Zwecke und Mittel bei Aristoteles und Harry Frankfurt


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

37 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1. Frankfurts Theorie über letzte Zwecke und seine Kritik an Aristoteles
Das „klassische“, aristotelische Verständnis von Mitteln und Zwecken
Die Funktionsweise letzter Zwecke (nach Frankfurt)
Revidiertes Verständnis von Mitteln und Zwecken

2. Die Zweck-Mittel-Relation bei Aristoteles
Eine „unpersönliche“ Analyse bei Aristoteles ?
Behauptet Aristoteles eine asymmetrische Zweck-Mittel-Relation?
Zwecke und ihre Verfügbarkeit bei Aristoteles
Das Zweck-Mittel-Verhältnis bei Aristoteles

3. Fazit

Literatur

Vorwort

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der Zweck-Mittel-Relation bei Harry Frankfurt und Aristoteles. Im ersten Teil werde ich zunächst Frankfurts Aufsatz „Über die Nützlichkeit letzter Zwecke“ zusammenfassend darstellen und dabei besonders Frankfurts Kritikpunkte an der „klassischen“ Aristotelischen Theorie über Mittel und Zwecke herausarbeiten.

Diese Kritikpunkte werde ich dann im zweiten Teil dieser Arbeit überprüfen, indem ich anhand ausgewählter Textbelege Aristoteles’ Zweck-Mittel-Relation nachzuzeichnen versuche.

Dabei wird sich herausstellen, dass die von Frankfurt geäußerte Kritik lediglich bedingt richtig ist und stattdessen eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den Auffassungen Frankfurts und Aristoteles besteht.

1. Frankfurts Theorie über letzte Zwecke und seine Kritik an Aristoteles

Im Folgenden soll eine kurze Zusammenfassung des Frankfurtschen Aufsatzes „Über die Nützlichkeit letzter Zwecke“ gegeben werden. Dabei werde ich mich nur grob an Frankfurts Gedankengang orientieren, und statt dessen versuchen, seine Argumentation sinnvoll in drei große Blöcke aufzuteilen: Im ersten Teil werde ich das darstellen, was nach Frankfurt eine verbreitete, „klassische“ Vorstellung von Mitteln und Zwecken ist, die auch - nach Frankfurt - derjenigen von Aristoteles entspricht. Im zweiten Teil werde ich dann Frankfurts Theorie über die tatsächliche Funktionsweise von Mitteln und Zwecken darstellen und im dritten Teil versammle ich dann diejenigen Gedanken von Frankfurt, die seine Theorie mit der „klassischen“ konfrontieren und ihn letztlich für ein grundsätzlich anderes Verständnis für Mittel und Zwecke plädieren lassen.

1.1 Das „klassische“, aristotelische Verständnis von Mitteln und Zwecken

Frankfurt beginnt seinen Aufsatz mit einer Skizze einer verbreiteten Vorstellung von Mitteln und Zwecken, die den „Annahmen des gesunden Menschenverstandes sehr nahe“ steht.[1] Nach dieser Vorstellung wird die Unterscheidung zwischen Mitteln und Zwecken besonders bei der Organisation der unser Handeln betreffenden Gedanken häufig angewendet. Dies sei auch nicht anders zu erwarten, da „die Vorstellung einer Ordnung von Zwecken und Mitteln [...] sowohl Zielgerichtetheit als auch Rationalität, die Wesensmerkmale unseres aktiven Charakters“ umfasse.[2]

Um den Unterschied zwischen Mitteln und Zwecken zu erklären werden dabei nach Frankfurt häufig zwei verschiedene Werttypen herangezogen. Ein Mittel ist ein Gegenstand, dem ein instrumenteller Wert zukommt. Dieser instrumentelle Wert wächst dem Gegenstand zu, weil er zweckmäßig ist, d.h. auf einen anderen Gegenstand abzielt,[3] der ihm äußerlich ist. Ein Zweck hingegen ist ein Gegenstand, der einen endgültigen Wert hat. Ein endgültiger Wert wächst einem Gegenstand zu, wenn er selbst wünschbar ist, ungeachtet seiner Nützlichkeit als Mittel für andere Dinge. Natürlich kann ein Zweck wiederum wünschenswert sein als Mittel eines weiteren Zwecks. In diesem Fall handelt es sich nicht um einen letzten Zweck.

Dieses Verständnis von Mitteln und Zwecken weist nun für Frankfurt eine Ähnlichkeit zu der Aristotelischen Darstellung in der EN auf, die dort den „allgemeinen strukturellen Rahmen seiner Untersuchung des Wesens und der Bedingungen des guten Lebens“ liefert.[4] Frankfurt stellt die These auf, dass es darüber hinaus zwei zentrale Merkmale dafür gibt, wie Aristoteles das Relationsgefüge von Mitteln und Zwecken versteht. Das erste Merkmal besteht darin, dass ein asymmetrisches Verhältnis zwischen Mitteln und Zwecken besteht: „Ein Mittel erlangt seinen instrumentellen Wert aus der Beziehung, in welcher es zu seinem Zweck steht, ein Zweck aber erlangt keinen Wert aus der Beziehung zwischen ihm und den ihm dienlichen Mitteln.“[5] Das zweite Merkmal besteht nach Frankfurt darin, dass ein Mittel keinen endgültigen Wert dadurch erlangt, dass es nützlich ist. Die Beziehung, in welcher ein Mittel zu seinem Zweck steht, vermag einem Mittel lediglich einen instrumentellen Wert zu verleihen.

Frankfurt äußert außerdem einen Verdacht, warum diese Merkmale für die Aristotelische Darstellung charakteristisch sind: Aristoteles’ Analyse habe einen gewissen unpersönlichen Charakter. Als Beleg führt Frankfurt den ersten Satz der EN an: „Jedes praktische Können und jede wissenschaftliche Untersuchung, ebenso alles Handeln und Wählen strebt nach einem Gut, wie allgemein angenommen wird. Daher ist die richtige Bestimmung von >Gut< als >das Ziel, zu dem alles strebt<“.[6] Bereits in diesem Satz vermeint Frankfurt einen unpersönlichen Charakter der Analyse zu entdecken, denn es seien nicht wirklich „Handeln und Wählen, die Zwecke oder Ziele haben, sondern Akteure“, von denen dies sinnvoll ausgesagt werden könne. Genau genommen seien „jegliche Ziele, die sich dem praktischen Können und der wissenschaftlichen Untersuchung zuschreiben lassen, nur die Ziele derer, die sich mit ihnen“ beschäftigten.[7]

Dieser unpersönliche Charakter ist nun nach Frankfurt dafür verantwortlich, dass Aristoteles’ Theorie von einer Würdigung der komplexen Rolle absieht, welche letzte Zwecke im Leben der Menschen spielen. Sie verhülle einige bedeutsame Aspekte des Beziehungsgefüges zwischen Mitteln und Zwecken und behindere ein klares Verständnis dessen, wie letzte Zwecke funktionieren. Die Aristotelische Vorstellung über die Funktionsweise von Mitteln und Zwecken ist für Frankfurt zu „eng und zu starr“. Seiner Meinung nach muss die Vorstellung von Mitteln und Zwecken weiträumiger und geschmeidiger angelegt werden. Andernfalls würde sie eine „umfassende und authentische Darstellung dessen [verhindern], womit wir uns wirklich beschäftigen, wenn wir uns darum sorgen, wie wir leben sollten.“[8]

1.2 Die Funktionsweise letzter Zwecke (nach Frankfurt)

Nachdem Frankfurt diese „klassische“ Vorstellung von Mitteln und Zwecken dargelegt hat, macht er sich daran, eine eigene Theorie über die Funktionsweise letzter Zwecke aufzustellen. Ein wichtiges Ergebnis wird dabei sein, dass für Frankfurt die beiden zentralen Merkmale der „klassischen“ Theorie zu kurz greifen: Statt eines asymmetrischen Verhältnisses zwischen Mitteln und Zwecken wird er ein reziprokes postulieren: Mitteln kommt auch ein endgültiger Wert zu und (letzten) Zwecken auch ein instrumenteller. Außerdem wird er die These entwickeln, dass Mitteln gerade dadurch, dass sie nützlich (also Mittel) sind, ein endgültiger Wert zukommt.

[...]


[1] Frankfurt, Nützlichkeit, S.139

[2] Frankfurt, Nützlichkeit, S.138

[3] Im Folgenden werde ich deshalb auch „Ziel“ und „Zweck“ als synonym verwenden.

[4] Frankfurt, Nützlichkeit, S.139

[5] Frankfurt, Nützlichkeit, S.139

[6] Frankfurt, Nützlichkeit, S. 140

[7] Frankfurt, Nützlichkeit, S. 140

[8] Frankfurt, Nützlichkeit, S.139

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Zwecke und Mittel bei Aristoteles und Harry Frankfurt
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
37
Katalognummer
V59588
ISBN (eBook)
9783638534840
ISBN (Buch)
9783638724869
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In dieser Arbeit wird das Verständnis von Mitteln und Zwecken von Aristoteles und Harry Frankfurt miteinander verglichen. Dabei wird sich herausstellen, dass beide Konzeptionen nicht so weit voneinander entfernt sind, wie Frankfurt es glauben machen will.
Schlagworte
Zwecke, Mittel, Aristoteles, Harry, Frankfurt
Arbeit zitieren
Bakkalaureus Artium Christian Schumacher (Autor), 2005, Zwecke und Mittel bei Aristoteles und Harry Frankfurt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59588

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