Vererbung von Depressionen. Genetischer Anteil psychischer Störungen und Wirkung von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI)


Facharbeit (Schule), 2020

41 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die psychische Krankheit Depression
2.2. Arten von Depression
2.3. Entstehung und Prävention einer Depression
2.3.1. Umweltbezogene Ursachen
2.3.2. Genetische Ursachen

3. Grundlagen der Genetik

4. Vererbung der psychischen Krankheit
4.1. Nachweis des genetischen Einflusses
4.2. Unterscheidung der unipolaren und bipolaren Depression
4.3. Einflussfaktoren auf Vererbung
4.4. Medikamentöse Behandlung
4.5. Bedeutung der Genetik für den Stoffwechsel im Nervensystem
4.6. Komplexität der Genidentifikation

5. Zusammenfassung und Fazit

6. Abkürzungs- und Begriffsverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

8. Abbildungsverzeichnis

9. Anhang

1. Einleitung

Vereinzelte Hinweise lassen darauf schließen, dass psychische Erkrankungen bereits seit prähistorischen Zeiten existieren.1 Infolgedessen stellte der berühmte Nervenarzt Dr. Sigmund Freud fest:

Im Moment, da man nach Sinn und Wert des Lebens fragt, ist man krank, denn beides gibt es ja in objektiver Weise nicht; man hat nur eingestanden, da ß man einen Vorrat von unbefriedigter Libido hat, und irgend etwas anderes muß damit vorgefallen sein, eine Art Gärung, die zur Trauer und Depression führt.2 (Sigmund Freud 1937)

Selbst im 21. Jahrhundert ist die Depression als eine der häufigsten psychischen Störungen noch immer eine potentiell tödliche Krankheit. Betroffene plagen unter Umständen Suizidgedanken, sodass Suizidversuche als einziger Ausweg erscheinen. Inzwischen gibt es allerdings Medikamente, die die Symptome nachweislich abschwächen und deren Einnahme teilweise unumgänglich ist.3 Eines dieser sogenannten Antidepressiva ist der selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), dessen Wirkung in dieser Arbeit genauer erläutert wird.

Doch obwohl sich passende Behandlungsmethoden etabliert haben, ist die Ursache der Erkrankung teilweise ungeklärt. Auf der Suche nach den Hintergründen der Entstehung einer Depression müssen verschiedene Einflussfaktoren betrachtet werden. Hierzu zählen die Umwelt, die Selbststeuerung einer Person und möglicherweise die genetische Ausstattung.4 In einigen Familien konnte innerhalb der letzten Jahre betrachtet werden, dass depressive Störungen häufig mehrfach und sogar in ähnlicher Ausprägung auftreten, weshalb angenommen wurde, dass Depressionen zum Teil genetisch bedingt sind.5 Da die Erkrankung sehr komplex ist und noch zu wenige Forschungen bezüglich der Ätiologie durchgeführt wurden, ist bisher unklar, wie groß der Anteil der verschiedenen Faktoren an der Entwicklung der psychischen Krankheit ist.6

Ziel dieser Arbeit ist es, festzustellen, ob ein genetischer Ursprung der Depression zweifelsfrei existiert, in welchem DNA-Abschnitt dieser möglicherweise zu finden ist, und wie die Erkrankung mithilfe von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern behandelt werden kann.

2. Die psychische Krankheit Depression

Die Depression zählt laut Definition der internationalen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) zu den affektiven Störungen, „deren Hauptsymptome in einer Veränderung der Stimmung oder der Affektivität entweder zur Depression [...] oder zur gehobenen Stimmung bestehen“7. In diesem Kontext spricht man auch von depressiven Episoden, in welchen die Stimmung gedrückt ist und Antriebslosigkeit sowie Suizidgedanken aufkommen können und manischen Episoden, die sich in anhaltender hemmungsloser Euphorie äußern. Maniker benötigen kaum Schlaf und sind oft im Beruf überaktiv, vermindert kritikfähig und verhalten sich rücksichtslos. Allerdings treten nicht bei allen Depressionspatienten manische Episoden oder abgeschwächte Manie, die Hypomanie auf. In vielen Fällen ist die psychische Erkrankung ausschließlich von Phasen der Rezession und Verzweiflung gezeichnet.8 Je nach Ausprägung und Häufigkeit der Episoden kann die Krankheit in eine Vielzahl unterschiedlicher Depressionsarten unterteilt werden. Die affektive Störung ist dabei in allen Formen schwerwiegend und von einer kurzweiligen Verstimmung oder Traurigkeitsgefühlen aufgrund von einschneidenden Lebensereignissen abzugrenzen.9

In Deutschland liegt die Verbreitung ungefähr bei 5% aller Menschen, unabhängig von Herkunft, Alter und sozialem Status.10 Diese Erkenntnis widerlegt auch die gängige Vermutung, dass es sich bei einer Depression um eine Modekrankheit handelt, da in diesem Fall die Krankheit hauptsächlich bei vermögenden Personen auftreten würde.11 Hinzu kommt, dass die Statistiken (Abb. 1, Abb. 2) eine vermeintlich stärkere Tendenz zur psychischen Erkrankung als noch vor einigen Jahren zeigen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Anzahl stationärer Behandlungen aufgrund von Störungen im Verhalten und der Psyche

Von 2000 bis 2007 sind zwischen 49.000 und 69.000 Jugendliche aufgrund von psychischen oder Verhaltensstörungen in stationärer Behandlung gewesen, während es 2016 und 2017 schon etwa 92.000 waren (Abb. 1). Dieser Anstieg ist aber nicht zwangsläufig auf die Verbreitung der Krankheit, sondern vielmehr auf andere Gründe zurückzuführen. Die Zahl der Personen in psychiatrischer Behandlung steigt an, weil die breite Bevölkerung inzwischen wesentlich besser über die Erkrankung aufgeklärt ist und Angehörige und Betroffene die Symptome eventuell leichter erkennen. Zugleich nehmen Depressionspatienten heute eher verfügbare Hilfe an, da aufgrund der wachsenden Empathie für die Krankheit die Stigmatisierung durch die Mitmenschen mittlerweile abnahm.12

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Balkendiagramm Arbeitsunfähigkeitsfälle aufgrund depressiver Episoden

Dennoch wird die Störung bei Kindern und Jugendlichen auch heute noch selten erkannt, weshalb sich die Patienten oft erst im mittleren Lebensalter in Behandlung begeben.13 Insgesamt beträgt die Lebenszeitprävalenz, also das Risiko, im Laufe des Lebens an einer Depression zu erkranken, zwischen 7% und 18%14, wobei in Abbildung 2 zu sehen ist, dass die Zahl der Arbeitsunfähigkeitsfälle aufgrund depressiver Episoden bei weiblichen Versicherten deutlich höher ist als bei Männern. Beispielsweise gelten im Jahr 2015 beinahe 19.000 Frauen infolge von Depressionen als arbeitsunfähig, während nur etwa 12.000 männliche Betroffene erfasst wurden. Einige Jahre früher (2003) war die Differenz sogar noch signifikanter: Über 12.000 Frauen waren betroffen und überstiegen die Anzahl der Männer (unter 6.000) bei weitem. Diese Statistik des BKK Dachverbands deckt sich ebenfalls mit Dr. Marlis Wegners Annahme, dass Frauen ca. doppelt so häufig an Depressionen erkranken wie Männer.15 Über die Gründe, weshalb dieser Unterschied besteht, können bisher nur Vermutungen angestellt werden. Zum einen besteht noch immer eine soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und zum anderen treten häufig Depressionstypen nach einer Entbindung, beispielsweise die postpartale Depression auf.16 Weibliche Betroffene sind jedoch häufig für eine Therapie offen, während männliche ihre Krankheit verbergen und sich seltener in Behandlung begeben, weswegen die Selbsttötungsrate höher ist.17

Inzwischen gilt die depressive Störung als zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit und hat häufig Folgen für das gesamte Umfeld. Abgesehen von den enormen Kosten für das Gesundheitssystem befinden sich Betroffene und Angehörige meist in einem Zustand der Hilfs- und Hoffnungslosigkeit, dem sie ohne Unterstützung nicht entfliehen können.18 Durch die modernen Möglichkeiten der Therapie hilft eine Behandlung aber etwa 80% der Betroffenen, sodass die Depression geheilt oder die Beschwerden gelindert werden können.19

2.1. Merkmale und Verlauf der Krankheit

Die Depression ist eine Krankheit, die in sehr unterschiedlichen Formen auftreten kann. Der Erkrankungsprozess kann schleichend sein, die Krankheit kann aber auch schlagartig auftreten. Hinsichtlich der Symptomatik ist auffällig, dass neben kognitiven Beeinträchtigungen, wie beispielsweise Konzentrationsschwierigkeiten, Einschränkungen der Aufmerksamkeit und Hemmungen von Antrieb und Denken, sowie körperliche Beschwerden auftreten können. Diese äußern sich in Form von Schmerzen und Schlafstörungen.20

Grundsätzlich sind Erkrankte aber nicht ununterbrochen in einer depressiven Phase: Die Krankheit verläuft in Schüben. Meist sind die Symptome über ein bis zwei Wochen sehr auffällig, im Gegenzug kann es aber auch Lebensabschnitte geben, in denen die Niedergeschlagenheit nicht auftritt. Aufmerksam auf das Vorliegen einer möglichen psychischen Störung wird das Umfeld meist durch das zunehmend gereizte bzw. teilnahmslose Verhalten oder durch den Leistungsabfall bis hin zur vorzeitigen Berufsunfähigkeit, die aus den Symptomen des Betroffenen resultieren kann (Abb. 2). Aufgrund der Erkrankungen brechen jedoch auch häufig wichtige soziale Beziehungen ab, als Folge fühlt sich der Patient ausgegrenzt und einsam.

Wird die Depression nicht erkannt oder unzureichend behandelt, kommt es laut einer Statistik des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie bei ca. 16% der Betroffenen zu Suizidversuchen. Viele der über 12.000 Selbsttötungen pro Jahr in Deutschland könnten hingegen verhindert werden.21 Insbesondere Angehörige von Depressionspatienten sollten für entsprechende Hinweise sensibilisiert werden; zudem ist es besonders wichtig, die Erkrankung ernst zu nehmen, sowie genügend Beratungsstellen anzubieten.

2.2. Arten von Depression

Depression ist nicht gleich Depression. Nicht nur die Ausprägung kann variieren, affektive Störungen umfassen unzählige Subtypen. Neben den weitverbreiteten unipolaren und bipolaren Depressionen existieren seltene Formen, bei denen nur manische Episoden auftreten oder die mit Angststörungen bzw. Schizophrenie verbunden sind. Eine der schwersten Depressionsarten ist die mit häufigen Rückfällen einhergehende psychotische Depression, bei der die Betroffenen von Wahnvorstellungen heimgesucht werden. Unbegründete Existenzängste oder Schuldgefühle können hier auftreten.22 Des Weiteren kann die Depression nach dem amerikanischen Klassifikationssystem DSM-IV auch in Major Depression bzw. Minor Depression und Dysthymie aufgeteilt werden. Während die schwere Depression (Major Depression) mindestens fünf der festgelegten Hauptsymptome aufweisen muss, ist die Minor Depression etwas weniger ausgeprägt. Im Gegensatz zur Dysthymie, der mindestens zwei Jahre durchgehend andauernden chronischen Depression, sind beide Formen durch einen phasenhaften bzw. rezidivierenden Verlauf gekennzeichnet.23

Die Abgrenzung der Krankheitsformen in Kategorien gestaltet sich wiederum schwierig, da nicht immer eine Trennschärfe gegeben ist, sodass manche schizophrene Patienten auch Symptome einer klassischen affektiven Störung aufweisen. Gleichwohl ist eine möglichst präzise Einteilung essenziell, weil aufgrund spezieller Symptomatik eine abweichende therapeutische und medikamentöse Behandlung von Nöten sein kann. Da bisherige Erkenntnisse besonders im Bereich der verbreitetsten Formen gewonnen wurden, behandelt diese Arbeit ausschließlich die unipolare sowie die bipolare Störung.

Voneinander abgegrenzt werden die depressiven Störungen anhand der Symptomatik, der Ursache und des Krankheitsverlaufs. Während bei der unipolaren Depression wiederholt depressive Episoden auftreten, in denen die Patienten niedergeschlagen und tiefgehend traurig sind, ist die bipolare Störung durch abwechselnd depressive und manische Phasen gekennzeichnet (Abb. 3). Angst bzw. Appetitverlust in der depressiven Episode werden bei bipolaren Störungen von übermäßigem Rededrang und überhöhter Selbsteinschätzung abgelöst.24 Dabei wird die deutlich gehobene Stimmung, aufgrund der Manie, keinesfalls positiv bewertet, da sich Betroffene aufdringlich und distanzlos verhalten, kaum schlafen können und der Wechsel von einer manischen in eine depressive Episode meist eine noch größere körperliche und psychische Belastung darstellt. Für Patienten in der depressiven Phase sind die während der Dauer der manischen Episode selbst durchgeführten Handlungen unverständlich und werden negativ bewertet. Aus diesem Grund liegt auch zumeist die Suizidrate bei manisch-depressiven Störungen wesentlich über der von unipolaren Störungen, bei welchen keine Manie auftritt.25

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Verlaufsformen depressiver Erkrankungen

Reine Manien sind äußerst ungewöhnlich und auch manisch-depressive Krankheiten treten nur vereinzelt bei ungefähr 1% der Bevölkerung auf. Im Gegensatz dazu leiden 15% an der klassischen schweren Depression (Major Depression).26 Um Aufschluss über diese klare Verteilung zu bekommen, ist es sinnvoll, die Ursachen von unipolaren und bipolaren Störungen genauer zu betrachten.

2.3. Entstehung und Pr ävention einer Depression

Möglicherweise gibt es für die Entstehung von affektiven Krankheiten mehrere Gründe. Neben Umwelteinflüssen, welche zweifelsfrei eine Depression bedingen können, ist auch die genetische Ausstattung eines Menschen ein möglicher Ansatzpunkt.

Diesbezüglich ist es ebenfalls interessant, wie präventiv vorgegangen und das Auftreten der Krankheit oder ein Rückfall verhindert werden kann. Die bisherigen Möglichkeiten, die Anlage zu verändern, sind begrenzt. Bislang zeigen sich im Bereich der Genetik insbesondere epigenetische Mechanismen, wie beispielsweise die Histonproteinmodifizierung oder die DNA-Methylierung als erfolgversprechend, diese müssen aber noch besser erforscht werden, um sie schließlich zur Vermeidung des Krankheitsausbruchs anwenden zu können.27

Auf sozialpsychologischer Ebene gibt Diplompsychologin Dr. Wegner Betroffenen folgende Ratschläge, um stressbehaftete Lebensereignisse und damit verbundene Krankheitsausbrüche oder Rezidive zu umgehen: Der Ursprung psychischer Belastungen und der negativen Grundstimmung muss ausgemacht und ein Ausgleich, wie beispielsweise körperliche Aktivität gefunden werden. Zudem empfiehlt die Expertin regelmäßigen Kontakt zu vertrauten Personen zu pflegen und Überforderungen zu vermeiden. Die sieben Säulen der Resilienz, nämlich Optimismus, Akzeptanz, Lösungsorientierung, das Verlassen der Opferrolle, Verantwortung, Netzwerkorientierung und Zukunftsorientierung bilden in diesem Zusammenhang die Grundlage, um psychische Widerstandskraft zu erlangen.28 Ist eine Person ausgesprochen resilient, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, aufgrund von stressreichen Lebensereignissen an einer Depression zu erkranken.

2.3.1. Umweltbezogene Ursachen

Wie in den meisten Bereichen des Lebens ist die äußere Umgebung, in der sich ein Lebewesen befindet, von großer Bedeutung. Gemeint ist damit nicht nur die natürliche, sondern auch die soziale, kulturelle und geistige Umwelt, die Einfluss auf die Entwicklung und andere psychosoziale Faktoren eines Individuums hat. Verhaltensweisen, welche ein Kind niemals erlernt hat, können im weiteren Zeitverlauf nicht abgerufen und ausgeführt werden. Beispielsweise ist die Erziehung, die eine Person genossen hat, eng an das Selbstwertgefühl und die Persönlichkeit gekoppelt. Je größer die Toleranz gegenüber belastenden Situationen ist, umso unwahrscheinlicher ist es, dass als stressbehaftete empfundene Ereignisse den Auslöser einer Depression darstellen.29 Menschen, die eine gute Emotionsregulation haben und schon sehr früh gelernt haben, wie sie sich selbst in einer schwierigen Situation beruhigen können, werden diese Strategien auch später anwenden können. Ist eine Person sensibel und fühlt sich schnell hilflos oder überfordert, da sie beispielsweise negative Erfahrungen in Stresssituationen gemacht hat, wird es ihr wahrscheinlich nicht gelingen, zur Ruhe zu kommen. Sie gilt dann zwar als Risikoperson, im Vergleich zu einer Person, die eine hervorragende Stressbewältigung aufweist, dies bedeutet aber keinesfalls, dass Risikopersonen ausnahmslos an Depression erkranken. Die Ätiologie der Depression ist immer ein Zusammenspiel aus reaktiven Faktoren (Abb. 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Multifaktorielles Modell der Ätiopathogenese depressiver Erkrankungen

Neben Umweltfaktoren ist es auch die Kombination aus organischen, psychosozialen und genetischen Faktoren, die die Vulnerabilität einer Person beeinflussen. Der Fokus dieser Arbeit liegt jedoch auf dem genetischen Ursprung einer Depression.

2.3.2. Genetische Ursachen

Diesbezüglich muss, um feststellen zu können, ob eine Person wirklich eine höhere Erkrankungswahrscheinlichkeit besitzt, auch die Anlage überprüft werden. Die Erkrankung lässt sich biologisch dementsprechend erklären, dass äußere Einflüsse registriert, im Gehirn gespeichert und an andere Körperregionen weitergeleitet werden. Dabei ist das Antwortmuster eng an frühere Sinneseindrücke gekoppelt, denn je nachdem, welche Informationen zuvor abgespeichert und wie genutzt wurden, wird der Organismus reagieren. Da im Menschen ungefähr 50% aller Gene Hirnfunktionen in speziellen Arrealen koordinieren und deshalb kleinere Diskrepanzen den Einzelnen anfälliger für Umwelteinflüsse machen, muss die Genetik zusätzlich betrachtet werden.30 Dabei kann die Stresssensibilität ebenfalls von der Genetik beeinflusst werden. Die Toleranz gegenüber unterschiedlichen Stressoren hängt nicht nur von äußeren Einflüssen ab, sondern auch von der DNA eines Menschen, also wie aufgenommene Reize im Zentralnervensystem verarbeitet werden und welche Reaktionen darauf folgen. Das bei der Befruchtung festgelegte Erbgut beeinflusst also ebenfalls, wie stresstolerant eine Person ist.31

Aus diesem Grund sollen die noch wenig erforschten Zusammenhänge zwischen der genetischen Ausstattung und der Depression in dieser Ausarbeitung beleuchtet werden.

3. Grundlagen der Genetik

Um beurteilen zu können, ob die Depression eine vererbbare Erkrankung ist, ist es nötig, die Erkenntnisse zu beachten, auf welchen unsere gesamte Genomforschung basiert. Vererbung meint vertikalen Gentransfer, also die Weitergabe von Erbinformation von einer Generation an die darauffolgenden. Um das genaue Prinzip der Übertragung herauszuarbeiten, betrachtete Gregor Mendel in seinen Forschungen den Genotyp und den Phänotyp von Erbsen und fand 1865 heraus, dass zwei Ausprägungen eines Merkmals, die jeweils von der Mutter und vom Vater übertragen wurden, auf einem Gen vorhanden sind, die als Allele bezeichnet werden. Er erkannte zunächst, dass diese Zustandsformen an einem bestimmten Locus der DNA autosomal an die nachfolgenden Generationen in dominant-rezessiven oder intermediären Erbgängen weitergegeben werden können. 32

Beispielsweise könnten eine Mutter und ein Vater, die beide das s/l-Allel in der polymorphen, sich wiederholenden Promoter-Region des Serotonintransporters (5-HTTLPR) tragen, Kinder mit den Merkmalsformen s/s, s/l und l/l bekommen, da jeweils eine Ausprägung des Vaters und eine der Mutter weitergegeben bzw. vererbt wird. Ist die Mutter dagegen s/s-Allelträgerin, können die Nachkommen kein l/l-Allel in der 5-HTTLPR besitzen. Diese Erkenntnis kann bei der Vererbung von affektiven Störungen möglicherweise eine Rolle spielen.

[...]


1 Vgl. Welper, 2015, S. 6

2 Krieghofer, 2018

3 Vgl. Wegner, 2019, vgl. Anhang 1 Seite 34-35

4 Vgl. Paslakis et al., 2011, S. 1432

5 Vgl. Wegner, 2019, vgl. Anhang 1 Seite 40

6 Vgl. Brakemeier et al., 2008, S. 379

7 Kuhn, 2018

8 Vgl. Wegner, 2019, vgl. Anhang 1 Seite 31

9 Vgl. Schlee, 2019, S. 1

10 Vgl. Wegner, 2019, vgl. Anhang 1 Seite 31

11 Vgl. Schlee, 2019, S. 3-4

12 Vgl. Wegner, 2019, vgl. Anhang 1 Seite 38

13 Vgl. Schlee, 2019, S. 2

14 Vgl. Wegner, 2019, vgl. Anhang 1 Seite 31

15 Vgl. ebd.; Vgl. Schulte-Körne/Allgaier, 2008, S. 28

16 Vgl. Wegner, 2019, vgl. Anhang 1 Seite 34

17 Vgl. ebd., S. 31

18 Vgl. Brakemeier et al., 2008, S. 387

19 Vgl. Wegner, 2019, vgl. Anhang 1 Seite 38

20 Vgl. ebd., S. 30

21 Vgl. Schlee, 2019, S. 4-5

22 Vgl. Wegner, 2019, vgl. Anhang 1 Seite 32

23 Vgl. ebd., S. 31-32

24 Vgl. Schulte-Körne/Allgaier, 2008, S. 28

25 Vgl. Schlee, 2019, S. 2-5 Vgl. ebd., S. 2

26 Vgl. Brisch/Hellbrügge, 2003, S. 53-54

27 Vgl. Lux/Richter, 2014, S. 73-74

28 Vgl. Wegner, 2019, vgl. Anhang 1 Seite 37;

29 Vgl. Wegner, 2019, vgl. Anhang 1 Seite 38

30 Vgl. Schlee, 2019, S. 6

31 Vgl. Schlee, 2019, S. 6

32 Vgl. Chamary, 2016, S. 28-30

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Vererbung von Depressionen. Genetischer Anteil psychischer Störungen und Wirkung von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI)
Note
1,0
Jahr
2020
Seiten
41
Katalognummer
V595049
ISBN (eBook)
9783346203298
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit umfasst die Bereiche Biologie und Psychologie und behandelt den genetischen Ursprung einer affektiven Störung (Depression). Sie beschäftigt sich mit dem Anteil der Genetik an der Ausprägung einer psychischen Störung und erklärt in diesem Zusammenhang die Bedeutung von Serotonin und die Wirkungsweise von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern bzw. Transportern. Insgesamt wird ein genetischer Ursprung überprüft und umfassende Informationen zur Behandlung dargelegt.
Schlagworte
Depression, Genetik, psychische Störung, Medikamente
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Vererbung von Depressionen. Genetischer Anteil psychischer Störungen und Wirkung von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/595049

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