Unnatural Emotions? Catherine A. Lutz' - Forschungen zu Emotionskonzepten auf Ifaluk


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichniss

Einleitung

1. Ziele und Herangehensweise von LUTZ

2. Ifaluk – Eine kurze Einführung

3. Allgemeine Vorstellungen von Emotionen auf Ifaluk

4. Drei Beispiele für Emotionskonzepte auf Ifaluk
4.1. fago
4.2. song
4.3. rus und metagu

5. Zusammenfassung und Kritik

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die folgende Arbeit befaßt sich mit einem Klassiker der konstruktivistischen ethnologischen Emotionsforschung, Catherine A. Lutz’ 1988 veröffentlichter Monographie „Unnatural Emotions. Everyday Sentiments on a Micronesian Atoll & Their Challenge to Western Theory.“

Anhand von Lutz’ Feldforschung auf Ifaluk soll beispielhaft die Herangehensweise von konstruktivistischen Emotionsforschern erläutert werden.

Catherine A. Lutz zählt zu den Hauptvertreterinnen konstruktivistischer Emotionsforschung und veröffentlichte bereits 1986 einen programmatischen Artikel, der die Positionen der Konstruktivisten verdeutlicht, sich auch im 3. Kapitel des vorliegenden Buches, „Emotion, Thought and Estrangement: Western Discourses on Feeling“[1], nahezu identisch wiederfindet und als theoretische Ausgangsbasis für Lutz’ Arbeit fungiert.

Lutz promovierte 1980 in Harvard in Social Anthropology, übte danach verschiedene Lehrtätigkeiten aus und hat aktuell eine Professur am Watson Institute for International Studies an der Brown University/Providence inne. Daneben ist sie Präsidentin der American Ethnological Society. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Militär, Krieg, Genderstudies, Rasse und Emotion.

Lutz’ Translationen Ifalukscher Vokabeln habe ich jeweils in Klammern meine Über-setzungen ins Deutsche beigefügt.

1. Ziele und Herangehensweise von Lutz

Catherine A. Lutz’ Ziel war es, ausgehend von konstruktivistischen Theorien der ethno-logischen Emotionsforschung eine Ethnographie des alltäglichen emotionalen Lebens auf Ifaluk zu erstellen, um diese ganz speziellen indigenen Emotionskonzepte mit westlichen Konzepten (in diesem Falle von Vertretern der US-amerikanischen Mittelschicht) zu verglei-chen und letztere anhand ersterer zu kritisieren („to deconstruct emotion“)[2].

Lutz kam über feministische Ideen und Genderstudies der siebziger Jahre zur Frage nach dem Zusammenhang von Emotionskonzepten und der Stellung der Frau in der US-amerikanischen Gesellschaft und suchte nach Vergleichsmöglichkeiten in Gesellschaften, von denen sie glaubte, daß die Beziehungen von Frau und Mann eher egalitär geregelt seien.

Indikatoren und Kriterien bei ihrer Suche nach einer solchen Gesellschaft waren für sie dabei Matrilokalität und Matrilinearität, eine herausragende Rolle der Frau bei der Nahrungs-beschaffung, sowie relativ offener Diskurs über „Emotionen“. All dies suchte und fand sie im Pazifik[3].

Lutz räumt ein, daß ihre ursprüngliche Herangehensweise eine relativ romantisch-naiv geprägte gewesen sei und sie selbst wohl auch auf der Suche nach einem „anderen, besseren Weg“ als dem westlich-US-amerikanischen war, besonders in Bezug auf die Gleichberech-tigung der Geschlechter, Gewaltlosigkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen und allgemein alternative Gesellschaftsformen[4].

Im Laufe ihrer Recherchen stieß Lutz auf die Feldforschungsberichte von Burrows und Spiro[5], die sich schon Ende der vierziger Jahre auf Ifaluk aufgehalten hatten, und wurde dabei zum ersten mal auf den Begriff song als emotionales Idiom aufmerksam, was später zu einem Kernpunkt ihrer eigenen Beobachtungen wird.

In ihrem Buch liefert Lutz im Kapitel „Paths to Ifaluk“[6] einen groben historischen Überblick des Atolls, den sie mit der Beschreibung ihres eigenen Weges nach und ihrer Ankunft auf Ifaluk beschließt.

2. Ifaluk – Eine kurze Einführung

Das aus zwei bewohnten und zwei unbewohnten Inseln bestehende Atoll Ifaluk ist Teil der zentralpazifischen Karolinen und umfaßt eine Landfläche von 1,3 km². Zur Zeit von Lutz’ Feldforschungsaufenthalt 1977/1978 lebten in vier Dörfern 430 Menschen in großen Ein-raumhäusern, wobei der Durchschnittshaushalt aus 13 Personen bestand[7].

Wirtschafts- und Nahrungsgrundlage bilden Gartenbau (vor allem Taro) und Fischfang. Dabei betreiben die Frauen die ihnen gehörenden Tarogärten, kümmern sich um Haushalt, Kinder und Nahrungszubereitung, wohingegen Männer sich hauptsächlich dem Fischfang widmen, den Großteil des Tages in ihren Bootshäusern verbringen, um Kanus zu bauen, Netze und Seile herzustellen oder zu reparieren[8].

Das alltägliche Zusammenleben auf Ifaluk und die Beziehungen der Menschen untereinander sind bestimmt von zahlreichen Tabus und Verhaltenskodizes, wobei den streng geregelten Meidungsgeboten zwischen Bruder und Schwester eine besondere Bedeutung zukommt.

Komplexe Verwandtschaftsbeziehungen regeln nicht nur das Leben auf Ifaluk selbst, sondern auch die intensiven Kontakte zu anderen Atollen der Region, die sich neben Handel auch in Heiratsverbindungen manifestieren[9].

Eine besondere Rolle spielen Matrilokalität und Matrilinearität - unter anderem ausschlag-gebend für Lutz’ Wahl des Atolls als Forschungsgebiet – sowie die weite Verbreitung von Adoption, oder besser gesagt Pflege- und Patenkindschaft, worauf ich im weiteren Verlauf noch zu sprechen kommen werde.

Darüberhinaus zeigt Lutz, welche herausragende Bedeutung im alltäglichen Diskurs dem ständig wiederkehrenden Ins-Gedächtnis-Rufen eines sehr realen Bedrohungsszenarios zu-kommt, und zwar der latenten Existenzbedrohung durch Taifune und damit einhergehenden Sturmfluten, die in der Lage sind, komplette Ernten und somit die Lebensgrundlage zu vernichten. Um dieses Thema und die potentielle Angewiesenheit aller Individuen auf gegen-seitige Hilfe zirkuliert ein weiterer wichtiger Teil Ifalukscher Emotionskonzepte.

3. Allgemeine Vorstellungen von Charakter und Emotionen auf Ifaluk

Im 3. Kapitel des vorliegenden Buches, „Emotion, Thought and Estrangement: Western Discourses on Feeling“[10], stellt Lutz diverse Dualismen vor, die die westliche Sicht auf Emo-tionen im Kontrast zum (logischen) Denken verdeutlichen sollen. Dabei werden Emotionen einerseits positiv gedeutet, als etwas, das wahres, echtes Mensch-Sein ausmacht, als Quelle von Kreativität und Lebenskraft oder als innerer, authentischer Kern eines Individuums, als das Lebendige schlechthin, im Gegensatz zu Gefühlskälte, zu Entfremdung in einer techni-sierten, anonymisierten Gesellschaft, zum Tod.

Andererseits -so Lutz- seien Emotionen in westlichen Konzepten aber häufig auch negativ konnotiert, als irrational, chaotisch, unkontrollierbar, unsachlich, konträr zu Vernunft und Ratio, als gefährlich für andere denkende Personen und das Individuum selbst.

Lutz liefert eine Vielzahl von Beispielen dieser Dualismen, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Allen gemeinsam ist jedoch die Assoziation von Emotionen mit dem Weib-lichen, im negativen Sinne die Disqualifikation von Frauen, Kindern, Jugendlichen, Unter-schichten und anderen als „emotional“.

Auf Ifaluk hingegen glaubt Lutz keine solchen Kontrastpaare zu finden, wie sie von ihr am westlichen Beispiel konstatiert wurden.

Ihrer Meinung nach existiert hier kein übergeordneter Terminus für „Emotion“ im Gegensatz zu (logischem) Denken, einen solchen Dualismus gäbe es auf Ifaluk nicht, obgleich natürlich Begriffe zu finden seien, die nach westlicher Definition als reine „Emotion“ bezeichnet werden können(z.B. Zorn, Ekel, Angst,...).

Was sie allerdings entdeckt, sind Bezeichnungen für, wie Lutz es nennt, „aspects of the self“[11].

Subsummiert unter der Kategorie niferash – unser Inneres („our insides“) nennt Lutz Termini, mit denen auf Ifaluk Körper und Geist betreffende Vorgänge erklärt werden. Zum einen betrifft das nunuwan – Denken/Emotion („thought/emotion“), womit eher allgemeine soziale Standard-Prozesse bezeichnet werden, und zum anderen handelt es sich um tip- - Wunsch/Emotion/Verlangen („wish/emotion/desire“) als Begriff für Empfindungen eher individueller oder idiosynkratischer Art[12].

Traditionell wurde auf Ifaluk der menschliche Körper in zwei Sphären eingeteilt und zwar in den oberen Körper inclusive Herz und Leber (ubwash), sowie den unteren Körper mit Darm und Bauch (sagash), wobei sowohl von nunuwan als auch von tip- angenommen wurde, daß sie im Darm erfahren werden[13]. Schon zur Zeit von Lutz’ Aufenthalt vertraten jedoch der Großteil der Bevölkerung und dabei vor allem Jüngere die Meinung, daß nunuwan und tip- in Herz oder Hirn zu lokalisieren seien[14].

Daneben spielt noch die Leber eine wichtige Rolle, die besonders bei negativen Emotionen involviert sei (z.B. bei Angst, Überraschung, Erschrecken...).

Des weiteren hebt Lutz den besonderen Zusammenhang von Ernährung und Emotion auf Ifaluk hervor. So wird beispielsweise Appetitsverlust als Ausdruck emotionaler Aufgewühlt-heit gedeutet, das ausreichende Vorhandensein von Nahrung trägt dagegen wesentlich zum emotionalen Wohlbefinden bei[15].

Eine andere kausale Verbindung existiert zwischen Krankheit und unangenehmen Gefühlen. Auf Ifaluk wird davon ausgegangen, daß negative Emotionen Krankheiten verursachen, wenn sie nicht ausgedrückt oder mitgeteilt werden, besonders bei Trauer. So wird von Trauernden erwartet, daß sie bei Beerdigungen lauthals weinen und schreien, um nicht krank zu werden[16].

[...]


[1] Lutz: 53-80.

[2] Lutz 1988: 3.

[3] Ebd.: 16f.

[4] Ebd.: 17.

[5] unter anderem: Burrows, Edwin G. und Melford E. Spiro. 1953. An Atoll Culture: Ethnography of Ifaluk in the Central Carolines. New Haven: HRAF.

[6] Lutz: 14.

[7] Lutz: 39.

[8] Ebd.: 34.

[9] Ebd.: 23.

[10] Lutz: 53.

[11] Ebd.: 91.

[12] Ebd.

[13] Lutz: 98.

[14] Ebd.: 99. Lutz gibt aber auch die Meinung einer Informantin wieder, wonach nunuwan und tip- im Herzen entstünden, von da durch eine große Ader zum Hirn gelangten, welches sie in Form von Sprache nach außen sendet. (Ebd.)

[15] Ebd.: 99.

[16] Ebd.: 100.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Unnatural Emotions? Catherine A. Lutz' - Forschungen zu Emotionskonzepten auf Ifaluk
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Ethnologie)
Veranstaltung
Ethnologie der Emotionen
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V59665
ISBN (eBook)
9783638535403
ISBN (Buch)
9783656812388
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unnatural, Emotions, Catherine, Lutz, Forschungen, Emotionskonzepten, Ifaluk, Ethnologie, Emotionen
Arbeit zitieren
Kay Ramminger (Autor:in), 2006, Unnatural Emotions? Catherine A. Lutz' - Forschungen zu Emotionskonzepten auf Ifaluk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59665

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