Gender Studies in der Literaturwissenschaft. Methoden und Nutzen


Referat (Ausarbeitung), 2019

6 Seiten


Leseprobe

Einleitung

Die gender studies sind ein interdisziplinäres Forschungsfeld aus den USA und für viele Wissenschaftler jedes geisteswissenschaftlichen Fachbereichs eine anerkannte Methode, um beispielsweise Geschlechterrollen zu analysieren. Doch wie entstanden eigentlich die gender studies und was lässt sich mit den gender studies in der germanistischen Literaturwissenschaft untersuchen? Zu dieser Fragestellung stellt Sabine Koloch fest, dass die gender - Forschung eine Forschungsrichtung ist, die geschlechterbezogene Selbst- und Fremdenzuschreibungen in Geschichte und Gegenwart dokumentiere und analysiere.1 Dieser These soll in dieser Referatsausarbeitung nachgegangen werden, indem gemäß der Fragestellung zunächst die Entstehung der gender studies und danach dieses Forschungsfeld in der Literaturwissenschaft betrachtet werden soll.

Geschichte der gender studies

Die gender studies fanden ihren Ursprung in den women‘ studies in den 1960ern Jahren. Der Begriff gender wurde in diesem Zeitabschnitt wie der englische Begriff sex in der deutschen Sprache mit Geschlecht übersetzt und weist damit nur auf die sexuelle Differenzierung zwischen Mann und Frau hin. Renommierte Psychologen haben allerdings den Begriff gender mit weiteren Bedeutungen versehen. So führte der Psychologe John Money den Begriff gender 1955 in die Sozialwissenschaften ein, um die Diskrepanz zwischen physiologischen Geschlechtsmerkmalen beschreiben zu können und die soziokulturellen Bedeutungen von Männlichkeit und Weiblichkeit darzustellen.2 Der Psychologe Robert Stoller verwendete den Begriff gender 1968 zur Unterscheidung des biologischen und kulturellen Geschlechts. Die Geschlechterforschung in Deutschland begann erst ab den 1970er mit der Entstehung der neuen Frauenbewegung. Somit ist zu erkennen, dass zu Beginn der gender studies vor allem Frauen im Vordergrund standen. Danach wurde der Begriff gender Anknüpfungspunkt für weitere Forschungszweige und Fachdisziplinen.3

Auch in der Literaturwissenschaft haben die gender studies eine wichtige Forschungsrichtung etabliert. Dies lässt sich vor allem daran erkennen, dass es in der Literaturwissenschaft die Gattungen des Männer- und Frauenromans gibt, die auf die Wichtigkeit des jeweiligen Geschlechts verweist. Während Sophies de la Roche Geschichte des Fräulein von Sternheim 1771 den ersten deutschen Frauenroman darstellt, haben die Männerromane vergleichsweise spät mit Tommy Jauds Werk Vollidiot 2004 ihren Ursprung. Beide Gattungen können zudem in die Gattung der gender -Romane eingeordnet werden.4 Oft war es nicht das Ziel der Autorinnen und Autoren, Männer- oder Frauenromane zu verfassen. Trotzdem betrieben zahlreiche Autoren, wie beispielsweise Theodor Fontane, die Literarisierung von Männlich- und Weiblichkeit. Ziel der Literaturwissenschaft ist es ebenso, genderspezifische Veränderungen in der Literaturgeschichte vor Augen zu führen. Dabei spielt die unterschiedliche Beurteilung von Männlichkeit und Weiblichkeit in der Gesellschaft in den verschiedenen historischen Epochen eine große Rolle.5

Anwendungsgebiete der gender studies

Insgesamt ist festzustellen, dass die gender studies sich zu einem eigenständigen Forschungsfeld entwickelten und eine Distanz zur Frauenforschung aufbauten. Mit der gender -Forschung sollen nämlich nicht nur Frauen untersucht werden, sondern es soll das soziale Geschlecht von Männern und Frauen betrachtet werden. Die Frau soll ebenso nicht wie in der früheren Frauenforschung automatisch als unterdrückt dargestellt werden, da die gender studies eine Distanz zu politisch-ideologisch motivierten Aufdeckungen wahren wollen. Ziel der gender -Forschung ist deshalb eine kritische Einsicht in die Mechanismen, die den jeweiligen Geschlechterkonstellation zugrunde liegen.6 Weitere Schwerpunkte der gender studies sind die sexuelle und biologische Differenz beider Geschlechter und die jeweiligen Funktionen des männlichen und weiblichen Geschlechts. Dazu wurden Geschlechterbilder und das Rollenverhalten von Mann und Frau in Filmen veranschaulicht. Insgesamt stellen also die gender studies durch symbolische Geschlechterrepräsentationen einen Bezug zu jeglichen kulturellen, gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und sogar kulturwissenschaftlichen Bereichen her.7 Dabei zeigt sich, dass die gender -Forschung das soziale Geschlecht von Männern und Frauen nicht nur in der Gegenwart oder nur in bestimmten geographischen Räumen untersucht. Es sollen Männer und Frauen zu unterschiedlichen historischen Zeitpunkten und auch in anderen Ländern analysiert werden.

Eine weitere Forschungsrichtung der gender studies in der Literaturwissenschaft ist die Fragestellung, welche Schrifterstellerinnen und Schriftsteller zu welchem Zeitpunkt Literatur mit genderspezifischen Fragestellungen produziert haben und warum sie das gemacht haben. Vor allem Männer haben Frauenliteratur verfasst. Frauen wurde in den vergangenen Jahrhunderten nämlich abgesprochen, einen literarisch hochwertigen Text zu verfassen.8 Außerdem lässt sich in der Wirklichkeit beobachten, dass die jeweilige geschlechterspezifische Darstellung der Figuren einen Einfluss auf den eigenen Leseprozess hat und zudem die These vertreten wird, dass Männer und Frauen ein unterschiedliches Leseverhalten und Leseverständnis haben.9 Die gender studies in der Literaturwissenschaft beschränken sich also nicht nur darauf, Figuren in der Literatur ausgewählter Autoren zu analysieren, sondern sie setzt sich auch mit den Lesern und Schriftstellern dieser Literatur auseinander.

Die in den gender studies zunächst inhaltlich vertretene Grundüberzeugung war, dass die westliche Zivilisation patriarchalisch dominiert sei. Die Frauenrolle sei zudem kulturell determiniert gewesen. Ziel ist also, die Bewusstseinsbildung beider Geschlechter und die gesellschaftspolitischen Veränderungen der Statusungleichheit darzustellen. Daum stehen gesellschaftlich bedingte Rollenmuster und Verhaltensformen im Vordergrund, die das Verhältnis beider Geschlechter viel mehr beeinflussen als die biologischen Differenzen. Diese Rollenmuster üben einen großen Einfluss aus, indem sie beispielsweise eine wichtige Auswirkung auf die eigene politische Macht haben. Darum ist ein Untersuchungsaspekt der gender studies in der Literaturwissenschaft die Untersuchung der Machtverhältnisse der Geschlechter in der Gesellschaft.10 Das ist auch der Grund, warum in der Geschlechterforschung auch von einem sozialen Geschlecht von Mann und Frau gesprochen wird. Denn Macht wird vor allem durch soziale Prozesse bzw. Normen und Werte innerhalb der Gesellschaft erworben. Dabei lässt sich erkennen, dass im Verlauf der Literaturgeschichte deshalb stets ein anderes soziales Geschlecht der Figuren zu identifizieren ist, da unterschiedliche Bilder von Männlich- und Weiblichkeit in der Gesellschaft kursierten. Deshalb gilt hierbei auch, dass in unterschiedlichen historischen Zeitpunkten und auch in anderen Ländern jeweils andere gesellschaftliche Normen und Rahmenbedingungen in der Literatur festgelegt werden, in denen sich die Figuren zurechtfinden müssen. Darum charakterisiert beispielsweise ein Roman des 20. Jahrhunderts eine Figur auf eine Art und Weise als z. B. ein Roman des 19. Jahrhunderts, weil unterschiedliche gesellschaftliche Richtlinien gelten. Dabei lassen sich auch geschlechterspezifische Figurengestaltungen erkennen. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass gender keine starre Kategorie ist, sondern ständig neu in der Literatur konstruiert oder mit neuen Bedeutungen versehen wird.11 Daraus leitet sich als möglicher Forschungsgegenstand die Untersuchung von Anpassungsprozesse in der Gesellschaft ab. Ingrid Neumann-Holzschuh hat in diesem Zusammenhang eine kontroverse These formuliert. Diese lautet, dass die gender studies langfristig zur Überwindung tradierter Geschlechterrollen beitragen können.12 Aus literaturwissenschaftlicher Sicht kann diese Annahme durchaus verifiziert werden. Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben in ihrer Literatur Figuren erschaffen, die ihrem Zeitgeist weit voraus waren und sich z. B. emanzipiert haben oder sich dem jeweiligen Gesellschaftssystem widersetzt haben. Theodor Fontane hat beispielsweise in seinen Frauenromanen das Thema des Stände- und Gesellschaftskonflikts behandelt und dargestellt, welche Auswirkung dies auf die jeweilige Figur hatte.

[...]


1 Vgl. Sabine Koloch: Wissenschaft, Geschlecht, Gender, Terminologiearbeit. Die deutsche Literaturwissenschaft. München 2017. S. 9.

2 Vgl. Anna Babka/Gerald Posselt: Gender und Dekonstruktion. Begriffe und kommentierte Grundlagentexte der Gender- und Queer-Theorie. Wien 2016. S. 56.

3 Vgl. Koloch, Wissenschaft, S. 9

4 Vgl. ebd., S. 112.

5 Vgl. ebd., S. 11-12.

6 Ingrid Neumann-Holzschuh: „Zur Einleitung: Gender als Analysekategorien in den Philologien.“ In: Ders. (Hg.): Gender, Genre, Geschlecht. Sprach- und literaturwissenschaftliche Beiträge zur Gender-Forschung. Tübingen 2001. S. 9-19, hier S. 18.

7 Vgl. Anna Katharina Knaup: Der Männerroman. Ein neues Genre der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Bielefeld 2015, S. 101-106.

8 Vgl. ebd., S. 110.

9 Vgl. Neumann-Holzschuh: Einleitung, S. 15.

10 Vgl. ebd., S. 8-9.

11 Vgl. Babka/Posselt: Gender, S. 57

12 Vgl. Neumann-Holzschuh: Einleitung, S. 19.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Gender Studies in der Literaturwissenschaft. Methoden und Nutzen
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Autor
Jahr
2019
Seiten
6
Katalognummer
V594512
ISBN (eBook)
9783346204738
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschlechter, Epochen, gender, Romane, Literatur
Arbeit zitieren
Lauritz Tufan (Autor), 2019, Gender Studies in der Literaturwissenschaft. Methoden und Nutzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/594512

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