Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor: Sie beobachten einen Bekannten, der hochkonzentriert vor dem Bildschirm seines Computers sitzt, die Maus mit seiner rechten Hand fest umklammert hält und mit der linken die Tastatur bedient. Sie stellen sich hinter ihrem Bekannten auf, schauen ihm über die Schulter und sehen links vom Bildschirm einen Stapel leerer Coladosen. Vor dem Dosenstapel steht ein prall gefüllter, gelber Plastikaschenbecher in Griffweite ihres Bekannten, an dessen Vorderseite die blaue Silhouette eines Kamels prangt. Sie blicken auf den Bildschirm und erkennen den Grund, warum ihr Bekannter ihre Anwesenheit bisher ignoriert hat. Er ist in ein Spiel vertieft, was zum Ziel hat, andere Mitspieler durch ein ganzes Arsenal an (virtuellen) Hieb-, Stich- und Schusswaffen zum (natürlich virtuellen) Ableben zu bewegen; kurz: ein sogenannter ‚Egoshooter’. Obschon Sie Gewalt in Videospielen nicht gutheißen, beobachten sie den Spielverlauf einige Zeit. Dabei fällt ihnen auf, dass ihr Bekannter jedes Mal, wenn sein virtuelles Alter Ego eine Zeit lang vor einer Hausecke stehen bleibt, seinen Oberkörper von links nach rechts bewegt und seltsam anmutende Kopfdrehungen vollführt. Auf ihre Frage, warum er sich so vor dem Bildschirm abmühe, antwortet er - nachdem er kurz über ihre Anwesenheit erschrickt -: ‚Ich muss um die Hausecke schauen, ob dort ein Scharfschütze ist.’ [...]
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 PROBLEMSTELLUNG
2.1 Wissen und Können im Raum
2.1.1 Wissen und Können in der Theorie des menschlichen Gedächtnisses
2.1.2 Räumliches Wissen und räumliches Können – ein Arbeitsmodell
2.2 Mentale Raumrepräsentationen als Forschungsproblem
2.2.1 Eigenschaften mentaler Raumrepräsentationen
2.2.2 Wahrnehmungs-handlungsbasierte mentale Raumrepräsentationen
2.2.3 Sprachbasierte mentale Raumrepräsentationen
2.2.4 Konvergenzen und Divergenzen sprachlich und per Interaktion erworbenen Raumwissens
2.3 Raumaktualisierung und Perspektivenwechsel
2.3.1 Pfadintegration
2.3.1.1 Experimentelles Paradigma und Befunde
2.3.1.2 Modellannahmen zur Pfadintegration
2.3.2 Vorgestellte und ausgeführte räumliche Perspektivenwechsel
2.3.2.1 Experimentelles Paradigma und Befunde
2.3.2.1 Modellannahmen zugrunde liegender Mechanismen
2.3.3 Zusammenfassung Erwerb und Nutzung räumlichen Wissens
2.4 Die Annahme einer funktionellen Äquivalenz
2.5 Fragestellung, Modellannahmen und Hypothesen
3 METHODE
3.1 Erstellung des Versuchsdrehbuchs und Vorversuche
3.2 Versuchspersonen
3.3 Apparate und Materialien
3.4 Versuchsablauf
3.4.1 Instruktionsphase
3.4.2 Lernphase
3.4.2.1 Lernmodus Sprache
3.4.2.2 Lernmodus Handlung
3.4.3 Übungsphase
3.4.3.1 Verwendung der Tastatur bei den Richtungsurteilen
3.4.3.2 Perspektivenwechsel
3.4.4 Testphase
3.4.5 Abschlussphase
3.4.6 Experimentelles Design
4 ERGEBNISSE
4.1 Vorgeschaltete Auswertungsschritte
4.1.1 Ausschluss von Probanden
4.1.2 Antwortverhalten
4.1.3 Ausreißereliminierung
4.1.4 Kontrollvariable wiederholte Wissenstests
4.2 Zentrale Resultate
4.2.1 Entscheidungslatenz
4.2.2 Fehler der Richtungsanzeigen
4.2.3 Untersuchung des Effektes der Perspektive auf die Entscheidungslatenzen
4.2.4 Ergebniszusammenfassung der eigenen Untersuchung
4.3 Interexperimentelle Vergleiche
4.3.1 Vergleich der Versuchsbedingungen
4.3.2 Ergebniserwartungen
4.3.3 Entscheidungslatenzen des Vorgängerexperiments
4.3.4 Interexperimentelle Ergebniszusammenfassung
5 DISKUSSION
5.1 Zusammenfassung der Befunde
5.2 Wissensnutzung nach lokomotorischen Perspektivenwechseln
5.3 Wissensnutzung bei imaginierten Perspektivenwechseln
5.3.1 Die Modellvorstellung eines integrativen Kodes
5.3.2 Die Modellvorstellung einer separaten Kodierung
5.4 Weitere Effekte
5.4.1 Hauptachsen-Nebenachsen-Effekt
5.4.2 Korrelation Repositionierungszeit – Entscheidungslatenz
5.5 Fazit und Ausblick auf weitere Untersuchungen
6 ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob Unterschiede in der Nutzung räumlichen Wissens bestehen, je nachdem, ob dieses durch sprachliche Beschreibung oder durch direkte Handlung im Raum erworben wurde. Ziel ist es, die Hypothese einer funktionellen Äquivalenz zwischen diesen Wissensformen empirisch zu prüfen und die zugrunde liegenden kognitiven Mechanismen bei Perspektivenwechseln zu identifizieren.
- Unterscheidung zwischen deklarativem (sprachlichem) und prozeduralem (handlungsbasiertem) Wissen über den Umraum.
- Einfluss von lokomotorischen gegenüber imaginierten Perspektivenwechseln auf die Wissensabrufleistung.
- Analyse der Rolle von Referenzsystemen und Körperachsen bei der mentalen Raumrepräsentation.
- Überprüfung von Modellannahmen wie dem Hauptachsen-Nebenachsen-Effekt (HNE).
- Vergleich der Ergebnisse aus verschiedenen Experimenten zur Validierung der Modellvorstellungen.
Auszug aus dem Buch
1 EINLEITUNG
From the moment we enter the world, we are engaged in spatial cognition, in interacting with the world around us and in constructing mental representations of that world and our own place in it (Tversky, 2000, S. 363).
Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor: Sie beobachten einen Bekannten, der hochkonzentriert vor dem Bildschirm seines Computers sitzt, die Maus mit seiner rechten Hand fest umklammert hält und mit der linken die Tastatur bedient. Sie stellen sich hinter ihrem Bekannten auf, schauen ihm über die Schulter und sehen links vom Bildschirm einen Stapel leerer Coladosen. Vor dem Dosenstapel steht ein prall gefüllter, gelber Plastikaschenbecher in Griffweite ihres Bekannten, an dessen Vorderseite die blaue Silhouette eines Kamels prangt. Sie blicken auf den Bildschirm und erkennen den Grund, warum ihr Bekannter ihre Anwesenheit bisher ignoriert hat. Er ist in ein Spiel vertieft, was zum Ziel hat, andere Mitspieler durch ein ganzes Arsenal an (virtuellen) Hieb-, Stich- und Schusswaffen zum (natürlich virtuellen) Ableben zu bewegen; kurz: ein sogenannter ‚Egoshooter’. Obschon Sie Gewalt in Videospielen nicht gutheißen, beobachten sie den Spielverlauf einige Zeit. Dabei fällt ihnen auf, dass ihr Bekannter jedes Mal, wenn sein virtuelles Alter Ego eine Zeit lang vor einer Hausecke stehen bleibt, seinen Oberkörper von links nach rechts bewegt und seltsam anmutende Kopfdrehungen vollführt. Auf ihre Frage, warum er sich so vor dem Bildschirm abmühe, antwortet er – nachdem er kurz über ihre Anwesenheit erschrickt –: ‚Ich muss um die Hausecke schauen, ob dort ein Scharfschütze ist.’
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Thematik der Raumkognition ein und beschreibt anhand eines anschaulichen Beispiels die Relevanz der mentalen Repräsentation räumlicher Informationen.
2 PROBLEMSTELLUNG: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Unterscheidung zwischen Wissen und Können und leitet das Arbeitsmodell für den räumlichen Kontext her.
3 METHODE: Hier wird der Versuchsaufbau, die Probanden sowie der Ablauf der Experimente mit lokomotorischen und imaginierten Perspektivenwechseln detailliert beschrieben.
4 ERGEBNISSE: Dieses Kapitel präsentiert die Daten der Experimente, einschließlich der statistischen Analysen zu Entscheidungslatenzen und Fehlerraten.
5 DISKUSSION: Die Ergebnisse werden interpretiert und im Kontext bestehender Theorien, wie dem Interferenz- oder Transformationsansatz, diskutiert.
6 ZUSAMMENFASSUNG: Eine zusammenfassende Darstellung der zentralen Ergebnisse und theoretischen Schlussfolgerungen der Arbeit.
Schlüsselwörter
Raumkognition, Mentale Raumrepräsentation, Pfadintegration, Perspektivenwechsel, Deklaratives Wissen, Prozedurales Wissen, Lokomotion, Hauptachsen-Nebenachsen-Effekt, Entscheidungslatenz, Umraum, Raumgedächtnis, Wissen und Können, Modellvorstellung, Handlungsbasierter Erwerb, Sprachlicher Erwerb.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Unterschiede in der Nutzung räumlichen Wissens, das entweder durch sprachliche Beschreibungen oder durch eigenes Handeln im Raum erworben wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Raumkognition, die Unterscheidung zwischen deklarativem und prozeduralem Wissen (Wissen vs. Können) sowie die Rolle der Perspektive bei der Orientierung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu klären, ob sich das auf verschiedene Weise erworbene räumliche Wissen in der Anwendung, insbesondere bei Perspektivenwechseln, unterschiedlich in Bezug auf Effizienz und kognitiven Aufwand verhält.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es kommen experimentelle Paradigmen zum Einsatz, bei denen Probanden Raumanordnungen entweder lernen (sprachlich oder handlungsbasiert) und dann in Testsituationen lokomotorische oder imaginierte Perspektivenwechsel durchführen, während ihre Entscheidungslatenzen und Fehlerraten gemessen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den theoretischen Rahmenbedingungen, der detaillierten methodischen Vorgehensweise, der Präsentation der empirischen Ergebnisse aus den Experimenten sowie der anschließenden Diskussion dieser Befunde.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Raumkognition, mentale Raumrepräsentation, Pfadintegration, Perspektivenwechsel, deklaratives und prozedurales Wissen sowie der Hauptachsen-Nebenachsen-Effekt.
Wie unterscheidet sich der handlungsbasierte vom sprachlichen Wissenserwerb laut den Ergebnissen?
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass handlungsbasiert erworbenes Wissen bei lokomotorischen Aufgaben zu einer effizienteren Aktualisierung der Raumrepräsentation führt, während sprachlich erworbenes Wissen zusätzliche kognitive Transformationsprozesse erfordert.
Was genau ist der "Hauptachsen-Nebenachsen-Effekt"?
Dies ist ein in den Experimenten beobachtetes Muster, bei dem Probanden bei Richtungsurteilen in bestimmten Ausrichtungen (Hauptachsen) schneller und genauer sind als in anderen Ausrichtungen (Nebenachsen), was auf eine körperbasierte Strukturierung des Raums hinweist.
- Arbeit zitieren
- Dipl.-Päd. Karsten Rohr (Autor:in), 2006, Nutzung räumlichen Wissens nach sprachlichem und handlungsbasiertem Raumerwerb, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59996