Warum die Wende die Thüringer Zeitungslandschaft kaum gewendet hat: Ausgewählte Ursachen, Entwicklungen und Folgen der Pressekonzentration im Freistaat


Seminararbeit, 2001

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung
I.1. Erörterung des Themas

II. Hauptteil
II.1. Entwicklung des Tageszeitungsmarktes nach der Wende in Thüringen
II.2. Beginn der Konzentration
II.3. Die Pressekonzentrationsfaktoren Vergabepraxis und Ausstattungsunterschiede
II.4. Der Faktoren Aggressivität und Marketing
II.5. Die ökonomischen Faktoren: Kostendegression und Anzeigen-Auflagen-Spirale
II.6.Todesanzeigen und Tradition
II.7. Die Faktoren Chaos, Dilettantismus und Kreisgebietsreform

III. Fazit
III.1. Die Zeitungslandschaft in Thüringen heute ist sehr eingegrenzt

I.1. Erörterung des Themas

Die politische Wende bescherte den früheren DDR-Bürgern dauerhaft viele neue Produkte und große Auswahl. Nach 40 Jahren Planwirtschaft gab es plötzlich viele Automarken zu kaufen, im Getränkegeschäft warteten hunderte Getränkesorten auf Käufer und statt Einheitskleidung aus dem Kaufhaus konnten die Bürger Mode kaufen noch und noch.

Auf dem Markt der Lokalzeitungen jedoch scheint heute auf dem ersten Blick die Zeit stehen geblieben zu sein - und zwar auf dem Stand vor der Wende. "Das tradierte DDR-Pressesystem erwies sich als erstaunlich stabil", stellte Walter J. Schütz bereits im Jahre 1991 fest.[1] "Das publizistische Monopolangebot blieb erhalten"[2], schrieb 1995 Hans Bohrmann mit Blick auf die 14 früheren SED-Bezirkszeitungen, die zu diesem Zeitpunkt längst wieder - oder besser: immer noch - die ostdeutsche Presselandschaft zu mehr als 90 Prozent dominieren.[3] "Die Gewinner des Verdrängungswettbewerbs sind die ehemaligen SED-Bezirkszeitungen"[4], war schon bald vielen Medienbeobachtern klar.

Heute, aus dem Jahr 2001 betrachtet, ist diese Entwicklung sehr interessant. Immerhin gab es unmittelbar nach der Wende in Ostdeutschland einen Zeitungsboom. Vor allem im grenznahen Thüringen kämpften in Städten wie Suhl teilweise bis zu zehn Tageszeitungen um die Gunst der Leser.[5] Vor allem vor dem Hintergrund, das Pressekonzentration in den alten Bundesländern bereits vor Jahrzehnten heftig diskutiert wurde[6] und Mechanismen zur Vermeidung geschaffen wurden, stellt sich schnell die Frage: Wie konnten diese vielen Keime der neuen Pressevielfalt so schnell eingehen?

"Warum sollten die Journalisten und Zeitungen ausgewechselt werden? Schließlich wurden doch die Leser nach der Wende auch nicht ausgewechselt", lieferte jüngst der Politikredakteur der Thüringer Allgemeine, Dirk Löhr, im Rahmen eines Seminars an der Universität Erfurt die Erklärung seines Kollegens auf diese Frage, worum die vielen Neugründungen so schnell im Keime erstickt wurden und die Leute ihre alte Zeitung weiterlasen. Nach Löhrs Zitat rechtfertigt die fehlende Notwendigkeit neuer Zeitungen in Thüringen den erfolgreichen Fortbestand der "Thüringer Allgemeinen", die aus dem SED-Bezirksblatt "Das Volk" hervorgegangen war.

Selbst wenn sich dieser Redakteur die Antwort auf die Frage nach Ursachen für die heute geringe Zeitungsvielfalt in Thüringen leicht macht: Die Gründe für die Konzentrationsprozesse in Thüringen sind vielfältiger. Als Faktoren für die Konzentration kommen beispielsweise vielmehr in Frage: Kostendegressionswünsche der Großkonzerne, schlechte Produktionsmöglichkeiten und fehlender Immobilienbesitz der Neugründungen, die Treuhand-Vergabe-Praxis von SED-Blättern an Westkonzerne, Anzeigen-Auflagen-Spirale, historisch gewachsene Gegebenheiten oder Lesergewohnheiten.

Diese und andere Faktoren sollen in dieser Hausarbeit zusammengetragen und vorgestellt werden - vorrangig basierend auf dem Forschungsstand von 1989 bis in das Jahr 1995, da seitdem das Interesse der Wissenschaft an dem Thema merklich nachgelassen hat. Mehr als einen Überblick und Denkanreize kann und soll diese Arbeit aufgrund ihres eingeschränkten Umfangs nicht geben. Aufgrund der Art dieser Hausarbeit werden einige Faktoren ausführlicher dargestellt und andere nur angeschnitten. Die verschiedenen Konzentrationsarten können ebenso wenig dargestellt werden, wie ein vollständiger chronologischer Ablauf der Prozesse im Freistatt. Statt dessen werden exemplarisch Beispiele angeführt.

Um die Konzentrationsvorgänge einordnen zu können, zunächst ein Ausflug in die Zeit der massenhaften Zeitungsgeburten nach der Wende - denn dort haben bereits einige spätere Konzentrationsfaktoren ihren Ursprung.

II.1. Entwicklung des Tageszeitungsmarktes nach der Wende in Thüringen

Die ersten Monate nach der Wende herrschte auf dem Zeitungsmarkt in Thüringen eine Stimmung zwischen Aufbruch und Chaos. Das bestätigen Gespräche mit Journalisten, die damals als Seiteneinsteiger erst selbst zu solchen geworden waren. Doch dazu gleich mehr.

Bis zur Wende im Jahr 1989 existierten in Thüringen die drei SED-Bezirkszeitungen "Das Volk" (Bezirk Erfurt), "Freies Wort" (Bezirk Suhl) und "Volkswacht" (Bezirk Gera).[7]

Außerdem erschienen in größeren Städten Thüringens zu DDR-Zeiten die Zeitungen der sogenannten Blockparteien: "Thüringische Landeszeitung", "Thüringer Neueste Nachrichten" und "Thüringer Tageblatt". Die Auflage aller drei SED-Zeitungen lag rund 6,2 Mal höher als die der drei Blockzeitungen - was die enorme Reichweite der SED-Zeitungen eindrucksvoll verdeutlicht.[8]

Im Jahr eins nach der Wende gab es heftige Veränderungen auf dem Pressemarkt. Wen wundert es? Nichts schien doch näher gelegen, als dass die Leser dem Sozialismus und seinen SED-Zeitungen den Rücken zukehren und neue Zeitungen lesen wollen.

[...]


[1] SCHÜTZ, Walter J.; Der Zeitungsmarkt in den neuen Ländern, In: Zeitungen ´91, 1991, Bonn, Seite 107

[2] BOHRMANN Hans; Die Vereinigung der deutschen Medienlandschaft, In: Publizistik: Beiträge zur Medienentwicklung; 1995, Konstanz, Seite 281

[3] vgl. SCHNEIDER Beate, MÖHRING Wiebke, STÜRZEBECHER Dieter, Ortsbestimmung, 2000, Konstanz, Seite 18

[4] NEIDHART Thilo; Tristesse im Blätterwald, In: journalist 8/95, Rommerskirchen, Seite 12

[5] vgl. SCHÜTZ, Walther J; Grenzübergang - Zur Erweiterung des Zeitungsangebotes in der DDR, In: Zeitungen `90, 1999, Bonn, Seiten 37 bis 48

[6] vgl. NOELLE-NEUMANN Elisabeth; RONNEBERGER Franz; STUIBER Heinz-Werner; Streitpunkt Lokales Pressemonopol, 1976, Düsseldorf, Seite 11

[7] vgl. SCHÜTZ Walter J.; Der Zeitungsmarkt in den neuen Ländern, In: Zeitungen ´92, 1992, Bonn, Seiten 278 und 279

[8] siehe 7

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Warum die Wende die Thüringer Zeitungslandschaft kaum gewendet hat: Ausgewählte Ursachen, Entwicklungen und Folgen der Pressekonzentration im Freistaat
Hochschule
Universität Erfurt  (Phil. Fakultät)
Veranstaltung
Seminar: Aktuelle Probleme der Medienentwicklung
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
13
Katalognummer
V5948
ISBN (eBook)
9783638136563
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit zeigt am Beispiel Thüringen, wie Pressekonzentration entsteht und welche Ursachen Pressekonzentration hat. Arbeit hat keine zusätzliche Literaturliste am Ende, sondern nur Fußnoten.
Schlagworte
Pressekonzentration, Thüringen, Thüringer Allgemeine
Arbeit zitieren
Kai Oppel (Autor), 2001, Warum die Wende die Thüringer Zeitungslandschaft kaum gewendet hat: Ausgewählte Ursachen, Entwicklungen und Folgen der Pressekonzentration im Freistaat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5948

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