Sterbeerziehung und Austausch über das Thema "Tod" und das Jenseits mit Kindern und Jugendlichen. Künstlerisch orientierte Impulse im Werk Astrid Lindgrens


Masterarbeit, 2017

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Weltdokumentenerbe

2. Todeskonzept und Sterbeerziehung

3. Die Todesthematik in Astrid Lindgrens Werken
3.1 Im Land der Dämmerung (1949)
3.2 Mio mein Mio (1954)
3.3 Klingt meine Linde (1959)
3.4 Die Brüder Löwenherz (1973)
3.5 Sonnenau (1980)

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Weltdokumentenerbe

Bei dem Weltdokumentenerbe handelt es sich um ein internationales digitales Netzwerk, welches 1992 im Rahmen des UNESCO-Programm "Memory of the World", zum Erhalt und Schutz ausgewählter herausragender Dokumente, ins Leben gerufen wurde.1 „Ziel ist es, dokumentarische Zeugnisse von außergewöhnlichem Wert in Archiven, Bibliotheken und Museen zu sichern und auf neuen informationstechnischen Wegen zugänglich zu machen.“2 Das Register umfasst insgesamt 348 Dokumente aus der ganzen Welt. Es setzt sich zusammen aus wertvollen Handschriften, Partituren, Unikaten, Ton-, Bild- und Filmdokumenten, ebenso wie auch Buchbeständen.3

So wurden auch die Bestände des Lindgren-Archives, welches die berühmte Kinderbuchautorin selbst zusammenstellte, 2005 in das Register mit aufgenommen. Das Archiv enthält nahezu alle Original-Manuskripte ihrer Werke, darunter auch einige unveröffentlichte Texte, Zeichnungen und Briefe und ist somit Zeugnis der Arbeit und des Einflusses, der wohl bekanntesten Kinderbuchautorin des zwanzigsten Jahrhunderts. Doch Lindgren war mehr als eine weltweit anerkannte hervorragende Autorin. Sie war auch eine mutige und glühende Fürsprecherin für Kinderrechte. Als solche ging ihr Einfluss weit über die pädagogischen und kulturellen Sphären hinaus, auf die die Kinderliteratur für gewöhnlich beschränkt war. Viele ihrer Beiträge zur öffentlichen Debatte fanden auf den Vorderseiten der Zeitungen auf der ganzen Welt Platz und veränderten und beeinflussten so die Haltung gegenüber Kindern und Kinderrechten in vielen Ländern der Welt.4

2. Todeskonzept und Sterbeerziehung

„Wie schön muss es erst im Himmel sein, wenn er von außen schon so schön aussieht!“5

Astrid Lindgren

Der Tod ruft zugleich Todesangst wie auch Faszination hervor. Angst löst vor allem die Ungewissheit, zum einen bezüglich des Todeszeitpunktes und der Todesart zum anderen aber auch darüber was danach kommen mag, aus. Ebenso schüren natürlich die Unausweichlichkeit sowie die Endgültigkeit Ängste. Gleichzeitig können die vielen mythischen, religiösen, kulturellen und sozialen Konzepte, Theorien und Bräuche, die den menschlichen Umgang mit dem Tod prägen aber eben auch Faszination auslösen.6

Auch Kinder interessieren sich für die existentiellen Themen Tod und Sterben. Wird diese Thematik jedoch tabuisiert und den Fragen der Kinder ausgewichen, kann dies dazu führen, dass sich Kinder mit dem Problem allein gelassen fühlen und so durch Angst geprägte Vorstellungen vom Tod entwickeln. Denn ein Konzept vom Tod besteht nicht einfach, es muss sich in der Kindheit durch Erfahrungen entwickeln. Das kindliche Todeskonzept entwickelt sich so aus dem was das Kind schon über den Tod weiß und dem, was das Kind durch Phantasie, Erfindung oder Antizipation aus seinem Erfahrungsschatz ableitet, immer weiter. Das endgültig entwickelte Todeskonzept lässt sich als eine vierdimensionale Struktur auffassen7:

„Nonfunktionalität bezeichnet [hierbei] die Erkenntnis, dass alle lebensnotwendigen Körperfunktionen mit Eintritt des Todes aufhören; Irreversibilität steht für die Unumkehrbarkeit eines einmal eingetretenen Todes; Kausalität hebt auf die Ursachen für das Eintreten des Todes ab; Universalität betrifft die Einsicht, dass alle Lebewesen ohne Ausnahme sterben müssen.“8

Dieses universelle Todeskonzept begreifen Heranwachsende sukzessive im Laufe ihrer Entwicklung.9 Für die Bildung eines solchen Verständnisses vom Tod ist es für das Kind notwendig Erfahrungen mit dem Sterben und Tod machen zu können. Daher ist es auch nötig Kinder am Sterbe- und Trauerprozess teilhaben zu lassen und sie nicht aus einem Beschützerinstinkt heraus davon fernzuhalten. Auch sollten gegebene Anlässe (auch beispielsweise Gespräche unter Gleichaltrigen) dazu genutzt werden, mit dem Kind über die Todesthematik ins Gespräch zu kommen und seine Fragen so ehrlich wie möglich zu beantworten oder ggf. auch vor dem Kind einzugestehen, dass man auf einige Fragen keine Antwort hat.10

Sofern jedoch solche Anlässe nicht gegeben sind kann die Kinder- und Jugendliteratur eine gute Möglichkeit bieten Anlässe zu schaffen, um mit Kindern offen über Sterben und Tod zu sprechen.11 Auch kann die heutige Kinder- und Jugendliteratur, die sich mit der Todesthematik befasst, Kindern bei der Entwicklung eines Todeskonzeptes sowie bei der Bewältigung von Todes-, Verlustängsten und Trauer behilflich sein. Somit begleitet die den Tod thematisierende Kinder- und Jugendliteratur das Kind aber auch in dem wichtigen Erkenntnisschritt des Begreifens der eigenen Vergänglichkeit, welcher die Entwicklung der eigenen Individualität und Identität vorantreiben kann. Die Auseinandersetzung und Überwindung der Todesangst lässt neue Perspektiven auf und für das Leben und das Leben danach entstehen. So können Grenzerfahrungen wie der Tod, Leid und Schmerz die Persönlichkeit wachsen, reifen und sich entwickeln lassen.12

Doch ein solch offener und gleichzeitig einfühlsamer Umgang mit dem Tod wie er heut zu Tage in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur gegeben ist bestand nicht immer. In der Kinderliteratur des 18. Und 19. Jahrhunderts stellte die Todesthematik, aufgrund ihrer alltäglichen Rolle im Leben der Menschen, zwar ein zentrales Thema dar13, hierbei „wurde der Tod [jedoch] von autoritärer Seite vor allem als Warnung vor Ungehorsam und als Strafe für Auflehnung und sonstige Vergehen hingestellt.“14 Bekannte Beispiele hierfür stellen „Max und Moritz“ und die beiden lyrischen Erzählungen „Die Geschichte vom Suppen-Kaspar“ sowie „Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug“ aus dem Bilderbuch „Der Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann dar. Seit Ende des 19. Jahrhunderts galt die Thematik dann lange Zeit als zu schwer ertragbar für Kinder und wurde daher in der Kinder- und Jugendliteratur tabuisiert.

Als Vorreiterin näherte sich Astrid Lindgren bereits 1949 in ihrer Erzählung „Im Land der Dämmerung“ dem totgeschwiegenen Thema Tod vorsichtig an. Als absoluten Tabubruch sahen 1973 viele Kritiker ihren Roman „Die Brüder Löwenherz“. Insbesondere der thematisierte Freitod der beiden Brüder löste große Empörung aus. Seit Lindgrens Pionierwerk folgten viele weitere Kinder- und Jungendbücher, die die Thematik des Todes, des Sterbens und des Abschieds immer weiter aus seiner gesellschaftlichen Tabuzone rückten.15

Somit leistete Lindgren für die heutige Sterbeerziehung einen wichtigen Beitrag, welcher mit dieser Arbeit gewürdigt werden soll. Hierbei werden die wichtigsten der den Tod thematisierenden Werke Astrid Lindgrens genauer untersucht um Lindgrens Herangehensweise und Strategien im Umgang mit dem Tod im Kinderbuch besser nachzuvollziehen. Im Mittelpunkt der Betrachtung sollen hier vor allem die folgenden Fragen stehen: Wie vermittelt Lindgren solch schwierige Thematiken wie den Tod? Welche Vorstellungen vom Tod sowie dem Leben danach bietet und vermittelt sie ihren Leserinnen und Lesern und welche kindlichen oder religiösen Vorstellungen greift sie auf? Und wie lassen sich ihre Werke für eine einfühlsame künstlerisch orientierte Sterbeerziehung nutzbar machen? Um diese Fragen beantworten zu können werden im Folgenden fünf ausgewählte den Tod thematisierende Werke Lindgrens genauer betrachtet und auf die vermittelten Vorstellung sowie die Herangehensweisen Lindgrens hin analysiert.

Im Anschluss jeden Abschnittes werden Impulse für Gespräche über die jeweilige Geschichte Lindgrens und die damit in Zusammenhang stehenden Todeskonzepte sowie Vorstellungen vom Tod und Jenseits aufgeführt. Außerdem wird je eine künstlerische Aufgabe vorgeschlagen, die den Kindern eine hoffnungsvolle und persönliche Auseinandersetzung mit dem Tod ermöglichen soll. So könnte es ein Ziel sein, beispielsweise im Klassenverband, in Kleingruppen oder auch mit Einzelpersonen, durch die malerischen Auseinandersetzungen mit unterschiedlichen Vorstellungen von Tod und Jenseits, eine Wand zu gestalten, um die Vielfalt an gedanklichen Bildern sichtbar zu machen und solchen Kindern, die gerade keine Vorstellung und keinen Glauben haben, der sie tröstet, neue hoffnungsvolle Bilder und Sichtweisen anzubieten. Hierbei ist es für eine einfühlsame Sterbeerziehung zentral, dass kein Glaube aufgezwängt oder verteufelt wird, sondern jedes Kind dazu angeregt wird seine eigene individuelle Vorstellung vom Tod und Jenseits zu entwickeln.

3. Die Todesthematik in Astrid Lindgrens Werken

Die essentielle Auseinandersetzung mit der Todesthematik wollte Astrid Lindgren auch Kindern nicht vorenthalten, denn im Gegensatz zu vielen anderen Kinderbuchautoren scheute sie sich nicht davor auch schwierige Themen - wie eben den Tod - zu thematisieren:

„Keine Märchen erzählende Großmutter oder Kinderfrau früherer Zeiten dachte auch nur für einen Moment lang daran, dass die Volksmärchen zu furchtbar und Furcht einflößend für die Kleinen sein könnten, die sich um sie scharten und mal schauderten, mal weinten und sich daran erfreuten, was sie hörten.“16

„Früher durften Kinder Geschichten lauschen, die etwas über das Leben und den Tod zu sagen hatten, über den Unterschied zwischen Gut und Böse und wie schwer es sein kann, ein Mensch zu sein. Erst in unseren Tagen ist man auf die Idee gekommen, dass sie nicht mehr ertragen können, als von kleinen Eichhörnchen zu hören. […] Arme Kinder, in ihren Geschichten sind vielleicht etwas zu viele Eichhörnchen herumgelaufen, Eichhörnchen, die zu allem Überfluss noch sprechen und nie etwas sagen, was einen lachen, weinen oder schaudern lässt. Aber Kinder sollten das Recht haben, dies von allem zu fordern, was sie lesen: nicht nur lachen, sondern auch weinen und schaudern zu dürfen.“17

Mit ihren literarischen Arbeiten will sie somit Emotionen wecken und Kindern die Möglichkeit bieten diese zu erleben - positive wie auch negative. Kinder in Watte zu packen und ihnen schwierige Themen wie Einsamkeit, Armut, Angst aber eben auch das Sterben vorzuenthalten, war Astrid Lindgren zuwider. Dies gehöre zu jenen herablassenden Unterschätzungen, die die kindliche Ehre kränken müssten und das Kindsein schwer machten. Lustige und weitestgehend unbeschwerte Literatur bieten wohl nur ihre Kinder aus Bullerbü sowie Karlsson und Kalle. Die Mehrzahl ihrer Geschichten verlangen die Geborgenheit und das Gespräch. Wenn sich Kinder jedoch in ihrer Familie wohl und geborgen fühlten, so könne keine noch so aufrüttelnde Geschichte ihren Seelenfrieden ernsthaft gefährden, so Lindgren. Selbst über die zwar unterhaltsame doch eben auch einsame Pippi hätten Eltern mit Ihren Kindern zu reden. Und auch die Räubertochter Ronja hat Albträume vom Altern und Sterben.18 „[D]amit kann ein anständiger Mensch Kinder nicht allein lassen, auch wenn sie Verzweiflung und Tod anders, weniger hoffnungslos wahrnehmen mögen als Erwachsene.“19 Ebenso sind die im Folgenden thematisierten Erzählungen Lindgrens, die sich noch intensiver mit dem Tod auseinandersetzen natürlich mit Kindern zu diskutieren. Jedoch soll diese Notwendigkeit des Gesprächs nicht über das Kunststück Lindgrens hinwegtäuschen, den Tod im Kinderbuch kindgerecht und einfühlsam aufzubereiten. „Astrid Lindgren vermag dem Leser mit einfachen Worten die gewagtesten Themen, hier ist es der Tod, nahe zu bringen und dadurch ihren Schrecken zu nehmen.“20 Doch wodurch gelingt ihr dies? Wie nähert sie sich der Thematik in ihren unterschiedlichen Werken an? Was für Bilder und Vorstellungen vom Tod sowie dem Leben danach erzeugt sie in bei ihren Lesern? Auf diese Fragen hin werden im Folgenden ausgewählte Werke Lindgrens untersucht.

3.1 Im Land der Dämmerung (1949)

Ein ganzes Jahr liegt Göran schon krank im Bett.21 Doch eines Abends kurz nachdem Göran seine Mutter sagen hört, dass er wohl nie wieder wird gehen können geschieht ein Wunder: Ein kleiner Herr in einem karierten Anzug kommt in Görans Kinderzimmer. Herr Lilienstengel nimmt Göran mit auf eine zauberhafte Reise in das Land der Dämmerung, in das „Land Das Nicht Ist“22. Im Land der Dämmerung ist alles anders und wunderbar. Wenn man etwas eigentlich nicht kann „spielt [das] keine Rolle. Spielt gar keine Rolle im Land der Dämmerung.“23. Denn hier ist alles möglich. Der eigentlich kranke Göran kann hier gehen, tanzen und sogar fliegen sowie Straßenbahnen und Omnibusse problemlos steuern.

Das Land der Dämmerung aus Lindgrens phantastischer Geschichte lässt sich hierbei mit dem Jenseits identifizieren. Dies wird deutlich, als Göran im Land der Dämmerung dem Mädchen Kristina begegnet, welches seltsam gekleidet ist:

„ ‚Warum trägt sie solche Kleider‘ fragte ich.

‚Solche Kleider trugen sie früher in Härjedalen, als Kristina auf dem Seerosenhof wohnte‘, erklärte Herr Lilienstengel.

‚Früher…‘, sagte ich. ‚Wohnt sie denn jetzt nicht hier?‘

‚Nur in der Dämmerstunde‘, antwortete Herr Lilienstengel. ‚Sie gehört zum Volk der Dämmerung.‘“24

Die Bezeichnung „früher“ deutet darauf hin, dass es schon eine lange Zeit her ist, dass Kristina auf dem Seerosenhof wohnte. Da Kristina aber noch ein Mädchen ist, lässt dies darauf schließen, dass man im Land der Dämmerung nicht oder aber viel langsamer altert. Kristina gehört zum Volk der Dämmerung und somit zu den Bewohnern des Jenseits. Sie lebt lediglich in der Dämmerstunde auf dem Hof, tagsüber scheint ihr dies also verwehrt zu sein, sie kann das Diesseits somit nicht mehr betreten. So vermittelt Lindgren in Bezug auf das in der Einleitung thematisierte Todeskonzept, auf sehr einfühlsame Weise die Irreversibilität des Todes, indem sie verdeutlicht, dass es für Kristina keine Möglichkeit mehr gibt im Diesseits zu leben. Dies ist jedoch nicht weiter tragisch, da es im Land der Dämmerung herrlich zu sein scheint.

Anders verhält sich dies mit Göran, er lebt noch im Diesseits, scheint aber in gewisser Weise an der Schwelle zum Jenseits zu stehen und das Land der Dämmerung daher schon besuchen zu können. Dennoch bringt Herr Lilienstengel ihn bislang immer noch jede Nacht wieder zurück nach Hause. Für Göran gilt die Irreversibilität somit noch nicht, da er noch nicht tot ist.

Im Gegensatz zu vielen anderen Jenseitsvorstellungen ist das Land der Dämmerung nicht räumlich sondern lediglich zeitlich vom Diesseits getrennt. So fliegt Göran in der Dämmerstunde über Stockholm und besucht ihm bekannte Plätze. Der Unterschied zu Stockholm am Tag besteht lediglich darin, dass während der Dämmerstunde keine gewöhnlichen Menschen, sondern lauter wunderliche kleine Männlein und Weiblein vom Volk der Dämmerung unterwegs sind und dem kranken Göran, wie bereits erwähnt, von gehen über tanzen bis hin zu fliegen alles möglich scheint.

In der phantastischen Erzählung „Im Land der Dämmerung“ erzeugt Lindgren ein kindgerechtes sehr tröstliches und paradiesähnliches Jenseitsbild. Hier ist alles möglich, alles ist erlaubt, es gibt herrliches Essen, sprechende Tiere und viel Spaß. Angst braucht man im Land der Dämmerung scheinbar nicht zu haben. Selbst als Göran die Straßenbahn steuert und die Bahn plötzlich aus den Gleisen und ins Wasser springt besteht keine Gefahr, da die Bahn einfach im Wasser weiter fährt.

Impulsfragen:

1. Wie gefällt dir das Land der Dämmerung?
2. Was gefällt dir besonders gut?
3. Was könnte mit dem Land der Dämmerung gemeint sein?
4. Könntest du dir vorstellen, dass das Land der Dämmerung das Jenseits darstellt?
5. Hast du eine eigene Vorstellung vom Jenseits?

Künstlerische Aufgabe:

Gib einen Aspekt aus dem Land der Dämmerung, den du besonders schön findest malerisch wieder.

3.2 Mio mein Mio (1954)

Der neunjährige Waisenjunge Bo Vilhelm Olsson alias Bosse führt ein tristes Leben bei einer Pflegefamilie in Stockholm. Hier erfährt er keinerlei Liebe und sehnt sich daher sehr nach einem Vater, wie sein Freund Benka einen hat, der mit ihm Modellflugzeuge bauen könnte. Bosses Mutter starb bei seiner Geburt, und von seinem leiblichen Vater weiß niemand etwas.

Eines Tages gelingt Bosse jedoch unverhofft die Flucht aus seinem lieblosen sowie ungeliebten Stockholmer Alltag. Mit Hilfe eines Flaschengeistes gelangt er in das phantastische und paradiesähnliche Land der Ferne. Hier kann er endlich seinem Vater, dem König des Landes der Ferne in die Arme fallen. Bosse, dessen tatsächlicher Name Mio lautet, ist überglücklich im Land der Ferne und kann endlich das Leben führen, dass er sich immer erträumt hat: Hier spielt er mit seinem Vater und seinem neuen Freund Jum-Jum und bekommt das Pferd Miramis geschenkt.

Doch die Idylle im Land der Ferne wird durch einen Störenfried beeinträchtigt: Ritter Kato. Dieser raubt Kinder, verschleppt sie in sein Herrschaftsgebiet, das Land Außerhalb, und verwandelt sie in Vögel oder reißt ihnen gar ihr Herz aus und ersetzt es durch ein steinernes. Gemeinsam mit Jum-Jum befreit Prinz Mio wie vorherbestimmt das Land Außerhalt von der Gewaltherrschaft des Ritters Kato mit dem steinernen Herzen und erlöst dessen Opfer.

„Hinsichtlich der Todesthematik arbeitet Lindgren in diesem [phantastischen Roman] durchgängig mit dem Ritter Kato als Verkörperung des Todes und seinem Land Außerhalb als Symbol für das Jenseits.“25

Die Interpretation Katos als Personifikation des Todes lässt sich dadurch begründen, dass seine Bosheit alles Lebendige und Schöne vernichtet:

„Ritter Kato hatte eine Kammer in seiner Burg und dort war die Luft dick von Bosheit. Es war die Kammer, in der Ritter Kato Nacht und Tag saß und sich Böses ausdachte. Nacht und Tag, Nacht und Tag saß er dort und dachte sich Böses aus, und die Luft war so voll des Bösen, dass man in seiner Kammer nicht Atmen konnte. In Schwaden kroch das Böse von dort hinaus und tötete alles Schöne, was draußen lebte, und vernichtete alle grünen Blätter und alle Blumen und all das zarte Gras und legte sich wie ein Schleier vor die Sonne, so dass dort niemals richtig Tag war, sondern nur Nacht und etwas, das fast wie die Nacht war.“26

Außerdem ruft selbst die Nennung seines Namens bereits Angst hervor, lässt Blumen verwelken, Schmetterlinge ihre Flügel verlieren und somit sterben sowie Felsen zerbersten. Zudem hat Kato ein abscheuliches Gesicht mit abscheulichen Schlangenaugen.27 „In diesem Kontext kann die Schlange, die sich über die Augen aktualisiert, als Tier des Bösen und des Todes verstanden werden“28, was wiederum die These, Kato stelle die Personifikation des Todes dar, unterstützt.

Des Weiteren fällt auf, dass dieser „seit tausend und abertausend Jahren“ alles Schlechte und Böse verkörpert:

„Wegen seines Steinherzens zeichnet sich Ritter Kato […] durch die Absenz von Mut, also Feigheit, Nicht-Liebe und Gefühlslosigkeit aus, da das Herz seit alters her als Sitz des Mutes und des Gefühls und seit dem Mittelalter im religiösen wie auch profanen Sinne immer mehr zum Symbol der Liebe geworden ist.“29

Auch hat Ritter Kato anstelle seiner rechten Hand eine Klaue aus Eisen. Da Eisen unter anderem mit Krieg und Gewalt in Verbindung gebracht wird unterstreicht diese Symbolik Katos Schreckensherrschaft.30

Die Interpretation des Landes Außerhalb als Jenseits lässt sich durch die erzeugte „Opposition zwischen Leben und Tod“31 der beiden Länder begründen.

Hierbei stehen sich insbesondere die beiden Teilräume, die Kammer Ritter Katos im Lande Außerhalb, welche sich in Form des Architektonischen, also Unbelebten, sowie der Rosengarten im Land der Ferne in Form des Botanischen, also Lebendigen, gegenüber. Die beiden künstlich angelegten Teilräume bilden32 so eine Opposition zwischen Leben und Tod oder eben des paradiesischen Diesseits und des dunklen und gefährlichen Jenseits.

Kulik (2005) wirft zudem die Frage auf, weshalb nicht der König selbst ins Land Außerhalb zieht, um gegen Ritter Kato zu kämpfen. In „Mio mein Mio“ besagt eine Prophezeiung, dass nur „[e]in Kind aus königlichem Blut, reitend auf einem weißen Pferd mit goldener Mähne, mit einem einzigen Freund als Gefolge“33 Ritter Kato besiegen kann. Kulik beantwortet die Frage damit, dass es für die Opposition zwischen Leben und Tod signifikant sei, dass es sich um ein Kind handle: Mio sei als Kind Träger des Merkmals jung, wohingegen Ritter Kato schon mehrere tausend Jahre existiert und somit das Merkmal alt trägt. So korreliere die Jugend eher mit dem Leben als das Alter.34 Diese Auffassung bekräftigt die These einer dargestellten Opposition zwischen Leben und Tod.

Diese Symbolsprache kann für Kinder jedoch leicht neben der spannenden abenteuerlichen Reise Mios in den Hintergrund geraten. Sofern man Kinder jedoch auf diese verborgenen Aussagen Lindgrens hinweist, erscheint gleichsam die Hoffnung den Tod besiegen oder ihm wenigstens entrinnen zu können. Diese erzeugte Vorstellung man könne dem Tod durch List und Stärke entkommen wird häufig von jungen Grundschulkindern geteilt.35 Ähnlich wie in einigen Volksmärchen (wie z. B. Schneewittchen) wird bei „Mio mein Mio“ gleichzeitig der frühkindliche Glaube, der Tod sei reversibel, aufgegriffen.36 So wird das kleine Mädchen Milimani, welches ihr Leben gab um Mio beim Kampf gegen Kato zu unterstützen, wieder zum Leben erweckt:

„Nichts war mehr schön, den Milimani war meinetwegen gestorben. […] Und ich hüllte Milimani in meinen Mantel, der mit Märchengewebe gefüttert war. […] Da geschah etwas Seltsames. Milimani schlug die Augen auf und sah mich an.“37

Auch sind die von Ritter Kato ausgehenden Ereignisse, nach Mios Sieg über diesen, reversibel. So scheint die Sonne wieder, der Tote See verwandelt sich in einen freundlichen blauen See, im Toten Wald sprießen wieder Blätter und die in Vögel Verwandelten nehmen wieder ihre Kindergestalt an.38

Somit zeichnet Lindgren in ihrem phantastischen Roman „Mio mein Mio“ zwar zunächst ein schlechtes und beängstigendes Bild des Todes in Gestalt des Ritters Kato und des Jenseits in Form des Landes Außerhalb, jedoch lässt sich Kato und somit der Tod besiegen und das Lande Außerhalb dadurch „heilen“, was der negativen Darstellung den Schrecken nimmt.

Impulsfragen:

1. Was empfindest du an der Geschichte als besonders?
2. Glaubst du, dass der Tod umkehrbar oder besiegbar ist?
3. Warum wird alles wieder lebendig und schön als Kato besiegt ist?
4. Könnte Kato den Tod darstellen?

Künstlerische Aufgabe:

Setze dich mit einer Szene des Buches malerisch auseinander, die du besonders stark mit dem Tod in Verbindung bringst.

3.3 Klingt meine Linde (1959)

Nach dem Tod ihrer Eltern muss Malin ins Armenhaus, bis sie alt genug ist, sich als Magd zu verdingen. Ihr Kummer und ihre Traurigkeit sind unendlich groß. Voller Selbstmitleid schaut sie den vor ihr liegenden tristen und kalten Tagen und Jahren als Bettelmädchen entgegen. Doch eines Tages erlebt Malin die Schönheit von Worten: Beim Bettelgang hört sie zufällig, wie Kindern ein Märchen vorgelesen wird: „Klingt meine Linde, singt meine Nachtigall?“39 sind die einzigen Worte die ihr im Gedächtnis bleiben und die ihr fortan Hoffnung geben. Sie geben ihr Leben, sie zehrt von ihnen, glaubt an ihre Kraft. So gelingt es eines Tages -„mit Glauben und Sehnen“- tatsächlich40: Eine junge Linde sprießt auf dem Kartoffelacker des Armenhauses aus einer Erbse und schenkt nun allen Bewohnern des Armenhauses ein wenig Hoffnung. Doch anders als Malin den anderen Armenhausbewohnern versprochen hat klingt die Linde nicht und es singt keine Nachtigall. Daher beschließt Malin der Linde ihre Seele zu schenken, damit diese wirklich klingen möge.

[...]


1 Vgl. UNESCO

2 Ebd.

3 Vgl. Ebd.

4 Vgl. UNESCO (2005)

5 Lindgren zitiert nach Harrison (2010), S.90

6 Vgl. Gierke (2012)

7 Vgl. Peter (1997), S.21

8 Wittkowski (1991), S.317

9 Vgl. Gierke (2012)

10 Vgl. Lepper (1997)

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. Gierke (2012)

13 Vgl. Lepper (1997)

14 Ebd.

15 Vgl. Gierke (2012)

16 Lindgren zitiert nach von Gontard (2013)

17 Lindgren zitiert nach Gaschke (2007)

18 Vgl. Gaschke (2007)

19 Ebd.

20 Lison (2010), S.157

21 Datum der Erstveröffentlichung

22 Lindgren (1989), S.35

23 Ebd., S.37

24 Ebd., S.43

25 Lepper (1997)

26 Lindgren (2007), S.162f

27 Vgl. Kulik (2005), S.77f

28 Ebd., S.78

29 Ebd., S. 78

30 Vgl. ebd., S.78

31 Ebd., S.75

32 Vgl. Naglik (2014), S.62

33 Lindgren (2007), S.95

34 Vgl. Kulik (2005), S.79

35 Cramer (2008), S.51

36 Vgl. Lepper (1997)

37 Lindgren (2007), S.191ff.

38 Vgl. Kulik (2005), S.83

39 Lindgren (1989), S.201

40 Vgl. Osberghaus (2006)

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Sterbeerziehung und Austausch über das Thema "Tod" und das Jenseits mit Kindern und Jugendlichen. Künstlerisch orientierte Impulse im Werk Astrid Lindgrens
Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
28
Katalognummer
V594582
ISBN (eBook)
9783346230072
ISBN (Buch)
9783346230089
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sterbeerziehung, Tod, Jenseits, Astrid Lindgren, Lindgren, Kunsttherapie, Die Brüder Löwenherz, Mio mein Mio, Das Land der Dämmerung, Kling meine Linde, Sonnenau
Arbeit zitieren
Teresa Lübbert (Autor), 2017, Sterbeerziehung und Austausch über das Thema "Tod" und das Jenseits mit Kindern und Jugendlichen. Künstlerisch orientierte Impulse im Werk Astrid Lindgrens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/594582

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