Man liest viele Dramen im Laufe seiner Schulzeit und seinem Studium. Sophokles, Goethe und Brecht gehören dabei zu den meistgelesenen Dramatikern. Vor dem Hauptseminar „Ödön von Horváth: Dramen“ hatte ich nie etwas von diesem Autor gehört noch gelesen. Umso mehr begeistert lernte ich im Laufe des Semesters eine Auswahl seiner Werke kennen. Dabei sprach mich das Drama „Der jüngste Tag“ besonders an. Die Auseinandersetzung mit der Schuldigkeit einzelner Figuren war aufschlussreich für die allgemeine Schwierigkeit der Menschen, sich eigenem Verschulden bewusst zu werden. Horváth zeichnet klar und ansprechend den langwierigen Prozess der Sündenerkenntnis nach, der erst mit innerer Sühne beendet werden kann. Dabei gelangen die Hauptprotagonisten auf ganz unterschiedlichen Wegen zu der Erkenntnis ihrer Schuld.
Im Folgenden soll nun das Leben und Werk von Horváth nachgezeichnet und das
Drama „Der jüngste Tag“ strukturell untersucht werden. Das Schuldmotiv wird im
Zusammenhang der Thematik des Weltgerichts und der Entwicklung der drei
Hauptprotagonisten Thomas Hudetz, Anna Lechner und Josefine Hudetz zentral in
dieser Arbeit analysiert.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Ödön von Horváth
Leben und Werk
Das Drama „Der jüngste Tag“
Strukturanalyse
Die Schuldthematik
Ein Drama des Weltgerichts
Die Entwicklung der drei Hauptprotagonisten
Thomas Hudetz
Anna Lechner
Josefine Hudetz
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Schuldthematik in Ödön von Horváths Drama „Der jüngste Tag“ und untersucht, wie die drei Hauptfiguren durch einen Prozess der Selbsterkenntnis mit ihrer Mitschuld an einem Zugunglück umgehen.
- Strukturelle Analyse der offenen Dramenform bei Horváth
- Die psychologische Entwicklung der Protagonisten Thomas Hudetz, Anna Lechner und Josefine Hudetz
- Die christlich geprägte Thematik des Weltgerichts als moralischer Rahmen
- Der Einfluss des kleinbürgerlichen Umfelds und gesellschaftlicher Erwartungen auf das individuelle Handeln
- Die Funktion von Sprache und „Stille“ als Ausdruck innerer Zerrissenheit
Auszug aus dem Buch
Thomas Hudetz
Der Stationsvorstand Thomas Hudetz wird anfangs im ersten Bild von Frau Leimgruber als „tüchtiger Mann“ (S.12) dargestellt, der als einziger Angestellter des hiesigen Bahnhofs der Gemeinde seinen Dienst tut. Gründlich führt er seine Tätigkeiten aus, was fast schon als penibel gedeutet werden kann - beispielsweise wenn er salutiert, sobald er einem vorbeifahrenden Zug das Signal gegeben hat. Er wird sogar von Frau Leimgruber als unschuldig bezeichnet, als ein auswärtiger Vertreter die Verspätung des Zuges kritisiert: „Aber der Vorstand ist doch unschuldig!“ (S.20). Bezieht man diese Aussage nicht allein auf die Verspätung des Zuges, gewinnt sie auch für die anderen Handlungssequenzen des Dramas eine Bedeutung. Hudetz selbst macht sie sich später zum Leitsatz, um Abstand von seiner Schuld zu nehmen. Er bestreitet vehement, dass Zugunglück mit verursacht zu haben. Bei der Befragung des Staatsanwalts vertritt er eisern seinen Grundsatz: „Ich bin nicht schuld“ (S.30). Kurz zuvor äußert er laut Nebentext „innerlich unsicher“, was auf eine gewisse Unschlüssigkeit schließen lässt: „Herr Staatsanwalt, ich kann mir gar nicht vorstellen, ich war doch immer ein pflichtgetreuer Beamter –“ (S.29). Hier wird die Abhängigkeit Hudetz von seinem Selbstbild als zuverlässiger Staatsangestellter klar. Es ist bestimmt nicht gelogen, dass er sich eine Mitschuld am Unglück nicht vorstellen kann. Er hält sich regelrecht daran fest, seine Arbeit immer korrekt ausgeführt zu haben. Denn außerhalb seines Berufs führt er eine zerrüttete Ehe, die ihn laut Anna zum Gespött der Dorfbewohner macht: „…sie sagen, der Vorstand ist überhaupt kein Mann“ (S.22). Nur seine tüchtige Arbeit wird anerkannt und gelobt, was für ihn das entscheidende Stützbein in seinem Leben darstellt, um sich nicht als Versager zu fühlen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet das Interesse der Autorin am Werk von Horváth und umreißt die Analyse der Schuldthematik sowie der Figurenkonstellation im Drama.
Ödön von Horváth: Dieses Kapitel zeichnet die Biografie und das literarische Schaffen von Horváth von seiner Jugend bis zu seinem Tod nach.
Das Drama „Der jüngste Tag“: Hier erfolgt eine strukturelle Untersuchung des Dramas, insbesondere die Einordnung in die offene Dramenform und die Exposition der Figuren.
Die Schuldthematik: Dieses Kapitel analysiert das zentrale Schuldmotiv und dessen Verknüpfung mit der christlichen Vorstellung des Weltgerichts.
Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse über die Schuldfähigkeit der Charaktere zusammen und stellt einen Bezug zur historischen Situation zur Zeit der Entstehung des Stücks her.
Schlüsselwörter
Ödön von Horváth, Der jüngste Tag, Schuldthematik, Weltgericht, Thomas Hudetz, Anna Lechner, Josefine Hudetz, Selbsterkenntnis, Kleinbürgertum, Moral, Verantwortung, Sühne, Drama, Schuld, Gewissen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Schuldthematik in Ödön von Horváths Drama „Der jüngste Tag“ anhand der individuellen Entwicklung der drei Hauptprotagonisten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen der Prozess der Sündenerkenntnis, die Rolle gesellschaftlicher Zwänge (Kleinbürgertum) sowie die christliche Metaphorik des Weltgerichts.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie die Figuren mit ihrer Schuld umgehen und welche Rolle die Verdrängung sowie die letztendliche Annahme der persönlichen Verantwortung spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit angewendet?
Es handelt sich um eine textimmanente literaturwissenschaftliche Strukturanalyse, ergänzt durch die Untersuchung von Figurenkonstellationen und Motiven.
Was wird im Hauptteil des Werks primär behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Strukturanalyse des Dramas und eine detaillierte Charakterstudie von Thomas Hudetz, Anna Lechner und Josefine Hudetz im Kontext ihrer Schuld.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Schuld, Weltgericht, Selbsterkenntnis, Pflichtgefühl, Moral und der für Horváth typische Bildungsjargon der kleinbürgerlichen Charaktere.
Wie unterscheidet sich die Entwicklung von Thomas Hudetz von der von Anna Lechner?
Während Hudetz lange Zeit an seinem Selbstbild als pflichtgetreuer Beamter festhält und seine Schuld verdrängt, erkennt Anna ihre Mitverantwortung schneller, zerbricht an ihr und agiert letztlich als treibende Kraft für die Selbsterkenntnis von Hudetz.
Welche Bedeutung kommt der Rolle von Josefine Hudetz im Gesamtzusammenhang zu?
Josefine Hudetz fungiert als Außenseiterin, deren Eifersucht und emotionale Belastung des Ehemanns unbewusst die Bedingungen für das katastrophale Verhalten von Thomas Hudetz schafft.
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- Jennifer Volz (Author), 2005, Die Schuldthematik in Ödön von Horváths Drama "Der jüngste Tag" - aufgezeigt an der Entwicklung der drei Hauptprotagonisten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59687