Alexander Blok und der russische Symbolismus. Was ist der Symbolismus und inwiefern lässt er sich in der Arbeit Bloks wiedererkennen?


Hausarbeit, 2019

11 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Symbolismus?

3. Symbolismus nach Blok

4. Fazit zum Symbolismus und weitere Themen zur Untersuchung

1. Einleitung

Metaphern, Symbole, Allegorien – Alle diese stilistischen Mittel sind charakteristisch für jede Art von Poesie und sind in allen Epochen aufzufinden. Trotz des häufigen Auftretens der stilistischen Mittel gibt es in Russland die Epoche des Symbolismus. Doch was genau ist Symbolismus und das Besondere an der genannten Epoche? „Das Hauptziel der symbolistischen Schreiber, war es eine schöne Dichtung zu verpassen.“1 So heißt es in einem Literaturhandbuch. Aber was genau gilt als schöne Dichtung? Diese Arbeit besteht aus zwei großen Teilen, die beide versuchen die Frage zu beantworten auf welche Weise und mit welchen Besonderheiten sich der Symbolismus einen Alleinstellungsmerkmal in der russischen Kultur- und Literaturgeschichte erlangt hat. Der erste Teil beschäftigt sich mit dem Symbolismus als Solches und versucht zu klären was genau Symbolismus darstellt. Dazu werden vor allem die Aufsätze von Andrej Belyj zur symbolistischen Kunst untersucht, aber auch weitere Quellen werden zur Hand genommen, um Gemeinsamkeiten zwischen diesen zu finden und damit eine Definition für den Begriff des Symbolismus zu schaffen. Der zweite Teil ist praktischer und untersucht zwei ausgewählte Gedichte von Aleksandr Blok und versucht diese in den Kontext des Symbolismus einzubetten. Aus den Gedichten werden die Hauptmotive des Symbolismus ausgearbeitet, aber auch die typischen „Blok-Motive“ sollen hier einmal geltend gemacht werden. Ein letztes Fazit soll sich dann dem Begriff des Symbolismus annähern und versuchen diesen zu erklären und letztendlich die Frage beantworten, ob es denn sowas wie einen einheitlichen Symbolismus gibt, oder ob die einzelnen Motive selbst für eine kleine Strömung stehen, die den einen oder den anderen Autor in den Vordergrund rücken und diesen dann zum Vertreter dieser Strömung machen.

2. Was ist Symbolismus?

Bevor man mit der Analyse von Aleksandr Bloks Gedichten beginnen kann, muss zunächst die Frage nach der symbolistischen Epoche geklärt werden. Was genau ist der Symbolismus und wie zeichnet sich dieser aus? Mit dem Essay von Dmitrij Merezkovskij 1893 setzt der Beginn des russischen Symbolismus an. In seinem Essay spricht Merezkovskij von der „Hässlichkeit und Flachheit der bisherigen Literatur“2. Die neue, tiefergehende Kunst soll vor allem über drei Hauptelemente verfügen: der mystische Inhalt, Symbole und die Erweiterung der künstlerischen Empfänglichkeit.3 Transzendenz ist das neue Stichwort der Epoche. Doch was genau soll dies bedeuten? Auch wenn es von Beginn an die drei Hauptkriterien gab, sind diese sehr breit gefächert und schwierig einzugrenzen. Wann genau ist etwas symbolistisch? In seiner Aufsatzsammlung „Simvolizm“ versucht Andrej Belyj die neue Strömung seinen Lesern näher zu bringen und diese zu deuten. Im Folgenden wird sein Werk ausführlicher behandelt und mit anderen Symbolisten verglichen, um die Bedeutung des Symbolismus besser verstehen zu können.

2.1 Der Dichter des Symbolismus

Geht man vom Ursprung des Symbolismus aus, so scheint dieser ohne den Realismus gar nicht möglich gewesen zu sein. Erst nach einer so nüchternen und kritischen Strömung konnte so etwas wie der Symbolismus entstehen. Nach dem Verbleiben in der Realität und ihrer zunehmenden historischen Schwierigkeiten und Veränderungen sehnt man sich in andere Welten, die diese Welt projizieren, aber auch hinterfragen. So bleibt die Philosophie in der Literatur nicht unbemerkt. Nietzsche und andere Philosophen erlangen in der literarischen Welt an Beachtung. In seinen Schriften befasst sich Belyj vor allem mit Immanuel Kant und Arthur Schopenhauer und versucht den Symbolismus mit ihren Werken zu beschreiben. Ohne den Symbolismus sei Kants Kritizismus nicht vollständig, nicht greifbar. „Критицизм - призма, разбивающая свет души на радужные краски. Символизм - обратно поставленная призма, опять собирающая эти радужные краски. Символизм бес критицизма и критицизм бец символизма охватывали бы мир однобоко: пройдя сквозь призмы символизма и критицисма мы становимся мудрыми (…)“4 Philosophie und Kunst gehen demnach Hand in Hand und schaffen erst bei Betrachtung von beiden ein Ganzes. Dieses Konzept erinnert bereits an die Epoche der deutschen Romantik und sagt vor allem vieles über die Anforderungen an den Dichter einer solchen Strömung aus. Offenbar ist der Symbolismus nicht von jedem realisierbar, genauso wie die Philosophie nicht von jedem bezwungen werden kann. So fordert der Symbolismus einen „poeta doctus“, der nicht nur schreibt, sondern auch das Geschriebene hinterfragt. „Нужно быть многострунным, чтобы заиграть на гуслях Вечности.“5, was bedeutet, dass man in vielerlei Richtungen denken sollte, also vieles hinterfragen sollte, bevor man zu einem bestimmten Ergebnis gelangt. Diese Freiheit sei aber nur den Symbolisten gegeben, denn nur sie können die Welt in so vielen Facetten erfassen. „Горные путешественники, поднявшись по одной только тропинки на вершину, могут созерцать с вышины все пути восхождения. Мало того: они могут, опускаясь в низины, выбирать любой путь. Эта свобода выбора - завоевание культуры. Она принадлежит нам, пришедшим к символизму“6. Folgend kann man deuten, dass die Kunst und Kultur nur durch die Symbolisten zur Perfektion gelangen kann, da diese alle ihre Wege und Möglichkeiten als einzige genau erkennen können. Die Symbolisten werden damit von Belyj zu einer elitären Gruppe ernannt, die alle anderen Künstler in den Hintergrund stellen und diese unvollkommen machen.

2.2 Das Einfangen der Atmosphäre

Der Realismus hat den Symbolismus bereits angedeutet. Trotz der Nüchternheit des Schreibens erkennt Merezkovskij auch in den Werken von Dostojevskij bereits bestimmte Symbolik, auf die bisher einfach nie geachtet wurde, da andere Schwerpunkte gelegt wurden. Beim Untersuchen von Dostojevskijs Werk „Prestuplenije in nakazanije“ („Schuld und Sühne“) bemerkt Merezkovskij „die Atmosphäre, von der ‚prestuplenije i nakazanije‘ durchdrungen ist“7 so wie „die Symbolik der landschaftlichen Dekorationen“8. Es geht also nicht darum was beschrieben, sondern wie etwas beschrieben wird und was dies für mögliche Bezüge darstellt. Es ist aber auch die Atmosphäre selbst, denn sie vermischt „Traum und Wirklichkeit“9 und führt somit das zusammen, was sich viele Symbolisten als Kunst vorstellen. Denn der Symbolismus basiert zwar auf der realen Welt, soll ihr aber auch entkommen und den Leser in einen hypnotischen Zustand versetzen. Vor allem aber zeigt Merezkovskij mit seinen Aussagen über die Symbolik, dass hinter vielen Beschreibungen und Erläuterungen mehr steckt als nur ein Sinn. Eine Landschaft ist demnach nicht nur eine Landschaft, sondern stellt auch immer eine gewisse Atmosphäre dar, die unauffällig, aber dennoch deutlich die Situation in der jeweiligen Szene darstellt. Das Ziel der Kunst soll also zum Weiterdenken zwingen und sich nicht nur mit der Wirklichkeit auseinandersetzen. Daher sind mystische Motive in den Lyrik- und Prosatexten keine Seltenheit. Das Mysterium kommt aber nicht nur von außen, sondern ebenfalls aus „der unendlichen Tiefe des menschlichen Seins“.10 Der Symbolismus soll demnach versuchen die mystische Atmosphäre innerhalb und außerhalb zu erfassen und diese mit der Realität in Verbindung bringen, sodass die Grenzen zwischen den Welten verschwinden.

2.3 Die Synästhesie des Symbolismus

„Искусство опирается на действительность. (…) Действителность является по отношению к искусству как бы пищей, без которой невозможно его существование.“11 So beginnt Andrej Belyj seinen Aufsatz über die Formen der Kunst. Seine Aussage bestätigt erneut das bereits Gesagte, doch es fällt auf, dass obwohl sein Aufsatz eine wissenschaftliche Arbeit darstellen soll, diese doch sehr kunstvoll geschrieben ist. Er beschreibt nicht nur die Kunst, sondern stellt diese als ein Organismus dar, der die Realität, ähnlich wie ein Magen, verarbeitet, verändert und in einer anderen Form ausscheidet. Die so untypische Schreibweise eines Essays zeigt aber die Vielschichtigkeit und die bereits erwähnte Mehrdeutigkeit einer Aussage. Es ist ein Phänomen, welches ich gerne das Paradoxon des Symbolismus nennen möchte, denn obwohl vieles mehrdeutig dargestellt wird, gibt es eine andere Ausprägung, die aus mehreren Sachen eins macht. So verschmelzen vor allem im Symbolismus die verschiedenen Künste miteinander und verweisen aufeinander innerhalb sich selbst. Vor allem verschmelzen die Literatur und die Musik auf einem sehr hohen Grad miteinander. Der Rhythmus gewinnt auch für Belyj einen wichtigen Aspekt des literarischen Schaffens. Für ihn ist die Vermischung, die Synästhesie der Künste, insbesondere die von Musik und Wort, nicht nur wünschenswert, sondern auch ganz natürlich. „Из бышесказанного вытекает одно несомненное следствие: формы искусства способны до некоторой степени сливаться друг с другом, (…) Элементы более совершенной формы, проникая в формы менее совершенную, одухутворяют ее, и обратно.”12 Durch die Vermischung der beiden Kunstformen profitieren also beide Formen und werden dadurch nochmal vielschichtiger. In der symbolistischen Literatur werden „synästhetische Metaphern“13 und Alliterationen zu Erkennungsmerkmalen vieler Dichter. Die Metaphern verbinden mehrere Empfindungen miteinander, während die Alliterationen den Klang des Gedichtes erfassen und ihm eine bestimmte Stimmung verleihen. Johannes Holthusen untersucht diesen Aspekt und stellt fest, dass in Gedichten „einzelne Worte selbst ohne weiteres auswechselbar (sind), ohne daß die Strophe viel gewinnt oder verliert, wichtig ist hier nicht so die Wortbedeutung, wie das rhythmisch-syntaktische Schema, sowie die lautliche und metaphorische Geste als solche.“14 Worte können also durch Synonyme ersetzt werden, der Klang aber muss stimmen. Verschiedene Worte oder Zusammensetzungen von Worten können also ganz verschiedene Stimmungen auslösen und differente Wirkungen auf den Leser haben. Die Verschmelzung von Musik und der Literatur löst also, je nach Wortwahl und Klang, immer was anderes aus und gibt den Dichtern ein Instrument zum Appell an den Leser. Je nach Wortwahl kann der Dichter eine bestimmte Intention unterschwellig unterstreichen und somit bestimmte Gefühle bei dem Leser auslösen und ihn zu verschiedenen Interpretations- und Verständnisansätzen führen.

2.4 Dekadenz und die Subjektivität des Symbolismus

Beschäftigt man sich mit dem Symbolismus, so kommt man nicht um den Begriff der Dekadenz. Die Anhänger des Symbolismus scheinen oftmals als dekadent bezeichnet zu werden, daher wird dieser Begriff im folgenden Abschnitt vertiefend erläutert. „‘Es wäre Unsinn den Stand der Dekadenz, den wir erreicht haben nicht zuzugeben. (…) Verfeinerung des Verlangens, des Gefühls, des Geschmacks, des Luxus, der Vergnügen (…) Die ersten Anzeichen manifestieren sich in der Sprache. (…) Das führt zu der Notwendigkeit, nie gehört Worte zu schaffen, um diese Vielfalt körperlicher und seelischer Empfindungen auszudrücken.‘“15 So äußert sich eine französische Zeitschrift bereits im 19. Jahrhundert zu der Dekadenz in der Welt, aber auch in der Sprache. Tatsächlich gehören Neologismen auch im 20. Jahrhundert zu den wichtigsten Anzeichen symbolistischer Kunst. Neu erfundene Wörter drücken geben der Schrift nicht nur eine bestimmte Wirkung, sondern fügen sich auch gut in die Welt des mystischen, des unerforschten ein und unterstreichen erneut, dass es immer Sachen gibt, die so noch nicht entdeckt wurden. Als Dekadenz versteht man also die technische Ausarbeitung von etwas neuem oder von etwas, was bisher selten verwendet wurde. Die Dekadenz zeichnet sich also vor allem in der Kunst des 20. Jahrhunderts in der stilistischen Darstellung und weniger in den Themengebieten selbst aus. „Die Décadence ist also nach dieser Interpretation eine mehr technische Haltung, sie zeigt sich etwa in der Vorliebe für seltene Reime (meist eines russischen Wortes mit einem fremdländischen), sie zeigt sich im Versrhythmus, in der oft sehr kunstvollen Lautstruktur, in den vielfältigen Neologismen“16 Alles, was selten, neu oder einzigartig erscheint ist auch dekadent und symbolistisch. Gustav Kahn setzt diese beiden Begriffe sogar gleich und sagt, dass „‚, wenn man „dekadent“ sagt, „symbolistisch“ gemeint ist.‘“17 Die symbolistische Literatur soll also nicht nur thematisch neue Welten erforschen und miteinander verbinden, sondern sich auch innerhalb ihrer Form weiterentwickeln. Doch was genau ist neuartig? Für manche sind es Neologismen, für jemand anderen ist es ein Reimschema, für einen dritten was ganz anderes. Dies führt dazu, dass das Verständnis von Symbolismus weit auseinandergeht und selbst unter den Dichtern der ersten Generation deutliche Unterschiede gibt. Zwar gibt es Leitmotive, die hin und wieder von allen verwendet werden und doch entwickelt sich der Symbolismus in Russland zu etwas subjektivem, dass jeder nach seinen eigenen Vorstellungen gestaltet. „Jeder nähert sich der Kunst mit der größten Subjektivität und ist für Eigenschaften derjenigen Bilder empfänglich, die bestimmte Seiten seiner Vorstellungskraft berühren.“18

2.5 Leitmotive des Symbolismus und seine führenden Metaphern

Auch wenn der Symbolismus sich sehr subjektiv entwickelt, so gibt es dennoch bestimmte Motive, die mehr oder weniger ausgeprägt sind. Die Verbindung von mystischen Welten mit der unseren gehört zweifelsfrei zu einem der führenden Motive der symbolistischen Kunst. Im Unterschied zum europäischen Symbolismus des 19. Jahrhunderts entwickeln sich in Russland eher weniger die Beschreibungen vom „‘Bösen‘, des Todes (…)‘“.19 Vielmehr entwickeln sich „zahlreiche melancholische, stark emotional gefärbte Landschaftsbilder (…) und religiös-mystisch gefärbte Darstellungen (…).“20 Die Religion spielt für viele Symbolisten dieser Zeit eine bedeutende Rolle und schafft erneut eine Gemeinsamkeit zwischen dem russischen Symbolismus und dem europäischen Romantikbegriff. Ein weiteres Kriterium des Symbolismus ist der verborgene Sinn in seinen Werken. Ein symbolistisches Werk hat demnach oft eine tiefere Bedeutung, die entweder sehr schwer, oftmals aber auch gar nicht von dem Leser erkannt werden kann. „Die semantischen Beziehungen sind unter Umständen mit Bedacht so gewählt, daß sie sich nicht ‚aufschlüsseln‘ lassen, daß der Sinn im Dunkeln bleibt.“21 Oft gibt es ebenfalls eine intertextuelle Symbolik. Vor allem Blok nutzt einige Symbole aus, um seine Gedichte miteinander zu verbinden. Dies führt aber dazu, dass ein Gedicht nicht direkt verständlich sein kann, ohne dass ein anderes Gedicht gelesen wurde. Intertextualität gehört zweifelsfrei zu Symbolismus dazu und greift damit auch die Synästhesie auf. Natürlich verwenden die russischen Symbolisten, wie der Name es bereits sagt, unter anderem auch Symbole zur Darstellung ihrer Werke. Diese sind oft mystischen oder religiösen Ursprungs, variieren aber ebenfalls und sind je nach Künstler subjektiv.

2.6 Zwischenfazit und Überleitung

Nach dem Versuch zu erklären, was Symbolismus genau darstellt ist es umso schwieriger zu sagen, was genau als symbolistische Kunst zu bezeichnen wäre. Klar ist, dass die symbolistische Literatur weitgehend alle Formen der bisherigen Literatur verbindet, sie basiert auf der Synästhesie der Künste und auf Intertextualität, nicht zu vergessen die Dekadenz der Form und Semantik. Und doch ist der Begriff des Symbolismus schwer greifbar und durch seine vielen Facetten sehr subjektiv gesetzt, aber vielleicht soll genau das das Ziel des Symbolismus sein. Es soll uns zum Nachdenken bringen und uns berühren, denn „‘Художественное произведение приводит нас в вострог и в восхищение именно тою своею частью, которая неуловима для нашего сознательного понимания;‘“22 Vielleicht sollen wir nie ganz verstehen, was der Dichter uns sagen möchte, aber dennoch möchten wir es versuchen. In den nächsten Seiten werden einige außerwählte Gedichte von Aleksandr Blok analysiert und versucht an den Gedichten symbolistische Merkmale, die für Blok charakteristisch sind, auszuarbeiten.

3. Symbolismus nach Blok

3.1 „Neznakomka“ („Die Unbekannte“)

Um das Symbolistische in Bloks Gedicht „Neznakomka“ besser zu verstehen, werden im Folgenden einige Motive ausgearbeitet und dargestellt werden. Anzumerken ist, dass dies eine eigenständige Analyse des Gedichtes ist und dass keine anderen Analysen hinzugezogen wurden, um die eigene Interpretation nicht vorwegzunehmen. Der Rhythmus scheint sich hier nicht besonders zu sein oder abzuweichen, ein vierhebiger Jambus, wobei nicht in jedem Vers alle Hebungen erfüllt sind. Das Reimschema scheint zunächst unauffällig, ein einfacher Kreuzreim, der sich scheinbar durch alle Strophen zieht. Auffällig ist aber die dritte Strophe, die als einzige in einem Haufenreim geschrieben ist. Bereits hier lässt sich die symbolistische Form erkennen. Der Haufenreim an sich ist bereits eher seltener als der Paarreim und Kreuzreim, aber es ist einzigartig, dass eine einzige Strophe in einem Gedicht gereimt wird. Schauen wir uns diese genauer an:

„И каждый вечер, за шлагбаумами, Заламывая котелки, Среди канав гуляют с дамами Испытанные остряки.“23

Durch den Reim wird der sich immer wiederholende Prozess des abendlichen Lebens dargestellt. Es verbindet die Semantik mit der Form und schafft eine Bedeutung über das Gedicht hinaus. Jeden Abend sieht man auf den Straßen das gleiche Spiel und so wiederholt sich auch immer derselbe Reim in der Strophe. Es ist nicht nur ein Haufenreim, sondern auch eine Alliteration. Nicht nur, dass alle Verse auf „i“ enden, die Worte selbst sind vom Klang sehr ähnlich, so sind ist die Alliteration in den Versen 1 und 3 „-ami“ und in den Versen 2 und 4 „-ki“. Auch die anderen Strophen sind mit Alliterationen übersät. In der ersten Strophe liegt vor allem das Merkmal auf den Nasalen und dem Laut „h“, in der zweiten Strophe ist es eher das „č“. Jeder Laut schafft seine eigene Atmosphäre und beim lauten Lesen des Gedichtes fällt auf, dass eine bestimmte Atmosphäre erreicht wird. Holthusen bezeichnet die Gedichte von Blok als „mystische Stimmungslyrik“24 und trifft damit den richtigen Ton. Durch die Reime und die Abfolge von bestimmten Lauten wird eine mystische Atmosphäre geschaffen, die man spürt, ohne sich großartig mit dem Inhalt des Gedichtes auseinandersetzen zu müssen. Nicht nur die Alliterationen, sondern auch die Anaphern des Gedichtes führen zu einer bestimmten Empfindung des Gedichtes. Das Reimschema, das Metrum und die Wiederholung des Wortes „I“ am Anfang vieler Verse geben dem Gedicht einen eigenen Rhythmus, der sehr an Volkslieder oder Balladen erinnert. Die Synästhesie von Musik und Wort lässt sich hier deutlich ausarbeiten. Der Rhythmus hat tatsächlich etwas hypnotisierendes, man kann eindeutig den Klang der Worte spüren. Auffällig ist ebenfalls die sechste Strophe, die plötzlich einen lateinischen Ausruf beinhaltet. „In vino veritas!“25 ist nicht nur ein bekannter Spruch, es kann auch als ein typisch symbolistisches Motiv gedeutet werden. Es ist eindeutig Lautmalerei, aber auch die Symbolik des Weines an sich ist symbolistisch. Der Wein gehört unbestreitbar sowohl zu christlichen religiösen Traditionen als auch zu mystischen Epen und Erzählungen. Die Symbolik des Weines verbindet zwei Welten, aber auch mehr. In der letzten Strophe bezieht sich Blok erneut auf den Ausdruck, jetzt aber in die russische Sprache übersetzt. Die beiden Strophen bilden demnach einen Rahmen innerhalb des Gedichtes und schaffen Bezug sowohl zur Außenwelt als auch zur inneren Struktur des Gedichtes. Ebenfalls symbolistisch ist die Vermischung fremdsprachlicher Ausdrücke mit russischer Sprache.26 Tatsächlich ist die sechste Strophe auch die Strophe, nach der die „Unbekannte“, also die „Neznakomka“ auftaucht. Der Beginn des Rahmens, ist demnach also auch der Beginn der Handlung, die wirklich von Bedeutung ist. Schauen wir uns nun an, wie die Unbekannte dargestellt wird. Ihr Aussehen ist durchaus mystisch, ein klares Bild der Frau ist nicht zu erkennen. Es ist auch nicht eindeutig, ob die Frau real ist („(Иль это только снится мне?)“). Die Symbolik des Traumes wird weiter durch die Leitmotive des Nebels und der Seide unterstützt. Es scheint unwirklich und die Gestalt selbst scheint nicht greifbar zu sein, genau wie Nebel und Seide scheint die Gestalt der Frau leicht aus den Händen entwischen zu können. Das Schweben zwischen Traum und Wirklichkeit ist ein weiteres symbolistisches Merkmal27. Zusätzlich kann man die Frau als ein Medium zwischen der Welt des lyrischen Ichs und der Welt, die er durch sie sieht, sehen. Die Strophen 9-11 beziehen sich alle auf eine andere Welt, die das lyrische ich, durch die Gestalt der Frau sieht. Die Sehnsucht nach anderen Welten und die Verbindung der realen Welt mit einer anderen, sind symbolistisch und schaffen eine hypnotische Atmosphäre. Es wird nicht aufgelöst, ob das lyrische Ich nur des Weines wegen eine Frauengestalt sieht, oder ob es tatsächlich passiert, oder aber der Wein ihn zu der wahren Welt führt, denn „in Wein liegt die Wahrheit“ könnte auch so verstanden werden, dass der Held die Wahrheit erst erblickt wenn er trinkt und die reale Welt die falsche ist. Es gibt wie man sieht durchaus mehrere Ansätze, wie dieses Gedicht zu deuten ist, unbestreitbar ist aber, dass es viele symbolistische Merkmale in sich trägt, wobei die Mehrdeutigkeit des Gedichtes auch selbst ein Merkmal des Symbolismus darstellt. Es gibt noch deutlich mehr in diesem Gedicht zu analysieren, dies würde aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen, weshalb wir uns nun einem weiteren Gedicht widmen, um einen Vergleicht zu dem oben genannten Gedicht zu haben und somit Bloks Lyrik ein bisschen besser einfangen zu können.

[...]


1 Literaturhandbuch.de

2 Lauer, Reinhard: kleine Geschichte der russischen Literatur, München 2005, S. 158

3 Vgl. Lauer S.158

4 Belyj, Andrej: Simvolizm, München; Fink 1969, Nachdruck d. Ausg. Moskau 1910, S.20

5 Belyj, S. 30

6 Belyj, S. 30

7 Holthusen, Johannes: Studien zu Ästhetik und Poetik des russischen Symbolismus, Göttingen 1957, S. 12

8 Holthusen, S. 12

9 Holthusen S. 12

10 Hofstätter, Hans: Symbolismus und die Kunst der Jahrhundertwende: Voraussetzungen, Erscheinungsformen, Bedeutungen, Köln 1973, S. 35

11 Belyj, S. 147

12 Belyj, S. 155

13 Holthusen, S. 59

14 Holthusen, S. 58

15 Hofstätter, S. 51

16 Holthusen, S. 19

17 Hofstätter S. 51

18 Hofstätter S. 50

19 Kiblickij, Josef; Kruglov, Vladimir Fedorovič: Symbolismus in Russland, Bad Breisig 1996, S. 9

20 Kiblickij, Kruglov, S. 9

21 Holthusen S. 21

22 Belyj, S. 151

23 https://rustih.ru/aleksandr-blok-neznakomka/

24 Holthusen S. 65

25 https://rustih.ru/aleksandr-blok-neznakomka/

26 Vgl. Holthusen S. 19

27 Vgl. Holthusen S. 12

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Alexander Blok und der russische Symbolismus. Was ist der Symbolismus und inwiefern lässt er sich in der Arbeit Bloks wiedererkennen?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Lotman Institut)
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
11
Katalognummer
V594693
ISBN (eBook)
9783346171320
ISBN (Buch)
9783346171337
Sprache
Deutsch
Schlagworte
alexander, arbeit, blok, bloks, symbolismus
Arbeit zitieren
Natalia Zohhova (Autor), 2019, Alexander Blok und der russische Symbolismus. Was ist der Symbolismus und inwiefern lässt er sich in der Arbeit Bloks wiedererkennen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/594693

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