Der Film im Nationalsozialismus. Propaganda und gesellschaftliche Rolle


Bachelorarbeit, 2018

43 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Begriffe
1.2 Methode

2 Bedeutung des Films im Nationalsozialismus
2.1 Propagandaverständnis im Nationalsozialismus
2.2 Medium Film im Nationalsozialismus
2.3 Propagandafilm und Unterhaltungsfilm
2.4 Universum-Film Aktiengesellschaft
2.5 Frauen in nationalsozialistischen Filmen

3 Propagandafilm Jud Süß

4 Resümee

5 Literaturliste
5.1 Internetseiten

6 Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Die nationalsozialistische Filmpolitik war ein sehr wichtiger Teil der NS-Propaganda. Für die Nationalsozialisten nahmen die Massenmedien einen großen Stellenwert ein, allen voran der Film, den sie gezielt für ihre Zwecke einsetzten. „Die audiovisuelle Technik spielte im Nationalsozialismus eine zentrale Rolle bei der gründlichen Überwachung menschlicher Aktivitäten und der Beherrschung der physischen Welt.“ 1 Man nutzte das Medium Film als Massenerziehungsmittel. „Das Kino war neben dem Radio das zentrale Medium der Informationspolitik der Nationalsozialisten schon vor der Machtergreifung.“2

Jedoch 90 Prozent der Filmproduktionen zwischen 1933 und 1945 waren Komödien, Revuefilme und Romanzen und keine Propagandafilme.3 Viel propagandistisches Gedankengut wurde unter dem Deckmantel der Unterhaltung präsentiert. Man versuchte geschickt, politische Inhalte in Unterhaltungsfilme einfließen zu lassen.

Adolf Hitler und Propagandaminister Joseph Goebbels erkannten das Potenzial des Films zur Mobilisierung von Gefühlen und wie man in fremde Gedankenwelten zum eigenen Nutzen eindringt. Es ging ihnen dabei nicht so sehr darum, den Hass auf den Gegner zu schüren, als darum, den Sinn für nationale Einigkeit und Solidarität zu erwecken.4 Kino und Starkult trugen zu einem Klima der Affirmation bei.5

Auch dem Frauenbild wurde besondere Aufmerksamkeit gewidmet, beispielsweise waren ebenfalls auf Frauen zugeschnittene Heimatfrontfilme sehr wichtig, die die alltäglichen Werte unterstrichen.

Die zunehmende Beliebtheit des Mediums Film in den 1920er und 1930er Jahren machten sich die Nationalsozialisten für die Vermittlung ihrer Propaganda zunutze. „Der Film lieferte eine mächtige Waffe, aber letztendlich konnten die filmischen Illusionen den Krieg nicht gewinnen.“ 6

1.1 Begriffe

Die Arbeit wird Begriffe wie Nationalsozialismus, Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), Propagandafilm, Unterhaltungsfilm und nationalsozialistische Filmpolitik beinhalten.

Der Nationalsozialismus war die geistige Grundlage der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), die von 1933 bis 1945 beherrschend war. Eine zentrale Rolle spielte die Lehre von der Ungleichheit der Menschenrassen, welche besagte, dass die arische Rasse die edelste sei und alle farbigen Völker und vor allem Juden negativ konnotiert wurden und dies fand seinen Höhepunkt in dem millionenfachen Judenmord.7

Die NSDAP, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, ist eine in München aus der Deutschen Arbeiterpartei hervorgegangene Partei, welche ab 1921 unter dem Vorsitz von Adolf Hitler war. Die wesentlichsten Merkmale waren Nationalsozialismus, Antisemitismus und eine große Radikalität. Die zunehmende Wirtschaftskrise in den späten zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts ermöglichte den schnellen Aufstieg der zu immer mehr Gewalt bereiten Nationalsozialisten. Propaganda zählte zu einer der wichtigsten Aufgaben der Partei, die nach Kriegsende von den Alliierten am 10. Oktober 1945 verboten wurde.8

Die NS-Film-Forschung und die NS-Film-Produktion setzten neben dem Propagandafilm auch auf den Unterhaltungsfilm, wobei der Propagandafilm klar erkennbar für Orientierungen in der NS-Ideologie war, kann man im Unterhaltungsfilm kaum ein politisches oder ideologisches Gehalt nachweisen und es ist festzuhalten, dass knapp 200 Propagandafilmen mehr als 1000 Unterhaltungsfilme gegenüberstehen.9

Joseph Goebbels legte als Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda die Merkmale der nationalsozialistischen Filmpolitik fest. Ihr Kern war eine ideologische Neuausrichtung im Sinne der NSDAP und eine damit verbundene „Arisierung“ des deutschen Films, die auch mit zahlreichen Filmverboten und mit der Gründung der Reichsfilmkammer einhergingen. Goebbels veranlasste, dass Propaganda meist durch subtile Methoden übermittelt wurde in Form von Vorfilmen, sogenannten Kulturfilmen und auch Wochenschauen.10

1.2 Methode

Einerseits wird eine theoretische Methode in Form von Literaturstudien angewandt. Auf Basis vorhandener Literatur werden Thesen entwickelt. Es wird auf Monografien, Sammelbände, Zeitschriften, Artikel, Interneteinträge und Datenbanken zugegriffen.

Andererseits beruht die Arbeit auch auf einen empirischen Teil, denn durch Ansicht und Studium des Propagandafilmes „Jud Süß“ wird versucht in Form einer Filmanalyse Erkenntnisse zu gewinnen und den Film zu interpretieren. Das heißt der Inhalt des Filmes wird analysiert und hermeneutisch erarbeitet.

2 Bedeutung des Films im Nationalsozialismus

Der Film spielt eine zentrale Rolle in der Propaganda der Nationalsozialisten und aus dem Grund wird im Folgenden der Stellenwert von Filmen im Nationalsozialismus mit dem Beispiel des Propagandafilmes „Jud Süß“ untersucht, das heißt die forschungsleitende Fragestellung lautet:

„Welche Bedeutung hatten Filme im Propagandasystem für den Nationalsozialismus?“

2.1 Propagandaverständnis im Nationalsozialismus

Wie ist das Propagandaverständnis des Nationalsozialismus zu verstehen?

1923 in „Mein Kampf“ schrieb Hitler, dass man durch kluge und dauernde Anwendung von Propaganda, einem Volke selbst den Himmel als Hölle vormachen kann.

„Der durchschlagendste Erfolg einer weltanschaulichen Revolution wird immer dann erfochten werden, wenn die neue Weltanschauung möglichst allen Menschen gelehrt und, wenn notwendig, später aufgezwungen wird…“.11 Diese Anschauung vertrat Adolf Hitler bereits im Jahr 1925.

Allen Menschen etwas aufzwingen bedeutet, bestimmte Ideen, eine bestimmte Weltanschauung verbreiten oder ausdehnen. Das lateinische Wort dafür heißt „propagare“. Im Duden kann man unter „propagieren“ nachlesen: sich einsetzen, Propaganda machen. Das Wort gibt es seit 1915 im Rechtschreibduden.12 Unter Propaganda versteht man die gezielte und systematische Verbreitung von politischen Ideen, Weltanschauungen oder Meinungen und es geht dabei auch um die Manipulation von Meinungen und Einstellungen. Der Begriff ist deutlich negativ konnotiert, vor allem wegen der Propagandamaßnahmen im Nationalsozialismus.13

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde auch ein eigenes Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda gegründet. „Am 11. März 1933 beschloß die Regierung Hitler, ein Reichsministerium „für Volksaufklärung und Propaganda“ zu errichten.“14 Dieses Propagandaministerium wurde bereits kurz nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten geschaffen und steuerte die öffentliche Meinung. Es stand unter der Leitung von Joseph Goebbels. Das Ministerium lenkte und beeinflusste das Denken und Handeln der Menschen. Presse, Rundfunk, Theater und natürlich der Film wurden kontrolliert und als Mittel eingesetzt, um die Massen zu beeinflussen.15 Für Goebbels hatte der Film die Aufgabe der nationalen Erziehung.

Joseph Goebbels wurde 1897 geboren und war ein enger Vertrauter Hitlers und er erlangte mit Hilfe der Medien die größte Macht über die deutsche Bevölkerung. Goebbels war schon als Kind krank und lebte mit einem gelähmten Fuß und das dürfte auch der Grund dafür gewesen sein, dass er die Menschen hasste und Rache für sein Schicksal wollte. Er machte innerhalb der Partei schnell Karriere und das „Dritte Reich“ wurde für ihn zu einer Werbekampagne, die er persönlich in Gang setzte. Sein Ziel war es die Menschen von der Partei zu überzeugen und ihnen Gehorsam gegenüber dem Führer beizubringen. Er erfand den Führerkult. Goebbels sah es als seine persönliche Mission an, gegen die Juden vorzugehen. Ob sie den totalen Krieg wollten, fragte er die Menge in seiner legendären Sportpalastrede im Jahr 1943 und das deutsche Volk jubelte ihm zu. Ohne ihn, ohne seine Propaganda, seine Inszenierungen, Aufmärsche, Kampagnen, Hetzen und Reden hätten sich Hitler und seine Ideologie niemals so erfolgreich entfalten können.16

1935 hielt Goebbels seine Gedanken in einer Rede auf dem Ersten Internationalen Filmkongress im nationalsozialistischen Deutschland fest und formulierte seine Grundsätze in sieben Punkten. Unter anderem betonte er, dass man den Geschmack des Publikums nicht als unabänderliche Tatsache hinnehmen müsste, sondern der Geschmack erziehbar wäre, im guten wie im bösen Sinne und wenn es nötig sei, könnte man dieser Erziehung auch materielle Opfer abringen um des künstlerischen Gesichtes des Films willen.17 „Dr. Goebbels entnahm diese sieben Grundsätze für die künstlerische und volksführende Filmproduktion den Erfahrungen der ersten zwei Jahre nach der Machtergreifung und der Erkenntnis, die seitdem über die Unterschiede zwischen französischem, bolschewistischem und amerikanischem Film gesammelt waren.“18

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde in Deutschland und Österreich keine andere Meinung zugelassen als die der NSDAP. War man nicht dieser Ansicht, wurde man verfolgt und getötet.

Die totalitäre Propaganda zielte auf den Willen zur Macht ab und Goebbels meinte, dass die Propaganda nur ein Ziel habe, nämlich die Eroberung der Masse. Auch Hitler sah das so nach dem missglückten Münchner Putsch 1923 und rief fortwährend nur, dass es jetzt auf die Propaganda und nur auf die Propaganda ankäme.19 Und was Hitler mit Propaganda meinte, kann man bereits in „Mein Kampf“ nachlesen, nämlich Propaganda müsse sich an das Gefühl richten und nicht an den Verstand und setzt nur einen geringen geistigen Verstand voraus und sie müsse sich an die Aufnahmefähigkeit der Beschränktesten unter ihnen richten. In Wahrheit wurden die Menschen durch immer gleiche stereotype Wiederholungen und nationalsozialistische Vorstellungen beeinflusst.

Obwohl man den Begriff Propaganda auslegen konnte wie man wollte, wie man in Dr. Otto Kriegk´s Werk „Der deutsche Film im Spiegel der Ufa“ aus dem Jahr 1943 nachlesen kann: „Die deutsche Propaganda, die nichts mit Zwang oder dem Versuch zu tun hat, den Menschen mit äußeren Mitteln zu beeinflussen, die den Menschen durch Weiterbildung der in ihm liegenden Keime zum Kampf um die Erhöhung seiner seelischen, geistigen und körperlichen Leistungskraft entwickeln will, muß und will die Menschen gewinnen“.20 Kriegk war Schriftsteller, Journalist und Mitarbeiter Goebbels.

„Joseph Goebbels hatte innerhalb der zwölf Jahre seiner ministerialen Tätigkeit den deutschen Film mit einem engmaschigen Netz ideologischer Kontrolle überzogen. Er ließ sich als Kunstkenner mit ausgeprägtem Sachverstand feiern. Doch sein eigentliches Fachgebiet war zweifellos die Manipulation der Massen.“21

Es lässt sich deutlich erkennen, dass Propaganda immer dann eingesetzt wird, wenn man versucht alle Menschen zu beeinflussen, sei es mithilfe von Massenmedien, inszenierten Reden oder anderen Mitteln, um sich vor dem Volk positiv darzustellen und seine Ideologien und Meinungen aufzuzwingen.

„Als Meister der Propaganda werden die Nazis ihren Platz in den Annalen des Massenbetrugs und der Volksverhetzung behalten. Diesen Ruhm macht ihnen niemand streitig. Ja, es scheint durchaus gerechtfertigt, die nationalsozialistische Bewegung als „Propaganda-Bewegung“ zu charakterisieren.“22

2.2 Medium Film im Nationalsozialismus

Auf welche Art wurde das Medium Film im Nationalsozialismus instrumentalisiert und welches sind die Ziele der nationalsozialistischen Filmpolitik?

Im Nationalsozialismus war die führende Staatsmacht bestrebt, dem Volk seinen ideologischen Willen aufzuzwingen. Verschiedene Medien kamen zum Einsatz, allen voran der Film. Die nationalsozialistische Filmpolitik bildete einen ganz wesentlichen Bestandteil bei der Verbreitung ihres Gedankengutes. Bereits in der frühen Phase der NSDAP haben sich führende Nationalsozialisten mit dem Filmwesen beschäftigt.23 Die Weiterentwicklungen in der Filmtechnik boten immer bessere Möglichkeiten. Schnitt und Montage gehörten seit den 1920er Jahren zu den filmspezifischen Mitteln und gewannen immer mehr an Bedeutung mit den Filmen von sowjetischen Regisseuren wie Eisenstein, Pudovkin und Vertov.24 Montage ist, laut Vsevolod Pudovkin die „Kunst, einzelne, gesondert aufgenommene Einstellungen so miteinander zu verknüpfen, dass der Zuschauer im Ergebnis den Eindruck einer geschlossenen, ununterbrochenen, sich fortsetzenden Bewegung gewinnt.“25 Der hohe Stellenwert, welcher dem Medium Film zugeschrieben wurde, lässt sich auch an der radikalen Veränderung des Filmwesens unwesentlich nach Adolf Hitlers Machtübernahme im Jahr 1933 erkennen. Die Mitgliedschaft in der Reichsfilmkammer (RFK), einer Unterabteilung der Reichskulturkammer (RKK), war für alle Beteiligten an Filmproduktionen obligatorisch. Nach ihrer Gründung 1933 zog eine Nichtmitgliedschaft ein Berufsverbot nach sich. 26 Die Reichsfilmkammer diente als zentrales Lenkungsorgan in der nationalsozialistischen Filmpolitik und strebte eine „umfassende Durchdringung und Kontrolle des deutschen Filmwesens auf politischer und personeller Ebene an.“27 Das befähigte die Machthaber schließlich durch eine Art „Zuverlässigkeitsklausel“ Berufsverbot gegen jene auszusprechen, welche man ausgrenzen wollte, nämlich hauptsächlich jüdische Filmschaffende, nur um so die „Arisierung“ des deutschen Films voranzutreiben.28 Der Kampf gegen die Juden verlangte den Einsatz der gesamten staatlichen Macht.29 „Tausenden wurde damit die Existenzgrundlage entzogen, viele der Verfolgten flohen ins Ausland […]. Wer blieb, wem die Flucht nicht gelang, wurde […] von den Nazis ermordet.“30

Mit der Einrichtung eines Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda 1933 kam es zur Gleichschaltung und Lenkung von Presse, Film, Kunst, Musik und Literatur und alles stand unter der Aufsicht und Kontrolle von Joseph Goebbels.31 Bei der Gleichschaltung kam es zu einer Anpassung aller staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen an die politisch-ideologischen Ziele der NSDAP und gleichzeitig wurden alle Organisationen ausgeschaltet, die sich ihrem Totalitätsanspruch widersetzten.32

Hauptziel dabei war die totale Beeinflussung der Massen. Der Film musste gleichzeitig der Volkserziehung dienen, aber auch künstlerisch wertvoll sein. „ […] der Film hat auf der Grenze zwischen Volkserziehung und Kunst die Möglichkeit, mit höchster künstlerischer Leistung erzieherisch zu wirken und mit bester erzieherischer Leistung dem Künstlerischen den Weg zu bahnen.“33

Hauptprotagonist war der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, er ließ sich als „Schirmherr des deutschen Films“ bezeichnen und benutzte seinen Machtapparat zum Kampf gegen die Juden in Deutschland.34 Goebbels hat sich in besonderem Maße für den Film interessiert und einen erheblichen Teil seiner Zeit dem Film gewidmet35. Er konnte seine Sachkompetenz zu seinen Filmkenntnissen begründen: „Ich kann weiterhin zu meinem Vorteil anführen, daß ich die meisten in- und ausländischen Filme gesehen habe, daß ich also aus einem gewissen Wissen- und Erfahrungsvorrat heraus ein immerhin beachtliches Urteil über diese Dinge abzugeben in der Lage bin.“36 Goebbels erkannte die Medien als Instrument zur Beeinflussung der Massen.

Wichtig für die Instrumentalisierung des Films war die Wochenschau. In der Frühphase der NS-Zeit gab es vier verschiedene Wochenschauen, Ufa, Tobis, Deulig und Fox, welche aber im Zuge der Gleichschaltung der Wochenschauen im Jahr 1940 zur „Deutschen Wochenschau“ wurden. Goebbels erkannte aber auch das Potential des Kinos. Er verschärfte die Kontrolle der Filmproduktion immer stärker und 1942 war die Vereinnahmung der gesamten Filmindustrie durch die Nationalsozialisten gänzlich abgeschlossen und am 10. Jänner kam es zur Gründung eines riesigen Konzerns unter dem Namen Ufa-Film-GmbH, welcher das gesamte Produktionskapital deutscher Filmunternehmen vereinte.37 „Der Name „Ufa“ war nun total und ein Synonym für den deutschen Film, und wie das Hakenkreuz als Signum für Hitler-Deutschland galt, so symbolisierte der Ufa-Rhombus alles, was mit Film und Kino im Reich und in den eroberten europäischen Ländern zusammenhing.“38

Aber nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht wurden alle „reichsmittelbaren“ Filmfirmen dem mächtigen Propagandaministerium unterstellt, auch der 1942 eingesetzte Reichsfilmintendant Dr. Fritz Hippler kontrollierte alle künstlerischen und personellen Planungen im Filmbereich, denn er war der Leiter der Filmabteilung im Ministerium.39 Hippler wurde zu einem der wichtigsten Filmpolitiker. Seine Amtszeit war jedoch nur von kurzer Dauer.40Auf den ersten Blick schien der deutsche Film fest in der Hand des Goebbels-Imperiums zu sein. Alle Drehbücher, Wochenschauen und wichtige Personalentscheidungen wurden vom Minister persönlich genehmigt.“41

Man kann davon ausgehen, dass der Film als Erziehung für die Massen seine Hauptfunktion besaß und bis zuletzt ein Leitmedium war. „Der Film spielte eine zentrale Rolle in der Umsetzung der nationalsozialistischen Wahnideen“.42

Beim Studium von diversen Filmen aus den Jahren 1933 bis 1945 kann man erkennen, dass der Film für den Nationalsozialismus als Mittel der Kommunikation mit den Massen diente. Scheinbar gezielt wurde versucht, auf die Menschen einzuwirken. Hinterfragt man beispielsweise den Tod im Nazikino, stellt man fest, dass es sich immer wieder um einen Tod fürs Vaterland handelt. Ein immer wiederkehrendes Thema stellt auch die idyllische Familie und die intakte Heimat dar, damit schuf der NS-Film augenscheinlich eine künstliche Welt voll verkrampfter Fröhlichkeit. Obwohl es in dieser Kriegszeit alles andere als heiter war. Mit der Propaganda in den Filmen beabsichtigte man die Eroberung des gesamten Publikums und die Gleichschaltung der Gesellschaft. Teilweise lässt sich erkennen, wie das Volk ausgerichtet wurde, wenn man die Massen im Bild sieht. Außer „Gold“ wurden keine Horrorfilme produziert, denn den Horror lebte man wohl ohnehin selber.

Augenscheinlich versuchten die Verantwortlichen im nationalsozialistischen Kino ihre Ideologien zu legitimieren. Auch kann man beobachten, dass die Filme mit Kriegsbeginn noch propagandistischer wurden und dass das Kino im Krieg ein Kino insbesonders für Frauen war.

„Unter den publizistischen Medien im Dritten Reich war der Film das zweifellos einflussreichste Propaganda-Instrument; es war dasjenige künstlerische Transportmittel, mit dessen Hilfe Hitlers politische Ideen für die breite Masse am anschaulichsten versinnlicht wurden.“43

2.3 Propagandafilm und Unterhaltungsfilm

Wie unterscheiden sich Propagandafilme von Unterhaltungsfilmen?

Eigentlich ist es nicht ganz einfach Propagandafilme von Unterhaltungsfilmen abzugrenzen, denn das Propagandaministerium unter Joseph Goebbels hat auf alle Filme Einfluss genommen, weil es keinen Film ohne seine Zustimmung und Zensur gab und sie alle enthielten Botschaften mehr oder weniger unterschwellig oder deutlich.44

„Rund 1100 Filme wurden zwischen 1933 und 1945 produziert, aber nur knapp 100 gelten als genau kalkulierte Propaganda-Produkte, die seit Kriegsende von den Alliierten als verboten deklariert wurden und die nur in geschlossenen filmkritischen oder historischen Seminaren vorgeführt werden dürfen.“45 Einige der Filme hinterlassen auch heute noch einen verabscheuungswürdigen Eindruck, andere wirken veraltet. Aber fest steht, alle verkörperten die Leitideen des deutschen Faschismus und versuchten damit zu manipulieren und die Realität zu verzerren. Solche Filme waren zu der Zeit ausgesprochen beliebt und erfolgreich, sind aber bis heute abschreckend und ein „prototypisches Modell wie ein zentralistisch organisierter, nationalsozialistischer Propaganda-Apparat funktioniert, wie man ein Publikum, ja ein ganzes Volk für dumme, gefährliche Ideen präpariert, wie das filmische Instrumentarium und das ästhetische Vokabular aussehen, mit denen man Menschen politisch beeinflußen kann.“46

Im Unterschied zu den offenen Propagandafilmen, wie „Hitlerjunge Quex“ und dem Hetzfilm „Jud Süß“ aus dem Jahr 1940 vom Regisseur Veit Harlan, den Goebbels in seinem Tagebuch als den ersten wirklichen antisemitischen Film bezeichnete, wurden natürlich auch jede Menge Unterhaltungsfilme produziert.

Diese auf den ersten Blick unauffällig und anspruchslos wirkenden Filme hatten die Aufgabe vom Kriegsalltag abzulenken und waren frei von NS-Symbolen, vermittelten aber doch versteckt die NS-Ideologie. Sie waren für die „Heimatfront“ konzipiert, was ein Schlagwort der Nationalsozialisten für ihre Propagandazwecke war. Damit symbolisierte man die Verbundenheit zwischen den Soldaten an der Front und der Zivilbevölkerung und wollte diese festigen. Joseph Goebbels benutzte den Begriff „Heimatfront“ als Propaganda für den „Kampf an allen Fronten“ mit dem Ziel, die Soldaten und die Menschen in der Heimat als eine Kampfgemeinschaft zusammenzuschweißen.47

[...]


1 Eric Rentschler, Deutschland: Das „Dritte Reich“ und die Folgen. In: Geoffrey Nowell-Smith (Hg.) Geschichte des internationalen Films (J.B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag, Stuttgart/Weimar 2006) 338-346, hier 338.

2 Nationalsozialistische Filmpolitik, online unter: <http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=7686> (30.3.2018).

3 Vgl. Friedemann Beyer, Frauen für Deutschland. Filmidole im Dritten Reich (Collection Rolf Heyne GmbH & Co.KG, München 2012) 7.

4 Vgl. Geoffrey Nowell-Smith, Sozialismus, Faschismus und Demokratie. In: Geoffrey Nowell-Smith (Hg.), Geschichte des internationalen Films (J.B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag, Stuttgart/Weimar 2006) 301-309, hier 307.

5 Vgl. Beyer, Frauen für Deutschland. 9.

6 Rentschler, Deutschland. 345.

7 Vgl. Nationalsozialismus, online unter: <https://www.wissen.de/was-bedeutet-nationalsozialismus> (29.3.2018).

8 Vgl. NSDAP, online unter: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Nationalsozialistische_Deutsche_Arbeiterpartei_(NSDAP),_1920-1923/1925-1945> (1.4.2018).

9 Vgl. Lexikon der Filmbegriffe, Uni Kiel, online unter: <http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=374> (29.3.2018).

10 Vgl. Nationalsozialistische Filmpolitik, online unter: <http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=7686> (30.3.2018).

11 Hilmar Hoffmann, „Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit“ Propaganda im NS-Film, Band 1 (Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1991) 79.

12 Vgl. propagieren, online unter: <https://www.duden.de/rechtschreibung/propagieren> (9.4.2018).

13 Vgl. Propaganda, online unter: <http://www.politik-lexikon.at/propaganda/> (9.4.2018).

14 Erwin Leiser, „Deutschland erwache!“ Propaganda im Film des Dritten Reiches (Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 1968) 10.

15 Vgl. Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, online unter: <http://www.zeitklicks.de/nationalsozialismus/zeitklicks/zeit/propaganda/die-institutionen/reichsministerium-fuer-volksaufklaerung-und-propaganda/> (14.4.2018).

16 Vgl. Joseph Goebbels, online unter: <http://www.zeitklicks.de/nationalsozialismus/zeitklicks/zeit/politik/hitlers-helfer/joseph-goebbels-der-hetzer/> (14.4.2018).

17 Vgl. Dr. Otto Kriegk, Der deutsche Film im Spiegel der Ufa. 25 Jahre Kampf und Vollendung (Ufa-Buchverlags G.m.b.H., Berlin 1943) 189, 190.

18 Kriegk, Der deutsche Film im Spiegel der Ufa. 192.

19 Vgl. Siegfried Kracauer, Totalitäre Propaganda (Suhrkamp Verlag, Berlin 2013) 31.

20 Kriegk, Der deutsche Film im Spiegel der Ufa. 288.

21 Holger Theuerkauf, Goebbels´ Filmerbe. Das Geschäft mit unveröffentlichten Ufa-Filmen (Ullstein Buchverlage GmbH & Co. KG, Berlin 1998) 24.

22 Hoffmann, „Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit“. 79.

23 Vgl. Thomas Hanna-Daoud, Die NSDAP und der Film bis zur Machtergreifung (Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 1996) 9.

24 Vgl. Knut Hickethier, Film- und Fernsehanalyse (J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH, Stuttgart ⁵2012) 141.

25 Hickethier, Film- und Fernsehanalyse. 142.

26 Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart (Hg.), „Jud Süss“ Propagandafilm im NS-Staat (Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart 2007) 41.

27 Reichsfilmkammer, online unter: <https://www.filmportal.de/thema/die-reichsfilmkammer> (5.4.2018).

28 Vgl. Reichsfilmkammer, online unter: <https://www.filmportal.de/thema/die-reichsfilmkammer> (5.4.2018).

29 Vgl. Kriegk, Der deutsche Film im Spiegel der Ufa. 166.

30 Reichsfilmkammer, online unter: <https://www.filmportal.de/thema/die-reichsfilmkammer> (5.4.2018).

31 Vgl. Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, online unter: <http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/sub_document.cfm?document_id=1579&language=german> (5.4.2018).

32 Vgl. Gleichschaltung, online unter: <https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/etablierung-der-ns-herrschaft/gleichschaltung.html> (5.4.2018).

33 Kriegk, Der deutsche Film im Spiegel der Ufa. 180.

34 Vgl. Ufa Film & TV-Produktion GmbH, Träume Bilder Bilder Träume. Die Geschichte der Ufa von 1917 bis heute (Nicolaische Verlagsbuchhandlung GmbH, Berlin 2007) 11.

35 Vgl. Dr. Gerd Albrecht, Nationalsozialistische Filmpolitik. Eine soziologische Untersuchung über die Spielfilme des Dritten Reichs (Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1969) 35.

36 Albrecht, Nationalsozialistische Filmpolitik. 35.

37 Vgl. Ufa-Film & TV Produktion GmbH, Träume Bilder Bilder Träume. 50.

38 Ufa-Film & TV Produktion GmbH, Träume Bilder Bilder Träume. 51.

39 Vgl. Theuerkauf, Goebbels´ Filmerbe. 25.

40 Vgl. Theuerkauf, Goebbels´ Filmerbe. 25.

41 Theuerkauf, Goebbels´ Filmerbe. 25.

42 Theuerkauf, Goebbels´ Filmerbe. 24.

43 Hoffmann, „Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit“. 8.

44 Vgl. Binh Nguyen, Mit Musik geht alles besser. Strategien psychischer Einflussnahme über die Musik in den propagandistischen Unterhaltungsfilmen des Dritten Reichs und Hollywoods (Tectum Verlag, Marburg 2010) 20.

45 Wolf Donner, Propaganda und Film im „Dritten Reich“ (TIP Verlag, Berlin 1995) 8.

46 Donner, Propaganda und Film im „Dritten Reich“. 8.

47 Vgl. Heimatfront, online unter: <https://www.ndr.de/kultur/geschichte/chronologie/Heimatfront-der-Krieg-der-Zivilisten,kriegsalltag102.html> (16.4.2018).

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Details

Titel
Der Film im Nationalsozialismus. Propaganda und gesellschaftliche Rolle
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Geschichte)
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2018
Seiten
43
Katalognummer
V593987
ISBN (eBook)
9783346200969
ISBN (Buch)
9783346200976
Sprache
Deutsch
Schlagworte
film, nationalsozialismus, propaganda, rolle
Arbeit zitieren
Verena Schneider (Autor), 2018, Der Film im Nationalsozialismus. Propaganda und gesellschaftliche Rolle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/593987

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