Erziehung und Ernährung

Kulturwissenschaftliche Sicht auf Ernährung, historische Entwicklung


Hausarbeit, 2013

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsbestimmungen
2.1 Definition „Erziehung“
2.2 Definition „Ernährung“
3 Die kulturwissenschaftliche Sicht auf Ernährung

4 Historische Entwicklung

5 Erziehung durch Ernährung
5.1 Erziehungsaufgaben durch Ernährung
5.2 Essensrituale als Grundlage für Erziehung
5.3 Die Umsetzung der Erziehung bei Tisch

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

8 Eidesstattliche Erklärung

1 Einleitung

Essen und Trinken gehören zu den grundlegenden und alltäglichen Aktivitäten, die allen Lebewesen gemeinsam sind. Auf menschlicher Ebene sind Mahlzeiten sowohl historisch betrachtet als auch in der Gegenwart von Bedeutung, da sie auf das individuelle sowie gesellschaftliche Leben Einfluss nehmen und es auf dieses Weise mitprägen (vgl. Simmel 1957). Ähnliches gilt auch für die Erziehung. Jeder wurde in seinem Leben von unterschiedlichen Personen erzogen, seien es die Eltern, ErzieherInnen oder LehrerInnen, und die meisten erziehen umgekehrt wiederum Nachkommen. Ohne Erziehung würde ein so komplexes gesellschaftliches Zusammenleben nicht funktionieren. (vgl. Stangl 2010) Dennoch wurden lange Zeit weder der Bedeutung von Ernährung noch dem Erziehungsbegriff genügend Beachtung geschenkt (vgl. Seichter 2012, 5,11). Auch ihr Zusammenwirken blieb entsprechend im Verborgenen. In ihrem Buch „Erziehung und Ernährung“ gelang es Sabine Seichter jedoch schließlich, auf der Grundlage von Metaphern, Etymologie und Geschichte einen Zusammenhang zwischen beiden sozialen Phänomenen herzustellen und somit deren enge Verknüpfung nachzuweisen. (siehe Seichter 2012)

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Erziehung bei Tisch“ und führt darin ebenfalls Erziehung und Ernährung zusammen. Es wird der Frage nachgegangen, inwiefern am Esstisch durch Ernährungspraktiken, Regeln oder Rituale erzogen wird. Hierbei geht es nicht nur um das Beibringen angemessener Manieren am Tisch, sondern insbesondere um die Weitergabe von gesellschaftlichen Normen und Werten als Voraussetzung der gesellschaftlichen Teilhabe. Der Fokus liegt hier auf der Familie als nach wie vor primäre Sozialisationsintanz. Eine Beschäftigung darüber hinaus mit der Erziehung bei Tisch in Kindergärten oder Schulen würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Zunächst werden im zweiten Kapitel die Begriffle Erziehung und Ernährung geklärt, um die es in der folgenden Arbeit gehen wird. Das dritte Kapitel beschäftigt sich dann ausführlicher mit der kulturwissenschaftlichen Perspektive auf Ernährung, die in dieser Arbeit eingenommen wird. Ausgehend davon wird im vierten Kapitel die historische Entwicklung der Erziehung durch den Mund herausgearbeitet, um einen Eindruck davon zu erhalten, welche Bedeutung sie im Laufe der Zeit erlangt hat und welchem sozialen Wandel sie bis heute unterliegt. Im fünften Kapitel geht es schließlich um Erziehungsaufgaben auf der Grundlage von Ernährung, Rituale als Voraussetzung für diese Erziehung und drittens um ihre konkrete Umsetzung bei Tisch. In einem Fazit werden zum Schluss die wichtigsten Ergebnisse nochmal zusammengefasst.

2 Begriffsbestimmungen

Um eine klare Vorstellung der Thematik zu erhalten, ist eine Bestimmung der Begrifflichkeiten hilfreich. Daher wird sich dieses Kapitel der Definition der beiden Termini „Erziehung“ und „Ernährung“ widmen.

2.1 Definition „Erziehung“

Der pädagogische Begriff Erziehung zeichnet sich durch seine Komplexität aus und ist bis heute nicht hinreichend erläutert. Eine einheitliche Definition liegt daher nicht vor. (vgl. Kron 2009, 44) Je mehr er in den Fokus des öffentlichen Interesses gerät, desto weniger greifbar wird er, sodass die Formulierung einer allgemeingültigen umfassenden Definition zunehmend schwerer erscheint. Die Problematik, diesen Terminus zu erfassen und zu konkretisieren, liegt unter anderem an der Tatsache, dass er als universales Phänomen mehrere Begriffe und deren Bedeutungen beinhaltet, wodurch er nicht auf einen spezifischen Inhalt heruntergebrochen werden kann und daher vielfältig interpretierbar ist. (vgl. Seichter 2012, 11f.; Kron 2009, 44) So umfasst der Erziehungsbegriff beispielsweise die ebenfalls komplexen Prozesse der Sozialisation und Enkulturation, die maßgeblich zur Herausbildung einer Persönlichkeit beziehungsweise einer Identität beitragen (vgl. Stangl 2010). Ein weiterer Grund für die Schwierigkeit einer Definition von Erziehung kann unter anderem nach Mialaret in den unterschiedlichen Perspektiven auf Erziehung gefunden werden, also je nachdem ob es als System, Prozess oder Produkt betrachtet wird. Auch die notwendigen, dem geschichtlich-kulturellen Wandel unterlegenen Voraussetzungen für Erziehung, nämlich das Idealbild vom Menschen, der Glaube an das Gute und eine Vorstellung des gemeinschaftlichen Lebens, können aufgrund ihrer Dynamik, laut Cabanas, als Erläuterungen herangezogen werden. (vgl. Seichter 2012, 13) Dennoch gibt es einige Annäherungsversuche an den Erziehungsbegriff.

„Im allgemeinen versteht man unter Erziehung soziales Handeln, welches bestimmte Lernprozesse bewusst und absichtlich herbeiführen und unterstützen will, um relativ dauerhafte Veränderungen des Verhaltens, die bestimmten Erziehungszielen entsprechen, zu erreichen“ (Stangl 2010).

Es handelt sich hierbei lediglich um eine grobe Beschreibung, die jedoch einige Aspekte von Erziehung aufzeigt, wie zum Beispiel die stattfindenden Lernprozesse oder das Handeln nach einem Erziehungsziel. Charakteristisch ist hier zudem die herrschende Hierarchie zwischen zwei Subjekten oder Gruppen, bei denen die Jüngeren von den Älteren erzogen werden, beispielsweise das Kind von Mutter und Vater oder die Kindergartengruppe von den ErzieherInnen. Einige Ansätze gehen davon aus, dass zusätzlich auch selbstorganisierte Lernprozesse stattfinden. (vgl. ebd.)

Wenn man nach Aristoteles davon ausgeht, dass eine Stufenfolge von Seelenkräften existiert, mit dem allen Lebewesen gemeinsamen Ernährungs- und Zeugungsvermögen als niederste und dem rein menschlichen Denkvermögen als höchste Seelenkraft, dann gehört die Ernährung zum Ursprünglichsten und muss daher als Grundlage für alle weiteren Stufen gesehen werden (vgl. Seichter 2012, 18). Lemke schlussfolgerte daraus, dass demnach „unser Denken über Erziehung grundsätzlich bei der Ernährung anzufangen hätte“ (ebd., 20).

2.2 Definition „Ernährung“

Da Ernährung eine alltägliche, allen gemeinsame Handlung darstellt, haben die meisten Menschen bereits eine Vorstellung davon, was sich hinter diesem Begriff verbirgt. Jenes Bild von Essen und Trinken ist allerdings hauptsächlich naturwissenschaftlich geprägt. Zu begründen ist diese Tatsache damit, dass im Zuge der Entstehung der modernen Naturwissenschaften das jahrtausendealte Wissen um die Einheit von physiologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Aspekten der Ernährung in den Hintergrund rückte, bis es schließlich in Vergessenheit geriet. Somit wurden alle biochemischen Prozesse im Körper, die aufgrund von Nahrungszufuhr initiiert werden, bis ins Detail erforscht, was der Ernährungswissenschaft zu ihrem heutigen umfangreichen Wissensstand verhalf. (vgl. Teuteberg 1979, 263f.) Der Mensch wurde in diesem Zusammenhang jedoch viele Jahre lang nur rein physisch als Organismus mit Stoffwechselfunktion betrachtet und nicht auch als ein mit anderen interagierendes, beziehungsfähiges Subjekt (vgl. Teuteberg 1974, 40).

Es muss daher zwischen dem physischen Akt der Nahrungsaufnahme, der zu den übrig gebliebenen Resten animalischer Überlebensinstinkte des Menschen gezählt werden kann, und dem in der Sozialisation erlernten Ernährungsverhalten, welches damit immer auch durch milieu- und individualpsychologische sowie soziokulturelle Verhaltensmuster geprägt ist, unterschieden werden (vgl. Leonhäuser et al. 2009, 19; Teuteberg 1974, 40).

Der Mensch muss als soziales Wesen, das Beziehungen eingeht und auf eine soziale Formung wie die Gesellschaft angewiesen ist, immer auch in Zusammenhang mit seiner Umwelt betrachtet werden (vgl. Prahl/Setzwein 1999, 121). Allein der Umstand, dass nachgewiesene Erkenntnisse der Ernährungswissenschaft über gesunde Ernährung regelmäßig ignoriert werden und zu Fehlernährungen führen, deutet darauf hin, dass hier auch situative, psychosoziale Verhaltensmotivationen Einfluss nehmen, die wiederum durch das Umfeld geprägt werden (vgl. Teuteberg 1979, 263ff.).

Grundsätzlich kann man das Ernährungsverhalten, wie hieraus hervorgeht, aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Neben dem ernährungswissenschaftlichen Fokus gibt es unter anderem noch den sozial- und kulturwissenschaftlichen. Während sich die Sozialwissenschaft mit dem Zweck und dem funktionellen Zusammenhang von Ernährung für beispielsweise Institutionen auseinandersetzt, gilt das Interesse der Kulturwissenschaft, und auch jenes der vorliegenden Arbeit, dem Sinn- und Bedeutungszusammenhang von Mahlzeiten. In der kulturwissenschaftlichen Perspektive liegt auch der Ursprung für die Erforschung des Zusammenhangs von Erziehung und Ernährung. (vgl. Seichter 2012, 21f.) Kultur ist hierbei als „eine Sphäre symbolischer Ordnungen, diskursiver Praktiken und medialer Techniken zu verstehen, die die Eingliederung des Individuums in die Gesellschaft und dieser in die Umwelt erst ermöglichen und strukturieren“ (Wimmer 2002, 118). Übertragen auf Ernährung geht es zum Beispiel um die symbolische Bedeutung der Speisen sowie die Zubereitungs- und Esstechniken. Als soziales Totalphänomen, wie Marcel Mauss 1971 Ernährung bezeichnete, nimmt sie Einfluss auf nahezu alle Lebensbereiche des Menschen und damit auch auf die Gesellschaft. (vgl. Teuteberg 1979, 277f.; Leonhäuser et al. 2009, 21) Im Folgenden geht es daher um einen Umriss der kulturwissenschaftlichen Bedeutung von Ernährung und um ihren Zusammenhang mit Erziehung.

3 Die kulturwissenschaftliche Sicht auf Ernährung

Wie Simmel 1957 in seinem Werk „Die Soziologie der Mahlzeit“ bereits betonte, ist Ernährung ein höchst zwiespältiges Phänomen. Sie ist zum einen eine physisch gesehen sehr individuelle Handlung und zum anderen ist ihr eine sozialisierende Kraft inne. Als einer der menschlichen Urinstinkte handelt es sich um eine äußerst primitive Verhaltensweise, doch durch den menschlichen Zivilisationsprozess erhielt sie zugleich eine soziologische Bedeutung. In diesem Zusammenhang steht auch die Trieb geleitete exklusive Selbstsucht dem Vereinigtsein am Esstisch gegenüber und der Sättigungszweck der ästhetischen Befriedigung. (siehe Simmel 1957) Die Liste würde sich noch verlängern lassen, doch wäre dies im Rahmen dieser Arbeit zu ausufernd.

Das dabei zunächst paradox wirkende ist, dass sich diese zwei Seiten der Ernährung bedingen. Erst durch die Niedrigkeit des animalischen Triebes, seinen Hunger durch Nahrungsaufnahme zu besänftigen, konnte Ernährung auf ihre heutige sittliche Höhe angehoben werden, da es immer die Tiefstände braucht, um sich von ihnen abgrenzen zu können. (vgl. ebd., 249f.) Simmel fasst diese Dialektik sehr anschaulich zusammen:

„Daß [sic!] wir essen müssen, ist eine in der Entwicklung unserer Lebenswerte so primitiv und niedrig gelegene Tatsächlichkeit, daß [sic!] sie jedem Individuum fraglos mit jedem anderen gemein ist. Dies eben ermöglicht das Sichzusammenfinden zur gemeinsamen Mahlzeit, und an der so vermittelten Sozialisierung entfaltet sich die Überwindung des bloßen Naturalismus des Essens“ (ebd., 250).

Die von Simmel erwähnte Sozialisierung ist in diesem Zusammenhang dadurch gekennzeichnet, dass gesellschaftlich etablierte Normen über die Bedürfnisse der Individuen gestellt werden. Die Sozialform Mahlzeit gestaltete sich im Zuge dessen im Laufe der Zeit zunehmend nach ästhetischen Prinzipien und die Essgebärden wurden nach streng eingeforderten Maßgaben reguliert und stilisiert. Dabei stehen die Höhen des sozialen und des ästhetischen Wertes der Mahlzeit in Relation zueinander. Als essentielle Richtlinie für die Ästhetik der Mahlzeit kann diesbezüglich gelten, dass sie einladend wirken, aber nicht durch eine zu schöne Fassade den Essenden auf Distanz halten soll. (vgl. ebd., 245ff.)

Mahlzeiten können daher als Ausdruck eines allgemeinen sozialen Systems beziehungsweise einer Kultur und ihrer soziokulturellen Wertemuster angesehen werden, die einer sich schnell verändernden Bewertung des Menschen unterliegen (vgl. Teuteberg 1974, 45f.). Es liegt dabei eine Wechselwirkung zwischen Kultur, welche durch ernährungsbezogene Normen und Werte mit hohem Verbindlichkeitsgrad Einfluss ausübt, und dem Ernährungsverhalten vor, das wiederum durch stetige Wiederholung jene Normen und Werte verfestigt (vgl. Leonhäuser et al. 2009, 21f.). Man bezeichnet diesen Verinnerlichungsprozess von kulturellen Systemen als Enkulturation. Mit Hinsicht auf Ernährung geht es unter anderem um das Erlernen „bestimmter Zeiten, Orte und Techniken der Nahrungsaufnahme“ (Prahl/Setzwein 1999,123), wie Kapitel 5.3 verdeutlichen wird. Die Enkulturation ist weiterhin Teil der Sozialisation, die Hurrelmann als „Prozess, in dessen Verlauf sich der menschliche Organismus zu einer handlungsfähigen Persönlichkeit bildet“ bezeichnet. Er führt weiter aus: „Sozialisation ist die lebenslange Aneignung von und Auseinandersetzung mit den natürlichen Anlagen, […] die für den Menschen die ,innere Realität' bilden, und der sozialen und physikalischen Umwelt, die für den Menschen die ,äußere Realität' bilden“ (Hurrelmann 2006, 15f.).

Ernährungsverhalten ist als Folge einer psychischen Verarbeitung endogener und exogener Ursachen daher das Ergebnis von Sozialisation (vgl. Teuteberg 1979, 275; Leonhäuser et al. 2009, 20f.). Wegen der starken Verquickung von Ernährung und Sozialisation sprechen Prahl und Setzwein auch von einer Ernährungssozialisation. Sie zeigt sich auch während der im Laufe des Lebens zu durchschreitenden Übergänge. Der Beginn eines neuen Lebensabschnitts wie die Einschulung stellt meist Grund zum Feiern dar, wobei der Verzehr emotional wie sozial hoch aufgeladener Mahlzeiten in Form von Ritualen symbolisch eine wichtige Rolle spielen. Heranwachsende lernen durch die beispielsweise außeralltägliche Festtagstorte und die speziellen Ess- und Trinkriten die Bräuche sowie Sitten ihrer Kultur, welche auf einem strengen Normen- und Wertesystem beruhen, als auch die Bedeutungsdimensionen der Ernährung kennen. (vgl. Prahl/ Setzwein 1999, 122f.; Teuteberg 1979, 277f.) Das Ernährungsverhalten wird demnach in Form von Sitten und Bräuchen institutionalisiert und kann dadurch wiederum Ernährung routinieren, indem sie feste Zeiten und Orte für spezielle Anlässe vorgibt (vgl. Teuteberg 1979, 277f.).

Während der Ernährungssozialisation lernen Kinder den kommunikativen Symbolgehalt von Nahrung kennen. So kann Nahrung als Ausdruck bestimmter Lebenssituationen interpretiert werden. Essen und Trinken unterliegen dabei einer gewissen Klassifikation. Einige Nahrungsmittel gelten als Prestigeprodukte (Kaviar), andere als Statusprodukte (Bio). Weiterhin gibt es noch die Fetisch- und Sicherheitsprodukte (fettarm) sowie Hedonistische (Alkohol) und Nur-funktionelle Produkte (Kartoffel). Auf diese Weise dienen die einzelnen Lebensmittel als Erkennungszeichen des jeweiligen gesellschaftlichen Standorts. Jedoch ist nicht nur die symbolische Bedeutung der Nahrungsmittel für den kommunikativen Prozess relevant, sondern auch die Zubereitungstechnik, die Verzehrform, etc. (vgl. Teuteberg 1979, 268ff.) Auch Bourdieu (1991) betrachtet Ernährungshandeln, das sich auf der Grundlage einer (Ess-)Erziehung herausbildet, welche durch die soziale Herkunft beeinflusst wird, als Merkmal einer Klassenzugehörigkeit (vgl. Leonhäuser et al. 2009, 22).

Grundsätzlich muss dieser kommunikative Charakter immer vor dem Hintergrund der zeitlichen und räumlichen Dimension interpretiert werden, da sowohl die vorherrschende Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur als auch die jeweilige Epoche hier eine maßgeblich Rolle spielen und die symbolische Bedeutung der Nahrungsmittel im Laufe des sozialen Wandels soziokulturellen Auf- und Absiegsprozessen unterliegen (vgl. Teuteberg 1974, 46; Teuteberg 1979, 271, 279). Die oben angeführten Beispiele für die Klassifikation der Nahrungsmittel beziehen sich daher auf die deutsche Gegenwart.

Wie sich der mehrfach angedeutete soziale Wandel mit Bezug auf Erziehung durch Ernährung vollzog, wird im Folgenden dargestellt.

4 Historische Entwicklung

Der Prozess der Zivilisation stellt eine sich langsam entwickelnde neue gesellschaftlich-kulturelle Ordnung dar im Kampf gegen die animalische Natur des Menschen und der damit einhergehenden Hervorbringung eines sittlichen Gesellschaftswesens (vgl. Seichter 2012, 92). Nach Elias lässt sich die Zivilisierung des Menschen als ein Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwellen beschreiben, bei dem äußere Fremdzwänge nach und nach zu inneren Selbstzwängen werden, wie er anschaulich am Beispiel der Tischsitten verdeutlichte (vgl. Teuteberg 1974, 42; Leonhäuser et al. 2009, 21; Seichter 2012, 93f.).

In ursprünglichen, noch einfacheren und kaum institutionalisierten Gesellschaftsformen, so führt er weiter aus, kennzeichnete das menschliche Verhalten vor allem seine natürliche sowie animalische Triebhaftigkeit und Ungezügeltheit. Im Mittelalter und noch zu Beginn des 16. Jahrhunderts gehörten Rohheit, sexuelle Freizügigkeit, Gewalt, Schmutz und Gestank zur alltäglichen Normalität aller Schichten. Der Dorfplatz und das Wirtshaus dienten als sozialer Treffpunkt, an dem auch Sozialisation und soziale Kontrolle hauptsächlich stattfanden. Eine Sensibilität gegenüber schlechten Gerüchen unter anderem entwickelnden die Menschen erst später, wie Muchembled ergänzt. (vgl. Seichter 2012, 94, 97, 111) Bezogen auf das Ess- und Trinkverhalten konnte man seiner Gier unkontrolliert nachgeben, mit Händen in die von allen geteilten Schalen greifen und musste keine Rücksicht auf die Mitessenden nehmen bezüglich Reihenfolgen oder deren Ästhetikempfinden (vgl. Prahl/Setzwein 1999, 124f.). Dennoch waren die Mahlzeiten dieser Epoche von enormer Bedeutung, da sie „ein Symbol, an dem sich die Sicherheit des Zusammengehörens immer von neuem orientierte“ (Simmel 1957, 245), darstellte.

Die Idee einer Erziehung zu richtigen (Ess-)Verhaltensweisen lässt sich erstmals in der humanistischen Manierenschrift von 1530 des Erasmus von Rotterdam finden, der die Wichtigkeit des äußeren Erscheinungsbilds für das gesellschaftliche Ansehen konstituierte (vgl. Seichter 2012, 96f.). Mit einiger Verzögerung vollzog sich dann im Laufe des 16. Jahrhunderts eine zügige Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die mit vielfältigen Disziplinierungen einher ging (vgl. Prahl/Setzwein 1999, 125). Im Zuge dessen herrschte eine immer größere Angst vor sozialer Degradierung und Verachtung, wodurch die Erziehung der Kinder als gesellschaftlicher Modellierungsprozess an Bedeutung gewann, um die kulturellen Strukturen und Normen dem Nachwuchs wortwörtlich „einzuverleiben“. Das natürlich-animalische Verhalten musste einem logisch-rationalem weichen, indem die Triebe zunehmend reguliert wurden. Die Entdeckung des Über-Ichs als psychische Kontrollinstanz des Ichs beschleunigte diesen Prozess. (vgl. Seichter 2012, 94f.) Die zunehmend sichtbar werdenden Peinlichkeitsschwellen sowie das Gefühl der Scham für schlechte Manieren bildeten den Antrieb für immer differenziertere Normen und Sitten (vgl. Prahl/Setzwein 1999, 125). Der Zusammenhang von Seele und Körper trat zudem langsam in das Bewusstsein des Menschen, weshalb das Erlernen von konsensfähigen Verhaltensmustern hauptsächlich über sogenannte Hof- und Tischzuchten geschah. Auf dieser Grundlage entwickelte sich schließlich bis zum 17. Jahrhundert eine Gesellschaftshierarchie. Die soziale Distinktion in eine gesellschaftliche Elite und das gemeine Volk resultierte neben unterschiedlichen Tischutensilien und dem durch ästhetische Vernunft gebildete, inkorporierte Geschmack unter anderem aus einem neuen Verständnis von Höflichkeit. Erziehung erlangte in der Folge den Charakter einer unerlässlichen Voraussetzung für eine gehobene soziale Karriere und erfolgte über das Einüben gesellschaftlich angesehener Etikette bei Tisch, wo sich die Verinnerlichung von Normen widerspiegelte. Das Zeitalter der Aufklärung verstärkte diesen Prozess. So galt die ländliche Bevölkerung beispielsweise als Inbegriff schlechter Manieren und wurde für ihr Anderssein mit Verachtung gestraft. (vgl. Seichter 2012, 96ff., 109f.) Die standesspezifischen Unterschiede spiegelten sich zudem in der jeweiligen Bedeutung von Mahlzeit wider. Für niedere Stände ging es hierbei vorrangig um einen physiologischen Vorgang und die Nahrungsmittel standen im Vordergrund. Bei höheren Ständen rückte hingegen das Zusammensein in einer Gesellschaft in den Fokus, weshalb Manieren in Form von schematisiertem, überindividuell reguliertem Verhalten unabdingbar wurden. (vgl. Simmel 1957, 246)

Im Zuge dieser Zivilisierung setzte auch der Individualisierungsprozess ein. Es entwickelte sich ein zunehmendes Interesse an der menschlichen Seele, die, aufgrund des sich durch Internalisierung des gesellschaftlichen Wertesystems ausbildenden Gewissens, als Instanz für die eigene Verantwortung und Schuld betrachtet wurde. Diese Ansicht in Kombination mit der Bewusstwerdung des Zusammenhangs von Körper und Seele führte zur gesellschaftlichen Intention, das Innere über das Äußere des Menschen zu erreichen, wodurch Erziehung durch Ernährung eine wichtigere Rolle spielte. (vgl. Seichter 2012, 99ff.)

Die Einführung einer strafenden und klassifizierenden Justiz setzte die Bevölkerung zunehmend unter Druck, sich den Normen entsprechend zu verhalten, da sonst sozialer Ausschluss drohte. In der Folge wurden die von außen auferlegten Fremdzwänge in Selbstzwänge umgewandelt. Auch die sich später verbreitenden, eher unsichtbaren Kontrollen, wie das gegenseitige Beobachten, unterstützten diesen Prozess. Mahlzeiten wurden in diesem Rahmen zum Ort sozialer Kontrolle, wo man die gesellschaftlichen Anstandsregeln der Individuen begutachtete und bewertete. (vgl. ebd. 103f., 106) Bis heute stellt die Ernährung ein Medium der Erziehung dar, mit dem die gesellschaftlichen Normen und Werte transferiert werden. Dies thematisiert im weiteren Verlauf Kapitel 5.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Erziehung und Ernährung
Untertitel
Kulturwissenschaftliche Sicht auf Ernährung, historische Entwicklung
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
22
Katalognummer
V594050
ISBN (eBook)
9783346179531
ISBN (Buch)
9783346179548
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entwicklung, ernährung, erziehung, kulturwissenschaftliche, sicht
Arbeit zitieren
Nadine Schall (Autor), 2013, Erziehung und Ernährung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/594050

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