Johann Peter Hebels Erzählung "Kannitverstan" im Kontext der Deutschen Klassik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
1. Fragestellung
2. Forschungsstand

II. Hauptteil
1. Hebel und Goethe
2. Hebels Kunstauffassung und das Kunstverständnis der Klassik
3. Kritik an Kannitverstan und der Aspekt des Quietismus
4. Das Motiv des Pantheismus in Kannitverstan
5. Das Motiv des Humanismus in Kannitverstan
6. Kannitverstan heute

III. Schluss

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

1. Fragestellung

Im Jahr 1807 übernahm der evangelische Theologe und Pädagoge Johann Peter Hebel die Schriftleitung und das Amt des Hauptautors beim Badischen Landkalender und benannte diesen in Der Rheinländische Hausfreund um. Hebels Rheinländischer Hausfreund erschien, wie für einen Kalender üblich, jährlich und bestand aus Naturbeschreibungen und Nachrichten, sowie aus zahlreichen Erzählungen. Im Rheinländischen Hausfreund des Jahres 1808 erschien erstmals eine Erzählung, die heute in vielen Schulbüchern zu finden ist und zu den bekanntesten literarischen Werken Hebels zählt: Kannitverstan . Als der Verleger Johann Friedrich Cotta 1811 den Entschluss fasste, einzelne Erzählungen aus den Kalendern in einem Sammelband mit dem Titel Schatzkästlein zu verewigen, gehörte auch Kannitverstan zu den ausgewählten Stücken. In der vorliegenden Hausarbeit soll die Erzählung Kannitverstan im Kontext der Deutschen Klassik untersucht werden. Dabei wird thematisiert, inwieweit sich Johann Peter Hebel als ‚klassischer Autor’ bezeichnen lässt und in welcher Verbindung er zu den bekanntesten Vertretern der Deutschen Klassik, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, steht. Des weiteren soll die Erzählung Kannitverstan ausführlich expliziert und kritisch interpretiert werden. Hierfür wird ein hermeneutischer Ansatz gewählt.

2. Forschungsstand

Für die Literaturwissenschaft ergeben sich bei der Analyse von Hebels Erzählungen aus dem Rheinländischen Hausfreund einige Schwierigkeiten. Dies beginnt schon bei der Frage nach der Gattung der Erzählungen. Häufig werden Kannitverstan und die anderen Erzählungen aus dem Rheinländischen Hausfreund als ‚Kalendergeschichten’ bezeichnet, doch eine Gattung ‚Kalendergeschichte’ im Sinne einer Gattung ‚Roman’ oder ‚Novelle’ gibt es nicht. Hebel selbst bezeichnete seine Erzählungen, soweit bekannt, nie als ‚Kalendergeschichten’, sondern nennt sie in seinen Expertisen und Briefen „Anekdoten“, „Artikel“, „Aufsätze“, „Erzählungen“, „Späße“ oder „Stücke“[1]. In der vorliegenden Hausarbeit wird Kannitverstan zur besseren Übersicht konsequent als ‚Erzählung’ bezeichnet. Auch über die Frage, in welche literaturgeschichtliche Epoche Johann Peter Hebel einzuordnen ist, herrschen in der Literaturwissenschaft einige Kontroversen. Heinz Härtl z.B. zählt Hebel zu jenen Autoren der klassisch-romantischen Epoche, die „weder klassisch noch romantisch warn“[2]. Walter Rehm dagegen bezeichnet Hebel explizit als „klassisch“[3], während Ludwig Rohner ihn als einen Zeitgenossen der Hochromantik darstellt, den die Klassik kalt ließ.[4] Stephan Braese und Achim Geisenhanslücke schließlich charakterisieren Hebel einstimmig als Aufklärer.[5] Überdies existieren in der Literaturwissenschaft einige Kontroversen in Bezug auf die Hebelsche Kunstauffassung. So vertreten Hannelore Schlaffer[6] und Gerd Driehorst[7] völlig gegensätzliche Positionen, die in der vorliegenden Hausarbeit noch näher ausgeführt werden sollen. Zu den schärfsten Kritikern der Erzählung Kannitverstan zählt Rudolf Kreis[8], dessen Standpunkt im 3. Kapitel dieser Hausarbeit eingehender betrachtet wird.

II. Hauptteil

1. Hebel und Goethe

Als eine unumstößliche Tatsache lässt sich zunächst festhalten, dass Johann Peter Hebel und Johann Wolfgang von Goethe persönlich miteinander bekannt waren. Am 3. Oktober 1815 trafen sich die beiden Autoren im Haus des Botanikers Karl Christian Gmelin und nahmen am nächsten Tag gemeinsam an einem Frühstück teil. Noch bedeutsamer ist jedoch die Tatsache, dass Goethe mit Hebels literarischen Werken vertraut war und seine Meinung zu diesen veröffentlichte. So verfasste Goethe im Jahr 1805 für die Jenaische Literaturzeitung[9] eine Rezension zu Hebels 1803 erschienenden Alemanischen Gedichten .[10] Berühmt und in der Literaturwissenschaft vielfach diskutiert ist Goethes Feststellung, dass Hebel „auf die naivste anmutigste Weise“ das Universum „verbauert“[11]. Diese Anmerkung wird in der Literaturwissenschaft mittlerweile nicht mehr nur auf die Alemanischen Gedichte , sondern auch auf Hebels Erzählungen aus dem Rheinländischen Hausfreund übertragen. Generell bewertet die moderne Forschung Goethes Rezension als freundlich und zustimmend, doch lassen sich auch Vorbehalte erkennen. So sieht sich Ludwig Rohner verpflichtet zu betonen, dass es im Rheinländischen Hausfreund faktisch keine Bauerngeschichten gibt und der Bauer zwar in einigen Erzählungen vorkommt, aber im Vergleich zu anderen Berufsständen nicht überproportional vertreten ist.[12] Dagegen interpretiert Walter Rehm Goethes Äußerung von der ‚Verbauerung des Universums’ sehr positiv als eine lobende Hervorhebung der schlichten, sinnlichen Sprache und Naturkundigkeit Hebels.[13] Es steht außer Frage, dass Goethe auch die Erzählungen des Rheinländischen Hausfreundes kannte und an ihnen interessiert war. Im Herbst 1810 ließ sich Goethe von Cotta sämtliche Ausgaben des Rheinländischen Hausfreundes schicken und bestellte ein Jahr später auch die erste Auflage des Schatzkästleins . Einen möglichen Hinweis darauf, dass Goethe die Erzählung Kannitverstan gut kannte, gibt ein 1826 von ihm verfasster Brief an den Großherzog Carl August, in welchem er die Tätigkeit eines bekannten Astronomen schildert:

„Er ist wirklich in diesem Augenblick Herr der ganzen Messwelt, bestätigt und verwirft, theilt Ehren, würden und Schmach unwiederruflich aus, wobey er denn Herrn Kannitverstan wohl wäre gerathen gewesen, wenn er es besser verstanden hätte.“[14]

Im elften Buch von Dichtung und Wahrheit schließlich, ehrt Goethe seinen Autorenkollegen mit der Bezeichnung „der unschätzbare Hebel“[15]. Auffällig ist jedoch, dass Goethes Interesse an Hebel nicht auf Gegenseitigkeit zu beruhen schien. In keinem seiner erhaltenen Briefe äußert sich Hebel über die Begegnung mit Goethe oder über Goethes Werke. Stattdessen zeugt Hebels erste Reaktion auf Goethes Vorhaben, eine Rezension zu den Alemanischen Gedichten zu verfassen, von Vorbehalten gegenüber dem berühmten Kollegen: „so hoch mir Goethes Name tönt, so hätte ich [die Rezension] doch lieber von Voss[16] gesehen“[17]. Dies deutet darauf hin, dass Hebel der Deutschen Klassik eher ablehnend gegenüberstand. Dagegen belegen die obigen Ausführungen recht deutlich, dass der vielleicht berühmteste Vertreter der Deutschen Klassik, Johann Wolfgang von Goethe, ein Freund der Hebelschen Gedichte und Erzählungen war.

2. Hebels Kunstauffassung und das Kunstverständnis der Klassik

Johann Peter Hebels Erzählung Kannitverstan beginnt mit einer Stilfigur, mit der die meisten Geschichten enden: mit der Pointe.

„ Der Mensch hat wohl täglich Gelegenheit, in Emmendingen und Gundelfingen, so gut als in Amsterdam Betrachtungen über den Unbestand aller irdischen Dinge anzustellen, wenn er will, und zufrieden zu werden mit seinem Schicksal, wenn auch nicht viel gebratene Tauben für ihn in der Luft herumfliegen. Aber auf dem seltsamsten Umweg kam ein deutscher Handwerksbursche in Amsterdam durch den Irrtum zur Wahrheit und zu ihrer Erkenntnis.“[18]

[...]


[1] Hebel, Johann Peter: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes. Kritische Gesamtausgabe mit den Kalender-Holzschnitten. Hrsg. von Winfried Theiss. Stuttgart: Reclam 1981. S. 417-436.

[2] Härtl, Heinz: Zur Tradition eines Genres. Die Kalendergeschichte von Grimmelshausen über Hebel bis Brecht. In: Weimarer Beiträge. Zeitschrift für Literaturwissenschaft. Ästhetik und Kulturtheorie. 24. Jahrgang 1978. S. 58-95, hier S. 73.

[3] Rehm, Walter: Goethe und Johann Peter Hebel. Rede, gehalten am Samstag, den 21. Mai 1949 bei der Goethe-Gedenkfeier der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br. In: Freiburger Universitätsreden. Hrsg. von Selbstverlag der Universität. Heft 7 1949. S. 7-32, hier S. 29.

[4] Vgl. Rohner, Ludwig: Kalendergeschichte und Kalender. Wiesbaden: Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion 1978. S. 159.

[5] Vgl. Braese, Stephan: Neben der Weltuhr. Zum Begriff der Geschichte in Johann Peter Hebels Kalendertexten. In: Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte. Hrsg. von Wolfgang Adam. 98. Band, Heft 2 (2004). S. 165-185. hier S. 168 und Geisenhanslücke, Achim: Barocke Aufklärung. Tod und Vergänglichkeit in Hebels Alemannischen Gedichten und Kalendergeschichten. In: Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. Heft 151 (Juli 2001). S. 47-57, hier S. 49.

[6] Schlaffer, Hannelore (Hrsg.): Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes. Ein Werk in seiner Zeit. Mit Bilddokumenten, Quellen, historischem Kommentar und Interpretation. Tübingen: Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins 1980.

[7] Driehorst, Gerd: Erzähltechnik und Sprachgestaltung bei Johann Peter Hebel. Marburger Studien zur Germanistik Band 17. Marburg: Hitzeroth 1995.

[8] Vgl. Franz, Kurt: Johann Peter Hebel Kannitverstan. Ein Mißverständnis und seine Folgen. Texte, Kommentar, Abbildungen. München/Wien: Carl Hanser Verlag 1985. S. 48-51.

[9] An anderen Stellen auch als Jenaer Allgemeine Literaturzeitung bezeichnet.

[10] Gelegentlich auch Allemanische Gedichte.

[11] Zitiert nach Rohner 1978: S. 161.

[12] Vgl. Rohner 1978: S. 169.

[13] Vgl. Rehm 1949: S. 26.

[14] Zitiert nach Franz 1985: S. 73.

[15] Zitiert nach Härtl 1978: S. 73.

[16] Gemeint ist der Dichter und Übersetzer berühmter Klassiker, Johann Heinrich Voß

(* 1751; † 1826).

[17] Zitiert nach Rehm 1949: S. 13.

[18] Hebel 1981: S. 152.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Johann Peter Hebels Erzählung "Kannitverstan" im Kontext der Deutschen Klassik
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Veranstaltung
Was ist Klassik?
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V59951
ISBN (eBook)
9783638537469
ISBN (Buch)
9783638666930
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Johann, Peter, Hebels, Erzählung, Kannitverstan, Kontext, Deutschen, Klassik
Arbeit zitieren
Maret Hosemann (Autor), 2006, Johann Peter Hebels Erzählung "Kannitverstan" im Kontext der Deutschen Klassik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59951

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