Die Neue Außenhandelstheorie und ihre Bedeutung für die Nord-Süd-Debatte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Neue Aussenhandelstheorie
Allgemeines Gleichgewicht und Komparativer Vorteil
Ohlin und Samuelson und die Ökonomische Amnesie
Paul Krugmans Durchbruch und die zentralen Beiträge der Neuen Aussenhandelstheorie
Das Modell von Krugman/Venables (1995)

Handels- und Entwicklungspolitische Debatten im Kontext der „Neuen Aussenhandelstheorie“
Technologische Externalitäten und Marktversagen
Lock-In-Effekte bei dynamischen Skalenerträgen
Pekuniäre Externalitäten und Linkages
Marktgrösseneffekte und der „Big Push“

Fazit

Literaturverzeichnis

Entwicklung zwischen multiplen Gleichgewichten

die „Neue Aussenhandelstheorie“
und ihre Bedeutung für die Nord-Süd-Debatte

Einleitung

Eine der zentralen Fragen in der gegenwärtigen Debatte über die Globalisierung ist die nach den Auswirkungen des internationalen Handels auf den Entwicklungsprozeß im allgemeinen und auf die Einkommensdisparitäten zwischen Industrie- und Entwicklungsländern im besonderen. Obwohl im Mittelpunkt des Interesses globalisierungskritischer Gruppen wie ATTAC, Oxfam oder WEED derzeit Probleme des internationalen Finanzsystems, die Macht multinationaler Konzerne und die Einschränkung der regulatorischen Souveränität der Nationalstaaten durch Abkommen wie GATS und TRIPS stehen, läßt sich aus den Erklärungen dieser Gruppen auch eine tiefe Skepsis gegenüber der Nützlichkeit des freien Welthandels für die Entwicklungsländer erkennen. Damit diese von einem „fairen Welthandel“ profitieren könnten, müsse ihnen die Möglichkeit gegeben werden, ihre Produzenten gegen Konkurrenz aus den Industriestaaten zu schützen.

Diese Positionen stehen in einer intellektuellen (und politischen) Tradition, die auf die Entwicklungstheorien der fünfziger Jahre zurückgeht und seither jahrzehntelang in beinahe völliger Seklusion vom ökonomischen Mainstream weiterbestand. Tatsächlich galt die Lehrmeinung, nach der internationaler Handel immer allen beteiligten Ländern zum Vorteil gereiche und daher Freihandel die optimale Handelspolitik darstelle, als eine der unumstrittensten Erkenntnisse der Ökonomik, und die Außenhandelstheorie gehörte bis etwa 1980 zu den am stärksten vereinheitlichten Zweigen der ökonomischen Theorie (vgl. Krugman 1987b). Dies änderte sich schlagartig mit dem Aufkommen der „Neuen Außenhandelstheorie“, die durch die Modellierung von Märkten mit unvollständigem Wettbewerb erstmals die formale Untersuchung der Auswirkungen zunehmender Skalenerträge auf den internationalen Handel erlaubte. Wie sich herausstellte, konnte mit diesem neuen Instrumentarium eine große Klasse von Konzepten der Mainstream-Diskussion zugänglich gemacht werden, die zuvor nur eine Außenseiterrolle gespielt hatten, einschließlich von Modellen, die entgegen dem neoklassischen Faktorpreisausgleichstheorem eine weltmarktvermittelte Verstärkung oder gar spontane Bildung von Zentrum-Peripherie-Strukturen voraussagten.

In dieser Arbeit soll untersucht werden, inwieweit die Neue Außenhandelstheorie den herkömmlichen ökonomischen Konsens über die Optimalität des Freihandels in Frage stellt. Dazu werden zunächst die theoriegeschichtliche Bedeutung der NAT, ihre konzeptionellen Grundlagen und ihre bedeutendsten Beiträge kurz dargestellt. Anschließend wird am Beispiel des Papers „Globalization and the Inequality of Nations“ von Krugman/Venables (1995) ausführlicher die Funktionsweise einer Klasse von Modellen dargestellt, in denen freier Handel aufgrund einer Tendenz zur Bildung industrieller Agglomerationen zur Verschärfung internationaler Disparitäten führen kann. Schließlich werden einige der wichtigsten Argumente für eine interventionistische Handelspolitik von Entwicklungsländern, die im Kontext der NAT formuliert wurden, vorgestellt und diskutiert, um dann in einem abschließenden Resumé den aktuellen Stand der handelstheoretischen Lehrmeinungen zu skizzieren.

Die Neue Aussenhandelstheorie

Allgemeines Gleichgewicht und Komparativer Vorteil

„If there were an Economist’s Creed, it would surely contain the affirmations „I understand the Principle of Comparative Advantage“ and „I advocate Free Trade“. (Krugman 1987b:131)

Die neoklassische Außenhandelstheorie vor 1980 beruhte im wesentlichen auf zwei Modellen, die Handel als Folge exogener Unterschiede zwischen den Nationen erklärten: Dem Modell von Ricardo (1817), das auf Unterschieden in den Relationen der Arbeitsproduktivitäten der einzelnen Sektoren der Volkswirtschaften beruht, und dem Heckscher-Ohlin-Modell, in dem Handel als Folge unterschiedlicher relativer Faktorausstattungen entsteht. Beiden Modellen gemeinsam ist das Prinzip des komparativen Vorteils, aus dem unmittelbar folgt, daß jedes Land, unabhängig von Größe und Produktivitätsniveau, konkurrenzfähige potentielle Exportsektoren hat und von freiem Außenhandel profitiert: In dem berühmten Beispiel von Ricardo exportiert England Tuch und importiert Wein, obwohl seine Arbeitsproduktivität in beiden Sektoren unter der Portugals liegt; entscheidend ist, daß der Produktivitätsvorsprung Portugals im Tuchsektor geringer ist als im Weinsektor. Analog dazu exportiert Europa in Samuelsons (1948) wegweisender Darstellung des Heckscher-Ohlin-Modells das arbeitsintensive Produkt Kleidung nach Amerika, obwohl beide „Länder“ mit gleich viel Arbeitskraft ausgestattet sind; hier ist der relative Arbeitsreichtum Europas entscheidend für das Spezialisierungsmuster.

Das Prinzip des komparativen Vorteils wurde von Paul Samuelson als bestes Beispiel einer ökonomischen Erkenntnis bezeichnet, die zweifellos richtig, aber gleichzeitig nicht für jeden intelligenten Menschen offensichtlich sei. Letzteres wird immer wieder aufs Neue von gebildeten, politisch informierten, wohlmeinenden Journalisten angesehener Zeitungen durch Sätze wie „Land XY ist auf keinem einzigen Sektor international konkurrenzfähig“ bewiesen. Wie Krugman (1997) betont, liegt dem Prinzip des komparativen Vorteils das noch fundamentalere Prinzip der Opportunitätskosten des Faktoreinsatzes und mithin die Begrenztheit der Faktorausstattung jeder Volkswirtschaft zugrunde: Obwohl die Arbeitsproduktivität der portugiesischen Tuchindustrie höher ist als die der englischen, sind ihre Opportunitätskosten höher, weil sie mit dem noch produktiveren Weinsektor um die begrenzt vorhandenen Arbeitskräfte konkurriert.

Um Handel aufgrund von komparativem Vorteil zu verstehen, muß man also außer den Export- bzw. Importsektoren selbst zumindest implizit auch deren Wechselwirkung untereinander und mit den anderen Sektoren der Volkswirtschaft über die Konkurrenz auf den Faktormärkten berücksichtigen; diese umfassende Sichtweise ist aber vielen Nichtökonomen fremd, und ihre Erkenntnisse erscheinen Betrachtern, die sich mit Außenhandelsproblemen einzelner Sektoren befassen wenig einleuchtend. Die Ökonomik hingegen verfügt mit der allgemeinen Gleichgewichtstheorie über ein Instrument zur formalen Analyse solcher Wechselwirkungen.

Ohlin und Samuelson und die Ökonomische Amnesie

Es ist bezeichnend, daß die Tragweite der Aussagen des Heckscher-Ohlin-Modells, daß nämlich vollkommene Gütermobilität unter gewissen Bedingungen die Mobilität der Produktionsfaktoren vollständig ersetzen und einen internationalen Faktorpreisausgleich herbeiführen kann, erst nach der Darstellung in einem formalen allgemeinen Gleichgewichtsmodell durch Samuelson (1948) erkannt wurde. Angesichts des Durchbruchs, zu dem Samuelsons Artikel geführt hatte, gewann die Darstellung ökonomischer Sachverhalte in formalen Modellen an Bedeutung und wurde bald zu einer notwendigen Bedingung für die Akzeptanz außenhandelstheoretischer Konzepte im ökonomischen Mainstream. Dies erscheint auch durchaus gerechtfertigt, denn wie sonst sollten die Argumente, mit denen etwa in den fünfziger Jahren eine importsubstituierende Industrialisierungsstrategie gefordert wurden, systematisch mit den Argumenten für freien Handel, die ja gerade auf allgemeinen Gleichgewichtserwägungen beruhten, in Beziehung gesetzt und gegen diese abgewogen werden? Tatsächlich ist, wie das Prinzip des komparativen Vorteils zeigt, intuitive Plausibilität in der Außenhandelstheorie kein guter Maßstab; schlechte Argumente für protektionistische Handelspolitik können von guten Argumenten eben nur in einer allgemeinen Gleichgewichtsanalyse unterschieden werden.

Der fulminante Erfolg der Methode wie der Aussage von Samuelsons Beitrag führte darüber hinaus dazu, daß dieser zur maßgeblichen Formulierung des Heckscher-Ohlin-Modells wurde, wohingegen Bertil Ohlins (1933) Monographie kaum noch ezipiert wurde. Ohlins Werk gilt als schwer zugänglich, die ausführlichen verbalen Darstellungen erschienen nachfolgenden Generationen von mathematisch ausgebildeten Ökonomen umständlich oder gar unverständlich, und schließlich wurden einige der zentralsten Aussagen des Modells überhaupt erst in Samuelsons „Übersetzung“ herausgearbeitet (vgl. Krugman 1999).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Neue Außenhandelstheorie und ihre Bedeutung für die Nord-Süd-Debatte
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Fachbereich Wirtschaftswissenschaft/ Lateinamerika-Institut)
Veranstaltung
Seminar Nord-Süd-Wirtschaftsbeziehungen
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
22
Katalognummer
V5950
ISBN (eBook)
9783638136570
Dateigröße
790 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neue, Außenhandelstheorie, Bedeutung, Nord-Süd-Debatte, Seminar, Nord-Süd-Wirtschaftsbeziehungen
Arbeit zitieren
Christofer Burger (Autor), 2002, Die Neue Außenhandelstheorie und ihre Bedeutung für die Nord-Süd-Debatte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5950

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