Arbeitssucht in Deutschland. Entstehung, Kennzeichen sowie Folgen


Hausarbeit, 2017

16 Seiten, Note: 1,6

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Phänomen Arbeitssucht
2.1 Definition der Begriffe „Arbeit“ und „Sucht“
2.1.1 Der Stellenwert der Arbeit heute und deren Auswirkung auf die Gesundheit
2.1.2 Symptome und Entstehung von stoffungebundener Sucht
2.2 Entstehung von Arbeitssucht
2.3 Kennzeichen von Arbeitssucht
2.4 Arbeitssuchttypen
2.5 Folgen der Arbeitssucht
2.5.1 Folgen für das Unternehmen
2.5.2 Folgen für den Arbeitssüchtigen

3 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Anzahl der Deutschen, die sich selbst als arbeitssüchtig einschätzen

Abbildung 2: Stadien der Sucht

Abbildung 3: Suchtdreieck

Abbildung 4: Exzessives Arbeiten und zwanghaftes Arbeiten im Vergleich

Abbildung 5: Arbeitssuchttypen nach Poppelreuter (Eigene Darstellung)

1 Einleitung

In Deutschland leben rund 83 Millionen Menschen, von denen an die 44 Millionen erwerbstätig sind. Die folgende Statistik zeigt die Anzahl der Personen in Deutschland, die sich im Zeitraum von 2013 bis 2017 selbst als arbeitssüchtig einstuft haben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Anzahl der Deutschen, die sich selbst als arbeitss ü chtig einsch ä tzen1

Das würde bedeuten, dass 2017 ca. 44% aller Erwerbstätigen unter einem Arbeitsver-halten mit Suchtcharakter leiden. Ein enorm hoher Prozentsatz, der in den vorange-gangenen Jahren nur unwesentlich variierte. Beachtet wurde dabei aber nicht, wie die einzelnen Personen Arbeitssucht verstehen und was sie zu dieser Aussage gebracht hat. Verschiedene Studien der vergangenen Jahre zeigen, dass die Zahlen weit aus-einandergehen. Beispielsweise veröffentlichte der Spiegel Online 2015 einen Artikel über das Leben eines Workaholics und beziffert die Anzahl der Arbeitssüchtigen in Deutschland mit lediglich 500.000.2 Vergleicht man diese Zahl mit jener in der oben aufgeführten Statistik, erkennt man, dass nur 2,75% aller Deutschen, die sich selbst als arbeitssüchtig bezeichnen, wirklich betroffen sind. Diese Fehleinschätzung wirft die Frage auf, wie es zu einem so eklatanten Unterschied zwischen der Selbsteinschät-zung und der tatsächlich diagnostizierten Anzahl an Arbeitssüchtigen kommen kann. Um diese Frage zu klären, wird zuerst auf den Stellenwert der Arbeit in der modernen Gesellschaft eingegangen. Die Entstehung und die Kennzeichen von Arbeitssucht so-wie die Untergliederung in verschiedene Arbeitstypen helfen zu verdeutlichen, welchen Einfluss die Unternehmenskultur auf das Arbeitsverhalten mit Suchtcharakter hat. Ab-schließend werden die Folgen für das Unternehmen und den Arbeitssüchtigen selbst aufgezeigt. Daraus lässt sich dann schließen, ob man Arbeitssucht als Krankheit und somit als Fluch sehen muss oder es sich lediglich um eine stark ausgeprägte Passion für den eigenen Beruf handelt. Insgesamt untergliedert sich das Thema Arbeitssucht in die Fachbereiche Arbeits- und Organisationspsychologie.

2 Das Ph ä nomen Arbeitssucht

Erstmals taucht der Begriff „workaholism“, zu Deutsch Arbeitssucht, 1971 in den Ar-beiten des amerikanischen Psychologen Wayne Oates auf. Er erforschte die Paralle-len zwischen den Symptomen bei Alkoholismus und zwanghaftem Arbeitsverhalten. Vor ihm hatte sich bereits 1919 der Psychoanalytiker Ferenczi mit dem Thema Arbeits-verhalten auseinandergesetzt. Ihm war aufgefallen, dass bestimmte wiederkehrende Beschwerden bei einem Teil seiner Patienten nur an Sonntagen auftraten. Er wertete diese als eine Art Entzugserscheinung und somit als Reaktion auf die fehlende Arbeit. Erst Mitte der 90-er Jahre befasste sich ein deutscher Wissenschaftler mit dem Thema.3 „Ein […] Grund für die mangelnde Auseinandersetzung mag darin bestehen, dass Arbeit in der westlichen Kultur einen so hohen Stellenwert genießt, das eine kri-tische Auseinandersetzung mit sich daraus ergebenden negativen Konsequenzen ver-mieden wird.“ 4 Ferner ist die Definition des Begriffs „Arbeitssucht“ äußerst schwierig.5 Um den Termini besser verstehen zu können, erscheint es sinnvoll, ihn in die Wortbe-standteile „Arbeit“ und „Sucht“ zu trennen und diese zunächst einzeln genauer zu be-trachten.

2.1 Definition der Begriffe „ Arbeit “ und „ Sucht “

2.1.1 Der Stellenwert der Arbeit heute und deren Auswirkung auf die Ge-sundheit

„Beruf und Arbeit sind zentrale Faktoren unseres Lebens und haben großen Einfluss auf die Gestaltung des Alltags, indem sie ihn maßgeblich strukturieren und bestim-men.“6 Arbeit ist ein Teil unserer Gesellschaft und Kultur und dient zur Selbstverwirkli-chung und seelischen Entwicklung des Individuums. Aber auch Funktionen wie Siche-rung des Einkommens, Zeitstrukturierung und soziale Anerkennung tragen dazu bei, dass Menschen zur Arbeit gehen. Allgemein kann gesagt werden, dass Arbeit der Grundbedürfnisbefriedigung dient. Die enorme Auswirkung, die Arbeit auf die Persön-lichkeit hat, wird erst deutlich, wenn man sich innerhalb des Arbeitsplatzes sozialisiert und verändert.7 Vor allem in Deutschland hat Arbeit „einen hohen Stellenwert für die Herausbildung und Aufrechterhaltung einer Identität.“8 Viele Menschen streben nach einem hohen gesellschaftlichen Status, der mit erhöhten Leistungsanforderungen ein-hergeht. Voigt und Pastusiak betonen immer wieder, wie wichtig Arbeit für die Gesund-heit ist. Zum einen kann Arbeit durch eine zu hohe Belastung und enormen Stress, Ursache für Erschöpfung, Herz- Kreislauferkrankungen, erhöhten Blutdruck und Rückenbeschwerden sein. Darüber hinaus kann Arbeit süchtig machen und somit nicht nur zu körperlichen, sondern auch zu psychischen Schäden führen.9 Letzteres ist Ge-genstand dieser Arbeit.

2.1.2 Symptome und Entstehung von stoffungebundener Sucht

Der Begriff „Sucht“ stammt ursprünglich von dem althochdeutschen Wort „siech“ ab, was so viel wie krankheitsbedingter Verfall bedeutet. Mit ihm lässt sich nicht nur Krank-heit verbinden, sondern auch verhaltensauffällige Störungen, die durch den Miss-brauch von Stoffen ausgelöst werden. Laut Fahrenkrug ist es wichtig, eine klare Tren-nung zwischen stoffgebundener und stoffungebundener Sucht herzustellen, obwohl die Symptome sich sehr ähnlich sind. Früher wurde mit dem Begriff der Sucht vorwie-gend Alkohol- und Drogenmissbrauch assoziiert, also ausschließlich die stoffgebun-dene Variante. Untersucht wurde primär die Wirkung von abhängig machenden Sub-stanzen auf die Gefühle und die Wahrnehmung. Unstrittig ist, dass sich die dadurch ausgelösten Persönlichkeitsveränderungen auch auf das Arbeitsverhalten auswirken. Der Fokus dieser Arbeit liegt jedoch auf der Arbeitssucht als Form einer stoffungebun-denen Erkrankung wie dies auch bei der Spiel-, der Online- und der Sexsucht der Fall ist. Obwohl dem Körper keinerlei chemische Substanzen zugeführt werden, verfällt der Betroffene durch sein Verhalten in einen Rauschzustand, der in seiner Zwanghaftigkeit mit dem einer stoffgebundenen Sucht vergleichbar ist.10 Es gibt verschiedene Stadien der Sucht, die in dem folgenden Schaubild dargestellt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2:Stadien der Sucht11

Die Grafik unterteilt den Suchtverlauf in drei verschiedene Phasen. Oft wissen die be-troffenen Personen nicht, dass sie an einer stoffungebundenen Sucht leiden. Nicht zuletzt, weil diesem Krankheitsbild kaum öffentliche Beachtung geschenkt wird. Fest-zuhalten ist, dass es typische Symptome gibt, die auf eine mögliche Erkrankung hin-deuten. Zum einen ist ein zunehmender Kontrollverlust und die damit einhergehende Abstinenzunfähigkeit zu nennen. Dem Süchtigen fällt es immer schwerer auf sein Suchtmittel zu verzichten und dieses beherrscht seinen Lebensrhythmus. Zum ande-ren fällt eine Interessenabsorption auf, sodass der Fokus immer stärker auf dem Suchtmittel liegt und andere Interessen und soziale Kontakte in den Hintergrund treten. Dies hängt mit der steigenden Toleranzentwicklung zusammen, die dazu führt, dass die Droge immer häufiger konsumiert werden muss. Indizien für eine Sucht herauszu-arbeiten fällt indes ungleich leichter, als typische Auslöser für diese Erkrankung zu finden. Wissenschaftler gehen aber davon aus, dass die drei Faktoren Mensch, Ge-sellschaft und Suchtmittel bzw. süchtiges Verhalten in einem Zusammenhang mit der Sucht stehen.12 Dies wird in der folgenden Grafik genauer dargestellt. In dieser Arbeit dient sie vor allem dazu, das extrem komplexe Wechselspiel zwischen den drei Fak-toren zu betonen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3:Suchtdreieck13

2.2 Entstehung von Arbeitssucht

„Arbeitssucht entsteht durch besondere Eigenschaften des Vielarbeitens („Droge Ar-beit“), Eigenschaften der Betroffenen (psychologische Faktoren) und der beruflichen und sozialen Umwelt, in der Menschen leben und arbeiten.“14 Verschiedene Erklä-rungsansätze sollen zeigen, wie es zu dieser Störung kommen kann. Der verhaltenstheoretische Ansatz geht davon aus, dass Arbeitssüchtige bereits in ih-rer Kindheit bestimmte Einstellungen und Verhaltensmuster gegenüber Leistung ler-nen, indem sie z.B. nach jeder guten Note mehr Taschengeld bekommen. Wer nie gelernt hat, alternative Belohnungsquellen, z.B. in der Freizeit, für sich zu nutzen, der läuft später eher Gefahr Workaholic zu werden.15 Im frühen Kindesalter haben die El-tern einen enormen Einfluss auf die Entwicklung ihrer Kinder. Mit ihrer Vorbildfunktion bringen sie diese dazu, sich das Verhalten der Eltern genauer anzuschauen und es nachzuahmen. Dieser Vorgang wird von Voigt als Modelllernen bezeichnet, wobei es meistens der Vater ist, der „auf Grund seiner seltenen Präsenz, verstärkt beobachtet wird.“16

Ein weiterer Ansatz ist der psychoanalytische Erklärungsansatz. Hier unterscheidet Poppelreuter zwischen dem ich-(struktur-)psychologischen Modell und dem objektpsy-chologischen Modell, wobei er ersteres in den Vordergrund stellt und genauer darauf eingeht. Demnach haben Arbeitssüchtige Probleme mit ihrer eigenen Identität und wei-sen daher öfter narzisstische Persönlichkeitsstörungen auf. Sie versuchen sich in die Arbeit zu stürzen, um „ein Gefühl eigener Größe und persönlicher Identität zu errei-chen.“17 Aufgrund massiver Versagensängste versuchen sie durch exzessives Arbei-ten, Anerkennung und Akzeptanz zu erlangen. Meist lässt sich dieses Verhalten wie-derum auf Erlebnisse in ihrer Kindheit zurückführen. Wenn sie früher nur für gute Leis-tung von ihren Eltern gelobt wurden, kann sich dies in ihren Köpfen eingeprägt haben und spiegelt sich in ihrem späteren Berufsleben als ein Arbeitsverhalten mit Suchtcha-rakter wider. 18

Ein dritter Ansatz legt den Schwerpunkt auf die Betrachtung des sozialen Umfelds. Soziale Werte haben sich in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts dras-tisch geändert. Wie bereits erwähnt, hat Arbeit und beruflicher Erfolg einen immer hö-heren Stellenwert in unserer Gesellschaft. Dies ist auch eine Ursache für Arbeitssucht, da Workaholics nach Anerkennung in der Gesellschaft streben. Ein weiterer sozialer Aspekt ist das sogenannte „Fluchtverhalten“. Nach Tiefschlägen oder Enttäuschungen im Leben flüchten einige in die Arbeit, um sich selbst abzulenken. Die Realität wird dadurch ausgeblendet.

Jeder der aufgezeigten Erklärungsansätze benennt Merkmale, die die Entstehung von Arbeitssucht fördern können. Wobei anzumerken ist, dass die Ansätze nur Faktoren nennen, die eine spätere Arbeitssucht begünstigen können, aber nicht zwangsläufig zu ihr führen. Auf die Auslöser aus dem privaten oder beruflichen Umfeld, die zu einer tatsächlichen Erkrankung führen, wird später noch eingegangen.19

2.3 Kennzeichen von Arbeitssucht

Zuallererst ist es wichtig, Arbeitssüchtige von engagierten, fleißigen Mitarbeitern ab-zugrenzen. Die von beiden erbrachten Arbeitsstunden unterscheiden sich nicht. Die Zahl der Überstunden sagt noch nichts darüber aus, ob ein Erwerbstätiger arbeits-süchtig ist. Kennzeichen einer Arbeitssucht zeigen sich in den Verhaltensmustern und der Einstellung gegenüber der Arbeit.20 „Arbeitssüchtige verhalten sich stark kompeti-tiv und auf Durchsetzung bedacht.“21 Sie grenzen sich gerne von anderen Mitarbeitern ab, kooperieren nicht, sondern sind nur auf ihre Aufgaben fixiert und wollen überall die Nummer Eins sein. Außerdem erlangen sie ausschließlich durch ihre Arbeit Energie und Stimulation. Sie machen keine Pausen und zerstören somit den natürlichen Rhyth-mus von Leistung und Regeneration. Auch in der Freizeit können sie nur noch an die Arbeit denken, langweilen sich schnell ohne Arbeit und werden unzufrieden. Oft wird dieses Verhalten erst erkannt, wenn am Wochenende Überstunden in der Arbeit ge-leistet werden oder im Urlaub heimlich gearbeitet wird.22 „Arbeitssüchtige optimieren gerne. Sie perfektionieren ihre Abläufe und Strukturen. […] Sie nutzen technische Hilfsmittel wie Organisationsapps, […] um diesen Optimierungsdrang und Beschleuni-gung ihres Lebens voranzutreiben.“23 Deshalb genießen Arbeitssüchtige an sie ge-stellte hohe Leistungsanforderungen, weil sie dadurch das Gefühl vermittelt bekom-men, gebraucht zu werden und mehrere Dinge gleichzeitig erledigen zu können. 24 Die Merkmale und Unterschiede zwischen exzessivem und zwanghaftem Arbeiten werden in der folgenden Grafik veranschaulicht.

[...]


1 Statista www.statista.com, [Stand 29.10.2017]

2 Vgl. www.spiegel.de, [Stand 29.10.2017]

3 Vgl. Poppelreuter 2002, 42ff.; Vgl. Schneider/ Bühler 2001, 463

4 Voigt 2006, 46

5 Vgl. ebd.

6 Nerdinger/ Blickle/ Schaper 2014, 518

7 Vgl. Pastusiak 2016, 9f.; Vgl. Voigt 2006, 20ff.

8 Pastusiak 2016, 10

9 Vgl. Pastusiak 2016, 10; Vgl. Voigt 2006, 24f.

10 Vgl. Fahrenkrug 1993, 1; Vgl. Voigt 2006, 27ff.

11 Gross 2003, 32

12 Vgl. Gross 2003, 29ff.

13 Vgl. Voigt 2006, 55f.

14 Rademacher 2017, 23

15 Vgl. Voigt 2006, 51f.

16 Ebd., 52ff.

17 Poppelreuter 2002, 43

18 Vgl. Poppelreuter 2002, 42ff.;

19 Vgl. Rademacher 2017, 23ff.; Vgl. Voigt 2006, 56ff.

20 Vgl. Rademacher 2017, 11

21 Ebd.

22 Vgl. ebd., 11f.

23 Ebd. 12

24 Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Arbeitssucht in Deutschland. Entstehung, Kennzeichen sowie Folgen
Note
1,6
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V593999
ISBN (eBook)
9783346203540
ISBN (Buch)
9783346203557
Sprache
Deutsch
Schlagworte
arbeitssucht, deutschland, entstehung, folgen, kennzeichen
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Arbeitssucht in Deutschland. Entstehung, Kennzeichen sowie Folgen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/593999

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