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Vom Prinzip der Normalisierung zum Paradigma der Selbstbestimmung

Pädagogische und didaktisch-methodische Überlegungen zum Selbstverständnis in der Heimarbeit mit geistig behinderten Menschen

Title: Vom Prinzip der Normalisierung zum Paradigma der Selbstbestimmung

Term Paper , 1999 , 58 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Dipl. Soz. Päd. Philip Schröder (Author)

Social Work
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Die im Jahre 1994 vom Gesetzgeber beschlossene Erweiterung des Grundgesetzes durch das Diskriminierungsverbot behinderter Menschen erinnerte uns erneut daran, dass auch Menschen mit einer Behinderung, auch wenn sie im Heim „untergebracht sind“, Träger von Grundrechten sind. Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen sind fast ausnahmslos auf stationäre Heimeinrichtungen angewiesen. Diese Wohneinrichtungen sollten dem Menschen mit Behinderung all das ermöglichen, was wir alle in unseren vier Wänden auch für selbstverständlich halten.

Für eine Abkehr vom bisherigen Betreuungsdenken ist eine innere Umstrukturierung notwendig, um den Menschen in diesen Einrichtungen Bedingungen zu schaffen, die dem näher kommen, was Wohnen in Selbstbestimmung bedeutet. Aufgegeben werden muss nicht nur der fachliche Allmachtsglauben, den defizitären Behinderten fördern zu müssen, verlassen werden muss auch die sichere Position des in jeder Hinsicht mächtigeren Experten. Ziel muss es sein, unter den Bedingungen eines Heimes dem Grundrecht auf Teilhabe mehr Raum zu verschaffen. Behinderte Menschen sollten mehr selbst bestimmen können und weniger fremdbestimmt sein.

In der Praxis stellt sich dies oftmals als Gratwanderung dar; Freiheiten zu gewähren bedeutet eben nicht nur, Chancen für eine selbstgesteuerte freiheitliche Entwicklung zu schaffen, sondern auch die Unsicherheit, Gefahrenmomente zu verkennen und fahrlässig zu handeln.

Nach einem knappen historischer Abriss und der Erläuterung relevanter Leitbilder und Grundlagen der Behindertenhilfe wird neben einem theoretischen Kapitel versucht, dem ›Paradigma der Selbstbestimmung‹ in seiner praktischen Konsequenz Gestalt zu verleihen.


Philip Schröder (Jahrgang 1969) ist seit 1989 in der praktischen Behindertenhilfe tätig und hat die vorliegende Arbeit während seines Studiums der Sozialpädagogik verfasst. Als weitere Veröffentlichung liegt vor: „Qualitätssicherung in der Behindertenhilfe – Schnäppchen oder Mogelpackung?“, Bochum 2003.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

0) Einleitung

1) Historischer Abriss

1.1) Erbkrank und unheilbar

1.2) Versorgt und verwahrt

1.3) Entpsychiatrisiert und individualisiert

1.4) Subventioniert und legalisiert

1.5) Therapiert und isoliert

1.6) Integriert und selbstbestimmt

2) Zentrale Leitbilder in der Behindertenarbeit

2.1) Das Normalisierungsprinzip

2.1.1) Normaler Tagesrhythmus

2.1.2) Normaler Wochenrhythmus

2.1.3) Normaler Jahresrhythmus

2.1.4) Normaler Lebenslauf

2.1.5) Respektierung von Bedürfnissen

2.1.6) Angemessener Kontakt zwischen den Geschlechtern

2.1.7) Normaler wirtschaftlicher Standard

2.1.8) Standards von Einrichtungen

2.2) Integration

2.3) Selbstbestimmtes Leben

2.3.1) Assistenzkonzept

2.3.2) Kundenmodell

2.3.3) Empowerment

2.3.4) Regiekompetenz

2.3.5) Self-Advocacy

2.3.6) Trialog

3) Metatheoretische Erwägungen

3.1) Erziehungswissenschaftliche Aspekte

3.2) Anthropologische Sichtweise

4) Praktische Überlegungen

4.1) Heimalltag und Realität

4.1.1) Beispiel Paul

4.1.2) Beispiel Inge

4.2) Perspektiven und Möglichkeiten der Umsetzung

5) Konsequenzen für das Selbstverständnis der Begleiter

6) Anhang

Zielsetzung und Themen der Arbeit

Die vorliegende Arbeit untersucht den Paradigmenwechsel in der stationären Behindertenhilfe vom Prinzip der Normalisierung hin zum Leitbild der Selbstbestimmung. Das zentrale Ziel ist es, die pädagogischen und didaktisch-methodischen Voraussetzungen aufzuzeigen, die es Menschen mit geistiger Behinderung in Wohneinrichtungen ermöglichen, ein selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben zu führen, und dabei die Rolle der Betreuer kritisch zu hinterfragen.

  • Historische Entwicklung der Behindertenhilfe in Deutschland seit 1945.
  • Analyse zentraler Leitbilder wie Normalisierung, Integration und Empowerment.
  • Metatheoretische Begründung des Selbstbestimmungsparadigmas durch erziehungswissenschaftliche und anthropologische Ansätze.
  • Praktische Reflexion des Heimalltags anhand von Fallbeispielen und Konsequenzen für das professionelle Selbstverständnis der Begleiter.

Auszug aus dem Buch

4.1.1) Beispiel Paul

Paul ist ein 39-jähriger Mann, der seit dem Tod seiner Mutter vor acht Jahren in einem Wohnheim lebt. Paul hat Down-Syndrom und leidet unter den Umständen, die aufgrund der Etikettierung ›mongoloid‹ sein Leben bestimmen.

Der junge Mann ist in einer ›Werkstatt für Behinderte‹ beschäftigt und erhält einmal pro Woche einen Auszahlungsschein, für den er in der Bank zehn Mark seines Arbeitslohns ausgezahlt bekommt. Zwar verdient Paul erheblich mehr Geld, jedoch bestünde bei einem höheren ›Taschengeld‹ nach Ansicht seiner Betreuer die Gefahr, dass er sich zu viele Süßigkeiten kaufe, was schließlich ungesund sei.

Paul isst für sein Leben gerne und hat ein bisschen Übergewicht, weshalb er bei den Mahlzeiten im Wohnheim ›auf Diät gesetzt‹ ist.

Um den pragmatischen Diätvorstellungen seiner Betreuer gerecht zu werden, muss Paul außerdem nach jedem Wocheneinkauf seine persönlichen Errungenschaften seinen Peinigern zur Kontrolle vorzeigen. Für den Fall, dass sich Paul mehr als ein Teil gekauft haben sollte, das auf der Negativliste der Pädagogen steht, wird dieses unverzüglich vom Dienst habenden Mitarbeiter unter Verschluss genommen und im Laufe der kommenden Woche eingeteilt.

Paul selbst nimmt diese Maßnahmen als starke persönliche Einschnitte in sein Privatleben wahr, die nicht seinem eigenen Willen entsprechen.

Zusammenfassung der Kapitel

0) Einleitung: Diese Einleitung begründet das Paradigma der Selbstbestimmung für Menschen mit geistiger Behinderung unter Einbeziehung von Grundrechten und langjähriger Praxiserfahrung.

1) Historischer Abriss: Das Kapitel zeichnet die Entwicklung von der Verwahrung und dem NS-Euthanasie-System über Rehabilitation und Förderung bis hin zur heutigen Integration und Selbstbestimmung nach.

2) Zentrale Leitbilder in der Behindertenarbeit: Hier werden die wesentlichen Konzepte wie das Normalisierungsprinzip, Integration und verschiedene Empowerment-Ansätze detailliert erläutert und auf ihre Anwendbarkeit geprüft.

3) Metatheoretische Erwägungen: Dieses Kapitel diskutiert die philosophischen und erziehungswissenschaftlichen Grundlagen, welche das Paradigma der Selbstbestimmung legitimieren und eine kritische Auseinandersetzung mit dem Behindertenbegriff fordern.

4) Praktische Überlegungen: Anhand von Alltagssituationen und Fallbeispielen wird aufgezeigt, wie strukturelle Sachzwänge in Heimen häufig die Autonomie behinderter Menschen einschränken.

5) Konsequenzen für das Selbstverständnis der Begleiter: Dieses abschließende Kapitel fordert eine grundlegende Änderung der professionellen Haltung der Betreuer, weg vom allmächtigen Experten hin zum begleitenden Partner.

6) Anhang: Der Anhang enthält die "Duisburger Erklärung" als Dokument der Selbstbestimmungsbewegung geistig behinderter Menschen.

Schlüsselwörter

Selbstbestimmung, Geistige Behinderung, Behindertenarbeit, Normalisierung, Empowerment, Assistenzkonzept, Heimalltag, Integration, Menschenwürde, Pädagogik, Fremdbestimmung, Selbstverantwortung, Selbstvertretung, Trialog, Entpädagogisierung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit befasst sich mit der Notwendigkeit, das Verständnis der stationären Behindertenhilfe zu wandeln, um Menschen mit geistiger Behinderung ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?

Im Zentrum stehen die historische Entwicklung der Behindertenhilfe, die Analyse etablierter Leitbilder und die Reflexion über die Praxis in stationären Wohnheimen.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, den Paradigmenwechsel zur Selbstbestimmung theoretisch zu fundieren und konkrete Konsequenzen für die pädagogische Arbeit und die Rolle der Begleiter abzuleiten.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Aufarbeitung erziehungswissenschaftlicher Literatur sowie auf die kritische Reflexion der Praxis durch persönliche Erfahrungen.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Begründungen, Leitbilder der Behindertenarbeit (wie Normalisierung und Empowerment) und eine kritische Analyse des Heimalltags.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?

Selbstbestimmung, Empowerment, Behindertenarbeit, Normalisierung, Menschenwürde und die Abkehr von der klassischen Bevormundung.

Welche Bedeutung haben die Fallbeispiele Paul und Inge?

Sie dienen als konkrete Exempel für strukturelle Einschränkungen der Autonomie im Heimalltag, um zu verdeutlichen, wie sich traditionelle Vorstellungen von Behinderung in der Betreuung auswirken.

Wie definiert der Autor das Verhältnis zwischen Betreuer und Betreuten?

Der Autor fordert den Übergang von einer Experten-Objekt-Beziehung hin zu einer gleichberechtigten Ich-Du-Beziehung, die von Respekt und Achtung geprägt ist.

Was fordert die im Anhang enthaltene Duisburger Erklärung?

Sie fordert mehr Wahlmöglichkeiten für behinderte Menschen in allen Lebensbereichen wie Wohnen, Arbeit und Freizeit und betont, dass behinderte Menschen selbst Experten für ihre Bedürfnisse sind.

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Details

Title
Vom Prinzip der Normalisierung zum Paradigma der Selbstbestimmung
Subtitle
Pädagogische und didaktisch-methodische Überlegungen zum Selbstverständnis in der Heimarbeit mit geistig behinderten Menschen
College
Protestant University of Applied Sciences Rheinland-Westfalen-Lippe
Grade
1,0
Author
Dipl. Soz. Päd. Philip Schröder (Author)
Publication Year
1999
Pages
58
Catalog Number
V59754
ISBN (eBook)
9783638536042
ISBN (Book)
9783638721592
Language
German
Tags
Prinzip Normalisierung Paradigma Selbstbestimmung
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Dipl. Soz. Päd. Philip Schröder (Author), 1999, Vom Prinzip der Normalisierung zum Paradigma der Selbstbestimmung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59754
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