Robin Hood und Hollywood – Rekonstruktion eines cineastischen Mittelalterbildes am Beispiel "The adventures of Robin Hood"


Essay, 2005
12 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Schon seit der Geburtsstunde des Kinos vor ca. 100 Jahren haben sich die Filmemacher immer wieder dem Mittelalter als Stoff für ihre Filme zugewandt. Und im Gegensatz zur Antike, die vor allem im Monumental- oder dem sogenannten Sandalenfilm umgesetzt und erst durch Ridley Scotts Gladiator (2000) wiederbelebt wurde, war das Mittelalter in Film und Fernsehen über die Jahrzehnte hinweg allgegenwärtig.

Aber woran liegt es, dass gerade dieses Zeitalter eine so große Wirkung und Faszination auf die Menschen ausübt? Vielleicht liegt es daran, dass das Leben der Menschen damals überschaubarer war. Ritterkult, Minnedienst, Burgen, Könige usw. erwecken in uns ganz unbewusst romantische Gefühle, an eine vermeintlich bessere Welt, die noch von Idealen geprägt war. Gerade in unserem hektischen und globalen Kommunikationszeitalter ist es daher allzu verständlich, dass wir uns gerne in eine solch idealisierte Welt entführen lassen. Andererseits stellt sich uns das Mittelalter aber auch als eine ziemlich düstere Zeit dar. Man denke an die Inquisition, die Pest oder die Allmacht der katholischen Kirche. Umberto Eco, der Autor von Der Name der Rose, drückte es so aus: „people simply seem to like the Middle Ages. We see in the medieval a world at once distant from, yet related to, our own.”[1] Nicht zu vergessen die Popularität der mittelalterlichen Mystik, wie Schwarze Magie, Alchemie oder Astrologie. Denn sie belebte in nicht unerheblichem Maße die moderne Fantasy-Literatur. Und man darf mit Fug und Recht behaupten, dass sich auch der Regisseur Peter Jackson und seine Crew für The Lord of the Rings (2001-2003) mystischer und mittelalterlicher Elemente bedienten.

Im mittelalterlichen Film spiegeln sich aber auch unterschiedliche zeitgenössische Geschichtsbilder wider. D.h. weltgeschichtliche Ereignisse und Debatten innerhalb der Forschung hatten und haben auf die Filmproduktion und das damit vermittelte Bild vom Mittelalter durchaus erheblichen Einfluss. Mittelalterliche Figuren wie König Artus, Johanna von Orleans oder auch Robin Hood können dabei beispielhaft herangezogen werden. In diesem Essay soll jedoch lediglich am Beispiel des Films The Adventures of Robin Hood (1938) die Figur des Robin Hood und das durch ihn vermittelte Geschichtsbild analysiert werden. Dabei sollen die Entstehungsumstände, die zeitliche Einordnung und die damalige, wie auch gegenwärtige, Wirkung des Films auf den Zuschauer berücksichtigt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zwei Beispiele moderner Mittelalterfilme, links King Arthur, USA 2004 (v.l. Ioan Gruffudd, Keira Knightley, Clive Owen), rechts Jeanne d’Arc, F 1999 (Milla Jovovich)

Robin Hood – „legendärer Balladenheld, Räuberhauptmann, ausgezeichneter Bogenschütze, Wildschütz, Verehrer der Jungfrau Maria, Freund der Armen [...]“[2]. Selbst das Lexikon des Mittelalters bietet eine Vielzahl von Umschreibungen, die in irgendeiner Weise auf diese mittelalterliche Figur passen. Und sicher gibt es kaum einen Menschen, der noch nie von der Legende um Robin Hood gehört hat. Die zahlreichen Bücher und Verfilmungen trugen sicherlich dazu bei, dass seine Popularität auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch ungebrochen ist. Und es steht außer Frage, dass gerade die moderne Popkultur unser Bild vom Helden Robin Hood maßgeblich geprägt hat. Seine Ideale wie Freiheit, Gleichberechtigung oder Befreiung von der Tyrannei sind zeitlos und üben auf jeden Menschen, egal zu welcher Zeit und in welcher Kultur man auch lebt, eine große Anziehungskraft aus. Egal, ob man Robin aber nun aus Büchern oder Filmen kennt, die Legende hat, wie es Kevin Carpenter ausdrückt, „in jeder neuen Generation zum Teil drastische Veränderungen erfahren. Vor allem die Figur des Robin Hood wurde mehrfach umgedichtet.“[3] So begegnet Robin in den ältesten Balladen als enterbter Adliger, dann wurde er zum Vorreiter im Kampf zwischen Angelsachsen und Normannen, dann wiederum zum gerechten Freiheitshelden. Zudem traten im Laufe der Entwicklung neue Figuren, neue Orte oder Namensveränderungen hinzu. So waren beispielsweise Lady Marian oder Bruder Tuck nicht von Anfang an dabei. Für Literaturwissenschaftler und Historiker stellt dieser Umstand sicher eine enorme Schwierigkeit dar. Denn die zahlreichen Veränderungen machen es um so schwerer, den historischen Kern der Robin-Hood-Legende herauszuschälen. Filmproduzenten, Drehbuchautoren und Regisseure dagegen bot und bietet die unglaubliche Anzahl an Quellen geradezu ein El Dorado an Inspiration. Und tatsächlich war Robin Hood als Leinwandlegende bereits seit der Frühzeit des Films präsent und brachte es bis heute auf mehr als 60 Filme. Kevin J. Harty stellte fest, dass die beiden frühen und höchst populären Robin Hood-Verfilmungen, nämlich Allan Dwans Robin Hood (1922) mit Douglas Fairbanks und Michael Curtiz The Adventures of Robin Hood (1938) mit Errol Flynn, bereits richtungsweisend allen nachfolgenden Verfilmungen voranstehen: „Generally, other Robin Hood films simply borrow a page from the plots of these two films to place Robin and his band of merry men into a seemingly never-ending series of adventures and misadventures.“[4] Sogar die letzte große Robin Hood-Verfilmung, Robin Hood – Prince of Thieves (1991) mit Kevin Costner, bedient sich beispielsweise der bekannten Stockkampf-Szene zwischen Little John und Robin aus dem Film mit Errol Flynn, auch wenn diese bei Costner noch weiter ausgebaut wurde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Ich habe nur meinen Stock, und du drohst mir mit einem Pfeil?“ – Little John zu Robin, vor der bekannten Stockkampfszene (klassisches Motiv)

Die Stummfilmversion mit Douglas Fairbanks als Robin Hood von 1922 übertraf bereits damals bei weitem alles, was man bis dahin vom Kino gewohnt war. Man benötigte an die tausend Akteure und das bis dahin größte Filmset, das jemals gebaut wurde. Fairbanks verlieh dem Charakter Robin eine sehr eigene, sozusagen akrobatische Note. Im zweiten Teil des Films (er bestand nämlich aus einem ersten, der die Vorgeschichte des Earl of Huntington zwischen dem Kreuzzug unter Richard Löwenherz und seiner Rückkehr nach England schildert) springt Fairbanks von Bäumen auf seine Gegner, die zu Pferde reiten, er gleitet über lange Tücher den Speisesaal hinab, springt von Brüstungen und klettert an der Kette einer sich schließenden Zugbrücke nach oben. Er verwandelte das übergroße Set in eine Art „cinematic jungle gym“[5], wie Kevin J. Harty es ausdrückt. Fairbanks war in dieser ersten großen Verfilmung der Legende um Robin Hood ganz klar Schlüssel und Hauptfigur des gesamten Films und definierte damit den Inbegriff des amerikanischen Filmstars.

The Adventures of Robin Hood blieb von der Fairbanks-Version nicht unbeeinflusst. Die beiden Drehbuchautoren Norman Reilly Raine und Seton I. Miller stützten sich ganz bewusst auf das Drehbuch von Allan Dwan und Douglas Fairbanks, obwohl sie die erste Hälfte des früheren Filmes entfernten, um sich mehr auf die Abenteuer Robin Hoods im Sherwood Forest zu konzentrieren. Sie ließen sich außerdem von Sir Walter Scotts Roman Ivanhoe inspirieren, in dem Robin Hood lediglich als Randfigur erscheint. Für Kevin Carpenter ist und bleibt The Advetnures of Robin Hood der „Robin Hood-Film des 20. Jahrhunderts“[6]. Auch Kevin J. Harty meint in seinem Aufsatz, dass die späteren Verfilmungen, vor allem die der 40er und 50er Jahren nichts weiter sind, als „pale swashbuckling shadows of Curtiz’ masterpiece“[7]. Das läge nicht daran, das die nachfolgenden Filme schlechter wären als das Original, sondern daran, dass sie ständig in Vergleich mit dem Film von 1938 gesetzt wurden.

[...]


[1] HARTY, Kevin J., Robin Hood on Film: Moving Beyond a Swashbuckling Stereotype, S. 87.

[2] GLEISSNER, R., Robin Hood, in: ANGERMANN, Norbert [Hrsg.], Lexikon des Mittelalters, Bd. Planudes – Stadt (Rus), München, 1995, S. 919.

[3] CARPENTER, Kevin: Robin Hood – vom Wegelagerer zum Nationalhelden, in: Einblicke Nr. 22 Forschungsmagazin der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Oktober 1995, in: URL: http://www.uni-oldenburg.de/presse/einblicke/22/robin.html.

[4] HARTY, Kevin J., Robin Hood on Film: Moving Beyond a Swashbuckling Stereotype, in: HAHN [Hrsg.], Thomas: Robin Hood in Popular Culture: Violence, Transgression and Justice, Cambridge [u.a.], 2000, S. 88.

[5] HARTY, Kevin J., Robin Hood on Film: Moving Beyond a Swashbuckling Stereotype, in: HAHN [Hrsg.], Thomas: Robin Hood in Popular Culture: Violence, Transgression and Justice, Cambridge [u.a.], 2000, S. 89.

[6] CARPENTER, Kevin: Robin Hood – vom Wegelagerer zum Nationalhelden, in: Einblicke Nr. 22 Forschungsmagazin der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Oktober 1995, in: URL: http://www.uni-oldenburg.de/presse/einblicke/22/robin.html.

[7] HARTY, Kevin J., Robin Hood on Film: Moving Beyond a Swashbuckling Stereotype, in: HAHN [Hrsg.], Thomas: Robin Hood in Popular Culture: Violence, Transgression and Justice, Cambridge [u.a.], 2000, S. 94.

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Details

Titel
Robin Hood und Hollywood – Rekonstruktion eines cineastischen Mittelalterbildes am Beispiel "The adventures of Robin Hood"
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Braveheart, Robin Hood und Karl der Große. Das Mittelalter im historischen Film des ausgehenden 20. Jahrhunderts
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
12
Katalognummer
V59705
ISBN (eBook)
9783638535670
ISBN (Buch)
9783638770989
Dateigröße
848 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Robin, Hood, Hollywood, Rekonstruktion, Mittelalterbildes, Beispiel, Braveheart, Karl, Große, Mittelalter, Film, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Klaus Genschmar (Autor), 2005, Robin Hood und Hollywood – Rekonstruktion eines cineastischen Mittelalterbildes am Beispiel "The adventures of Robin Hood", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59705

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