Transidentität und Identitätstheorie. Wie lässt sich Transidentität mit Meads Identitätstheorie erklären?


Seminararbeit, 2018

11 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärung
2.1 Was ist Geschlechtsidentität?
2.2 Was ist Transidentität?
2.3 Was ist Transvestitismus und Intersexualität ?

3. George Herbert Mead
3.1 Was ist Identität?
3.2 Wie entsteht Identität?
3.3 die beiden Seiten des Ichs: ME und I

4. Fazit: Wie lässt sich Transidentität mithilfe der Theorien von George Herbert Mead erklären?

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In unserer Gesellschaft stand es für viele Menschen nie außer Frage, ob sie dem männlichen oder weiblichen Geschlecht angehören. Für die meisten ist es ganz logisch, dass sich ihr Emp- finden über das eigene Geschlecht in den biologischen Geschlechtsmerkmalen des Körpers wiederspiegelt. Doch es gibt auch Menschen, die sich nicht mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren können. Diese Betroffenen werden Transsexuell genannt und in den Medien heißt es, dass sie im falschen Körper gefangen sind. Viele können jedoch mit dem Phänomen Transsexualität nichts anfangen und es verwirrt sie zu wissen, dass die gegenüberstehende Person aussieht wie ein Mann und eindeutig männliche Erscheinungsmerkmale besitzt, aber behauptet eine Frau zu sein. Sie fragen sich, ob die betroffene Person psychisch krank ist und geheilt werden muss. Doch wie lässt sich die Entstehung von Transsexualität gesellschaftlich erklären? George Herbert Mead hat in seinem Hauptwerk Geist, Identität und Gesellschaft Theorien über die Entstehung und weitere Entwicklung der Identität herausgearbeitet. Daher werde ich in dieser Hausarbeit darstellen, wie man Transsexualität mit der Hilfe von Meads Identitätstheorie erklären kann.

Damit wir verstehen können wie sich Transsexualität entwickeln kann, muss man zunächst wissen, was Geschlechtsidentität und Transsexualität ist und in welchen Aspekten sich Trans- sexualität von anderen Phänomenen unterscheidet. Als nächstes werde ich eine kurze Bio- graphie von Mead darstellen. Im Fokus des dritten Kapitels steht die Frage, was Identität ist und wie sie mithilfe von Sprache, Spiel und Wettkampf entsteht. Daran schließt sich wie die beiden Seiten des Ichs dazu beitragen. Zum Schluss werde ich versuchen mit dem erarbeite- ten Wissen, über die Theorien von Mead, die Entstehung von Transsexualität zu erklären.

2. Begriffserklärung

In dieser Hausarbeit wird der etwas weniger Bekannte Begriff der Transidentität als Synonym für Transsexualität verwendet, da der Begriff Transsexualität den Anschein gibt, dass es sich bei dem Phänomen um eine Störung der Sexualität handelt. Jedoch handelt es sich bei der Transidentität um ein weitaus tiefer liegendes Problem der Geschlechtsidentität (vgl. Kleinert 2015: S.4). Das Krankheitsbild der Transidentität ist heutzutage zwar kein unbekanntes Phä- nomen mehr, dennoch herrschen viele verschiedene und auch viele falsche Vorstellungen da- von, was genau Transidentität überhaupt bedeutet. Ein großer Fehler ist zum Beispiel die Ver- wechslung mit ähnlichen Krankheitsbildern. Daher wird im Folgenden eine kurze Definition von zwei verschiedenen Krankheitsbilder, mit denen Transsexualität in der Öffentlichkeit oft ver- wechselt wird, dargelegt.

2.1 Was ist Geschlechtsidentität?

Geschlechtsidentität meint „die subjektive Einschätzung einer Person von sich selbst im Un- terschied zur Beurteilung der eigenen Person durch andere. Das schließt auch die Ge- schlechtszugehörigkeit ein. Diese subjektive Einschätzung muss, um als gelungen bezeichnet zu werden, ein stimmiges Selbstbild ergeben. Nur wenn ich mich in meinem Körper (der ent- weder männlich oder weiblich ist) zu Hause fühle, kann ich auch von einer gelungenen Ge- schlechtsidentität sprechen“ (Blank-Mathieu 2006). Geschlechtsidentität ist kein abgeschlos- sener Prozess und muss im Verlauf des Lebens immer wieder neu definiert werden (vgl. Blank- Mathieu 2006).1

Die Umwandlung entsprechend der eigenen Geschlechtsidentität ist jedoch an einige Restrik- tionen gebunden. Zunächst stehen zwei Faktoren unbedingt im Vordergrund, durch die Grund- lage unserer gesellschaftlichen Struktur gebildet wird. Das erste dieser zwei Faktoren ist die Erhaltung und Stabilisierung der Zweigeschlechtlichkeit. Zweigeschlechtlichkeit bedeutet, dass ein Mensch niemals eine für die Gesellschaft nicht geklärte Geschlechtsidentität haben darf. Jeder Mensch ist entweder ein Mann oder eine Frau. Der zweite Faktor, der im Vorder- grund steht, ist die Erhaltung und Stabilisierung der Heterosexuellen Ehe. Daher wird bei ei- nem offiziellen Wechsel des Geschlechtes eher eine bestehende Ehe aufgelöst, als eine Ho- mosexuelle Ehe zu riskieren.(vgl. Ant 2000: S.74-75).

2.2 Was ist Transidentität?

Laut ICD- 101, der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, handelt es sich bei Transsexualität um eine Störung der Geschlechts- identität (vgl. Kleinert 2015: S.3).

Transidentität ist die ständige Gewissheit der betroffenen Menschen nicht dem Geschlecht anzugehören, welches ihnen bei der Geburt zugeordnet wurde (vgl. Ant 2000: S.13). Diese Gewissheit lässt sich oft bis in die Kindheit zurückführen. Es beginnt dann mit einem Unbeha- gen bezüglich des biologischen Geschlechtes (vgl. Ant 2000: S.19). Die betroffenen Menschen nehmen ihr körperliches Geschlecht wahr, dies wiederspricht jedoch ihrem Selbstbild. Das Leiden unter dieser Diskrepanz zwischen der erlebten Geschlechtsidentität und den körperli- chen Voraussetzungen ist bei den Betroffenen ein weit verbreitetes Problem. Um diesem Lei- den zu entkommen, fangen die Betroffenen an sich dem empfundenen Geschlecht mit allen möglichen Mitteln ähnlicher zu werden. Dabei wird nicht nur die Kleidung und das Rollenver- halten dem anderen Geschlecht angepasst, sondern oft versuchen sie mit der Hilfe von hor- monellen und chirurgischen Eingriffen ihren eigenen Körper dem Selbstbild und der Ge- schlechtsidentität anzupassen (vgl. Kleinert 2015: S.5).

Aufgrund der inneren Zerrissenheit sind die Betroffenen in Krisensituationen öfter Suizidge- fährdet, wie auch anfälliger für Versuche der Selbstverstümmelung. Eine solche Krisensitua- tion ist zum Beispiel die körperlichen Veränderungen der Pubertät, wobei die Folgen Depres- sionen sein können (vgl. Kleinert 2015: S.8).

1980 wurde das Transsexuellengesetz erlassen, welches zwei juristische Schritte regelt, um den betroffenen das Leben im anderen Geschlecht und das Erleiden der Diskrepanz zu er- leichtern. Der erste Schritt ist die kleine Lösung und beinhaltet die Änderung des Vornamens. Im zweiten Schritt, der großen Lösung, wird der Personenstand in allen offiziellen Dokumenten geändert. Durch die Vornamensänderungen können die betroffenen unauffällig im Wunschge- schlecht auftreten, da die Geschlechtszugehörigkeit in den meisten amtlichen Papieren nicht aufgelistet ist. Die Große Lösung bietet den Betroffenen alle Rechte, die dem anderen Ge- schlecht gewährt sind (vgl. Kleinert 2015: S.11-12).

2.3 Was ist Transvestitismus und Intersexualität ?

Transidentität wird oft mit dem Transvestitismus verwechselt, sogar Fachleute vermischen diese Begriffe teilweise. Anders als die Betroffenen der Transidentität, ist das Ziel der Trans- vestiten die Befriedigung im Tragen der Kleidung des anderen Geschlechtes. Transvestiten, jedoch zweifeln nicht an ihrem biologischen Geschlecht. Der zeitlich begrenzte Rollenwechsel besitzt für sie eine große Attraktivität und stellt eine spielerische Situation dar (vgl. Rauch- fleisch 2002: S.34).

Intersexualität und Transidentität müssen sich nicht gegenseitig ausschließen, jedoch sind es zwei ganz unterschiedliche Krankheitsbilder (vgl. Ant 2000: S.17). Bei Betroffenen der Inter- sexualität sind die Merkmale beider Geschlechter vorhanden (vgl. Kiechle 2011: S.20). In der Regel wird ein Geburtsgeschlecht festgelegt und daraufhin werden die Geschlechtsmerkmale an dieses festgelegte Geschlecht angeglichen (vgl. Ant 2000: S.17).

3. George Herbert Mead

George Herbert Mead lebte von 1863 bis 1931 (vgl. Jörrisen 2010: S.87). Mead hatte sein ganzes Leben ein Interesse für philosophische und psychologische Fragen, deshalb behielt er seinen Lehrstuhl für Philosophie und Psychologie, bis zum Tod (vgl. Abels 2004: S.14). Er war philosophisch ein Pragmatiker und wissenschaftlich ein Sozialpsychologe. Die Entwicklung und Ausarbeitung der Theorie der Intelligenz und des Geistes machten die Lebensarbeit von Mead aus (vgl. Mead 1973: S.13- 14). Die frühe Intellektuelle Biographie von Mead wurde durch zwei gesellschaftliche Kräfte geprägt. Denn Mead fühlte sich zum einen seiner orthodox religiösen Familie verpflichtet und zum anderen sah er sich dazu gezwungen seine Unortho- doxen Ideen und Gedanken nur sehr Indirekt zu äußern, dies empfand er aufgrund seiner Ökologischen Lage, seit dem Tod seines Vaters (vgl. Jörissen 2010: S.87).

Für Mead stand das aktiv handelnde und vernunftbegabte Subjekt im Vordergrund seiner The- orie. Für ihn waren die geistigen Aktivitäten der Individuen wichtig, um das Verhalten dieser Individuen zu erklären. Damit unterschied sich Mead vom Sozialbehaviorismus, zu dem er seinen Theorien dennoch zählte (vgl. Abels 2004: S.15- 16). Sein Hauptwerk heißt auf Deutsch Geist, Identität und Gesellschaft und es bildet heute die Grundlage für den symbolischen In- teraktionismus (vgl. Kleinert 2015: S.68).

3.1 Was ist Identität?

Die menschliche Identität ist ein Prozess und entwickelt sich im Verlauf des Lebens, das be- deutet, dass die Identität bei der Geburt nicht vorhanden ist (vgl. Mead 1973: S.177). Um Ra- tional Handeln zu können und eine Identität herauszubilden ist es notwendig, dass das Indivi- duum sich selbst gegenüber eine objektive Haltung einnimmt. Dies ist möglich, indem er die Haltungen, die die anderen Individuen seiner Gesellschaft gegenüber sich selbst haben, ein- nimmt (vgl. Mead 1973: S.180). Identität ist weiterhin nicht allein der physiologische Organis- mus, da wir in der Lage sind unsere Identität vom Organismus zu trennen (vgl. Mead 1973: S.181-182). Weiterhin muss an dieser Stelle betont werden, dass die Struktur und Einheit der vollständigen Identität eine Spiegelung der Struktur und Einheit des gesellschaftlichen Prozes- ses ist, denn die Organisation und Vereinheitlichung der gesellschaftlichen Gruppe ist iden- tisch mit der Organisation und Vereinheitlichung der menschlichen Identität, die aus dem ge- sellschaftlichen Prozess entwickelt wurde. (vgl. Mead 1973: S.186).

3.2 Wie entsteht Identität?

Die gesellschaftlichen Voraussetzungen, welche vorhanden sein müssen, damit sich die Iden- tität entwickelt, sind die Sprache, das Spiel und der Wettkampf. Dies sind die primären Medien zum Erlangen der Identität (vgl. Mead 1973: S.194). Mithilfe der Sprache können die Indivi- duen bei ihren Mitmenschen bestimmte Reaktionen auslösen (vgl. Mead 1973: S.189). Erst wenn ein Individuum mit anderen Individuen seiner Gesellschaft in einem Kommunikations- prozess in Kontakt tritt, kann sich die Identität entwickeln (vgl. Mead 1973: S.191). Weiterhin ist es die Sprache, welches den Prozess des Spiels und des Wettkampfes auslöst (vgl. Mead 1973: S.203).

Kinder organisieren mithilfe einer besonderen Phase des Spiels die Reaktionen, welche sie bei anderen und bei sich selbst hervorrufen. Dabei erschaffen sie sich einen Spielgefährten in ihrer Phantasie. In der normalen Phase des Spiels, handelt es sich um ein nachahmendes Spiel (vgl. Mead 1973: S.192). Im Spiel nimmt das Kind die Rolle eines anderen ein und ahmt Bezugspersonen aus seiner Umwelt nach. Die Kinder wählen dabei Personen von denen sie abhängig sind und die auf die Kinder einen Einfluss haben (vgl. Mead 1973: S.195). Diese nachgeahmten Rollen sind das signifikante Andere. Das Kind handelt und denkt, wie die Rolle, die das Kind in dem Moment, einnimmt. Somit tut das Kind nicht nur so als wäre es der signi- fikante Andere, sondern in diesem Augenblick, ist es der signifikante Andere. Das Spiel ist eine Reihenfolge von Abwechslungen zwischen der Rolle der Bezugsperson und der eigenen Rolle des Kindes. Dadurch lernt das Kind sich in andere Menschen hineinzuversetzen und abzuschätzen, wie Personen in bestimmten Situationen reagieren könnten (vgl. Abels 2004: S.27- 28).

Bei einem Wettkampf muss das Kind in der Lage sein, die Haltung aller mitspielenden Kinder einzunehmen. Diese verschiedenen Rollen, die in den Wettkampf miteinbezogen werden, müssen eine definierte Beziehung zueinander haben (vgl. Mead 1973: S.193). Die gesell- schaftliche Gruppe im Wettkampf wird von Mead auch das verallgemeinerte Andere genannt (vgl. Mead 1973: S.196). Ein Beispiel des Wettkampfes ist der Sport Baseball. Hierbei muss das Kind, welches den Ball wirft, in der Lage sein die Reaktion der anderen Mitspieler im Vo- raus zu verstehen. Um Erfolgreich zu sein, muss das Kind vorher wissen, wie seine Mitspieler handeln werden. Und genau dafür muss das Kind die Rolle der anderen einnehmen können (vgl. Mead 1973: S.193). Dem Kind wird während des Wettkampfes bewusst, dass sein Han- deln das Handeln der anderen beeinflusst und das sein Handeln auch vom Handeln der an- deren Kinder abhängt. Um den Wettkampf zu meistern, muss das Kind die verschiedenen Haltungen der anderen Teilnehmer in sich zu einem Ganzen organisieren (vgl. Abels 2004: S.30- 31). Die Logik des Wettkampfes ist es ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Alle Teilnehmer des Wettkampfes handeln mit Blick auf dieses bestimmte Ziel und sie müssen sich mit diesem Ziel identifizieren. Sobald das Kind zulässt, dass seine Handlungen durch den Blick auf dieses Ziel, beeinflusst werden, wird es zum organischen Glied der Gesellschaft (vgl. Mead 1973: S.202).

Der Wettkampf wiederholt sich immer wenn das Kind das Prinzip des Handelns erfährt und anwendet (vgl. Abels 2004: S.31). Deshalb wiederholt sich der Wettkampf im Leben des Kin- des in verschiedenen Situationen immer wieder. Das Kind wird im Verlauf des Lebens ver- schiedenen gesellschaftlichen Organisationen beitreten und dort wird es in einer gewissen Art bei gesellschaftlichen Wettkämpfen teilnehmen. So wird das Kind zu einem bewussten Mitglied der Gesellschaft (vgl. Mead 1973: S.202- 203).

Im Unterschied zum Wettbewerb, besitzt das Kind im Spiel, einen größeren Freiraum. Die Rollen, die das Kind nachahmt sind Bezugspersonen aus dem nahen Umfeld des Kindes, wodurch eine gewisse Vertrautheit vorhanden ist. Das Kind weiß daher schon im Voraus, auf welche Situation es sich einlässt. Und wenn das Spiel nicht mehr so funktioniert, wie von dem Kind geplant, dann kann das Spiel jederzeit abgebrochen werden. Ein weiterer Unterschied zwischen dem Spiel und dem Wettkampf ist, dass im Spiel die Rollen einzeln und nacheinan- der übernommen werden. Im Wettkampf werden die teilnehmenden Kinder gleichzeitig mit den verschiedenen Rollen, der anderen Kinder, konfrontiert (vgl. Abels 2004: S. 29- 30).

Die Identität kann nicht als gelungen anerkannt werden, solange keine Beziehung zu den Mit- gliedern der Gesellschaft besteht. Daher ist die letzte Phase der Entwicklung der Identität die Verwirklichung dieser Identität innerhalb der gesellschaftlichen Situation. Dieser Vorgang ist wichtig, da „die organisierte Struktur jeder einzelnen Identität innerhalb des menschlichen ge- sellschaftlichen Erfahrungs- und Verhaltensprozesses spiegelt die organisierten Beziehungen dieses Prozesses als Ganzes wieder und wird durch ihn gebildet“ (vgl. Mead 1973: S.245). Um die Identität zu verwirklichen, muss sie von anderen Mitgliedern der Gesellschaft aner- kannt werden. Durch die Überlegenheit gegenüber anderen und ihren eigenen Mängeln im Vergleich mit anderen, wird die Identität des Individuums verwirklicht (vgl. Mead 1973: S. 248).

3.3 die beiden Seiten des Ichs: ME und I

Die menschliche Identität verteilt sich auf zwei, sich gegenüberliegende Seiten, des Ichs. Das >Me< ist die Seite des Ichs, welche das wiederspiegelt, wie die anderen Mitglieder der Gesell- schaft die entsprechende Person sehen. Es stellt gewissermaßen die Übernahme der Identi- fikation durch Andere dar und kann daher als reflektiertes Ich angesehen werden (vgl. Abels 2004: S.33). Es ist die Fähigkeit, dass wir diese Haltungen der anderen einnehmen können, welche uns unsere Identität bewusst werden lässt (vgl. Mead 1973: S.218). Die andere Seite des Ichs ist das >I<, welches die Identifikationen der Anderen, durch eigene Interpretationen, zu einem individuellen Gesamtbild zusammenfügt. Es ist „seine Aktion gegenüber dieser ge- sellschaftlichen Situation innerhalb seines eigenen Verhaltens, und es tritt in seine Erfahrung erst ein, nachdem die Handlung verwirklicht wurde“ (Mead 1973: S.219). Das >I< befindet sich im Unterbewusstsein und kann auch als Impulsives Ich angesehen werden. Es vereint die Bedürfnisse des Individuums in sich, es wiederspricht der sozialen Selbstdisziplinierung des Individuums und es ist nie vollständig sozialisierbar. Die vielen reflektierten Ichs kontrollieren das impulsive Ich permanent und auf eine soziale Weise, während das impulsive Ich auf die reflektierten Ichs beeinflussend reagiert (vgl. Abels 2004: S.33- 35). Weiterhin ist das >I< „in größten Teilen vom ME bestimmt, da sich der Sozialisationsprozess durch die Übernahme des anderen vollzieht“ (Ant 2000: S.79). Im Laufe des Lebens des Individuums werden zahlreiche neue Identifikationen durch Andere erfahren. Diese Identifikationen differenzieren sich nicht nur, sondern können sich sogar wiedersprechen. Der Ehemann eines Individuums hat eine andere Identifikation von seinem Partner als seine Eltern, weiterhin behandelt ihn sein Chef anders als sein Kind. Das reflektierte Ich ist nie gleich und ist ständig im Wandel (vgl. Abels 2004: S.35).

Aus dem dauerhaften Wechselspiel des reflektierten Ichs und des impulsiven Ichs entwickelt sich die Identität weiter. Wenn diese beiden Seiten des Ichs in einer gleichgewichtigen Span- nung zueinanderstehen, dann existiert eine gelungene Identität (vgl. Abels 2004: S.36).

4. Fazit: Wie lässt sich Transidentität mithilfe der Theorien von George Herbert Mead erklären?

Es wurde deutlich, dass man sich bei der Frage, inwiefern Transidentität durch George Herbert Meads Identitätstheorie erklären kann, zunächst deutlich machen muss, was Geschlechtsi- dentität ist und was das Phänomen Transidentität ausmacht und wie es sich von Transvesti- tismus und Intersexualität unterscheidet. Der größte Unterschied der Phänomene ist, dass Transidente Menschen eindeutig als ein bestimmtes Geschlecht geboren werden und sich diesem Geschlecht nicht zugehörig fühlen, während zum Beispiel Transvestiten sich dem Ge- schlecht angehörig fühlen, das ihnen bei der Geburt zugeordnet wurde. Weiterhin ist es Not- wendig die Theorie von Mead über die Entstehung und weitere Entwicklung der Identität zu erklären und zu verstehen. Dabei ist es für die Erklärung der Entstehung der Transidentität wichtig zu wissen, dass der Organismus sich eindeutig von der Identität ablösen lässt. Mead stellt somit von Anfang an fest, dass auch unsere Geschlechtsidentität nicht abhängig von unserem biologischen Geschlecht ist.

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1 Classification of Mental and Behavioural Disorders

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Details

Titel
Transidentität und Identitätstheorie. Wie lässt sich Transidentität mit Meads Identitätstheorie erklären?
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Autor
Jahr
2018
Seiten
11
Katalognummer
V595700
ISBN (eBook)
9783346182319
ISBN (Buch)
9783346182326
Sprache
Deutsch
Schlagworte
identitätstheorie, Mead, Identität, Soziologie, transidentität, Transsexuell
Arbeit zitieren
Ivonne Alberg (Autor), 2018, Transidentität und Identitätstheorie. Wie lässt sich Transidentität mit Meads Identitätstheorie erklären?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/595700

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