichgesetzt. Grundsätz- lich gehören die Autoren des Feuilletons zu verschiedenen Berufsklassen, da es den klassischen Beruf des Kritikers nicht (mehr) gibt. So handelt es sich bei den Verfassern um Redakteure, angestellte Journalisten oder Gastautoren. Diese wiederum sind oft- mals ausgebildete Philologen oder Kulturtheoretiker. Auch Kooperationen mit Publi- zisten, weiteren Wissenschaftlern und fachnahen Größen finden statt (vgl. Wilden- hahn, 2004, S. 30).

Diese Arbeit widmet sich der Zeitung – als ursprünglichem Medium der Kritik. Auch im Internet werden (Theater-) Kritiken immer populärer und verdrängen schrittweise ihre gedruckten Korrelate (vgl. Jörder, 2011). Für die online veröffentlichten Kritiken gelten weitere Wirkungsmechanismen, die das Internet für sich beansprucht, hier aber ausgespart werden.

2. Grundpfeiler: erfahrbare und mediale Realität

2.1 Inszenierungsrealität als erfahrbare Realität

Für Theaterliebhaber zählt eine Theateraufführung als ein Kunstwerk. Ihr beizuwoh- nen ist für sie eine sinnliche und intellektuelle Herausforderung. Das Besondere an dieser Form der Kunst ist, dass die Geschichten, die auf der Bühne erzählt werden, oftmals so nah am Leben der Zuschauer verlaufen, dass diese sich selbst in den Figuren und deren Schicksalen auf der Bühne wiedererkennen und mit den Akteuren mitfüh- len. Auch die tausendste Inszenierung von „Romeo und Julia“ zieht immer wieder Be- sucher an. Die Faszination für das Theater besteht schon seit dem alten Griechenland. Die Zuschauer suchen das Erlebnis, für viele ist ein Theaterbesuch ein Ereignis. Sie wollen den Geschehnissen auf der Bühne direkt und unmittelbar beiwohnen, in Echt- zeit. Der Zuschauer kann mit all seinen Sinnen verfolgen, wie Romeo um Julias Liebe buhlt. Er sieht die Szene, hört Shakespeares Verse, riecht die Theaterluft, schmeckt die Beklommenheit, wenn sich Julia vergiftet und spürt, wie das gesamte Publikum um die zwei Liebenden trauert, als diese sterben. Seine Sinne helfen dem Zuschauer, das Geschehen um ihn herum wahrzunehmen, einzuordnen und sein Wissen zu erweitern (vgl. Frings & Müller, 2014, S. 282; Meltzer, 2017, S. 33).

Das unmittelbare Beiwohnen ermöglicht es dem Zuschauer, den Schauspielern nach (gegebenenfalls auch während) der Vorstellung eine Rückmeldung über deren Leis- tung zu geben. Der Zuschauer kann reagieren, indem er das Ensemble am Ende be- klatscht oder während der Vorstellung aus dem Saal geht (vgl. Gebhardt, 2008, S. 163ff.). Dies kann der Beobachter nur tun, weil er sich während oder nach der Auffüh- rung ein Urteil über die schauspielerische Leistung und die Inszenierung bildet, bezie- hungsweise gebildet hat. Möglicherweise tauscht er sich auch mit anderen Zuschauern über die künstlerische Leistung aus oder aber liest ihre Gesichter. Letztendlich geht er mit einer Meinung und einer Gefühlshaltung aus dem Theater, die sein weiteres Han- deln beeinflussen wird. Sofern er begeistert ist, wird er wiederkommen und sich auch weitere Inszenierungen ansehen. Falls er enttäuscht ist, wird er sich fragen warum und eventuell ein anderes Stück besuchen. Im schlechtesten Fall ist er so verärgert, dass er dem Theater den Rücken kehrt. Handelt es sich hierbei um einen normaler Zuschauer, so ist es für das Theater als Institution schade, aber verschmerzbar. Unerfreulich könnte es für das Theater sein, wenn dieser erzürnte Zuschauer ein Theaterkritiker ist, der seiner Verärgerung innerhalb einer Rezension Luft macht.

2.2 Inszenierungskritik als mediale Realität

Ein Theaterabend, besonders eine Premiere in einem renommierten Stadttheater, zieht viele Interessenten an. Nachrichtenfaktoren wie Nähe, Status, Valenz, Identifizierung und eventuell auch Dynamik sind hierbei vorhanden (vgl. Schulz, 1976). Der Nach- richtenwert ist dementsprechend gegeben und macht eine Theaterpremiere zu einem berichtenswerten Ereignis, über das die (regionale oder überregionale) Tages- oder auch Wochenpresse informiert5. Doch nicht nur über das Stattfinden des Ereignisses wird in den Druckerzeugnissen unterrichtet. In den Zeitungen hat sich, seit der Auf- klärung6, ein weiteres Textgenre konstituiert: das kritisch-analytische. Unter dieses fallen Kommentar, Glosse und Kritik. Zumeist ist es im Ressort des Feuilletons oder auch im Lokalteil einer Zeitung zu finden (vgl. Betz, 2017, S. 28).

In kritisch-analytischen Textprodukten schwingt immer die subjektive Meinung des Autors mit, sei sie satirisch, ironisch, sarkastisch, verborgen oder offensichtlich in oder zwischen den Zeilen zu finden. Anders als nachrichtliche Texte, die – im besten Fall – aus der Perspektive des objektiven und außenstehenden Beobachters verfasst werden und lediglich Daten und Fakten darlegen, rekonstruieren kritisch-analytische Texte nicht, sondern reflektieren den Sachverhalt (vgl. Schalkowski, 2005, S. 15ff.). Die meisten kritisch-analytischen Texte werden in zwei Teile untergliedert: zunächst in die Darstellung des Sachverhalts in Form seiner Daten und Fakten, um diese dann an- schließend in Bezug zu setzen, zu anderen Sachverhalten, der Gesellschaft, zu Werten und Normen oder zu sich selbst (vgl. ebd.). Diese Darstellungsform soll dazu beitra- gen, den Sachverhalt zu verstehen. In einer Glosse, einem Kommentar und einer Kritik geht es also nicht nur darum, dass der Verfasser sein Urteil über den Gegenstand seines Berichts fällt. Mit seiner Argumentation sollte er für den Rezipienten das Verstehen des Gegenstands erleichtern (vgl. ebd.).

Nun unterscheidet sich die Theaterkritik als eine Form der Kunstkritik von Glosse und Kommentar vor allem in der Themenbehandlung. Kommentar und Glosse bedienen Themen der sozialen Welt, des menschlichen Miteinanders, sozialer Gegenstände und Strukturen (vgl. ebd. S. 18). Kunstkritik hingegen bezieht sich auf die Produkte der sozialen Welt: auf Kunstwerke. Auch diese sind soziale Gegenstände, sie werden von Menschen für Menschen erschaffen, doch sind sie nie Mittel zum Zweck. „Sie gehören nur teilweise zur sozialen Welt der menschlichen Kommunikation, wie sie auch nur teilweise in die objektive Welt der gegenständlich-materialen Erscheinung fallen“ (ebd. S. 19). Eine besondere Aufmerksamkeit der Kunstkritik gilt daher auch dem Ver- ständnis von Kunst, denn Kunst kann nicht nur bewertet, sondern auch erklärt werden (vgl. Schalkowski, 2011, S. 157). Für einen Laien ist das hilfreich, da Kunstwerke, also auch Theaterinszenierungen, nicht immer selbsterklärend sind (vgl. Schalkowski, 2005, S. 19).

Kritiken beinhalten also (Hintergrund-) Informationen zu Stück, Autor und Inszenie- rung sowie wertende Elemente, die der subjektiven Meinung des Rezensenten entspre- chen und die auf die Meinungsbeeinflussung des Rezipienten abzielen (vgl. Betz, 2017, S. 15). Die Funktionen von Kritiken sind vielfältig: auf den Leser bezogen die- nen sie der Motivation, Bildung und Unterhaltung. In der Kultur fungieren Kritiken als Vermittler, Förderer und erfüllen eine ästhetische Funktion. Unterdessen können sich Rezensent und Herausgeber des Mediums, in welchem der Kritiker publiziert, durch das Verfassen und Publizieren einer gelungenen Kritik einen Namen machen und sich in der Fachwelt profilieren7 (vgl. Stegert, 2001, S. 1726).

Grundsätzlich ist der Rezensent im Aufbau seiner Kritik frei, auch stilistisch sind ihm keine Grenzen gesetzt8, doch sollte sie eine objektivierbare Beschreibung („Faktenba- sis“ (Schalkowsik, 2005, S. 105)), eine Beurteilung anhand eines Argumentations- strangs und weitere Informationen zu Urheber und Werk und deren Beziehung zuei- nander beinhalten (vgl. ebd. S. 105ff.). Eine Theaterkritik, die diesem Aufbau folgt, ermöglicht es dem Rezipienten also, die von ihm versäumte, bereits besuchte oder de- ren Besuch in Aussicht stehende Inszenierung durch die Augen des Rezensenten zu sehen (vgl. Wildenhahn, 2008, S. 36). Stegert bezeichnet eine Rezension als eine „öf- fentliche und mediale Kommunikationsform“, welche ein „allgemeines Publikum“ (Stegert, 2001, S. 1725) ansprechen soll. So erhält der Rezipient eine aufbereitete und komprimierte Kurzfassung der Theaterinszenierung mit den wichtigsten Informatio- nen, einer (verständlichen) Deutung und dem Urteil des Experten, dargestellt in einer journalistischen Theaterkritik. Das ist praktisch, sofern der Rezipient der Vorstellung aus zeitlichen Gründen nicht beiwohnen kann, kein Geld für die Eitrittskarten ausge- ben möchte oder kann oder sich im Vorhinein über den Besuch des Stücks informieren will und nun über einen Besuch entscheidet. Nicht zuletzt liefert der Rezensent somit Anleitungen für die Bewertung des eigenen Erlebens (vgl. ebd.). In der Zeit der glo- balen Vernetzung können Theaterinszenierungen auch internationales Aufsehen erre- gen. Sie werden von ausländischen Zeitungen und deren Kritikern wahrgenommen, rezensiert und regen somit zur Inspiration und zum Austausch mit anderen Kulturen an (vgl. Betz, 2017, S. 36).

2.3 Überschneidungen und Differenzen der Realitäten

Die persönlich wahrgenommene Realität unterscheidet sich von der, die die Medien abbilden. Ähnlich wie den Sinnen des Menschen gelingt es auch den Medien nicht, die gesamte Realität vollständig zu erfassen (vgl. Bentele, 2008, S. 305). Vielmehr, so ein möglicher normativer Anspruch, sollte es eine Zielsetzung der Medien sein, die Rea- lität so abzubilden, wie sie ist (vgl. Bentele, 1993, 2008). Dadurch würde die Realität lediglich rekonstruiert9. Die Art und Weise, wie Medien die Realität abbilden, ist deren Eindruck und Wiedergabe ebendieser (vgl. Bentele, 2008, S. 282f.). Dieser Eindruck von der Realität unterscheidet sich nicht nur zwischen Medium und Gesellschaft, son- dern zwischen jedem Individuum und jedem Medium in dieser (vgl. Bentele, 1993, S. 168f.). Genauso, wie die Wahrnehmung der Gesellschaft und jedes einzelnen Indivi- duums von der faktischen Realität abweichen kann, so kann auch die Wahrnehmung der Medien – und ad hoc auch deren Rekonstruktion der Realität – fehlerhaft, abwei- chend oder falsch sein. Daher konstatiert Bentele, dass: es eine unabhängige Realität gibt, dass diese Realität mit der, die die Medien rekonstruieren, verglichen werden kann und dass somit eine objektive Berichterstattung im Allgemeinen möglich ist (vgl. ebd., S. 158). Der Grad des tatsächlichen Realitätsbezugs hängt demnach auch von den Selektions- und Aufbereitungsprozessen der Medien ab (vgl. Meltzer, 2017, S. 33). Dabei reduzieren die Medien zum einen die in die Berichterstattung aufgenommene Realität auf ihr Wesentliches, zum andern erweitern sie sie, indem sie in Zusammen- hänge und Hintergrundinformationen eingebettet wird (vgl. ebd., S 46). Die in ihren Auswahlkriterien und Ansichten eher homogene Gruppe der Journalisten etabliert eine Medienkultur, die der Realkultur nicht immer entspricht. In diesem Fall spricht man von einem „doppelten Meinungsklima“ (Noelle-Neumann, 1996, S. 243).

In der Regel ist es möglich, die Abweichungen der Medienrealität durch einen Fakten- abgleich mit empirisch nachweisbaren Indizien vorzunehmen (vgl. Rosengren, 1970). Anders verhält es sich indes bei distinkt meinungsbetonten Medienprodukten wie der Theaterkritik, beziehungsweise: deren wertenden Teilabschnitten. Ob das Urteil des Rezensenten der Realität gerecht wird, ist anhand von Fakten und Daten nicht nach- weisbar. Es ist dessen subjektive Meinung, die von Individuum zu Individuum unter- schiedlich ausfallen kann.

Der Rezipient hat verschiedene Möglichkeiten: Erstens kann er die Realität direkt wahrnehmen und eventuell auftretende Abweichungen von der faktischen Realität auf- grund gestörter Sinneswahrnehmungen hinnehmen. Er erlebt in diesem Fall eine Pri- märerfahrung. Zweitens kann er sich einen durch die Medien vermittelten Eindruck von der Realität machen, wobei er eine durch Rekonstruktionsfehler der Medien und seine durch eigene Interpretation der Medieninhalte verzerrte Realitätswahrnehmungcin Kauf nehmen muss. Natürlich verfügt er auch über die Möglichkeit, seine Primärer- fahrung mit den durch die Medien vermittelten Eindrücken abzugleichen. In diesem Falle kann es, besonders bei subjektiven Eindrücken, durchaus zu divergierenden Wahrnehmungen der Realität zwischen Medien und Rezipient kommen (vgl. Meltzer, 2017, S. 45ff.; Rössler, 1997, S. 27).

Die Inszenierungskritik ist ein Produkt der Realitätsrekonstruktion durch die Medien. Dem Rezipienten fehlen beim alleinigen Rezipieren einer Kritik die sinnlichen Ein- drücke während eines Theaterabends und die Möglichkeit zur unmittelbaren Reaktion auf dieselben. Beim Lesen der Kritik wird allein sein Sehsinn gefordert (vgl. Maletzke, 1963, S. 172). Er ist auf die ihm in der Zeitung angebotenen rekonstruierten Eindrücke der Realität eines Verfassers angewiesen („selektiv rekonstruiert“ (Meltzer, 2017, S. 33)). Hinzu kommt, dass der Rezipient einer Medienbotschaft diese nicht immer so auffasst, wie der Emittent es beabsichtigt hat. Gerade im Printbereich werden dem Rezipienten hohe Kompetenzen der Informationsverarbeitung abgefordert. Denn ein Zeitungsartikel liefert als Input lediglich gedruckte Buchstaben (sofern er keine Foto- grafie(n) beinhaltet). Diese müssen vom Rezipienten gesehen, gelesen, in Worte ge- formt, verstanden, in die Syntax eingebaut und auf den Inhalt des Satzes und des Tex- tes bezogen, interpretiert und in den Gesamtzusammenhang eingeordnet werden. Gleichzeitig wird seine Vorstellung angeregt, sodass sich der Textinhalt verbildlicht. Bei all diesen Schritten können ihm Fehler unterlaufen, sodass er die Botschaft des Kritikers missversteht oder sie – in Ermangelung an Wissen – gar nicht versteht (vgl. Maletzke, 1963, S. 152ff., S. 171ff.). Und dennoch hat es gewisse Vorzüge, die Medi- enrealität in Form der Theaterkritik zu rezipieren: Bereits erwähnt wurde der Aspekt des zeitlichen und räumlichen Beiwohnens einer Theaterinszenierung, was manch ei- nem, aus welchen Gründen auch immer, verwehrt sein mag. Die Teilnahme als Be- trachter einer Vorstellung scheint nicht notwendig, wenn diese von einem, vom Me- dium als fähig eingestuften „Experten“ (vgl. ebd., S. 129) zu einem späteren Zeitpunkt vermittelt wird. Der Kritiker hat vermutlich gute Presseplätze und somit beste Sicht auf das Spektakel sowie gute akustische Eindrücke. Ein Kritiker offeriert (meistens) Hintergrundinformationen zur Inszenierung, zu Autor und Schauspielern. Er bettet die Inszenierung in einen Gesamtzusammenhang ein und setzt sie in Bezug, interpretiert sie. Gleichzeitig teilt er sein Urteil mit und erspart manch einem Leser somit vielleicht einen enttäuschenden Theaterabend. Innerhalb einer Zeitung wird dem Rezipienten eine Selektion, innerhalb weniger Zeilen einer Kritik ein Aufbereiten, Einordnen, Wer- ten und eine Entscheidungshilfe geboten (vgl. Wildenhahn, 2008, S. 36).

Der Unterschied zwischen einem Theaterkritiker und einem einfachen Hobby- oder Freizeitbesucher besteht in ihrer Art und Weise, die Inszenierung aufzunehmen und auf ihre Qualität hin zu prüfen. Durch die Zeitung erfährt der einfache Besucher, nach welchen Inhalten und nach welchen Kriterien der (im besten Fall) geschulte Blick ei- nes Kritikers die Inszenierung bewertet. Diese Regeln kann er anschließend auf sein eigenes Verhalten ausweiten (vgl. ebd.)10.

3. Medienwirkung

Dass von Medien eine Wirkung auf den Rezipienten ausgeht, ist eine Erkenntnis, die schon vor der Begründung der Medienwirkungsforschung erlangt wurde. Bereits Pla- ton erkannte die potentielle Einflussmöglichkeit der Ilias auf Kinder und riet da sollte im Hinblick auf die mediale zu, ihnen Abschnitte mit Darstellung von Gewalt zu verheimlichen (vgl. Merten in Uhl, 2015, S. 28). Doch bevor aus dieser Erkenntnis übereilige Schlussfolgerungen bezüg- lich der Macht von Medien gezogen werden,Wir- kung das Zusammenspiel einer Vielzahl von Variablen und Prozessen nicht außer Acht gelassen, sondern noch einmal besonders hervorgehoben werden: „Some kinds of communication on some kinds of issues, brought to the attention of some kinds of people under some kinds of conditions, have some kinds of effects.“ (Berelson, 1955, S. 345)

3.1 Psychophysische Wirkungsweise

Ganz gleich, welche Medien durch einen Rezipienten bewusst oder unbewusst wahr- genommen werden, irgendeine Wirkung hinterlassen sie (vgl. Uhl, 2015, S. 27). Eine Medienwirkung kann sich allerdings verschiedenartig äußern und hängt von sehr vie- len Faktoren ab. Ein flüchtig wahrgenommenes Werbeplakat kann dazu verleiten, das darauf angepriesene Produkt beim nächsten Einkauf in den Korb zu legen. Auch der Wissenszuwachs, der dem Rezipienten beim Recherchieren im Internet oder dem mor- gendlichen Durchblättern der Zeitung zukommt, ist ein Teil von Medienwirkung. Ihre Wirkungsweise und Wirkungsintensität ist abhängig vom Kommunikator (und dessen Glaubwürdigkeit), vom Kommunikationsinhalt (und dessen Glaubwürdigkeit), vom Rezipienten und seinem sozialen Umfeld und von situationsabhängigen Faktoren der Rezeption (vgl. Maccoby, 1964).

Zu unterscheiden gilt es zwischen den Wirkungsebenen des Wissens und der Meinung („kognitive Effekte“), der Gefühlsebene („affektive Effekte“) und der Ebene des Ver- haltens („konative Effekte“). Um eine Einstellung gegenüber etwas zu ändern, ist eine Veränderung auf einer der Ebenen Voraussetzung (vgl. Krech, Crutchfield & Balla- chey, 1962).

Die Persuasionsforschung11 untersucht, durch welche Faktoren Einstellungs- und Ver- haltensweisen verändert werden können. Persuasionsversuche sollen die Einstellungen und das Verhalten der Zielperson(en) in irgendeiner Form beeinflussen. Durch sie kön- nen dabei neue Einstellungen und/oder Verhaltensweisen geformt, bereits vorhandene Einstellungen/Verhaltensweisen verstärkt oder verändert werden. In welcher Form eintreffende (Medien-) Botschaften beim Rezipienten verarbeitet werden, kann bei- spielsweise mittels des sozialpsychologischen „Elaboration-Likelihood-Modells“ (Petty & Cacioppo, 1986) von Petty und Cacciopo nachvollzogen werden. Nicht jede eintreffende Botschaft wird von jedem Empfänger auf gleiche Art und Weise physisch verarbeitet. So entscheidet der Grad des persönlichen Involvements, sich mit den ein- gehenden Botschaften auseinanderzusetzen, inwiefern ein Individuum empfänglich ist für die Übernahme einer intendierten Persuasion. Je höher das Involvement – eine Art von Messgröße der Beteiligung eines Individuums – desto schwieriger ist es, seine Einstellungen und Verhaltensweisen zu verändern (vgl. Schenk, 2009, S. 453). Ein- treffende Informationen werden bei hohem Involvement auf der sogenannten „zentra- len Route“ verarbeitet. Die hier verarbeiteten Informationen werden kritisch und auf- merksam reflektiert. Bei geringem Involvement des Rezipienten werden die Informa- tionen auf der „peripheren Route“ verarbeitet. Solche Informationen werden oft ne- benbei, unbewusst oder mangels Hintergrundwissen ohne kritisches Auseinanderset- zen mit der Botschaft oder einer Reflexion dieser aufgenommen. Hierbei ist eine Ein- stellungs- oder Verhaltensänderung, die in der Regel nur schwer zu erzielen ist, wahr- scheinlicher als bei einer elaborierteren Verarbeitung auf der zentralen Route (vgl. Petty & Cacioppo, 1986).

Nicht selten kollaboriert der Grad des Involvements mit der unvermittelten Erfahrung (vgl. Meltzer, 2017, S. 88; Schenk, 2009, S. 454). Briñol und Petty stellen fest, dass Einstellungen, die auf der zentralen Route verarbeitet und gebildet oder verändert wer- den, stärker und resistenter gegenüber Veränderungen sind (vgl. Briñol & Petty, 2014) Daher zielen Persuasionheuristiken auch eher auf eine Botschaftsverarbeitung auf der peripheren Route ab (vgl. Schenk, 2009, S. 452ff.). Eine solche Verarbeitung bezeich- net man als „heuristisch“ (Chaiken, 1980) und sie ist äußerst wichtig, um die ständig eintreffenden Informationen der Umwelt bewältigen zu können.

Letztendlich wird die – auf welcher Route auch immer – eingetroffene Information bewertet werden. Der Rezipient bildet sich eine Meinung (vgl. Meltzer, 2017, S. 89). Die Beurteilung der Information kann während der Informationsaufnahme („on-line“ Urteilsbildung) oder aber rückwirkend mittels gedächtnisbasierter Urteilsbildung („memory-based“) erfolgen (Hastie & Park, 1986). „On-line“ gefällte Urteile sind schwerer veränderbar als solche, die auf Erinnerungen basieren (vgl. Matthes, Wirth & Schemer, 2007; Meltzer, 2017, S. 90). Involvement und persönliche Erfahrung be- stimmen also die Einstellungsstärke und somit ihre Veränderbarkeit.

Bestimmte kognitive Schemata helfen dem Menschen, sich in der Informationsflut zu- rechtzufinden. Sie dienen dazu, die Aufmerksamkeit und Wahrnehmung zu steuern und die eintreffenden Informationen zu bereits bestehendem Wissen in Beziehung zu setzen (vgl. Brosius, 1991). Einzelne (mediale) Botschaften – zum Beispiel in Form einer gedruckten Theaterkritik innerhalb einer Zeitung – werden nicht einzeln aufge- nommen, sondern gleich zu Beginn in ein bestimmtes Schema eingeordnet (zu einem Überblick vgl. Kunczik & Zipfel, 2009, S. 318). Das hilft dem Rezipienten, die Infor- mationen zu interpretieren. Durch bestimmte Darstellungsperspektiven (frames) inner- halb der medialen Botschaft – beispielsweise in Form einer Bewertung der Inszenie- rung – kann die Verarbeitung zielgerichtet gesteuert werden (vgl. Kepplinger, 2009, S. 687f.).

[...]


1 In Tradition der Kommunikationswissenschaft wird „Primärerfahrung“ hier mit der persönlichen Er- fahrung gleichgesetzt (vgl. Meltzer, 2017, S. 18).

2 Sofern sich die Medien selbst auf die Quelle der Berichterstattung auswirkt spricht man auch von reziproken Effekten im „inter-aktiven“ oder „re-aktiven“ Sinne (Kepplinger, 2010, S. 2; Lang & Lang, 1953; Schulz, 2013a, S. 59).

3 Von der Formulierung von Hypothesen wird bewusst abgesehen. Es soll vielmehr eine Auswahl an potentiellen Antwortmöglichkeiten dargelegt und diese gegeneinander abgewogen werden.

4 Eine Unterscheidung zwischen Medienwirkung und Medialisierung, die gelegentlich gefordert wird, wird hier nicht vorgenommen. Kepplinger zum Beispiel bezieht Medienwirkung auf die Wirkung bei der Bevölkerung, Medialisierung auf die Beeinflussung der Protagonisten als Objekte der Medienbe- obachtung (vgl. Schulz, 2013b, S. 59). In dieser Arbeit wird die potentielle Medienwirkung von Thea- terkritiken auf jegliche Rezipienten untersucht.

5 Eine Theaterinszenierung ist primär ein genuines Ereignis. Nichtsdestotrotz kann es auch zur media- tisierten, das heißt an die Berichterstattung angepasste Inszenierungen kommen, beispielsweise wenn ein Theaterhaus eine an die Berichterstattung angepasste Inszenierung konzipiert und präsentiert (vgl. Kepplinger, 1992)

6 Schalkowski begründet das Abweichen der Presse vom alleinigen Informationsmedium zu einem Or- gan, das zu Fragen des öffentlichen Interesses Stellung nimmt, mit dem freidenkerischen und revoluti- onären Gedankengut der Aufklärung. Kommentar, Glosse und Kritik nennt er „Instrumente im Kampf der bürgerlichen Aufklärung um eine demokratische, rechtsstaatliche und freiheitliche Ordnung.“ (Schalkowski, 2005, S. 13)

7 Juristisch gesehen allerdings ist eine Kunstkritik „[…] ein journalistisches Produkt, dessen Haupt- zweck die Urteilsbildung des Lesers über einen vorrangigen ästhetischen Gegenstand ist.“ (Schalkowski, 2011, S. 161)

8 Das Ressort des Feuilletons etabliert einen speziellen Sprachstil, der als „feuilletonistisch“ (Dovifat & Wilke, 1976, S. 107) bezeichnet wird und auch in Theaterkritiken zu finden ist. Dieser kann bildhaft und durch rhetorische Stilmittel geprägt sein und unterscheidet sich somit dezidiert von den Artikeln anderer Ressorts einer Zeitung (vgl. ebd. S. 8).

9 Bentele spricht von „Journalistische[r] Berichterstattung als mehrstufige Realitätskonstruktion“ (Ben- tele, 2008, S. 280) und verfolgt somit den Ansatz einer rekonstruktiven Realitätsdarstellung durch die Medien.

10 Die angeführten Aussagen beziehen sich auf die Erkenntnisse von Barbara Wildenhahn (vgl. Wilden- hahn, 2008, S. 37). Sie beschreibt zwar die Beziehung zwischen Literaturkritikern und Rezipienten, doch kann diese Beziehungskonstellation auch auf die zwischen Theaterkritikern und ihren Rezipienten übertragen werden, da sich Literatur- und Theaterkritik nicht nur in ihrem Aufbau, auch im Verhältnis von Kritiker zu Leserschaft gleichen.

11 Mit etwa 50 Experimenten, die weitere Forschungen initiierten, integrierten Carl I. Hovland und sein Team durch die sogenannten „Yale-Studies“ wichtige Einflussfaktoren in den Wirkungsprozess der Medien (vgl. Hovland & Janis, 1970).

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Die Theaterinszenierung als Gegenstand von Medienrealität und erfahrbarer Realität. Die Wirkung schriftlich verfasster Theaterkritiken in Zeitungen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
48
Katalognummer
V593674
ISBN (eBook)
9783346172853
ISBN (Buch)
9783346172860
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gegenstand, medienrealität, realität, theaterinszenierung, theaterkritiken, wirkung, zeitungen
Arbeit zitieren
Felicitas Ziebarth (Autor:in), 2018, Die Theaterinszenierung als Gegenstand von Medienrealität und erfahrbarer Realität. Die Wirkung schriftlich verfasster Theaterkritiken in Zeitungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/593674

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