Rhetorische - evaluative und persuasive - Sprechakte


Hausarbeit (Hauptseminar), 1996

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Themenanalyse
1.2 Einführung
1.2.1 Sprachphilosophie - Sprechakttheorie
1.2.2 Der Sprechakt
1.2.3 Illokutionsindikatoren
1.2.4 Sprechaktklassifikation
1.2.5 Rhetorische Sprechakterfolgsbedingungen
1.2.6 Rhetorische Sprechakte
1.3 Vorgehensweise
1.4 Fragestellungen

2. Durchführung
2.1 Texttheorie und Mimesisgedanke
2.2 Versuch einer Systematik
2.3 Anwendung (Reichstagsrede von Otto Weis)
2.3.1 Titelaussage - Textillokution
2.3.2 Segment-dominierende Illokutionen
2.3.3 Makro-Textebene: Illokutionsstruktur
2.3.4 Mikro-Textebene: Illokutionsstruktur
2.3.5 Sprechaktklassifikation

3. Schlußteil

4. Literaturverzeichnis

5. Anhang
5.1 Sprechakt nach Searle
5.2 Der Redetext
5.3 Mikrostruktur-Illokutionsanalyse

1. Einleitung

1.1 Themenanalyse

Im Rahmen der Untersuchung geeigneter Analysemodelle für Texte, unter dem Aspekt rhetorischer Relevanz, waren es drei textbezogene linguistische Theoriefelder, welche in oben genanntem Seminar “Rhetorische Textanalyse“ genauer betrachtet wurden. Neben Syntax und Semantik, textinternen Disziplinen, bildet die Pragmatik die dritte. Die Pragmatik ist wie Semantik und Syntax textimmanent, also im Text angelegt und analysierbar, unterscheidet sich von den vorigen jedoch in so fern, als sie, sozusagen als Brücke zur Außenwelt, den Text verläßt und

das Verhältnis von sprachlich Geäußertem und dem, was ein Sprecher oder eine Sprecherin damit der angesprochenen Person gegenüber überhaupt bezwecken kann[1] untersucht.

Hier setzt diese Arbeit mit dem Thema “Rhetorische (argumentative, evaluative) Sprechakte“ an, also einem in der Pragmatik verwurzelten Teilgebiet. Die Allgemeine Theorie der Sprechakte gilt als der “bis anhin erfolgreichste Versuch zu erklären, was es heißt, durch Sprechen zu handeln“[2].

1.2 Sprachphilosophie - Sprechakttheorie

Im Bereich der Sprachphilosophie entwickelte sich gegen Ende der Fünfziger Jahre, aufbauend auf Überlegungen Wittgensteins (1889-1951) und Moores (1873-1958), im anglo-amerikanischen Sprachraum die Sprechakttheorie. Zum ersten Mal in der langen Geschichte von Sprachphilosophie und Logik wurde damit die Beschränkung auf die Verifizierung von Wahr-/Falsch - Aussagen, also einen ganz kleinen Ausschnitt aus der Menge natürlichsprachlicher Sätze, erweitert hin zu einer umfassenderen Sprachhandlungstheorie.

Eigentlich ist es ein Skandal. Und zwar ist es ein beschämender Skandal für all diejenigen, welche sich in den letzten 2500 Jahren in irgendeiner Weise mit Sprechen beschäftigten, daß sie nicht schon längst vor J.L. Austin dessen Entdeckung machten, deren Essenz man in einem knappen Satz ausdrücken kann:
Mit Hilfe von sprachlichen Äußerungen können wir die verschiedensten Arten von Handlungen vollziehen
.“[3]

Ausgangspunkt der Beschäftigung mit den Handlungsaspekten sprachlicher Äußerungen war eine Vorlesungsreihe von J.L. Austin (“How to do things with words“[4]), in der ein “performativer“ Charakter sprachlicher Äußerungen postuliert wurde. Äußerungen dienen nach Austin im Gegensatz zu der alten philosophischen Annahme nicht primär dazu, etwas auszusagen oder zu behaupten, sondern dazu, etwas zu tun bzw. zu bewirken. Sogenannte “Konstative Äußerungen“, die primär der Beschreibung dienen, werden nunmehr nur noch als Teilbereich von der Menge aller Sprechakte verstanden. Diese Theorie wurde in Deutschland weitgehend rezipiert (Grewendorf, 1979; Wunderlich, 1974; u.a.).

Als Grundlage für das weitere Vorgehen, wird im Folgenden Austins Theorie der Sprechakte mit deren essentiellen Bestandteilen Proposition und Illokution dargestellt. In einem weiteren Schritt sollen dann Überlegungen zur Klassifikation von Sprechakten auch im Hinblick auf Rhetorizität angestellt werden.

1.2.2. Der Sprechakt

Sprechakte setzten sich aus mehreren Teilakten zusammen[5]. Am Anfang steht der lokutionäre Akt, das rein körperliche bzw. mechanische Erzeugen von schriftlichen oder mündlichen Zeichen, mit deren Hilfe man systematische sprachliche Muster realisiert. Auf diesen folgt, nach Searle, der propositionale Akt, (Austin faßt die erste beiden als Proposition zusammen) welcher der Lokution, in Form einer Aussage über die Welt, Bedeutung verleiht. Der Proposition wird mit dem nächsten Teilakt eine “illokutionäre Kraft“ verliehen. Illokutionen sind dem Sprechakt zugrundeliegende Intentionen und Wirkungsabsichten.

Sie verändern die Realität durch Modifizierung der Handlungsfreiheitsgrade von Sprecher und Adressat, wie z.B. durch Fragen,Aufforderungen, Veränderung kognitiver Inhalte, wie z.B. durch Aussagen, Warnungen usw., oder sei es durch die Veränderung des jeweiligen sozialen Status durch zeremonielle oder institutionalisierte Handlungen, wie z.B. Urteilssprüche, Taufakte, Eigentumsübereignungen etc. “[6]

Während Propositionen wahr oder falsch sind, können Illokutionen glücken oder nicht, und die intendierte Modifizierung des Handlungsfreiheitsgrades kann erfolgreich sein oder auch nicht. In rhetorischer Terminologie entsprechen Propositionen den Topoi, und Illokutionen deren persuasiver sprachlicher Umsetzung. Der letzte Schritt eines Sprechaktes ist die Perlokution. Deren Zustandekommen hängt vom Erfolg des illokutionären Aktes ab und zeigt sich in der Reaktion bzw. Verhaltensänderung des Rezipienten.

Für die Textanalyse haben sich Illokutionen als entscheidendes Strukturierungs- und Deutungselement etabliert. Sie machen das eigentlich Neue an dieser Theorie aus. Die Frage nach der verbalen Umsetzung von Intentionen ist jedoch eine genuine rhetorische, und auf diesem Gebiet gar nicht so neu, wie ich später noch verdeutlichen werde.

1.2.3. Illokutionsindikatoren

Die illokutionäre Kraft zeigt sich an der Oberflächenstruktur an mehr oder weniger signifikanten Eigenheiten des grammatikalischen Modus, Illokutionsindikatoren genannt. Dazu gehören performative (handlungsausführende) Verben in expliziter Form, Partikeln, Modi, insbes. Konjunktiv, Satzarten und Satzbau. Die Unzureichbarkeit eindeutig definierbarer Illokutionsindikatoren ist darin begründet, daß jede Äußerung, losgelöst vom kommunikativen Zusammenhang, eine individuell unterschiedliche und prinzipiell unbegrenzte Anzahl von Illokutionen und ähnlich vielen möglichen Perlokutionen zur Folge haben kann. Erschwert wird die Bestimmung der illokutionären Kraft weiterhin durch die Variationsmöglichkeit, performative Äußerungen implizit zu umgehen. Aus dem explizit performativen Satz

Ich verspreche Ihnen hiermit, diesen Fall genau zu verfolgen“

wird als implizite Form aufgrund des fehlenden performativen Verbes,(indirekter Sprechakt)

Ich werde diesen Fall genau verfolgen“,

was gleichzeitig als Versprechen, als Behauptung, als Information oder als Drohung verstanden werden kann. Austins sprachgeschichtliche Hypothese, performative Verben seien, als Mittel zur Diversifizierung von Sprache, und zur Präzisierung von Aussagen, in der Entwicklung der Sprachen erst später entstanden als nicht-performative Verben, könnte darauf hinweisen, daß die Verwendung der impliziten Form, symbolisch bzw. unterbewußt, sozusagen als Rückschritt in der eigenen Sprachkompetenz, eine gewollte sprachliche Auslassung darstellt. Diese redetaktisch intendierte Verschleierung bzw. die Ersetzung des Deutlicheren durch das Undeutlichere hat, in rhetorischer Terminologie gesprochen, emphastischen Gehalt.

Wir stellen also fest, daß performative Verben dem Auftreten von Mißverständnissen vorbeugen, also die Aussage präzisieren. Analog grenzen explizit performative Äußerungen die Illokutionsvielfalt ein, geben einem Sprecher die Möglichkeit, sich eindeutiger und damit klarer verständlich zu machen. In obigem Beispiel läßt erst das performative Verb “versprechen“ keinen Zweifel mehr an der Intention der Aussage.

Weil aber genau dieses längst nicht immer die Absicht des Orators ist, fügen wir die rhetorische Kenntnis an, daß gerade Obscuritas als wirkungsvolles rhetorisches Mittel eingesetzt wird und indirekte Sprechakte deshalb die Vielzahl der rhetorischen Mittel beachtlich bereichern.

1.2.4. Sprechaktklassifikation

Doch zurück zu den Grundlagen der Theorie. Um die unterschiedlichen Illokutionen für die Analyse besser handhabbar zu machen, d.h. klassifizieren zu können, erfolgten verschiedene Versuche, Taxonomien für den gesamten Fundus performativer oder performativ gebrauchter Verben zu erstellen.

In dem, von Austins Einteilung nur geringfügig abweichenden Fünf-Kategorie-Schema unterscheidet Searle:

1. Repräsentative Sprechakte,
Aussagen mit Verifizierbarkeitsanspruch (konstativ)
(aussagen, behaupten, erzählen, beschreiben, etc.);
2. Direktive Sprechakte,
Forderungen und Fragen
(bitten, befehlen, auffordern);
3. Kommissive Sprechakte,
Vepflichtungen und Festlegungen
(versprechen, sich verpflichten);
4. Expressive Sprechakte,
sozialen Kontakt etablieren oder erhalten
(danken, grüßen, sich entschuldigen);
5. Deklarative Sprechakte,
institutionell eingebunden, ritualisiert, offiziell,
(taufen, zum Ritter schlagen, verurteilen).

Diese fünf Kategorien teilen Sprachhandlungsverben nach der intentionalen Nutzung der Proposition durch den Sprechenden ein. Wie alle nachfolgenden Versuche (u.a. Ballmer & Brennenstuhl 1981, Fraser 1975, Habermas 1971, Ohmann 1972, Schiffer 1972, Kreckel 1981, Vendler 1970, Wunderlich 1976) eine schlüssige und erschöpfende Taxonomie zu erstellen, bleibt auch dieses System in vieler Hinsicht unbefriedigend. Kritisiert werden immer wieder Unklarheit über die grundlegenden Zuordnungsprinzipien, bzw. Überschneidungen und definitorische Unschärfe. Die Schwierigkeit, den illokutionären Gehalt von indirekten Sprechakten zu bestimmen bleibt bestehen. Levinson[7] schlägt gar eine Aufhebung der Unterscheidung von direkten und indirekten Sprechakten vor, relativiert also damit das Vorhandensein eines performativen Verbes und tendiert zur Betrachtung von Sprechakten als “a general problem of mapping speech act force onto sentences in context“. Hierbei wird zum einen Augenmerk auf die Tiefenstruktur von “performative clauses“, und zum anderen auf den Sinnzusammenhang, in dem ein Sprechakt steht, gelegt (vgl. auch Ross 1970, Sodock 1974). Dieser kontextuelle Ansatz findet in jüngerer Zeit immer mehr Befürworter. Nur so könne der Zusammenhang von propositionalem Gehalt und illokutionärer Kraft, “einem der Hauptprobleme der Sprechakttheorie“[8], geklärt werden. Für Levinson ist deshalb klar, daß

[...]


[1] Linke 1991: 170f.

[2] Scherer 1989, 58.

[3] Stegmüller 1979: 64f.

[4] Austin 1955.

[5] Der Sprechakt nach J.R. Searle, s. Grafik im Anhang.

[6] Scherer: 1990, 43.

[7] Levinson 1983, 204.

[8] Scherer 1990, 14.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Rhetorische - evaluative und persuasive - Sprechakte
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Neuphilologisches Institut)
Veranstaltung
Rhetorische Textanalyse
Note
1,0
Autor
Jahr
1996
Seiten
27
Katalognummer
V59374
ISBN (eBook)
9783638533331
ISBN (Buch)
9783638666664
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rhetorische, Sprechakte, Textanalyse, Sprachhandlungstheorie;
Arbeit zitieren
MA Sebastian Hoos (Autor), 1996, Rhetorische - evaluative und persuasive - Sprechakte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59374

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