Die Textsorte Pressehoroskop am Beispiel der Frauenzeitschrift Brigitte. Der Wandel der astrologischen Fachsprache und eine Didaktisierung des Themas Pressehoroskop


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

37 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Theoretischer Hintergrund
1. Einleitung
2. Die Frauenzeitschrift Brigitte
3. Die Textsorte Pressehoroskop
3.1. Begriffsbestimmung Horoskop
3.2. Das Horoskop als Pressetext
3.3. Linguistische Charakteristika in Pressehoroskopen

B. Forschungsziel

C. Methodische Analyse
1. Die pseudowissenschaftliche Fachsprache in Pressehoroskopen
2. Entfaltung der pseudowissenschaftlichen Elemente in Horoskoptexten
3. Das zugrundeliegende Untersuchungskorpus auf Grundlage des Brigitte-Magazins
4. Methodisches Vorgehen

D. Ergebnisse der Analyse
1. Auswertung der Wortschatzanalyse
2. Fazit

E. Didaktisierung des Themas Horoskope als Textsorte
1. Didaktische Analyse
1.1. Pädagogische Intentionen
1.2. Unterrichtspraktische Hinweise
2. Methodische Auseinandersetzung
2.1. Die Einstiegsphase
2.2. Die Problematisierungsphase
2.3. Die Erarbeitungsphase
2.4. Die Vertiefungsphase

F. Literaturverzeichnis

A. Theoretischer Hintergrund

1. Einleitung

Horoskope sind ein universaler Bestandteil der Massenmedien. Einerseits belächelt, gehören sie andererseits zum festen Inventar der Presselandschaft. Ein Text lässt sich mit hoher Genauigkeit intuitiv der Textsorte Pressehoroskop zuordnen. Dennoch handelt es sich bei Horoskopen um eine vielseitige und komplexe Textsorte. Da sie im Kontext der Astrologie angesiedelt sind, werden mit Horoskopen oft Aberglaube und Esoterik assoziiert, weshalb sie als trivial gelten. Gleichwohl spricht die relative Stabilität, in welcher Horoskoptexte in Zeitungen, Zeitschriften und Illustrierten vertreten sind, dafür, dass es sich bei dem Horoskop um ein alltägliches „Massenphänomen“ handelt.1 Nach einer im Jahre 2001 durchgeführten Umfrage des Allensbacher Meinungsforschungsinstitutes lesen 62% aller Befragten manchmal und 15% regelmäßig ihr Horoskop in Zeitschriften oder Zeitungen. Von den 2049 befragten Personen sind es 23% der Frauen, die das Horoskop beständig lesen. Bei den Männern finden sich nur 7% regelmäßige Leser.2 Es besteht also ein Zusammenhang zwischen dem Geschlecht und dem Konsum von Horoskopen, was erklären mag, warum das Horoskop in Frauenzeitschriften nahezu obligatorisch ist, während es in Männermagazinen so gut wie nie vorkommt. Über einen grundsätzlich ausgeprägteren mentalen Zugang zu esoterischen Themenbereichen auf Seiten von Menschen weiblichen Geschlechts kann an dieser Stelle nur gemutmaßt werden.3 Untersuchenswert ist allerdings die Verknüpfung von der Textsorte Horoskop mit der pseudowissenschaftlichen Astrologie. Wieviel Astrologie steckt auf textlinguistischer Ebene in Pressehoroskopen?

Diese Hausarbeit untersucht am Beispiel der Frauenzeitschrift Brigitte wie sich die astrologische Fachsprache innerhalb der vergangenen sechzig Jahre bei Horoskoptexten verändert hat.

Zu Beginn erfolgt eine Darstellung des theoretischen Hintergrundes, in welcher zunächst Informationen zu der Illustrierten Brigitte vermittelt werden. Alsdann wird die Textsorte Pressehoroskop genauer beleuchtet. Hierfür wird einleitend der Begriff Horoskop bestimmt, wobei die Entwicklung von den Ursprüngen der Geburtshoroskope in der Astrologie bis zum heutigen massenmedialen Phänomen Pressehoroskop chronologisch nachvollzogen wird. Anschließend werden die linguistischen Charakteristika dieser Textsorte genauer untersucht, wobei auf den situativen Kontext, Textfunktion und -thema sowie auf besondere sprachliche Mittel von Horoskopen eingegangen wird.

An eine sich aus der theoretischen Darstellung ergebende Forschungshypothese knüpft eine empirische Wortschatzanalyse von ausgewählten Horoskoptexten des Brigitte Magazins an. Hierfür werden das untersuchte Textkorpus und eine Überprüfung der erwähnten textlinguistischen Kategorien bei den Horoskopen der Brigitte dargestellt. Anschließend wird das methodische Vorgehen beschrieben. Darauf aufbauend werden in einem abschließenden Teil die Ergebnisse der sprachlichen Analyse vorgestellt und eine resümierende Deutung gegeben.

Ein eigenständiger Abschnitt beschäftigt sich mit einer exemplarischen didaktischen Aufbereitung des Themas Textsorte: Pressehoroskop für den Schulunterricht. Es werden pädagogische Intentionen sowie unterrichtspraktische Hinweise, welche das Thema tangieren, erwähnt, bevor verschiedene methodische Entscheidungen dargelegt werden.

2. Die Frauenzeitschrift Brigitte

Die Brigitte ist ein seit dem 1. Mai 1954 unter diesem Titel vom Verlagshaus Gruner & Jahr herausgegebenes, ursprünglich für Hausfrauen entworfenes Magazin, das vierzehntägig erscheint.4 Mit einer verbreiteten Auflage von 402.656 Exemplaren erreichte die Brigitte im vergangenen Jahr nahezu 2,7 Millionen Leser*innen. Bei der Brigitte handelt es sich um ein Magazin mit „allgemeinem Querschnittsangebot“.5 Der Inhalt der Artikel und die Themenauswahl sind vielseitig. Allerdings bleibt die Aufbereitung der Themen meist auf einer „unterhaltend-oberflächlichen“ Ebene. Statt der Anregung eines Meinungsbildungsprozesses auf Seiten der Rezipienten*innen formuliert die Frauenzeitschrift Thesen, für welche sie das Einverständnis der Leser*innen als gegeben annimmt.6 Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird sich zeigen, dass die Textsorte Pressehoroskop in ihrer Intention und Ausrichtung unübersehbare Ähnlichkeiten mit der Brigitte in ihrer Gesamtheit aufweist. Das Bild von einem Makrokosmos Brigitte mit einem inklusiven Mikrokosmos Horoskop bietet sich als Vergleich an.

3. Die Textsorte Pressehoroskop

3.1. Begriffsbestimmung Horoskop

Der Begriff Horoskop ist von dem spätlateinischen ‚horoskopium’ abgeleitet. Das ‚horoskopium’ stellt ein Instrument dar, welches zur Ermittlung der Planetenkonstellation bei der Geburt eines Menschen diente. Das Wort ist eine Entlehnung des griechischen Begriffs ωροσκόπεῖον (horoskopeion), was mit ‚Stundenseher’ übersetzt werden kann.7 Nach dem Fremdwörterbuch des DUDEN kann das Wort Horoskop in mehreren Bedeutungen verwendet werden: Einerseits als „ schematische Darstellung der Stellung der Gestirne zu einem Bestimmten Zeitpunkt als Grundlage der Schicksalsdeutung “ und andererseits als „ Voraussage über kommende Ereignisse auf Grund von Sternenkonstellationen “.8

Das Horoskop ist das wichtigste Arbeitsmittel der Astrologie. Als Astrologie wird die Lehre von den Sternen bezeichnet. Sie beschäftigt sich mit der Deutung von Zusammenhängen zwischen astronomischen Ereignissen in Form von Gestirnskonstellationen und irdischen Vorgängen. Aus der Astrologie ging die Astronomie als deutungsfreie Beobachtung des Sternenhimmels hervor.9 Das älteste überlieferte Horoskop stammt aus dem Jahre 412 v. Chr.10 Seit dem 20. Jh. verlagerte sich der Schwerpunkt der Astrologie auf die Deutung des menschlichen Geburtshoroskopes, bei welchem die Planetenpositionen von Sonne, Mond und Erde zum Zeitpunkt der Geburtsstunde im Verhältnis zueinander berechnet und ausgewertet werden.11 Ursprünglich erfolgte diese Berechnung in einem Quadrat. In der Gegenwartsastrologie bezeichnet man die gesamte graphische Darstellung der Berechnungen von Planetenkonstellationen zu einem gewissen Zeitpunkt, die kreisförmig erfolgt, als Radixhoroskop. Die Deutung eines Horoskopes beruht auf dem astrologischen Wissen, aber auch auf der Intuition der Astrologen*innen. Die Deutungsmöglichkeiten stellen sich so komplex und umfassend dar, dass sie sich dem Anspruch auf Absolutheit entziehen.12 Laut Auffassung der Astrologen*innen muss ein jedes Horoskop als individuell und einzigartig angesehen werden.13

Bei Horoskopen handelt es sich heutzutage um Zukunftsvoraussagen basierend auf der Berechnung von Planetenkonstellationen, die mit Hilfe überlieferter symbolischer Interpretationsmuster gedeutet werden. Die modernen Pressehoroskope verfügen allerdings kaum über Gemeinsamkeiten mit dem astrologischen Bedeutungsgehalt eines ‚seriösen’ Radixhoroskopes. Im alltäglichen Sprachgebrauch werden dennoch Astrologie und Horoskop häufig gleichgesetzt.14

3.2. Das Horoskop als Pressetext

Die ersten Pressehoroskope erschienen 1930 in der englischen Zeitung Naylor’s Express. Anlass für den Einstieg in diese Form der astrologischen Pressearbeit war die Geburt der Prinzessin Margaret, zu welcher der Sunday Expres s am 24. August 1930 einen Artikel mit dem Namen What the stars foretell for the new princess abdruckte. Es wurde Margarets Geburtshoroskop abgebildet und erklärt, was die einzelnen Faktoren bedeuten. Ebenso erfolgte eine allgemein gehaltenen Prognose über das Leben der Prinzessin. Der Artikel und insbesondere die Form der Zukunftsvorhersage stießen auf so großes Interesse, dass sich daraus ein Wochenhoroskop für jeden Geburtstag entwickelte, welches in seiner Form bald von vielen Zeitungen weltweit übernommen wurde.15

In Deutschland fanden die Horoskope erst nach der Zeit des Nationalsozialismus Einzug in die Presse. Das erste Zeitschriftenhoroskop erschien 1950 in der April-Ausgabe des Magazins Stern.16 Für die Konsumenten*innen von Presseerzeugnissen wird über die Jahrzehnte die privatisierende Unterhaltung wichtiger als Information. Alltagspraktische Beratung in Zeitschriften erfüllt eine Bedürfnisbefriedigung die „früher [...] von Beichtvätern [...] und älteren Verwandten“ übernommen wurde.17 Die Textsorte Horoskop reiht sich in diese Darbietungsform von emotionalisierten Banalitäten perfekt ein. Heutzutage sind Horoskope in fast allen Zeitschriften und Zeitungen mit überregionaler Verbreitung, die ein unterhaltendes Profil aufweisen, zu finden; mit Ausnahme von Hobby-, Sport-, und Männerzeitschriften.18

Zeitungshoroskope werten ausschließlich das Tierkreiszeichen aus, in welchem die Sonne bei der Geburt eines Menschen steht. Die Tierkreiszeichen sind zwölf Sternbilder, die in der babylonischen Antike als diejenigen Symbolbilder definiert wurden, vor denen sich die Sonne nacheinander während eines Jahres zu je etwa einem Zwölftel der Jahreslänge befand.19

Pressehoroskope enthalten allgemein gehaltene Prognosen und Verhaltenstipps, die pauschal für alle Angehörigen eines Tierkreiszeichens gelten. Horoskope in Zeitschriften befriedigen ein Bedürfnis nach Zukunftsprophezeiung und Unterhaltung. Die Voraussagen werden von den Leser*innen mit großer Wahrscheinlichkeit als zutreffend erachtet. Allen Aussagen in Horoskopen mangelt es an Objektivität und Falsifizierbarkeit.20 Die Pressetextsorte Horoskop bedient sich lediglich des Ausdrucks Horoskop. Das komplexe astrologische Deutungssystem mit individueller Berechnung des persönlichen Charakters eines Menschen wird von Pressehoroskopen devalviert.

3.3. Linguistische Charakteristika in Pressehoroskopen

Trotz der großen Beliebtheit, welcher sich die Textsorte Pressehoroskop in der Gesellschaft erfreut, wurden Horoskope in der Linguistik-Forschung wenig beachtet. Sie gewannen erst im Kontext der Phraseodidaktik an Aufmerksamkeit und wurden zum Gegenstand linguistischer Analysen.21

Aufgrund der Vielzahl an linguistisch relevanten Textmerkmalen gestaltet sich eine einheitliche Festsetzung und Benennung dieser als schwierig.22 Es existiert kein einheitlicher Katalog von Beschreibungsdimensionen. Dies ist unter anderem der Tatsache geschuldet, dass gewisse Dimensionen nicht scharf von einander abgrenzbar sind, da sie miteinander in Beziehung stehen. Als Basis für die vorliegende Untersuchung dient Kirsten Adamziks „Raster für Dimensionen der Textbeschreibung“ als Orientierung.23

3.3.1. Situativer Kontext

Auf der Ebene des situativen Kontextes wird das situativ-kommunikative Umfeld ebenso wie die materielle Textgestalt betrachtet.

Zeitschriften unterliegen den Gesetzmäßigkeiten, die für Massenmedien gelten: Um die Verkaufszahlen zu maximieren, werden die Erwartungen und Wünsche des Publikums zu erfüllen versucht.24 Pressehoroskope sind durch die besonderen Bedingungen der Pressekommunikation gekennzeichnet. Zeitschriften erscheinen öffentlich und periodisch. Zwischen Textproduktion und -rezeption existiert eine raum-zeitliche Trennung. Produzenten*innen und Rezipienten*innen stehen sich anonym gegenüber.25 Da es sich beim Pressehoroskop um eine Art Ratschlag handelt und nicht um eine seriöse Zukunftsprognose, genießen die Verfasser*innen der Horoskope eine gewisse Freiheit, die sich in der Vagheit der Voraussagen widerspiegelt.26 Horoskopschreiber*innen bleiben meist anonym, wodurch die Annahme gestützt wird, dass Horoskope die ‚Wahrheit der Sterne’ aussagen und daher keiner Genauigkeit bezüglich Produktionsweise oder Produzent*in bedürfen.27 Ferner bleibt der oft heterogenen Gruppe von Adressaten*innen so die Möglichkeit vorenthalten, sich über Aussagen der Autoren*innen zu beschweren.28 Die meisten Rezipienten*innen lesen hauptsächlich das eigene Horoskop zu Unterhaltungszwecken. Der Lesevorgang stellt sich als ein selektiver dar.29 Daher ist es sinnvoll, dass die „Textarchitektur“ von Pressehoroskopen deutlich strukturiert ist, um ein schnelles Auffinden zu erleichtern und dem Leseverhalten der Rezipienten*innen entgegenzukommen.30

Zu den Merkmalen der äußeren Textgestalt zählen bei Horoskoptexten neben der Einordnung im jeweiligen Printmedium der Umfang sowie die umfassende Anordnung und Strukturierung.31 Die Überschrift, die entweder die Textsorte benennt (Das Horoskop) oder paraphrasiert ist (z. B. Was die Sterne sagen), gibt auch den gültigen Zeitraum an und kann als bedeutendstes, unverzichtbares Element gelten. Ein ebenso obligatorisches Merkmal der materiellen Textgestalt ist die an den zwölf Sternzeichen ausgerichtete Untergliederung des Textes. Oftmals wird jedes Einzelhoroskop in drei Dekaden unterteilt, was die chronologische Textstruktur unterstreicht. Die starke Strukturierung wird ferner durch graphische Gestaltung in Form von Fettdruck und bildliche Darstellungen unterstützt.32

3.3.2. Textfunktion

Um die Funktionalität von Texten zu bestimmen, gilt es den „Sinn, den ein Text in einem Kommunikationsprozess erhält“ zu erfassen.33 Ein Text kann mehrere Funktionen aufzeigen. Bei Pressehoroskopen dominiert laut Lutz Köster eine konstatierend-assertierende Funktion mit instruktivem Charakter.34 Das Horoskop bewegt sich in einem Spannungsverhältnis zwischen Ratgeber und Vorhersage, bei gleichzeitiger Bereitstellung von Wissen.35 Grundsätzlich vermitteln Horoskope Informationen, die als Ratschlag formuliert eine Appellfunktion haben. Es besteht eine wechselseitige Abhängigkeit zwischen informierender und appellativer Sprachhandlung. Eckard Rolf weist deshalb zusätzlich auf die „orientierend[e]“ Eigenschaft von Horoskopen hin, da die Rezipienten*innen ihr Verhalten in Anlehnung an die Tipps ausrichten könnten.36 Zu betonen ist auch die Kontaktfunktion, welche schon durch die Identifizierung der Leser*innen mit ihren Tierkreiszeichen gegeben ist. Es finden sich in Horoskopen zahlreiche expressive Sprachhandlungen, für welche allerdings die grundlegende Kommunikationsmaxime gilt, nichts Negatives auszusagen.37

3.3.3. Thema

Bei dem Thema geht es darum, den inhaltlichen Kern eines Textes zu erfassen.38 Dieser ist in Bezug auf Pressehoroskope zweifelsohne Eine Voraussage über die Zukunft. Jedoch weisen Horoskope oft schon durch eine strukturelle Unterteilung in unterschiedliche Bereiche wie beispielsweise Liebe, Beruf, Gesundheit verschiedene thematische Bereiche auf, die für die Leser*innen im alltäglichen Leben von besonderer Bedeutung zu sein scheinen. Damit zeichnen sich Horoskope als „Alltagstextsorte“ aus.39 Die angesprochenen Alltagsthemen fungieren als inhaltlich-thematischer Rahmen. Sie erscheinen als konstante Themenbereiche, die durch Schlüssellexeme verdeutlicht werden können und sich wiederum in weitere Teilthemen wie beispielsweise Partnerschaft, Erotik, Eifersucht (in Bezug auf Liebe) untergliedern. Die Ausgeprägtheit eines Alltagsthemas ist zeitschriftenspezifisch und hängt von der Zielgruppe ab, an welche sich die Zeitschrift richtet. Bemerkenswert ist, dass die Benennung der Themen sich an dem Inhalt ausrichtet und daher von der sprachlichen Gestaltung der Themen durchaus divergieren kann.40

3.3.4. Sprachliche Gestalt

Im Folgenden wird auf sprachliche Merkmale eingegangen, die für die Textsorte Horoskop spezifisch sind. Es werden auch stilistische Textmerkmale tangiert, da eine Abgrenzung des Textstils zur sprachlichen Dimension oft nicht realisierbar ist.

Pressehoroskope werden anhand eines spezifischen „Formulierungsmusters“ aufgebaut, das sowohl den typischen Stil der Textsorte als auch den der jeweiligen Zeitschrift widerspiegelt.41 Da Horoskope zu den stark konventionalisierten Textsorten gehören, fällt auf, dass Horoskope von bestimmten Lexemen und Wortgruppen, sowie typischen syntaktische Konstruktionen geprägt sind.42

Weil Horoskope instruktive Passagen enthalten, formulieren sie Aufforderungen häufig direkt, indem sie die Leser*innen direkt ansprechen. Hierfür werden zumeist Imperativsätze verwendet.43 Durch den Gebrauch von Indefinitpronomina, die eine Unbestimmtheit in Bezug auf Geschlecht oder Zahl in Hinblick auf die Kennzeichnung einer Person oder einer Sache zulassen, wird eine „Vagheit“ der Formulierungen gewährleistet.44 Diese „Vagheit“ ist Voraussetzung für das in 3.2. beschriebene psychologische Phänomen namens Barnum-Effekt: Durch die Betonung von Aspekten, die allen Menschen gemeinsam sind und durch inhaltliche und sprachliche Elemente, die von den Leser*innen unbewusst passend interpretiert werden, werden Horoskopprognosen oft als zutreffend erachtet.45 Katja Furthmann spricht in diesem Zusammenhang von einer in Horoskopen vertretenen „omniscopus“, einer „Sprache für alle und jeden“, für welche verschiedene Spielarten der Ungenauigkeit ein wichtiges Moment scheinen.46 So auch die Phraseologismen, die mit vorgefertigten Sprachmustern, die vertraut und alltagssprachlich scheinen, eine Nähe zur Leserschaft aufbauen. Der Interpretationsspielraum bei Redewendungen & Co. ist groß, da sie sich auf jedwede individuelle Situation beziehen lassen. Zudem geben Phraseologismen scheinbar allgemein gültiges Wissen wieder.47

Auch auf morphosyntaktischer Ebene verweisen Pressehoroskope auf Allgemeingültiges. Die dominierende Tempusform in Horoskopen ist das Präsens.48 Als „besprechendes“ Tempus ist die Zeitform der Gegenwart prädestiniert, auf gegenwärtige und zukünftige Sachverhalte zu verweisen.49

In der semantischen Kategorie greifen die Verfasser*innen von Horoskopen gern auf das Mittel der Modalität zurück, um die Geltung der Inhalte zu relativieren.50 Die Modalität drückt die Stellungnahme des/der Sprechenden zur Geltung des Sachverhalts, auf den sich die Aussage bezieht, aus.51 Modalität wird in Horoskopen gehäuft durch lexikalische Mittel wie Modalverben, -partikel und -wörter ausgedrückt. Auch die verbmorphologische Kategorie des Modus in Form von Konjunktiv-Verwendungen drückt in Horoskopen Modalität aus.52

Der Bezug zur Astrologie, wie er in 3.1. aufgeführt wurde, bringt die Verwendung verschiedener Lexeme mit sich, die mit Astrologie konnotiert werden. Dadurch wird der Erwartungshorizont der Rezipienten*innen erfüllt. Das Kollektivum Sterne gehört dazu, ebenso die Bezeichnung für verschiedener Planeten oder Götter, sowie Wortgruppen, durch die mit einem Attribut auf kosmische Einflüsse hingewiesen wird.53

[...]


1 Vgl. Adorno, Theodor W.: Aberglaube aus zweiter Hand. In: Ders.: Soziologische Schriften I (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1708), Berlin 2003, 147-176, hier 150.

2 Vgl. Institut für Demoskopie Allensbach (Hg.): IfD-Umfrage 7012. In: Allensbacher Berichte 25/2001, Allensbach 2001, 3.

3 Bettina Stuckard mutmaßt, dass es in das Rollenbild passt, „wenn Männer sich an Fakten halten und eine Orientierung nicht aus den Ratschlägen anderer erfahren" müssen. Daher besteht für das männliche Geschlecht weniger Bedarf an psychologisierenden Beiträgen, die eine Handlungsorientierung auf der Basis astrologischen Wissens beinhalten. Vgl. Stuckard, Bettina: Das Bild der Frau in Frauen- und Männerzeitschriften. Eine sprachwissenschaftliche Untersuchung über Geschlechterstereotype, (Angewandte Sprachwissenschaft Bd. 5), Berlin et al., 2000, 91.

4 Vgl. Lott-Almstadt, Sylvia: Brigitte 1886–1986. Die ersten 100 Jahre. Chronik einer Frauenzeitschrift, Hamburg 1986, 12.

5 Vgl. Röser, Jutta: Frauenzeitschriften und weiblicher Leserzusammenhang. Themen, Konzepte und Leitbilder im sozialen Wandel, Opladen 1992, 83.

6 Vgl. Stuckard, Bettina: Das Bild der Frau in Frauen- und Männerzeitschriften, 20.

7 Vgl. Duden. Das Herkunftswörterbuch, Etymologie der deutschen Sprache (Bd. 7), Mannheim et al. 32011, 346.

8 Vgl. Duden. Das Fremdwörterbuch (Bd. 5), Mannheim et al. 72013, 579.

9 Vgl. Hübner, Wolfgang: Astrologie. In: Cancik, Hubert/ Schneider, Helmuth (Hgg.): Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. (Bd. 2), Stuttgart 1997, 123f.

10 Vgl. Furthmann, Katja: Die Sterne lügen nicht. Eine linguistische Analyse der Textsorte Pressehoroskop, Göttingen 2006, 46.

11 Vgl. Heilen, Stephan: >Hadriani genitura< - Die astrologischen Fragmente des Antigonos von Nikaia. Edition, Übersetzung und Kommentar, Berlin 2015, 5.

12 Vgl. Schubert-Weller, Christoph: Spricht Gott durch die Sterne? Astrologie, Gesellschaft und christlicher Glaube, München 1993, 43.

13 Vgl. Furthmann, Katja: Die Sterne lügen nicht, 40.

14 Vgl. ebd., 43.

15 Vgl. Holden, James H.: A History of Horoscopic Astrology: From the Babylonian Period to the Modern Age, Phoenix 2006, 209.

16 Vgl. Bachmann-Stein, Andrea: Horoskope in der Presse. Ein Modell für holistische Textsortenanalyse und seine Anwendung, in: Sandig, Barbara (Hg.): Arbeiten zu Diskurs und Stil (Bd. 8), Frankfurt a. M. 2004, 3.

17 Vgl. v. Polenz, Peter: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart (Bd. III), 19. und 20. Jahrhundert, Berlin/ New York 1999, 95.

18 Vgl. Furthmann, Katja: Die Sterne lügen nicht, 97f.

19 Vgl. Hamel, Jürgen: Begriffe der Astrologie. Frankfurt a. M. 2010, 580.

20 Vgl. Bördlein, Christoph: Frühe Forschungen zum „Barnum-Effekt“. In: Skeptiker (Bd. 13/1), Roßdorf 2000, 44-45.

21 Vgl. Köster, Lutz: Phraseme in populären Kleintexten. In: Burger, Harald et al. (Hgg.): Phraseologie. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft Bd. 28.1), Berlin/ New York 2007, 308-312, hier 309.

22 Vgl. Adamzik, Kirsten: Textlinguistik. Eine einführende Darstellung. In: Fritz, Gerd/ Hundsnurscher, Franz (Hgg.): Germanistische Arbeitshefte (Bd. 40), Tübingen 2004, 53.

23 Vgl. Adamzik, Kirsten: Textlinguistik, 59.

24 Vgl. Furthmann, Katja: Die Sterne lügen nicht, 94.

25 Vgl. Bachmann-Stein, Andrea: Horoskope in der Presse, 83.

26 Vgl. Lüger, Heinz-Helmut: Pressesprache. Tübingen 21995, 49.

27 Vgl. Furthmann, Katja: Die Sterne lügen nicht, 99.

28 Vgl. ebd., 101.

29 Vgl. Berger ,Dominik/ Zenner, Cristiane: Horoskope - Anspielungen die vom Himmel fallen. In: Beiträge zu einer morphologischen Psychologie (15/2), 70-81, hier 75f.

30 Vgl. Fandrych Christian/ Thurmair, Marie: Textsorten im Deutschen. Linguistische Analysen aus sprachdidaktischer Sicht. Tübingen 2011, 175.

31 Vgl. Furthmann, Katja: Die Sterne lügen nicht, 129.

32 Vgl. Fandrych Christian/ Thurmair, Marie: Textsorten im Deutschen, 175.

33 Vgl. Brinker, Klaus: Linguistische Textanalyse. Berlin 62005, 81.

34 Vgl. Köster, Lutz: Vorsicht: Sie könnten andere mit ihren Ansprüchen vor den Kopf stoßen. Phraseologismen in populären Kleintexten und ihr Einsatz im DaF-Unterricht, in: bzf (Hg.): Phraseologie und Phraseodidaktik. Beiträge zur Fremdsprachenvermittlung, Sonderheft 2001, Bad Bergzabern, 137-153, hier 137.

35 Vgl. Fandrych Christian/ Thurmair, Marie: Textsorten im Deutschen, 176.

36 Vgl. Rolf, Eckard: Die Funktion der Gebrauchstextsorte, Berlin 1993, 204.

37 Vgl. Furthmann, Katja: Die Sterne lügen nicht, 167f.

38 Vgl. Brinker, Klaus: Linguistische Textanalyse, 56.

39 Vgl. Heinemann, Margot: Textsorten des Alltags. In: Brinker, Klaus et al. (Hgg.): Text- und Gesprächslinguistik. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung (Bd.1), Berlin/ New York 2000, 604-614, hier 610.

40 Hierin liegt ein Grund, warum eine Untersuchung der Alltagssprache in Pressehoroskopen ein hohes Maß an Komplexität aufweist und eine Wortschatzanalyse aufgrund der Schwierigkeit der Erstellung eines Kriterienkatalogs für ‚Alltagsthemen’ und ‚Alltagsbegriffe’ schwer umsetzbar ist. Vgl. Bachmann-Stein, Andrea: Horoskope in der Presse, 119.

41 Vgl. diese Arbeit, 2. Die Frauenzeitschrift Brigitte: [d] as Bild von einem Makrokosmos Brigitte mit einem inklusiven Mikrokosmos Horoskop, 3.

42 Vgl. Heinemann, Wolfgang/ Viehweger, Dieter: Textlinguistik. Eine Einführung, Tübingen 1991, 165f.

43 Vgl. Fandrych Christian/ Thurmair, Marie: Textsorten im Deutschen, 177.

44 Vgl. ebd., 178.

45 Vgl. diese Arbeit: A. Theoretischer Hintergrund, 3.2. Das Horoskop als Pressetext, 5.

46 Vgl. Furthmann, Katja: Die Sterne lügen nicht, 175f.

47 Vgl. Fandrych Christian/ Thurmair, Marie: Textsorten im Deutschen, 178f.

48 Vgl. ebd., 179.

49 Vgl. Weinrich, Harald: Tempus. Besprochene und erzählte Welt, München 62001, 208.

50 Vgl. Bachmann-Stein, Andrea: Horoskope in der Presse, 225.

51 Vgl. Bussmann, Hadumod: Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart 42008, 442.

52 Vgl. Bachmann-Stein, Andrea: Horoskope in der Presse, 225.

53 Vgl. ebd., 211f.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Die Textsorte Pressehoroskop am Beispiel der Frauenzeitschrift Brigitte. Der Wandel der astrologischen Fachsprache und eine Didaktisierung des Themas Pressehoroskop
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Germanistik)
Veranstaltung
Textsorten im Wandel
Note
1,3
Jahr
2018
Seiten
37
Katalognummer
V594414
ISBN (eBook)
9783346170057
ISBN (Buch)
9783346170064
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauenzeitschrift, Brigitte, Sprache, Textsorte, Didaktisierung, Unterrichtseinheit, Pressehoroskop, Horoskop, Linguistik, Fachsprache, Pseudowissenschaft, Wortschatzanalyse
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Die Textsorte Pressehoroskop am Beispiel der Frauenzeitschrift Brigitte. Der Wandel der astrologischen Fachsprache und eine Didaktisierung des Themas Pressehoroskop, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/594414

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