Für uns heute im 21. Jahrhundert ist es selbstverständlich, Menschen mit psychischen Problemen nicht gleich als verrückt abzuqualifizieren. Im 20. Jahrhundert haben sich verschiedene psychoanalytische Richtungen etabliert, mit denen versucht wird, psychisch auffälligem, oft auch lebensbedrohlichem Verhalten, auf den Grund zu gehen. Wahnsinn und Irrsinn erscheint uns dabei in erster Linie als Krankheit des Geistes oder als Krankheit der Psyche, wobei auch diese Vorstellungen von psychischer Krankheit hinterfragenswert ist, da Kranksein oft auch ein Abweichen von der Norm, z.B. der sozialen Norm, leistungs- und arbeitsfähig zu sein, bezeichnet. Nicht zuletzt suggeriert auch der Begriff `Krankheit´ eine körperlich-medizinische Funktionalität des Menschen und es wurde auch bei psychischen Krankheiten sehr oft versucht, diese über biologische und physiologische Störungen zu erklären. Verbunden damit ist gerade bei psychoanalytischen Betrachtungen der Versuch, Begründungen für bestimmte Verhaltensweisen zu finden, die oft mit Erfahrungen aus der Kindheit erklärt werden, um diese dann in eine rationalistisch geprägte Erfassung der Welt und des menschlichen Handelns, das gestaltbar und damit auch durch den Menschen veränderbar erscheint, einzuordnen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Situation der Irren im 18. Jahrhundert
3. Wahnsinn und die Gesellschaft
4. Reform- und Erklärungsversuche
5. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den gesellschaftlichen Umgang mit Wahnsinn im Deutschland des 18. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der beginnenden Merkantilisierung und den aufkommenden rationalistischen Ordnungsvorstellungen der Aufklärung.
- Sozioökonomische Situation Deutschlands im 18. Jahrhundert
- Differenzierung der Bevölkerung nach Arbeitsfähigkeit
- Die gesellschaftliche Ausgrenzung und Asylierung von Wahnsinnigen
- Wandel von religiösen Deutungsmustern hin zu weltlichen Phänomenbeschreibungen
- Die Anfänge der wissenschaftlichen Psychiatrie um 1800
Auszug aus dem Buch
3. Wahnsinn und die Gesellschaft
Die Existenz von Anstaltsordnungen, „nach denen die Irren wegen ihre Gemeingefährlichkeit auch bei einer Feuersbrunst nicht von ihren Ketten befreit werden durften“ zeigt, dass Wahnsinn und Geisteskrankheit als eine so große Störung der Gesellschaft verstanden wurde, dass vor allem in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht versucht wurde, sie in die Ordnung der Gesellschaft zurückzuführen. Die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts war durch sehr rigide Vorstellungen von Ordnung und Vernunft charakterisiert: „(...) wer am Verstande, dem eigentlich Menschlichen, verarmt, kommt zu den übrigen Armen; wer seiner Animalität zügellos die Freiheit läßt, gehört zu den Tieren und wird wie sie in Käfigen zur Schau gestellt; (...)“. Irre gehörten nicht mehr zur Gemeinschaft dazu. Der Platz, den die Irren in der Gesellschaft einzunehmen hatten, wurde durch Tollkästen, transportable Kisten oder Verschläge – Behälter, in denen die Irren zu leben hatten und die jede Bewegung beliebig lange verhindern konnten – weiter drastisch beschränkt. Es scheint sogar naheliegend, dass in der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts die Irren nicht nur aus der Ordnung der Gesellschaft entfernt werden sollten, sondern dass durch diese extreme Beschränkung ihrer Bewegungsfreiheit ihr Leben, das ja an die Bewegung gebunden ist, symbolisch ausgelöscht werden sollte.
Von Heilbarkeit des Wahnsinns ist in diesem Zusammenhang kaum die Rede, erst nach 1785 werden Wahnsinnige in Heilbare und Unheilbare differenziert. Allerdings gibt es auch im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts noch andere Vorstellungen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den historischen Wandel des Wahnsinnsverständnisses und führt in die Fragestellung ein, wie im 18. Jahrhundert durch Rationalisierung und Aufklärung der Umgang mit psychisch Kranken geprägt wurde.
2. Die Situation der Irren im 18. Jahrhundert: Dieses Kapitel analysiert die sozioökonomische Lage in den deutschen Kleinstaaten und zeigt auf, wie die ökonomische Nützlichkeit und das Merkantilprinzip zur Stigmatisierung und Internierung nicht-arbeitsfähiger Menschen in Arbeits- und Zuchthäusern führten.
3. Wahnsinn und die Gesellschaft: Hier wird der Ausschluss der Wahnsinnigen aus der menschlichen Gemeinschaft beschrieben, der durch ihre Einordnung als "tierhaft" und durch extrem restriktive Aufbewahrungsmethoden wie Tollkästen manifestiert wurde.
4. Reform- und Erklärungsversuche: Das Kapitel behandelt die ersten vorsichtigen Ansätze zur medizinischen Beobachtung und die theoretische Auseinandersetzung mit dem Wahnsinn, die schließlich um 1800 zur Begründung der Psychiatrie als eigenständiger Wissenschaft führte.
5. Schlussbemerkungen: Die Schlussbemerkungen fassen zusammen, dass die gesellschaftliche Sichtbarkeit der Irren eng mit der ökonomischen Ordnung des 18. Jahrhunderts verbunden war und erst mit dem 19. Jahrhundert eine humanere Annäherung an die Heilbarkeit der Krankheit einsetzte.
Schlüsselwörter
Wahnsinn, 18. Jahrhundert, Aufklärung, Merkantilismus, Geisteskrankheit, Irrenhaus, Sozialgeschichte, Arbeitsfähigkeit, Zuchthaus, Vernunft, Psychiatrie, Stigmatisierung, Rationalismus, Tollkasten, Seelenheilkunde.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert den historischen Umgang der deutschen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts mit Menschen, die als wahnsinnig oder geisteskrank galten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen die politische und wirtschaftliche Lage Deutschlands, das aufklärerische Menschenbild, die Internierungspraxis und der Beginn einer wissenschaftlichen Psychiatrie.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Autorin untersucht, wie Aberglaube durch weltliche Erklärungsansätze ersetzt wurde und welchen Stellenwert Wahnsinnige innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung innehatten.
Welche wissenschaftliche Methodik wird für die Untersuchung genutzt?
Es handelt sich um eine sozialgeschichtliche Analyse, die auf Literaturrecherche und der Auswertung historischer Quellen sowie zeitgenössischer Dokumente basiert.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil der Arbeit im Vordergrund?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Ständegesellschaft, der ökonomischen Differenzierung in Arbeits- und Nicht-Arbeitsfähige sowie der entwürdigenden Aufbewahrung von Kranken.
Was sind die charakteristischen Schlüsselwörter der Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen insbesondere Wahnsinn, Aufklärung, Merkantilismus, Arbeitsfähigkeit und die Entwicklung zur wissenschaftlichen Psychiatrie.
Welche Rolle spielten Arbeits- und Zuchthäuser für die Betroffenen?
Diese Einrichtungen fungierten als Asylierungsorte, um die Gesellschaft vor Menschen zu schützen, die als Störer der öffentlichen Ordnung und der ökonomischen Produktivität wahrgenommen wurden.
Warum wurde die Zurschaustellung von Wahnsinnigen praktiziert?
Die Zurschaustellung diente erzieherischen Zwecken; sie sollte den Bürgern die Konsequenzen eines unvernünftigen, der Selbstkontrolle entzogenen Lebens vor Augen führen.
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- Gülsah Uzun (Author), 2000, Schwachsinn im 18. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59866