Straßenkinder - Warum wird die Straße als Lebensmittelpunkt gewählt?


Hausarbeit, 2005

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeines
2.1 Definition Straßenkinder
2.2 Obdachlosigkeit / Wohnungslosigkeit
2.3 Statistische Angaben
2.3.1 Anzahl der Straßenkinder
2.3.2 Geschlecht und Altersverteilung

3. Was treibt Kinder und Jugendliche auf die Straße?
3.1 Ursachensuche
3.2 Beweggründe
3.3 „Push“-Faktoren
3.3.1 Allgemein
3.3.2 Ursachenkomplex: Familienverhältnisse
3.3.3 Ursachenkomplex: körperliche Gewalt und Misshandlungen
3.3.4 Ursachenkomplex: emotionale Vernachlässigung und übertriebene Strenge
3.3.5 Ursachenkomplex: Sucht der Eltern
3.3.6 Ursachenkomplex: Schule (und Berufschancen)
3.3.7 Ursachenkomplex: Armut
3.3.8 Ursachenkomplex: Jugendhilfe
3.3.9 Weitere mögliche Ursachen
3.3.10 Ergebnis
3.4 „Pull“-Faktoren

4. Ergebnis / Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Geht man in Frankfurt an den Mainwiesen entlang, so fallen einem bei genauem Betrachten einige wenige Kinder und viele Jugendliche in kleinen Grüppchen auf, die auch noch abends dort zu finden sind. Viele von ihnen verbringen auch, besonders in der wärmeren Jahreszeit, die ganze Nacht dort. Andere zieht es in u-Bahn- und S-Bahn-Stationen, einige kommen bei Bekannten unter.

Der Großteil dieser jungen Menschen sind Kinder und Jugendliche, die in Deutschland auf der Straße leben. Daher lässt sich fragen, wie es dazu kommt, dass Kinder und Jugendliche die Straße als Lebensmittelpunkt wählen? Warum wird die Straße der Familie, dem Heim oder anderen Wohnformen vorgezogen? Diese Fragen, die nach den Beweggründen der Straßenkinder suchen, sind das zentrale Thema dieser Hausarbeit.

2. Allgemeines

2.1 Definition Straßenkinder

Bevor der Begriff „Straßenkinder“ erläutert wird, muss gesagt werden, dass die Problematik der Straßenkinder in Deutschland nicht mit der in Ländern der Dritten Welt, v. a. Lateinamerika, vergleichbar ist (Seidel, S. 41; Lutz, S. 41). Dennoch gibt es gewisse Parallelen zwischen beiden (Albrecht, S. 7). Auf diese kann jedoch hier nicht eingegangen werden.

Der Wortbestandteil „Kinder“ im Begriff „Straßenkinder“ ist ein wenig irreführend, denn der Großteil ist über 14 Jahre alt (Albrecht, S, 1). Daher handelt es sich eher um Jugendliche, denn laut KJHG (§ 7) spricht man nur bis zum 14. Lebensjahr von Kindern. Dennoch ist der Begriff „Straßenkinder“ nicht verfehlt, da er als Oberbegriff für Kinder und Jugendliche genutzt werden kann, die ihr Leben auf die Straße verlegt haben (Albrecht, S. 1; Pfennig, S. 14). Zur Altersverteilung siehe Punkt 2.3.2.

Für den Begriff „Straßenkinder“ existiert bis heute keine allgemein anerkannte Begriffsbestimmung. In den 80-er Jahren beschäftigten sich Jordan und Trauernicht mit den Erscheinungsformen und Gründen von Kindern und Jugendlichen, aus Familien oder Heimen auszureißen (Jordan / Trauernicht, S. 9; Lutz, S. 53 f; Gillich, S. 86). Sie stellten zwei Typen auf: neben den Ausreißern (diejenigen, die nur kurzfristig weglaufen) gibt es die Treber. Sie flüchten aus prekären Situationen und leben in subkulturellen Lebenskontexten. Diese Beschreibung kommt der Straßenkinderproblematik sehr nahe. Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) führte 1995 vier Kriterien zur Definition von „Straßenkindern“ an (DJI 1995, S. 138; Müller, S. 108): Erstens wenden sich Straßeninder von Sozialisationsinstanzen ab, die die Gesellschaft vorgegeben hat. Darunter fallen die Familie, die Jugendhilfe und die Schule. Zweitens öffnen sie sich der Straße, so dass diese zum Lebensmittelpunkt wird und die Sozialisation steuert. Drittens nutzen sie die Straße auch als Geldquelle, in dem abweichendendes Verhalten der Erwachsenen (bspw. Drogenhandel, Prostitution, Raub und Betteln) imitiert wird. Und viertens befinden sich Straßenkinder oft in einer faktischen Obdachlosigkeit.

Diese Merkmale sind allerdings auch sehr lückenhaft, da nicht alle Straßenkinder darunter fallen. Es fehlen bspw. Diejenigen, die in Abbruchhäusern „wohnen“ oder trotz des Straßenlebens weiterhin die Schule besuchen oder eine Ausbildung absolvieren. Letztere sind zwar deutlich in der Unterzahl, aber es gibt sie, wie Seidel beweist (vgl. Seidel).

Seidel versucht nun, eine Definition aufzustellen (Seidel, S. 40): „Mit ´Straßenkindern in Deutschland´ sind all diejenigen gemeint, die minderjährig sind und sich ohne offizielle Erlaubnis (Vormund) für einen nicht absehbaren Zeitraum abseits ihres gemeldeten Wohnsitzes aufhalten und faktisch obdachlos sind“. Nicht enthalten sind hier zum einen Jugendliche, die noch zu Hause schlafen, aber dennoch die größte Zeit auf der Straße verbringen. Zum zweiten fehlen aber auch die sog. „Kurzzeitausreißer“, die meist nur für wenige Tage von Zuhause oder einer Jugendhilfeeinrichtung abhauen. Und zum dritten schließt Seidel die „überalterten Straßenkinder“ aus. Das sind all die, die bereits das 18. Lebensjahr vollendet haben und so eher als „junge Obdachlose“ zu betrachten sind.

Trotz der Ausschließungen (oder gerade deswegen?!) kann Seidels Definitionsvorschlag übernommen werden, da er den Großteil der Straßenkinder beschreibt.

2.2 Obdachlosigkeit / Wohnungslosigkeit

Da Straßenkinder die Straße als Lebensmittelpunkt vorziehen, muss der Aspekt der Obdachlosigkeit bzw. Wohnungslosigkeit betrachtet werden.

Allgemein sind all diejenigen wohnungslos, denen kein eigener Wohnraum zur Verfügung steht (BAG Wohnungslosenhilfe e. V.). Sie leben in Obdachlosen- oder Behelfsunterkünften (§ 2 VO zu § 72 BSHG). Daneben gibt es noch die Nichtsesshaften, deren wirtschaftliche Lebensgrundlage nicht gesichert ist und die umherziehen (§ 4 VO zu § 72 BSGH).

Das Bürgerliche Gesetzbuch beinhaltet, dass Minderjährige denselben Wohnsitz haben wie ihre Eltern oder der Person, die das Aufenthaltsbestimmungsrecht für sie besitzt (§§ 11, 1631 BGB). Das heißt, dass Straßenkinder juristisch gesehen gar nicht obdach- oder wohnungslos sein können (Freitag, S. 17). So die Theorie. In der Praxis befinden sich die auf der Straße lebenden Minderjährigen illegal an diesem Ort.

Eine andere Herangehensweise bringt die Definition des Begriffs „Obdachlosigkeit“ von Marcuse, der die traditionelle Betrachtung kritisiert und eine neue Definition aufstellt (Schneider / Mayer, S. 1). Obdachlosigkeit heißt nach ihm, „kein Zuhause zu haben, nicht in einer Wohnung (oder in einer Nachbarschaft) zu leben, die minimalen Anforderungen an Schutz, Privatheit, persönliche Sicherheit, Sicherheit der Wohndauer, Ausstattung, Raum für die wesentlichen wohnbezogenen Tätigkeiten, Kontrollierbarkeit der nächsten Umgebung erfüllt. ´Minimale Anforderungen´ ist die historische Komponente der Definition und variiert nach Zeit und Ort“ (Marcuse, S. 208; Freitag, S. 18; Schneider / Mayer, S. 1). Ein Leben ohne Zuhause schließt die faktische Obdachlosigkeit und damit auch die Wohnungslosigkeit von Straßenkindern ein (Freitag, S. 18). Inbegriffen sind damit auch die Ursachen für das Weglaufen.

Es wird also deutlich, dass sich die Obdachlosigkeit der Erwachsenen nicht in der gleichen Art und Weise bei den Straßenkindern zeigt (Breithecker-Amend / Freesemann). Bei der Lebensweise der Straßenkinder handelt es sich also nicht um die klassische Obdachlosigkeit. Gerade Seidel belegt, dass die „Straßenkids“ jede Möglichkeit nutzen, um einen (warmen) Platz für die Nacht zu finden und nicht auf der Straße schlafen zu müssen (siehe bspw. Die Berichte von Uli und Zorro in: Seidel). Somit dürfen „Straßenkinder“ auch nicht durch ihr Leben auf der Straße definiert werden. Diese Betrachtung würde nicht alle Probleme verdeutlichen.

2.3 Statistische Angaben

2.3.1 Anzahl der Straßenkinder

Zur Thematik der Straßenkinder liegen wenige Informationen vor. Noch 1993 führte die damalige Ministerin für Frauen und Jugend an, dass es in Deutschland keine obdachlosen Kinder und Jugendlichen gibt (Seidel, S. 55). Doch „Der Spiegel“ nannte im selben Jahr die Zahl von geschätzten 40.000 minderjährigen Straßenkindern bundesweit (a.a.O.; siehe dazu den Spiegelbeitrag v. 1993). Diese erschreckend hohe Zahl stammt aus Schätzungen des Münsteraner Instituts für soziale Arbeit e. V. (ISA) und beruht auf den Vermisstenstatistiken (a.a.O.; siehe die Expertise des ISA, S. 9). Erfasst sind hier auch Kinder und Jugendliche, die nur einmal oder nur für ein paar Tage von zu Hause oder einer Jugendhilfeeinrichtung fernbleiben. Sie zählen aber nicht zum begriff der Straßenkinder. So gibt es in Deutschland auch keine 40.000 Straßenkinder. Das Deutsche Jugendinstitut geht 1996 von etwa 3.000 bis 7.000 auf der Straße lebenden Kindern und Jugendlichen aus (a.a.O.; siehe Frankfurter Allgemeine Zeitung). Darauf beruft sich 2002 auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Allerdings sind hier Mehrfachzählungen inbegriffen, denn Straßenkinder bleiben für gewöhnlich nicht an einem Ort, sondern suchen verschiedenen Städte auf, in denen sie jeweils von den Anlaufstellen gezählt werden. So kann man letztendlich sagen, dass die Zahl der Straßenkinder trotz Berücksichtigung einer sehr hohen Dunkelziffer zwischen 1.500 und 2.500 liegt, aber maximal 3.000 nicht übersteigt.

Wird die Anzahl der Kinder und Jugendlichen bewusst (zu) hoch angelegt, so sind einige Probleme vorprogrammiert. Bei 40.000 Straßenkindern kann die Jugendhilfe aus akutem Geldmangel nicht mehr helfen, noch dazu, wo 1994 ca. 60.000 Minderjährige in Heimen und anderen Wohnformen zu betreuen sind. Streichungen der Fördermittel sind an der Tagesordnung.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Straßenkinder - Warum wird die Straße als Lebensmittelpunkt gewählt?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Soziale Randgruppen
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V59840
ISBN (eBook)
9783638536714
ISBN (Buch)
9783656646150
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Straßenkinder, Warum, Straße, Lebensmittelpunkt, Soziale, Randgruppen
Arbeit zitieren
Nancy Kunze-Groß (Autor), 2005, Straßenkinder - Warum wird die Straße als Lebensmittelpunkt gewählt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59840

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