Die psychosoziale Diagnostik im Handlungsfeld der Sozialen Arbeit


Hausarbeit, 2009

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Psychosoziale Diagnostik
2.1 Prozess
2.2 Funktionen
2.3 Diagnostische Verfahren
2.4 Probleme
2.5 Auswirkungen auf das Klientel
2.6 Anforderungen

3 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Schon seit einigen Jahren wird die Frage diskutiert, ob Soziale Arbeit eine Profession ist oder nicht. Viele Kritiker sind der Meinung, dass es an einer wissenschaftlichen Grundlage mangele und somit die Kriterien einer Profession nicht erfüllt seien. Sozialarbeiter werden wie alle Menschen von ihren Erfahrungen und dem somit erworbenen Alltagswissen beeinflusst. Um dem zu entgehen brauchen sie eine wissenschaftliche Vorgehensweise, die den Einfluss von Alltagstheorien kontrolliert (vgl. von Spiegel: 59ff.). Hier spielt Soziale Diagnostik eine entscheidende Rolle, denn sie ist ein Schritt hin zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit. Nun stellt sich die Frage, was unter Sozialer Diagnostik zu verstehen ist. Mit dem Begriff Diagnose verbindet die Mehrheit der Menschen die Medizin oder die Psychologie. Dies sind auch die Handlungsfelder, in denen Diagnosen am bekanntesten sind. Sinngemäß heißt Diagnostizieren „im Hinblick auf ein angestrebtes Ziel regelgeleitet Informationen zu gewinnen“ (Harnach-Beck: 18). Im Handlungsfeld der Sozialen Arbeit spricht man von (psycho-)sozialer Diagnose. Die Aufmerksamkeit wird hier auf die Persönlichkeit und das soziale Umfeld eines Menschen gelegt (vgl. Harnach-Beck: 19). Mit einem Blick in die Geschichte der Sozialen Arbeit wird der Zusammenhang von Professionalisierung und psychosozialer Diagnostik deutlich. Eingeführt wurde der Begriff 1917 in den USA durch die Pionierin Mary Richmond (Mitglied der Charity Organisation Society) und der Veröffentlichung ihres Buches „Social Diagnosis“. Dies wurde zur wissenschaftlichen Grundlage für die Methode der Einzelfallhilfe (Case-Work). Das heißt, die Sozialarbeiter sollten die individuellen Probleme jedes Hilfebedüftigen herausfinden und auf deren Basis eine bedarfsgerechte Hilfe anbieten. Durch Mary Richmond inspiriert, führte die Pionierin Alice Solomon den Begriff der sozialen Diagnostik 1926 in Deutschland ein (vgl. Galuske: 63f.). Beide erkannten die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Grundlage Sozialer Arbeit und begründeten damit die Anfänge deren Professionalisierung.

Im Folgenden sollen sowohl der Ablauf, der Nutzen aber auch Schwierigkeiten von psychosozialer Diagnostik für das Klientel und das Handlungsfeld der Sozialen Arbeit aufgeführt werden. Des Weiteren wird noch exemplarisch ein diagnostisches Verfahren vorgestellt.

Diagnostik, soziale Diagnostik, psychosoziale Diagnostik (vgl. Harnach-Beck: 19) sowie Beobachtungs- und Beschreibungswissen (vgl. von Spiegel 2008: 62) werden im weiteren Verlauf synonym verwendet.

2 Psychosoziale Diagnostik

Eine Diagnose ist eine Problembeschreibung (vgl. Pantucek 2009: 59). Es geht dabei um Schwierigkeiten der Lebensweise von KlientInnen, die sie nicht aus eigener Kraft mit ihrem Alltagswissen bewältigen können. Aufgrund einer Diagnose können Interventionen eingeleitet werden, die wieder zu einer autonomen Lebensführung verhelfen (vgl. Pantucek 2009: 28f.). Somit kann Beobachtungs- und Beschreibungswissen „als Instrument der Qualitätsentwicklung und Erfolgskontrolle“ (http://bwa.europa-in-fk.de/fileadmin/user_upload/dateien/PraesentationAK2_10.07.081.pdf) bezeichnet werden. Wie genau ein solcher Prozess der Problembeschreibung abläuft soll nun geschildert werden.

2.1 Prozess

Am Anfang steht zunächst einmal die Festlegung einer Art Strategie, in der ein genauer Ablauf des Arbeitsprozesses bestimmt wird. Da es sich aber um einen unvorhersehbaren dynamischen Prozess handelt, auf den später noch ausführlicher eingegangen wird, muss man manchmal von diesem Ablaufplan abweichen und ihn an die Situation anpassen.

Es gibt zwei Arten von Strategien: Die Selektions- und die Modifikationsstrategie. Unter der ersten versteht man eine Lösungsfindung, indem geeignete Personen bzw. Bedingungen ausgewählt werden. Die zweite zielt auf eine Änderung des Verhaltens der Betroffenen ab. Sehr oft werden beide Strategien gemischt eingesetzt, wenn sich beispielsweise die erste als nicht ausreichend erwies (vgl. Harnach-Beck: 22ff.). Innerhalb des geplanten Ablaufs wird eine Zielvereinbarung mit den Teilnehmern geschlossen, die einer thematischen Einschränkung dient, um eine gewisse Überschaubarkeit und damit Handlungsfähigkeit zu wahren (vgl. Pantucek 2009: 50). Je nach Ziel werden unterschiedliche Formen der Diagnostik angewandt. Man unterscheidet zum einen zwischen Status- und Prozessdiagnostik, wobei sich ersteres mit einem stabilen Ist-Zustand und zweiteres mit Veränderungen im Leben der KlientInnen befasst. Zum anderen gibt es noch die Normorientierte Diagnostik, die Ergebnisse von KlientInnen mit denen anderer vergleicht, und die Kriteriumsorientierte Diagnostik, die herauszufinden versucht, wie nah die TeilnehmerInnen ihrem Ziel gekommen sind. Am Ende einer jeden sozialen Diagnostik steht schließlich ein diagnostisches Ergebnis, der Befund (vgl. Harnach-Beck: 24ff.).

Der Diagnoseprozess an sich ist ein zwei Phasen unterteilt. Zuerst geht es um eine Komplexitätsgewinnung, also eine Sammlung von wichtigen Informationen für den zu lösenden Einzelfall. Diese Phase wird auch Anamnese genannt. In einem zweiten Schritt gilt es, diese Daten zu ordnen, z.B. durch ein spezielles diagnostisches Verfahren, um dadurch die gewonnene Komplexität wieder zu reduzieren. Das Ordnen kann aber auch zu neuen Informationen führen. Auf der Grundlage der auf diese Weise interpretierbaren Daten können die SozialarbeiterInnen dann Interventionen begründet einleiten (vgl. Pantucek 2009: 55f.). Manchmal müssen KlientInnen nach dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ von dem Nutzen einer Intervention jedoch erst überzeugt werden (vgl. Pantucek 2009: 41).

2.2 Funktionen

Obwohl es einige Gegner der psychosozialen Diagnostik gibt, die Unwissenschaftlichkeit und fehlende Nachvollziehbarkeit in der Sozialen Arbeit beklagen, werden soziale Hilfsprogramme weiterhin benötigt und auch verwendet (vgl. Pantucek 2009: 76). Es muss also einen Grund geben, warum auf das Beobachtungs- und Beschreibungswissen nicht verzichtet werden kann. Im Folgenden sollen deswegen Funktion und Vorteile sozialer Diagnostik geschildert werden.

Professionswissen, Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit können durch Diagnostische Verfahren, die später noch näher erläutert werden, miteinander verbunden werden. Würden diese noch häufiger benutzt werden, wäre eine Verbesserung der Vergleichbarkeit verschiedener Fälle möglich (vgl. Pantucek 2009: 79).

Ein weiterer Vorteil Diagnostischer Verfahren liegt in ihrer organisationsübergreifenden Anwendung. Andernfalls tendieren SozialarbeiterInnen nämlich in der Regel dazu, sich eher an die traditionellen Entscheidungen ihrer Organisation zu halten als an die Logik des Falls, da sie dann nicht für eventuelle Fehldiagnosen belangt werden können. Diagnostische Verfahren machen die SozialarbeiterInnen demnach unabhängiger (vgl. Pantucek 2009: 96ff.).

Psychosoziale Diagnostik ist zudem aufgrund von Komplexitätsgewinnung und der darauffolgenden strukturierenden Komplexitätsreduzierung Grundlage für eine begründete, fallbezogene Entscheidung (vgl. Pantucek 2009: 21).

Weiterhin wird durch die Zielvereinbarung mit den TeilnehmerInnen die Effizienz des Prozesses überprüfbarer, da schon frühzeitig ein gewünschter Ablauf definiert und festgelegt wird (vgl. Pantucek 2009: 18). Aber nicht nur Interventionen, sondern auch schon der Prozess selbst kann auf die KlientInnen verändernd wirken, sowohl positiv als auch negativ. Dies liegt an erworbenen Erkenntnissen bereits während der Sozialen Diagnose (vgl. Harnach-Beck: 32).

Abschließend lassen sich folgende generellen Vorteile wissenschaftlichen Handelns festhalten:

Die KlientInnen unterwerfen sich einer sozialen Diagnose, weil sie mit ihrem Alltagswissen ihr Leben nicht mehr in den Griff bekommen. Würden Professionelle ebenfalls mit Alltagstheorien versuchen zu helfen, wäre ihr Blick viel zu eingeschränkt. Erst dadurch, dass sie durch „kriteriengeleitete konzeptionelle Raster“ (von Spiegel 2008: 63) in der Lage sind, ihre individuellen Sichtweisen zu erweitern, können sie weiterhelfen. So ist es ihnen möglich, die Schwierigkeiten der KlientInnen distanziert und objektiv wahrzunehmen und auf diese Weise neue Zusammenhänge zu erkennen (vgl. von Spiegel 2008: 63).

2.3 Diagnostische Verfahren

Die Vorteile Diagnostischer Verfahren wurden bereits genannt. Im weiteren Verlauf soll exemplarisch an den „vier ,Kategorien der Wirklichkeitserfassung' “ (von Spiegel 2008: 64) ein solches kriteriengeleitetes Verfahren dargestellt werden.

Dieses konzeptionelle Raster, das 1986 von Staub-Bernasconi veröffentlicht wurde, ist in vier Kategorien unterteilt, die zu einer objektiven Erfassung der Wirklichkeit verhelfen sollen und im Folgenden vorgestellt werden. Zu ihnen gehört zum einen die „ Ausstattungs-Kategorie“, die den Fokus auf individuelle Fähigkeiten und das Aussehen einer oder mehrerer Personen legt. Zum anderen gibt es die „ Austausch-Kategorie“, die sich mit Beziehungen befasst zwischen sozial gleichrangigen Menschen. Damit sind beispielsweise Geschwister, Kollegen und Freunde gemeint. Die „ Macht-Kategorie“ setzt sich mit den Verhältnissen zwischen nicht sozial gleichrangigen Personen auseinander, wie z.B. Chef und Angestellter oder Vater und Kind, aber auch zwischen verschiedenen sozialen Schichten. Als letzte ist noch die „ Normen/Werte-Kategorie“ zu nennen, die den Blick auf den Umgang einer Person mit den von der Gesellschaft anerkannten Werte und Normen lenkt. Es ist ferner darauf hinzuweisen, dass es nicht nur um ein defizitorientiertes Beobachten dieser Kategorien geht, sondern ebenso nach vorhandenen Ressourcen dieser Menschen gesucht wird. Auf diese Weise entsteht ein Raster, das den SozialarbeiterInnen ermöglicht, mehrperspektivisch an ihren Fall heranzugehen und so neue Zusammenhänge zu erkennen. Außerdem ist dies ein Instrument, um leichtfertiges Zurückgreifen auf Alltagstheorien zu verhindern und begründete, nachvollziehbarere Entscheidungen zu treffen (vgl. von Spiegel 2008: 63ff.).

Es gibt aber noch viele andere Verfahren, auf die hier aus Gründen des Umfangs nicht näher eingegangen wird. Als Beispiel sind aufzuführen: Die Netzwerkkarte, das PIE (Person In Environment Classification System), das Inklusionschart und die Black Box Diagnostik (vgl. http://www.pantucek.com/texte/2005_04_emden/sod_emden.html).

2.4 Probleme

Psychosoziale Diagnostik hat aber nicht ausschließlich Vorteile, sondern leidet auch an einigen Problemen, die Kritiker immer wieder hervorheben in der Diskussion um die Professionalität der Sozialen Arbeit und speziell in der Debatte über die Bedeutung von Beobachtungs- und Beschreibungswissen.

Eine der größten Schwierigkeiten von sozialer Diagnostik ist die Komplexität der durch die KlientInnen beschriebene Situation. Da es sich um Probleme des alltäglichen Lebens handelt, sind sie von dem Erleben und Verhalten einzelner Personen sowie deren Beziehungen und Interaktionen abhängig. Auch Systemstrukturen spielen dabei eine Rolle. Alles beeinflusst sich gegenseitig und kann deshalb nicht voneinander getrennt betrachtet werden. Jede Intervention am Ende eines diagnostischen Prozesses muss gut bedacht werden, da sie auch Fern- und Nebenwirkungen haben kann (vgl. Harnach-Beck: 20). Außerdem muss bei mehreren Problemen geprüft werden, welches Symptom des anderen ist oder ob sie überhaupt miteinander zusammenhängen. Oft ist diese Ursache-Wirkungs-Kette nicht eindeutig feststellbar. So könnte z.B. ein Kind drogenabhängig werden wegen Probleme mit der Mutter oder es bekam erst Probleme mit der Mutter, als es anfing Drogen zu konsumieren (vgl. Pantucek 2009: 52f.). Grundsätzlich ist zu berücksichtigen, dass alle Fälle unterschiedlich sind, denn aufgrund der Komplexität werden die Rahmenbedingungen niemals identisch sein (vgl. Pantucek: 56).

Hinzukommt, dass die von den KlientInnen beschriebenen Probleme wandelbar, also dynamisch sind (vgl. Pantucek 2009: 50). Sie leben außerhalb des diagnostischen Prozesses ihr alltägliches Leben weiter. „Dadurch ändern sie selbst laufend den Kontext der Problemlösung oder verschieben das Problem. Die Unvorhersehbarkeit dieser Kontextveränderungen und Verschiebungen wird dadurch gesteigert, dass Kontext und Problem von den Aktionen mehrerer Akteure bestimmt werden“ (Pantucek 2009: 51). Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass diese Dynamik nicht unbedingt immer von Nachteil sein muss, denn sie kann ebenso neue Chancen eröffnen, an die vorher nicht zu denken waren (vgl. Pantucek 2009: 94).

Ein weiteres schwerwiegendes Problem der Diagnostik ist die bereits erwähnte Unvorhersehbarkeit und Unübersichtlichkeit, die durch die Komplexität und die Dynamik der Fälle entsteht (vgl. Harnach-Beck: 21). In der Phase des Sammelns von Informationen sind die SozialarbeiterInnen hauptsächlich auf Gespräche angewiesen. Dadurch entsteht eine gewisse „Intransparenz der Situation“ (Harnach-Beck: 21), denn die KlientInnen entscheiden, was sie preisgeben und was nicht. Die Aussagen der Beteiligten sind von ihren Interessen abhängig und somit auch der diagnostische Prozess. Das heißt, nicht immer steht das eigentliche Interesse, z.B. das Kindeswohl, im Mittelpunkt. Eine objektive Entscheidungsfindung ist unter diesen Umständen erschwert (vgl. Hekele: 41f.). Aber nicht nur die unterschiedlichen Interessenlagen der Beteiligten beeinflussen den Prozess, sondern auch die der SozialarbeiterInnen. So stehen oft Rechtfertigungen von Kosten oder ein Vorteil für Einrichtungen im Vordergrund des diagnostischen Vorgehens (vgl. Hekele: 67). Außerdem kann es passieren, dass sie ihr Alltagswissen zur Beurteilung der ihnen beschriebenen Situation anwenden, wodurch schnell Vermischungen zwischen relevanten Informationen und persönlichen Sichtweisen entstehen, die unter Umständen zu Verurteilungen oder Etikettierungen führen. Es ist selten nachvollziehbar, wie SozialarbeiterInnen an ihre Informationen gelangen, wodurch das Problem der Überprüfbarkeit bzw. der Evaluation deutlich wird (vgl. Hekele: 44f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die psychosoziale Diagnostik im Handlungsfeld der Sozialen Arbeit
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
14
Katalognummer
V594039
ISBN (eBook)
9783346206046
ISBN (Buch)
9783346206053
Sprache
Deutsch
Schlagworte
arbeit, diagnostik, handlungsfeld, sozialen
Arbeit zitieren
Nadine Schall (Autor), 2009, Die psychosoziale Diagnostik im Handlungsfeld der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/594039

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