Im Folgenden sollen sowohl der Ablauf, der Nutzen aber auch Schwierigkeiten von psychosozialer Diagnostik für das Klientel und das Handlungsfeld der Sozialen Arbeit aufgeführt werden. Des Weiteren wird noch exemplarisch ein diagnostisches Verfahren vorgestellt.
Schon seit einigen Jahren wird die Frage diskutiert, ob Soziale Arbeit eine Profession ist oder nicht. Viele Kritiker sind der Meinung, dass es an einer wissenschaftlichen Grundlage mangele und somit die Kriterien einer Profession nicht erfüllt seien. Sozialarbeiter werden wie alle Menschen von ihren Erfahrungen und dem somit erworbenen Alltagswissen beeinflusst. Um dem zu entgehen brauchen sie eine wissenschaftliche Vorgehensweise, die den Einfluss von Alltagstheorien kontrolliert. Hier spielt Soziale Diagnostik eine entscheidende Rolle, denn sie ist ein Schritt hin zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit.
Nun stellt sich die Frage, was unter Sozialer Diagnostik zu verstehen ist. Mit dem Begriff Diagnose verbindet die Mehrheit der Menschen die Medizin oder die Psychologie. Dies sind auch die Handlungsfelder, in denen Diagnosen am bekanntesten sind. Sinngemäß heißt Diagnostizieren "im Hinblick auf ein angestrebtes Ziel regelgeleitet Informationen zu gewinnen". Im Handlungsfeld der Sozialen Arbeit spricht man von (psycho-)sozialer Diagnose. Die Aufmerksamkeit wird hier auf die Persönlichkeit und das soziale Umfeld eines Menschen gelegt. Mit einem Blick in die Geschichte der Sozialen Arbeit wird der Zusammenhang von Professionalisierung und psychosozialer Diagnostik deutlich.
Eingeführt wurde der Begriff 1917 in den USA durch die Pionierin Mary Richmond (Mitglied der Charity Organisation Society) und der Veröffentlichung ihres Buches "Social Diagnosis". Dies wurde zur wissenschaftlichen Grundlage für die Methode der Einzelfallhilfe (Case-Work). Das heißt, die Sozialarbeiter sollten die individuellen Probleme jedes Hilfsbedürftigen herausfinden und auf deren Basis eine bedarfsgerechte Hilfe anbieten. Durch Mary Richmond inspiriert, führte die Pionierin Alice Solomon den Begriff der sozialen Diagnostik 1926 in Deutschland ein. Beide erkannten die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Grundlage Sozialer Arbeit und begründeten damit die Anfänge deren Professionalisierung.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Psychosoziale Diagnostik
2.1 Prozess
2.2 Funktionen
2.3 Diagnostische Verfahren
2.4 Probleme
2.5 Auswirkungen auf das Klientel
2.6 Anforderungen
3 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der psychosozialen Diagnostik als Instrument zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit wissenschaftlich fundierte Beobachtungs- und Beschreibungsmethoden die Praxis unterstützen und welche Herausforderungen sowie ethischen Probleme sich dabei für die Arbeit mit Klienten ergeben.
- Historische Entwicklung und Professionalisierung der Sozialen Arbeit
- Prozessabläufe und Funktionen diagnostischer Verfahren
- Kritische Analyse von Schwierigkeiten und Machtasymmetrien
- Anforderungen an einen idealen diagnostischen Prozess
- Vergleich der psychosozialen Diagnostik mit alternativen Ansätzen
Auszug aus dem Buch
2.4 Probleme
Psychosoziale Diagnostik hat aber nicht ausschließlich Vorteile, sondern leidet auch an einigen Problemen, die Kritiker immer wieder hervorheben in der Diskussion um die Professionalität der Sozialen Arbeit und speziell in der Debatte über die Bedeutung von Beobachtungs- und Beschreibungswissen.
Eine der größten Schwierigkeiten von sozialer Diagnostik ist die Komplexität der durch die KlientInnen beschriebene Situation. Da es sich um Probleme des alltäglichen Lebens handelt, sind sie von dem Erleben und Verhalten einzelner Personen sowie deren Beziehungen und Interaktionen abhängig. Auch Systemstrukturen spielen dabei eine Rolle. Alles beeinflusst sich gegenseitig und kann deshalb nicht voneinander getrennt betrachtet werden. Jede Intervention am Ende eines diagnostischen Prozesses muss gut bedacht werden, da sie auch Fern- und Nebenwirkungen haben kann (vgl. Harnach-Beck: 20). Außerdem muss bei mehreren Problemen geprüft werden, welches Symptom des anderen ist oder ob sie überhaupt miteinander zusammenhängen. Oft ist diese Ursache-Wirkungs-Kette nicht eindeutig feststellbar. So könnte z.B. ein Kind drogenabhängig werden wegen Probleme mit der Mutter oder es bekam erst Probleme mit der Mutter, als es anfing Drogen zu konsumieren (vgl. Pantucek 2009: 52f.). Grundsätzlich ist zu berücksichtigen, dass alle Fälle unterschiedlich sind, denn aufgrund der Komplexität werden die Rahmenbedingungen niemals identisch sein (vgl. Pantucek: 56).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Debatte über die Soziale Arbeit als Profession ein und begründet die Notwendigkeit einer wissenschaftlich kontrollierten Vorgehensweise gegenüber reinem Alltagswissen.
2 Psychosoziale Diagnostik: Dieser Abschnitt erläutert den Prozess der Diagnostik, deren Funktionen und Vorteile sowie die damit verbundenen methodischen und ethischen Probleme und stellt Anforderungen an eine gelingende Umsetzung.
3 Schluss: Hier reflektiert die Autorin eigene Erfahrungen aus einem Beobachtungsprojekt, vergleicht die Diagnostik mit anderen Konzepten wie Assessment und Zentralorientierung und zieht ein Fazit über deren Nutzen.
Schlüsselwörter
Soziale Arbeit, Psychosoziale Diagnostik, Professionalisierung, Fallverstehen, Beobachtungswissen, Beschreibungswissen, Klientel, Intervention, Komplexitätsreduzierung, Diagnostische Verfahren, Alltagswissen, Ethik, Partizipation, Zielvereinbarung, Machtasymmetrie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Bedeutung der psychosozialen Diagnostik für die Professionalisierung der Sozialen Arbeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf den Prozessen, Funktionen, methodischen Problemen und den Auswirkungen diagnostischer Handlungen auf das Klientel.
Welches Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, den Nutzen und die Grenzen diagnostischer Verfahren aufzuzeigen und Anforderungen an eine fachlich fundierte Praxis zu formulieren.
Welche methodische Vorgehensweise wird gewählt?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse sowie eine kritische Reflexion anhand eines exemplarischen Beobachtungsprojekts.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden der Ablauf von Diagnosen, ihre Vorteile, kritische Probleme wie Stigmatisierung und die notwendigen Kriterien für einen idealen Diagnoseprozess erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Soziale Arbeit, Diagnostik, Professionalisierung, Fallverstehen und Beobachtungswissen.
Was versteht man unter den "vier Kategorien der Wirklichkeitserfassung"?
Es handelt sich um ein von Staub-Bernasconi entwickeltes Raster, das zur objektiven Analyse von Ausstattungs-, Austausch-, Macht- sowie Normen/Werte-Aspekten im Umfeld der Klienten dient.
Wie unterscheidet sich die Diagnostik vom Assessment-Konzept?
Während das Assessment primär auf die reine Datensammlung fokussiert, bietet die Diagnostik laut Autorin ein besseres Gleichgewicht zwischen Komplexitätsgewinnung und -reduzierung für begründete Entscheidungen.
- Arbeit zitieren
- Nadine Schall (Autor:in), 2009, Die psychosoziale Diagnostik im Handlungsfeld der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/594039