Techniken und Inhalte des literarischen Erzählens in Wilhelm Raabes 'Chronik der Sperlingsgasse'


Hausarbeit, 2006

11 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2. Einleitung

3. Die Person des Erzählers
3.1 Raabes Erzählfigur

4. Der Ort des Erzählens
4.1 Erzählebenen der „Chronik“

5. Der Zeitpunkt der Narration
5.1 Zeitebenen der „Chronik“

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

8. Obligatorische Erklärung zu Hausarbeiten

2. Einleitung

Anhand des Romans „Chronik der Sperlingsgasse“ von Wilhelm Karl Raabe[1] sollen Techniken und Inhalte des literarischen Erzählens analysiert, benannt und veranschaulicht werden. Die Durchführung dieser Untersuchung basiert auf der „Narratologie“ - nach Gérard Genette[2] und Martinez und Scheffels[3] „Einführung in die Erzähltheorie“, welche drei Kategorien des Narrativen: Tempus, Modus, und Stimme umfasst. Schwerpunkt soll hier auf Punkt 3 gelegt werden.

3. Die Person des Erzählers

Ein Autor, die ,literarische Instanz`, besitzt grundsätzlich die Möglichkeit zwischen zwei narrativen Einstellungen zu wählen. Er kann die Geschichte von einer Person erzählen lassen, welche nicht als teilnehmende Figur in der Erzählung vorkommt, einem heterodiegetischen Erzähler. Oder aber auch von einer Person, welche Teil des Geschehens ist, und zur erzählten Welt dazugehört, einem homodiegetischen Erzähler. Wichtig ist, zu erkennen, wer Erzähler ist, und wie er vom Autor eingesetzt wird, falls dieser nicht selbst als Erzähler agiert.

3.1 Raabes Erzählerfigur

Raabe lässt in seiner „Chronik“ den alten Johannes Wachholder als homodiegetischen Erzähler und somit Protagonist des Geschehens auftreten. Dieser steht im Zentrum der Ereignisse und ist Teil der Geschichte, welche er selbst erzählt. Er spricht von sich selbst in der 1. Person „ Missmutig hatte ich eine Zeitung weggeworfen, mir eine frische Pfeife gestopft, ein Buch herabgenommen und aufgeschlagen.“ ( S. 5 ) und übernimmt daher auch gegenüber anderen Beteiligten der Geschichte nur eine berichtende Funktion. Dem Leser wird so das Wissen der Erzählerfigur vermittelt, jedoch nicht mehr.

Auch wenn manchmal der Eindruck eines Erzählerwechsels durch Unterhaltungen zweier Parteien entsteht, an denen der Protagonist nicht beteiligt ist

„ ‚Liebe kleine Elise!’ flüstert Gustav [ ... ] ‚Lieber großer Junge!’

lächelt Elise.“ ( S. 156 ), so ist beim weiterlesen doch recht schnell zu erkennen, dass auch diese Gespräche nur Beobachtungen des Erzählers sind.

In der „Chronik“ ist somit also nur eine kontinuierlich gleichbleibende Erzählsituation festzustellen, welche sich durch den gesamten Text zieht.

Dass Raabe in seinem Ersten Roman gerade einen alten, durch viele Schicksalsschläge geschwächten Mann in den Mittelpunkt der Geschichte stellt „ Ich bin alt und müde; es ist die Zeit, wo die Erinnerung an die Stelle der Hoffnung tritt.“

( S. 8 ), liegt wohl daran, dass ihm eine große Vorliebe für bestimmte Lebensalter nachgesagt wird.

,, Wie bei allen Dichtern verwandter Natur – Jean Paul, Storm, Raabe – sind die häufigsten Gestalten Kinder, junge Menschen und Greise. Der selbstbewussten Kraft des Mannes und der sicheren Reife der Frau in mittleren Jahren fühlte er sich nicht so recht gewachsen.´´[4]

So auch in der „Chronik“, wo oft von „der Kleinen“ ( vgl S. 60/61 ) oder „ der Alten“ ( vgl. S. 105 ) die Rede ist.

Des weiteren lässt Raabe den ,,alten Mann“ möglichst natürlich wirken, handeln und erzählen, um dem Leser den Eindruck stetiger „Willkürlichkeit“ und „Absichtslosigkeit“ der fortschreitenden Handlung zu vermitteln. Um die Natürlichkeit hervorzuheben, bedient er sich der Lebensgeschichten unter-schiedlichster Menschen, unter anderem auch der seines eingesetzten Erzählers

„ Ich bin ein einsamer alter Mann geworden! Die bunten, ewig wechselnden, ewig neuen Bilder, dieses großen Bilderbuches, Welt genannt, werden meinen alten Augen dunkler und dunkler.“ ( S. 8 ), bei welchem er zusätzlich durch eine Fülle an langwierigen Sätzen eine gewisse „Altersruhe“ erzeugt.

Durch diese Art, in welcher Raabe seinen Erzähler involviert und auftreten lässt, bleibt verborgen, dass eigentlich er selbst die Fäden der Erzählung vollständig in der Hand hält, und deren Einzelstücke zu einer Ganzen, kunstvoll geplanten Einheit zusammenfügt, wobei er nichts dem Zufall überlässt. Jedoch lässt er es sich nicht nehmen „zum Schluss noch einmal deutlich hervorzutreten, um den wesentlichen Inhalt der Erzählung, die Stimmung oder das Resultat derselben nachdrücklich zu unterstreichen, bevor wir von ihm scheiden.“[5]

4. Der Ort des Erzählens

Zu untersuchen ist hierbei, auf welcher Ebene erzählt wird und welche narrativen Funktionen die unterschiedlichen Ebenen erfüllen.

Man unterscheidet zwischen einer ersten Stufe, einer zweiten, beziehungsweise einer dritten Stufe. So befindet sich der Erzählakt, welcher eine Erzählung hervorbringt, auf der ersten Stufe. Ereignisse, von denen dieser Erzähler berichtet, liegen auf der zweiten Stufe. Ausgehend von dieser, entsteht eine dritte Stufe, auf welcher sich Ereignisse befinden, die sich in Erzählungen der zweiten Stufen einfügen, dies können auch Träume oder Erinnerungen einer Person sein, von der erzählt wird.

4.1 Der Ort des Erzählens in der „Chronik“

Die Chronik bietet hier eine Vielzahl von Ereignissen, welche ineinander verschachtelt einerseits völlig unabhängig voneinander, andererseits, bei genauerer Betrachtung, doch miteinander verbunden sind. Die wichtigsten sollen hier hervorgehoben werden.

Das gegenwärtige Leben des Johannes Wachholder, welcher die Erzählung hervorbringt, stellt die Rahmenhandlung des Romans dar, und wird somit auf der ersten Stufen, der extradiegetischen Ebene angesiedelt. „Schnee! Der erste Schnee! [...] Schnell springe ich auf und ans Fenster. Welche Veränderung da draußen!“ ( S. 6 ) Sie soll einerseits dem Leser Einblick in das Leben des Protagonisten geben. „ ‚Ah, mein Nachbar!’ rief Meister Strobel, bei meinem Eintritt vom Sofa aufspringend [ ...] .“ ( S. 29 )

Des Weiteren soll sie über die „älteren Stadtteile mit ihren engen, krummen, dunklen Gassen`` ( vgl. S.10 ) und die Sperlingsgasse „einem kurzen, engen Durchgang, der die Kronenstraße mit einem Ufer des Flusses verknüpft... .“

( vgl. S. 12 ) Auskunft geben, um eine bildliche Vorstellung der Umgebung des Geschehens zu ermöglichen.

Die Basiserzählung des Protagonisten wird jedoch, schon allein bedingt durch das Schreiben einer Chronik, von Binnenerzählungen, Ereignissen der Vergangenheit unterbrochen, welche sich als untergeordnete, weitere Erzählungen in diese einfügen. Sie befinden sich auf der nächsten Ebene, welche als intradiegetische Ebene bezeichnet wird.

In der „Chronik“ hierfür wohl als bedeutendste zu nennen, ist die Geschichte der kleinen Elise, die durch den frühen Tod ihrer Eltern zur Ziehtochter des Protagonisten wird. „So war ich dann allein mit der kleinen Elise, die unbewusst ihres Waisentums und des unbehülflichen Pflegevaters auf Marthas Schoß tanzte... .“ ( S. 51 ) Die intradiegetische Ebene besitzt hier eine narrativ kontrastive Funktion, da die eingefügte Erzählung im vollkommenen Gegensatz zur Gegenwartserzählung des Protagonisten steht, „Elise, Elise komm zurück! Sieh, ich bin alt und einsam! Weißt du nicht, dass ich [...] über dir wachte in langen Nächten, wie nur eine Mutter über ihrem Kinde wachen kann?“ ( S. 52/53 ) und doch gerade dadurch eng mit ihr verbunden ist. Hier steht die Einsamkeit eines alten Mannes der jugendlich - fröhlichen Gemeinsamkeit von Vater und Tochter in vergangenen Zeiten gegenüber.

Einige weitere Erzählungen, welche nur kurz genannt werden sollen und sich ebenfalls auf der intradiegetischen Ebene befinden, ist der Rückblick auf die Kindheit des Protagonisten „Das ist Ulfelden, die Stadt meiner Kindheit, - das ist meine Vaterstadt!“ ( S. 14 ), der Tod von Marie und Franz Ralff „Der Tod hatte seine finstere, kalte Hand trennend auf ein glückliches Zusammenleben gelegt;“ ( S. 20 ) , „ [...] und eines Morgens – war er ihr hinab gefolgt, und hatte sein kleines Kind und seinen Freund allein zurück gelassen.“ ( S. 45 ), die Erzählung des Dr. Wimmer „ ‚ Ausgewiesen! Nun gar ausgekniffen!’“ ( S.71) , als auch das Leben von Elisens Eltern. „Es ist der Maler Franz Ralff, der, aus Italien zurückkehrend [...] den Freund umarmt.“ ( S. 17 )

,, [...] Marie, die niedliche kleine Putzmacherin, wohnte mir gegenüber, und nähte gewöhnlich am Fenster [...].“ ( S. 12 )

Ausgehend vom zuletzt genannten Punkt eröffnet sich eine dritte Stufe, auch metadiegetische Ebene genannt, welche hier besonders deutlich zu erkennen ist.

[...]


[1] Raabe, W., Chronik der Sperlingsgasse, Stuttgart 2003.

[2] Genette, G., Figures 3, Paris 1972.

[3] Martinez, M.; Scheffel, M., Einführung in die Erzähltheorie, 5. Aufl. München 2003

[4] Junge, H., Wilhelm Raabe: Studien über Form und Inhalt seiner Werke, Dortmund 1910,

S. 118 .

[5] Junge, H., Wilhelm Raabe: Studien über Form und Inhalt seiner Werke, Dortmund 1910,

vgl. S. 64 .

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Techniken und Inhalte des literarischen Erzählens in Wilhelm Raabes 'Chronik der Sperlingsgasse'
Hochschule
Universität Konstanz
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
11
Katalognummer
V59749
ISBN (eBook)
9783638536004
ISBN (Buch)
9783638792653
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Techniken, Inhalte, Erzählens, Wilhelm, Raabes, Chronik, Sperlingsgasse
Arbeit zitieren
Anna-Lena Walter (Autor), 2006, Techniken und Inhalte des literarischen Erzählens in Wilhelm Raabes 'Chronik der Sperlingsgasse', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59749

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