"Daily Soaps" und ihre Bedeutung für die Sozialisation von Schülern - Unter besonderer Beachtung geschlechterspezifischer Unterschiede


Diploma Thesis, 2004
115 Pages, Grade: 1,0

Excerpt

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Phänomen „Daily Soaps“
2.1 Definitionen
2.1.1 Soap Opera
2.1.2 Daily Soap
2.1.3 Cliffhanger
2.1.4 Genre
2.1.5 Rezipient
2.2 Herkunft und Entstehung
2.3 Geschichtliche Entwicklung
2.4 Stellung und Rolle der Soaps im deutschen Fernsehen
2.5 Etablierung und Platzierung der deutschen Daily Soaps

3. Struktur und Aufbau von Daily Soaps
3.1 Merkmale
3.1.1 Regelmäßigkeit im Programm
3.1.2 Makelloses Erscheinungsbild der Darsteller
3.1.3 Charakterstabilität
3.1.4 Übertriebene Dramatik
3.1.5 Persönlichkeitsfreiräume
3.1.6 Inszenierung von Minderheiten
3.2 Dramaturgie
3.3 Figurenkonstellationen
3.4 Themen und Konflikte
3.4.1 Themenauswahl
3.4.2 Konfliktfelder
3.5 Darstellungsprinzipien
3.5.1 Personalisierung
3.5.2 Privatisierung
3.5.3 Intimisierung
3.6 Grundtypen der Rezeption
3.6.1 Der dynastische Typ
3.6.2 Der gemeinschaftliche Typ
3.6.3 Der dyadische Typ

4. Der geschlechterspezifische Aspekt
4.1 Die Geschlechterspezifität im Fernsehen
4.1.1 Das Altersbild der Protagonisten
4.1.1.1 Merkmale der Altersdarstellung
4.1.1.2 Die Unterscheidung verschiedener Alterstypen
4.1.1.2.1 Der Altruist
4.1.1.2.2 Der Professionelle
4.1.1.2.3 Der Engagierte
4.1.1.2.4 Der Autoritäre
4.1.2 Die Darstellung verschiedener Rollenbilder
4.1.2.1 Das Familienbild
4.1.2.2 Das Frauen- und Männerbild
4.1.2.2.1 Das Frauenbild
4.1.2.2.2 Das Männerbild
4.1.2.3 Das Jugendbild
4.1.2.3.1 Der Pubertierende
4.1.2.3.2 Der Ich- Bezogene
4.1.2.3.3 Der Selbstbewusste
4.1.3 Die Akteursstruktur
4.1.3.1 Das Geschlechterverhältnis der Akteure
4.1.3.2 Der Durchschnittstyp
4.1.3.3 Die Schichtzugehörigkeit der Soap - Akteure
4.2 Die geschlechterspezifische Rezeption
4.2.1 Geschlechterspezifische Genrepräferenzen
4.2.1.1 Bildungsabhängige Rezeption
4.2.1.2 Altersunterschiedliche Nutzung
4.2.2 Typische Aneignungsmuster der Soap
4.2.2.1 Unterhaltung und Information
4.2.2.1.1 Spannung und Harmonie
4.2.2.1.2 Nutzung als Lernprogramm
4.2.2.1.3 Distanz als Selbstdarstellung
4.2.2.2 Widerspiegeln der eigenen Vorstellung
4.2.2.2.1 Wiederfindung und Bestärkung
4.2.2.2.2 Atmosphäre von Jugendlichkeit
4.2.2.2.3 Inszenierung von Idealen
4.2.2.3 Lückenfüller für die eigene Lebenswelt
4.2.2.3.1 Soap als emotionaler Resonanzboden
4.2.2.3.2 Entwickeln von Idealvorstellungen
4.2.2.3.3 Emotionale Bindung an die Stars
4.2.3 Die parasoziale Beziehung zu einer Soap - Figur
4.2.3.1 Die parasoziale Integration in den Freundeskreis
4.2.3.2 Die parasoziale Liebesbeziehung
4.2.4 Die Daily Soap als Begleitung in der weiblichen Adoleszenz
4.2.4.1 Der „Verlust der Stimme”
4.2.4.2 Frauen in handlungsbestimmenden Rollen
4.2.4.3 Der Aspekt des Vergnügens
4.2.4.3.1 Das realistische Vergnügen
4.2.4.3.2 Das formale Vergnügen
4.2.4.3.3 Das inhaltliche Vergnügen
4.2.4.3.4 Das fantasievolle Vergnügen
4.2.4.3.5 Das kommunikative Vergnügen
4.2.5 Folgen und Wirkungen regelmäßigen Soap - Konsums
4.2.5.1 Allgemeine Befunde
4.2.5.2 Die Bedeutung von Schönheitsidealen
4.2.5.2.1 Die Affinität zwischen Protagonisten und Rezipienten
4.2.5.2.2 Die gesellschaftliche Relevanz von Schönheit
4.2.5.2.3 Die Auswirkungen auf das Körperbild der Rezipienten

5. Die Bedeutung von Soaps im schulischen Alltag
5.1 Die Schulklasse als Gruppe
5.2 Die Beziehungen zwischen den Schülern
5.2.1 Positive Schüler- Schüler- Beziehungen
5.2.2 Negative Schüler- Schüler- Beziehungen
5.2.2.1 Außenseiter
5.2.2.2 Cliquenbildung
5.2.2.3 Fraktionsbildung

6. Befragung
6.1 Beweggründe
6.2 Zielgruppe
6.3 Zusammenfassung der Ergebnisse
6.3.1 Mädchen
6.3.2 Jungen

7. Schlussbetrachtung/Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Anhang: Fragebogen zum Thema „Daily Soaps“

1. Einleitung

Eine bewegte Phase voller Veränderungen und Konflikte steht denjenigen Jugendlichen bevor, die die Zeit der Pubertät und der darauf folgenden Adoleszenz zu bewältigen haben. Die Suche nach realitätsnahen Konzepten für das soziale Miteinander spielt in dieser Phase eine besonders wichtige Rolle. Dadurch, dass die Jugendlichen mit diesbezüglichen Bedürfnissen an bestimmte Inhalte des Fernsehens herantreten, versprechen sie sich Hilfestellungen beim Übergang vom Kindsein zum Erwachsenwerden. Ganz besonders Mädchen, welche sich im Reifungsprozess zur Frauwerdung befinden, suchen nach Lösungsstrategien für Problembereiche, die auch in ihren eigenen Leben präsent geworden sind. Bei der Herausbildung der individuellen Persönlichkeit und Identität der Heranwachsenden hat in den vergangenen Jahren das Angebot im Fernsehen gewaltig mitgemischt. Da die täglichen Seifenopern im deutschen Fernsehen überwiegend Themen behandeln, welche sich von den Jugendlichen auf ihr persönliches Erleben übertragen lassen, machen diese einleuchtenden Handlungsvorschläge eine spezifische Auseinandersetzung kaum noch notwendig. Die eindrucksvolle Laufzeit der Daily Soaps verdeutlicht, dass sie ihren festen Platz im deutschen Fernsehen errungen haben. Wurden sie auch anfangs heftig kritisiert, so sind sie mittlerweile nicht mehr aus dem Vorabendprogramm wegzudenken. Der durchwegs hohe und konstante Zuschauerzuspruch demonstriert, wie sehr sich die Gruppe der Pubertierenden und Heranwachsenden für diese Realserien begeistern lässt, welche ausschließlich naheliegende Themen und Konflikte aus dem Alltag aufgreifen. Doch es sind nicht nur die Einstellungen der Jugendlichen, die sich von den Soaps beeinflussen lassen, sondern auch die Bildung sozialer Beziehungen zu den Mitschülern in der Schule ist davon betroffen.

Die regelmäßige Rezeption von Daily Soaps kann sich sowohl in negativer Weise auf die Entwicklung der Schüler auswirken, als auch positiv das Heranreifen der jugendlichen Generation fördern. Der hohe Stellenwert und die orientierende Bedeutung des Genres dürfen demnach nicht unterschätzt werden, selbst wenn die Vorliebe für diese Art des Fernsehens von außenstehenden Personen nur schwer zu begreifen ist.

Mit der vorliegenden Arbeit soll ein detaillierter Einblick in das Format der Daily Soaps gewonnen werden. Gleich zu Beginn der Arbeit soll das Phänomen „Daily Soaps“ in seiner Entwicklung und Struktur erfasst werden. Im Anschluss daran soll das Genre unter dem Aspekt der Geschlechterspezifität näher betrachtet werden; dabei scheint es wichtig, die Darstellung der Geschlechter im Fernsehen von der unterschiedlichen Aufnahme der Geschlechter vor dem Fernsehgerät zu differenzieren. Nach der Auseinandersetzung mit den Auswirkungen von Daily Soaps auf den schulischen Alltag der Jugendlichen, soll eine kleine Befragung Rückschluss auf die zuvor festgehaltenen Vermutungen und Thesen geben und somit dem Werk zur Veranschaulichung dienen.

2. Das Phänomen „Daily Soaps“

2.1 Definitionen

Um das Verständnis zu fördern und die folgenden Zusammenhänge nachvollziehen zu können, sollen die wichtigsten gebräuchlichen Begriffe in ihrer medienspezifischen Bedeutung erläutert werden.

2.1.1 Soap Opera

Udo Göttlich bezeichnet die „Soap Opera“ als ein dialogisches Medium (vgl. Göttlich 2000, S. 40). Sie kann als eine fortlaufende Serie mit offener Erzählstruktur bezeichnet werden. Gekennzeichnet ist sie durch ihre überdeutliche Handlung, was durch das ständige Wiederholen desselben Sachverhalts ersichtlich wird. In der Regel geht es um alltägliche Freuden und Probleme einiger Jugendlicher und Erwachsener, die einer kleinen Gemeinschaft angehören; das Genre kann infolge dessen dem Bereich der „Human- interest- Geschichten“ zugeordnet werden (vgl. Heinrichs/Jäckel 1999, S. 50).

Es muss hochdramatisch und emotional zugehen wie in einer Oper, wo in der Regel die beiden Hauptdarsteller unglücklich ineinander verliebt sind, was die Zuschauer rührt. Genau dieser Effekt ist auch für die „Soap Opera“ wünschenswert (vgl. Süß/Kosack 2000, S. 49).

2.1.2 Daily Soap

Die „Daily Soap“ kann als eine Spezialform des Serienspektrums bezeichnet werden; in ihr sind Einblicke in Liebes-, Freundschafts- und Sozialbeziehungen vorherrschend. Der Etablierung dieses populären amerikanischen Formats ging eine lange Erfolgsgeschichte amerikanischer Serien im deutschen Fernsehen voraus. Gerade „Daily Soaps“ können als kommerzielles Format bezeichnet werden, weil sie von Anfang an mit Werbung verbunden waren. Deren niedrige Produktionskosten werden durch eine relativ begrenzte Anzahl von Schauplätzen, durch kurze Proben- und Produktionszeiten, sowie durch lange Einstellungen mit abwechselnder Darstellung der Gesprächspartner begünstigt (vgl. Heinrichs/Jäckel 1999, S. 50).

Im Gegensatz zu den klassischen dramatischen Erzählungen weisen die Soaps einen erheblichen „Reduktionismus“ auf. Dieser zeigt sich in der beständigen Wiederkehr der Handlungsorte, des Erzählduktus und der Art der dargestellten Konflikte und Themen (vgl. Göttlich/Krotz/Paus-Haase 2001, S. 39). Dieser Reduktionismus ist die Grundlage dafür, dass die Erfordernisse der episodischen Erzählens überhaupt ökonomisch durchgeführt werden können (vgl. Cippitelli/ Schwanebeck 2001, S. 151).

Man braucht bei Soaps nicht immer genau hinzuschauen, um zu verstehen, worum es gerade geht. Die Dialoge erklären es sehr ausführlich. Auch am unverwechselbaren, billigen Studiolook, an den vielen Groß- und Naheinstellungen, an der übertriebenen Dramatik und an den vielsagenden dramatischen Blicken am Ende einer Episode, lässt sich erkennen, dass es sich um eine „Daily Soap“ handelt (vgl. Süß/Kosack 2000, S. 51).

2.1.3 Cliffhanger

Der sogenannte „Cliffhanger“ lässt sich als Handlungs-höhepunkt (vgl. Heinrichs/Jäckel 1999, S. 51) bezeichnen und wurde deshalb erfunden, um den Zuschauer bei der Stange zu halten, indem man eine gefährliche Situation oder eine ungelöste Frage ans Ende einer Episode stellt.

Meistens wird in Großaufnahme das Gesicht der betroffenen Person gezeigt oder bei individuellen Problemen oder einer eskalierenden Situation eine halbnahe Einstellung auf die Beteiligten bevorzugt. Die Akteure sind quasi in ihrer äußerlichen und emotionalen Bewegung erstarrt, was die Zuschauer zum Nachdenken und zum Einschalten am nächsten Tag anregen soll. Auf das Standbild folgt dann nach wenigen Sekunden die Titelmusik und eine kurze Vorschau auf die nächste Folge (vgl. Götz 2002, S. 16).

Wörtlich würde man unter dem Begriff jemanden verstehen, der an der Klippe hängt, und kein Mensch weiß, ob er im nächsten Moment abstürzt oder doch noch gerettet wird. Der „Cliffhanger“ unterscheidet Daily Soaps grundsätzlich von anderen Fernseh-formaten, da ihre Geschichten bis ins Unendliche weitergespielt werden können (vgl. Süß/Kosack 2000, S. 49 f.).

2.1.4 Genre

In der Medienwissenschaft wird der aus dem Französischen stammende Begriff rein klassifikatorisch genutzt, um die verschiedenen Medienangebote nach ihren Merkmalen voneinander zu unterscheiden. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen um das Thema oder den Stoff. Infolgedessen kann der „Genre“- Begriff völlig offen und unbegrenzt verwendet werden. Da die Betonung eines einzigen Merkmals häufig schon wieder zur Nominierung eines völlig neuen „Genres“ führen kann, zeichnet er sich durch eine besonders große Dynamik aus (vgl. Schanze/Pütz 2002, S. 127). Somit stellt das „Genre“Daily Soap eine bestimmte Art von Medien- bzw. Fernsehangeboten dar.

2.1.5 Rezipient

In der Kommunikationswissenschaft dient der Begriff, der ursprünglich aus dem Lateinischen stammt, als Bezeichnung für den Empfänger von mittels Signalen übermittelten Aussagen, der in der Lage ist, diese Signale so weit zu entschlüsseln, dass er den Sinn dieser Aussage versteht (vgl. Brockhaus Enzyklopädie 1989).

Unter „Rezeption“ in seiner medienspezifischen Bedeutung wird gewöhnlich der Prozess der kommunikativen Aneignung der verschiedenen Fernsehgenres durch einen „Rezipienten“ verstanden. Indem sich der „Rezipient“ dem Medium zuwendet, beginnt der Prozess der Rezeption. Demgemäß bezeichnet Rezeption einen Vorgang, bei dem über einen Träger, wie z.B. den Kommunikationskanal, eine Botschaft an einen „Rezipienten“ gesendet wird und eine bestimmte Wirkung hervorruft (vgl. Schanze/Pütz 2002, S. 315 f.).

2.2 Herkunft und Entstehung

Vorläufer der Soap Opera können bereits in den trivialen Fortsetzungsromanen des letzten Jahrhunderts gefunden werden, die damals als Serienhefte konzipiert wurden (vgl. Heinrichs/Jäckel 1999, S. 50).

In Amerika strahlte schon 1925 ein regionaler Radiosender die erste Seifenoper mit dem Namen „The Smith Family“, als neues Format im Radio aus und löste damit eine Epidemie aus. Während des Krieges starteten viele neue Radioserien, so dass die Auswahl immer größer wurde. Alle Serien handelten von einer Gruppe oder Familie, um die sich die Geschichten drehten. Dabei wurden Frauen in den Vordergrund gestellt, die bisher zu Hause hinterm Herd standen. In den Serien galten sie als angesehen, standen auf eigenen Beinen und machten Karriere. In vielen Fällen übten sie gut bezahlte und anspruchsvolle Berufe aus, wie z.B. Ärztinnen. Schon bald stand also die erfolgreiche Frau im Mittelpunkt; dieser Trend ist auch heute noch im Fernsehen dominierend (vgl. Evermann 2000, S. 4).

1933 wurde der Begriff Soap Opera erfunden. Im gleichen Maße etwa wie die Einschaltquoten der Serien stiegen auch die Verkaufszahlen des Waschmittels „Oxydol“. Ein cleverer Produktmanager des Waschmittelkonzerns „Protector & Gamble“, der seine Frau häufig beim Abwasch beobachtet hatte, bemerkte, dass diese automatisch das Radio anstellte, um sich abzulenken. Die ewigen Werbespots dazwischen fand sie allerdings eher störend und somit kam er auf die Idee, beides miteinander zu verbinden (vgl. Süß/Kosack 2000, S. 46/47). Alles, was das geliebte „Radio- Idol“ benutzte, konnte also nicht schlecht sein und somit war der Begriff der Soap Opera entstanden.

Diese episodenhaften Kurzgeschichten, die also von Waschmittelherstellern zu Werbezwecken gesponsert wurden, zielten damit hauptsächlich auf die Käuferschicht der Hausfrauen ab, die das Radio bei der Hausarbeit als Nebenbei- Medium nutzten (vgl. Heinrich/Jäckel 1999, S. 50). Daily Soaps wurden somit erfunden, um vor allem den weiblichen Konsumenten Werbespots, die geschickt und unterhaltsam verpackt waren, unterzujubeln; deshalb war auch der schlechte Ruf dieser Machwerke gleich von Anfang an vorhanden (vgl. Süß/Kosack 2000, S. 50).

2.3 Geschichtliche Entwicklung

Anfang der 50er Jahre wurde die letzte Radio- Soap eingestellt und die Serien, die damals noch live gespielt wurden, kamen ins Fernsehen. Dennoch blieb das dramaturgische Mittel des Dialogs im Fernsehen als zentrales Element bestehen (vgl. Heinrichs/Jäckel 1999, S. 50).

Die täglichen Dramen eroberten die Bildschirme. Mehrere neue Formate starteten jährlich, ja sogar die Sendelänge wurde auf eine halbe Stunde ausgedehnt. Auch in Deutschland war ein enormer Erfolg zu kennzeichnen. 1978 begann der Siegeszug der Soaps, sowohl in Amerika als auch in Deutschland, noch bevor es überhaupt Privatsender gab. Studenten, berufstätige Frauen und auch Männer konnten zu den regelmäßigen Rezipienten gezählt werden (vgl. Göttlich/Krotz/Paus-Haase 2001, S. 55). Anfang der 90er Jahre flaute dieser Boom in Deutschland langsam wieder ab und eine neue Generation von Soaps entstand, die in Deutschland produziert wurden.

Bereits Ende 1985 startete der Fernsehklassiker „Lindenstraße“ als Weekly Soap. Die heutigen Daily Soaps haben sich im deutschen Fernsehen erst in den 90er Jahren etabliert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Die aktuellen Soaps im deutschen Fernsehen
(aus Gaida 2002, S. 13)

Im Mai 1992 eroberte der Sender RTL mit „Gute Zeiten, schlechte Zeiten (GZSZ)“ als erste deutsche Daily Soap (vgl. Cippitelli/Schwanebeck 2001, S. 13) den deutschen Fernseh-markt und bewirkte einen enormen Boom. Einige Jahre später, im November 1994, legte der gleiche Sender mit „Unter Uns“ nach. Auf ARD startete im Januar 1995 die Serie „Verbotene Liebe“ und auch die ARD- Soap „Marienhof“, die bereits seit Oktober 1992 zweimal wöchentlich ausgestrahlt wurde, wurde 1995 auf die tägliche Ausstrahlung umgestellt (vgl. Cippitelli/ Schwanebeck 2001, S. 12/13).

Heute sind die täglichen Soaps von den Bildschirmen nicht mehr wegzudenken und ihr Genuss macht süchtig nach mehr. Etliche der deutschen Seifenopern haben den harten Konkurrenzkampf nicht überlebt, andere dagegen werden mit wachsendem Erfolg ausgestrahlt (vgl. Evermann 2000, S. 4 f.). Mittlerweile werden in Deutschland täglich werktags von mehr als 14 Millionen Zuschauern Daily Soaps gesehen (vgl. Cippitelli/Schwanebeck 2001, S. 12).

2.4 Stellung und Rolle der Soaps im deutschen Fernsehen

Das Genre der „Daily Soaps“ bedeutet eine Veränderung der bislang bekannten Angebotsformen im deutschen Fernsehen. Waren bis Anfang der neunziger Jahre dem deutschen Publikum lediglich US- amerikanische Seifenopern bekannt (vgl. Jäckel 1998, S. 186), so stellen die Daily Soaps im deutschen Fernsehen der neunziger Jahre eine neue Ausgangssituation dar: es kommt zu einer Steigerung der genannten Prozesse bei einer gleichzeitigen Konzentration auf die Jugendkultur (vgl. Schatz/Jarren/Knaup 1997, S. 194).

Den Daily Soaps kommt nicht nur wegen der Besonderheiten der Soap- typischen Erzählweise eine besondere Rolle im Vorabendprogramm zu, sondern vor allem wegen der Möglich-keiten, die sich im Rahmen der Einführung und Umsetzung neuer Marketing- und Merchandisingstrategien für die Sender, die Produktionsfirmen und die Werbung betreibende Wirtschaft ergeben.

Für das deutsche Fernsehen stellt die Daily Soap - Produktion eine grundlegend neue Herausforderung dar. Bis 1991/92 gab es überhaupt nicht die Produktionskapazitäten für eine Aufnahme der Eigenproduktion von täglich ausgestrahlten Serien. Der enorm hohe Programmoutput von wöchentlich bis zu 120 Minuten pro Daily Soap - Produktion war in der deutschen Fernsehgeschichte bislang unbekannt. Die Gewähr-leistung der vielschichtigen Produktionsabläufe ist dabei unverzichtbar, zumal während der laufenden Produktion und unter enormen Druck täglich sendefähiges Material geliefert werden muss. Der hohe Produktionsaufwand führt zu einem Professionalisierungsdruck auf den Ebenen Produktion und Marketing, aber auch im Drehbuch, im Casting und im Schauspiel, sowie im Kameraeinsatz, in der Regie, in der Studiotechnik und in der Kulisse, die alle größtenteils während der laufenden Produktion erst herausgebildet und entfaltet werden.

In dieser Entwicklung liegt ein Hauptgrund warum sich die Daily Soaps als Keimzelle und Startpunkt des Fernsehens der Zukunft erweisen. Wenn man bedenkt, dass an jeder Daily Soap - Produktion ungefähr 120 bis 150 Personen direkt beteiligt sind, dann kann man die rasante Entwicklung auf diesem Gebiet erkennen (vgl. Jäckel 1998, S. 187 ff.).

Maßgeblich für das Erzählkonzept der Daily Soaps ist der ständige Wechsel des Handlungsortes, sowie der Austausch der Akteure bei jedem Szenenwechsel, der beinahe nach einem festen Zeitrhythmus von 90 Sekunden erfolgt (vgl. Göttlich/Krotz/Paus-Haase 2001, S. 39). In fast jeder Folge werden 14 bis 20 einzelne Bilder bespielt, wobei allerdings keine linear sich entwickelnde Handlung zu erkennen ist, sondern drei bis vier mosaikhaft aufgebaute Handlungsstränge, die dann am Ende einer Episode in den typischen Cliffhanger münden (vgl. Jäckel 1998, S. 189). Dieses Phänomen wird von Geißendörfer als „Zopfdramaturgie“ bezeichnet, weil die einzelnen Handlungen eben zopfartig ineinander verflochten sind (vgl. Hummel 1998, S. 114 f.). Dabei wird weniger das Außergewöhnliche und Besondere inszeniert und dramatisiert; überwiegend wird das Alltägliche und Banale als Anlass für die Darstellung genommen (vgl. Göttlich/Krotz/Paus-Haase 2001, S. 40 f.). In der Regel weist eine deutsche Daily Soap eine Netto-Spielzeit von 22 bis 23 Minuten auf. Mit den Werbe-unterbrechungen bzw. den Werbeblöcken vor und nach der Sendung, der Einspielung von „Recaps“, welche zu Beginn die Ereignisse der letzten Folge zusammenfassend präsentieren, sowie des Vor- und Abspanns ergibt sich eine Brutto-Sendezeit von ca. 30 Minuten (vgl. Göttlich/Krotz/Paus-Haase 2001, S. 28).

Daily Soaps vermitteln Informationen zu Beziehungsverhalten, Lebensstilen, Normen und Werten und nehmen Einfluss auf Prozesse der Identitätsbildung (vgl. Heinrichs/Jäckel 1999, S. 52). Die dargestellten Themen, die sozialen Konflikte und die Problemlösungen stellen dabei nur einen Ausschnitt der Lebenswelt dar. Diese Ausschnitte berühren oft Liebes-beziehungen und Fragen zu Partnerschaft und Sexualität, thematisieren aber nur randständig Aspekte des Schul-, Ausbildungs- und Berufsalltags. Freizeitaktivitäten und Konsumverhalten werden hingegen gezielt mit Erlebniswelten aufgeladen und zeigen darin eine deutliche Affinität zu den Werbebotschaften und den Marketingaktivitäten (vgl. Jäckel 1998, S. 187 ff.).

Die Beteiligung der ARD mit den Soaps „Marienhof” und „Verbotene Liebe“ an der Loveparade 1997 und 1998 zeigt beispielhaft, dass populär- kulturelle Ereignisse mit einbezogen und intensiv genutzt werden. Insbesondere trifft dies auf die Verknüpfungen zwischen den Seifenopern und dem Popmusik-Markt zu. Diese Aspekte verdeutlichen, dass die Soaps zu einem festen Bestandteil der Populärkultur geworden sind. Die alltags- und populärkulturellen Inhalte können in unter-schiedlichen Kontexten verwendet werden (vgl. Bayerische Landeszentrale für neue Medien 1997, S. 160 f.).

2.5 Etablierung und Platzierung der deutschen Daily Soaps

Der Erfolg oder Misserfolg einer Sendung lässt sich nur bedingt aus den absoluten Zuschauerzahlen ablesen; aufschlussreicher ist der Marktanteil, der den Anteil eines Senders an der personenbezogenen Gesamtfernsehnutzung zeigt; dabei kommt es nur auf die Personen an, die zum Zeitpunkt der Erhebung tatsächlich fernsehen. Auf diese Weise lässt sich ein Vergleich der Sender insgesamt durchführen (vgl. Krützen 1998, S. 45).

Der Marktanteil lässt sich aber auch für die einzelnen Sendungen angeben. Wenn z.B. an einem beliebigen Werktag von 30 Mio. aktiven Fernsehzuschauern insgesamt rund 6 Mio. eine bestimmte Sendung sehen, dann hat diese Folge einen Marktanteil von 20 Prozent. In diesem Rechenbeispiel hätte also statistisch gesehen von allen Zuschauern, die zu einem Zeitpunkt fernsehen, jeder fünfte diesen einen bestimmten Sender eingeschaltet (vgl. Krützen 1998, S. 45).

Die einzelnen Soaps haben fast durchgängig über 20 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe der 14- bis 29- Jährigen (vgl. Bayerische Landeszentrale für neue Medien 1997, S. 160).

In absoluten Zahlen allerdings kann eine Sendung erfolglos wirken, auch wenn ihr Marktanteil hervorragend ist. Der Marktanteil setzt die Zuschauerzahl in Relation zur Sendezeit. Ob die Platzierung einer Sendung im Programm also sinnvoll erscheint, lässt sich an ihrem Marktanteil festmachen. So hat sich gezeigt, dass die Ausstrahlung von zwei Formaten gleichen Typs stabilere Zuschauerzahlen einbringt, wie dies beispielsweise der ARD gelungen ist, die „Verbotene Liebe“ und „Marienhof“ im Block sendet (vgl. Krützen 1998, S. 46). Die ARD schafft es durch die Programmterminierung ihrer Soaps, dass bis zu 60 Prozent der Zuschauer von „Verbotene Liebe” auch den „Marienhof“ verfolgen (vgl. Bayerische Landes-zentrale für neue Medien 1997, S. 160).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Die Platzierung der vier deutschen Daily Soaps (aus Göttlich/Krotz/Paus-Haase 2001, S. 28)

Für die Planung eines Senders sind nicht nur die Marktanteile in ihrer Gesamtheit interessant, sondern es ist auch entscheidend, welche Zuschauergruppen eine Sendung regelmäßig verfolgen (vgl. Krützen 1998, S. 47).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Marktanteile der deutschen eigenproduzierten Daily Soaps (aus Heinrichs/Jäckel 1999, S. 52)

Nach dieser Tabelle weisen alle Serien einen hohen Marktanteil in der Gruppe der unter 30- jährigen Frauen auf. Die Sendung „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ konnte beispielsweise in der Gruppe der 14- bis 29- jährigen Frauen 47,3 % der Sehzeit für sich verbuchen; das bedeutet, dass sich 52,7 % auf zeitlich parallel laufende Angebote anderer Sender verteilen. Im Vergleich dazu erreichte die Sendung in dem entsprechenden Zuschauersegment der Männer einen Wert von „nur“ 32,1 %. Dieser Trend, dass durchschnittlich mehr Frauen als Männer Interesse zeigen, ist auch für die übrigen Daily Soaps beobachtbar; über dieses Phänomen wird aber noch in einem späteren Punkt genau berichtet werden (siehe 4.2).

Die Tabelle verdeutlicht des weiteren die tendenziell nachlassende Attraktivität der Daily Soaps in höheren Altersklassen. Dass sich dieser Befund im Falle der öffentlich- rechtlichen Serienangebote (Verbotene Liebe, Marienhof) nicht bzw. nur teilweise bestätigt, dürfte auf das insgesamt höhere Durchschnittsalter des Publikums der ARD im Vergleich zu den privaten Sendern zurückzuführen sein. Ingesamt illustrieren diese Zahlen somit die Verschiebung von Zielgruppen-merkmalen (vgl. Heinrichs/Jäckel 1999, S. 53).

3. Struktur und Aufbau von Daily Soaps

Bevor auf die männlichen und weiblichen Unterschiede hinsichtlich der Daily Soap - Produktion und -Nutzung ein-gegangen wird, scheint es sinnvoll, das Genre in seiner inneren Struktur und seinem äußeren Aufbau genauer zu analysieren.

3.1 Merkmale

3.1.1 Regelmäßigkeit im Programm

Daily Soaps werden an jedem Werktag der Woche im Vorabendprogramm ausgestrahlt. Sie weisen die Gemein-samkeit auf, dass sie regelmäßig und damit für die Rezipienten zuverlässig gesendet werden. Somit wissen die Fans ganz genau, wann ihre Soap läuft und haben eine Garantie für eine erlebnisreiche, emotionsgeladene Zeit. Die regelmäßigen Rezipienten nutzen ihre Soap als ein festes, strukturierendes Element in ihrem Tagesablauf, das ihnen außer Spannung auch noch Gefühlserleben und Abwechslung garantiert. Außerdem erachten sie in der Rezeptionssituation die wieder-erkennbaren Strukturen des Formats als angenehm und entwickeln beim Betrachten der Serien gleichzeitig eigene Rhythmen, die sie als positiv empfinden (vgl. Götz 2002, S. 347).

3.1.2 Makelloses Erscheinungsbild der Darsteller

In den Soaps werden männliche und weibliche Geschlechter-rollenbilder inszeniert. Es werden den Rezipierenden Figuren angeboten, die bis auf wenige Ausnahmen dem gesellschaftlichen Schönheitsideal entsprechen. Äußerlich sind sie schlank und tragen modische Kleidung und Frisuren. Derzeit zeigt sich in den Darstellern, dass bestimmte Eigenschaften von Figuren an ein spezielles stereotypes Aussehen gebunden sind (vgl. Götz 2002, S. 351 ff.). Zu dieser Auffälligkeit aber mehr an einer späteren Stelle (siehe 4.2.5.2).

3.1.3 Charakterstabilität

Bei der Soap - Rezeption ist auf viele Bedingungen Verlass: der Charakter der Figuren ändert sich kaum, so bleiben z.B. gute Figuren „gut“ und intrigante Figuren „intrigant“. Diese Zuverlässigkeit wird als angenehm erlebt und bietet eine emotionale Orientierungshilfe bei der Soap - Aneignung. Harmonie ist meistens nur ein kurzer Zustand; zwischen-menschliche Beziehungen sind stets unvorhersehbaren Schwankungen und Belastungen ausgesetzt. Länger anhaltende Beziehungen als zuverlässige Lebensform werden in diesem Genre äußerst selten inszeniert (vgl. Götz 2002, S. 355 f.).

3.1.4 Übertriebene Dramatik

Besonders typisch für Daily Soaps sind die vielen dramatischen Ereignisse, die für das Genre wichtig sind, um Spannung zu erzeugen. Zum Grundmuster gehört die schnelle Abfolge dieser Ereignisse, die überdramatisch als Schicksalsschläge und Katastrophen inszeniert und dargestellt werden. Längerfristige Entwicklungen von Problemen kommen eher selten vor. Ebenso selten werden die Figuren als Individuen gezeigt, die die Ereignisse aktiv mitgestalten; vielmehr sind sie eher außenbestimmt dargestellt und scheinen dazu gezwungen, mit den Problemen umzugehen (vgl. Götz 2002, S. 356 f.).

3.1.5 Persönlichkeitsfreiräume

Im Regelfall entwickeln die Figuren der Soaps ihre Persönlichkeit nicht oder nur selten. Die Rezipienten können daraus den Vorteil ziehen, dass die unterschiedlichen Figuren zuverlässige Platzhalter für eigene Anteile der Persönlichkeit sind. So können sich Sympathien für verschiedene Charaktere entwickeln, weil jeder Rezipient andere Anteile von sich selbst in den einzelnen Darstellern entdeckt und sich damit in unterschiedlichen Figuren charakterisiert sieht. Was in den Soaps häufig fehlt, ist die Inszenierung des Alltags und der Normalität (vgl. Götz 2002, S. 357 f.).

3.1.6 Inszenierung von Minderheiten

Vertreter von gesellschaftlichen Minderheiten, wie Homosexuelle oder Kranke, werden in den Soaps, wenn überhaupt, als überwiegend positiv besetzte Figuren inszeniert. Hiermit werden in einem beliebten Format auch Themen und Problemlagen von Minderheiten zur Sprache gebracht. Jedoch wird die Zugehörigkeit zu einer Minderheit als Eigenschaft inszeniert, anstelle den Angehörigen einer Minderheit als Mensch zu inszenieren. Derzeit werden die entsprechenden Protagonisten, welche die Figuren in den Daily Soaps verkörpern, doch sehr stark über ihre minderheitenspezifischen Probleme in Szene gesetzt (vgl. Götz 2002, S. 361 f.).

3.2 Dramaturgie

Die Daily Soap folgt einem festen dramaturgischen Schema. In der Regel laufen immer mehrere Handlungsstränge, meistens drei oder vier, parallel in einer Sendung. Dabei handelt es sich um mehr oder weniger voneinander unabhängig erzählte Geschichten, die ineinander verschachtelt sind. Im Vergleich zum Spielfilm sind die einzelnen Sequenzen relativ kurz und gleichwertig (vgl. Krützen 1998, S. 57 f.).

Es lässt sich analytisch eine Idealform am Beispiel von „GZSZ“ beschreiben, in der sich die Idealhandlung in ihrer Entwicklung über ungefähr drei Folgen hinzieht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Idealspannungsbogen eines Handlungsverlaufs bei GZSZ (aus Götz 2002, S. 15)

Am ersten Tag wird das Problem aufgebaut. Am Ende der Folge, etwa nach sechs Einspielungen bzw. „Takes“ in der vorletzten Szene endet es schließlich mit dem sogenannten „Pen“ (Penultima), einem kleinen Cliffhanger.

Am nächsten Tag wird der Strang mit ca. sieben Takes zur zentralen Geschichte der Folge. Der sogenannte „Pen- Pickup“ wird meist in der zweiten Szene aufgenommen und zeigt das Problem in seiner weiteren Entwicklung und Eskalation. Kurz vor der Werbepause kommt es idealerweise zu einer Wendung, die keiner erwartet hat, dem sogenannten „Twist“. Nach der Werbeunterbrechung steigert sich die Spannung bis zum Höhepunkt, der mit dem Cliffhanger abbricht.

Mit den sogenannten „Cliff- Pickup“ wird in der dritten Folge dieser Handlungsstrang üblicherweise gleich zu Beginn aufgenommen. Mit etwa fünf Takes wird die Geschichte zum vorläufigen Abschluss geführt, dem sogenannten „Washup“. In der sogenannten „Parkszene“, die ein vorläufiges Ende ausdrückt, endet der Spannungsbogen. In ihr steckt aber bereits Potenzial für weitere Geschichten.

Zu dieser sich täglich wiederholenden Dramaturgie kommen größere Handlungsbögen, so genannte „Futures“, die sich über ca. drei Monate hinziehen. Größere Zusammenhänge werden hier betont und hervorgehoben. Die Dramaturgie kann sich damit „plot- driven“, also von der Handlung getrieben, entwickeln. Eine ganz andere Tendenz wäre eine Dramaturgie, die sich „charakter- driven“, d.h. aus den Personen und ihrer Befindlichkeit heraus, entwickelt (vgl. Götz 2002, S. 15 f.).

„Insgesamt ist die Daily Soap auf potenzielle Endlosigkeit hin konzipiert. Das Ende einer Geschichte geht direkt in die nächste über. Dabei ist, wie Ien Ang es treffend formuliert, Harmonie nur eine unerreichbare Utopie, ein vorübergehender Zustand zwischen zwei Katastrophen.“(Götz 2002, S. 16)

Hierfür sind Figuren nötig, die entsprechendes Konfliktpotenzial bieten.

3.3 Figurenkonstellationen

Wenn man sich den Figuren der Soap nähern will, scheint es sinnvoll, die Figuren unter Berücksichtigung ihres Charakters und ihrer Eigenschaften zu analysieren. Da Figuren nicht nur für sich allein stehen, sondern vor allem durch die längerfristigen Beziehungen der Personen untereinander mitbestimmt werden, sind die Konstellationen der Figuren von Bedeutung (vgl. Götz 2002, S. 44).

Die Figuren von Soaps lassen sich zu verschiedenen Gruppen zusammenfassen. In Bezug auf die Rolle kann festgestellt werden, dass kaum Figuren ohne eine familiäre Bindung auftreten (vgl. Decker/Krah/Wünsch 1996, S. 49). Die Familie ist in der Soap als ein positiver Wert dargestellt und bleibt ein recht geschützter Raum (vgl. Götz 2002, S.64). Zudem zeigt sich, dass die Figuren meist auch in Partnerschaft, Beruf und Freundschaftsbeziehungen eingebunden sind. Diese vier Alltagsbereiche bilden nach Maya Götz das Grundgerüst der Figurenbeschreibung (vgl. Götz 2002, S. 45).

Gleichzeitig sind die Figuren von Daily Soaps Träger stereo-typer Eigenschaften, die innerhalb der verschiedenen Aspekte des gesellschaftlich liberalen Wertesystems der Daily Soaps Bedeutung bekommen. Die Figuren sind dabei ohne bedeutende Entwicklungstendenzen konzipiert; ihre stereo-typen Eigenschaften werden also kaum verändert. Sie sind dabei „dichotom“, also zweigeteilt, gezeichnet und lassen sich als ein „Korrekt/Korrupt- Schema” charakterisieren. Die Figuren sind dabei in allen Alltagsbereichen konstant angelegt, d.h. dass eine Figur, die in einem der Alltagbereiche negativ definiert ist, sich also „korrupt“ verhält, dieses abweichende Verhalten auch in allen anderen Bereichen zeigt. Dadurch ist das Handeln der Figuren vorbestimmt und damit im Rahmen der Vorgaben vorhersehbar.

Die „Korrekten“ unterscheiden sich von den „Korrupten“ dadurch, dass sie ihre Fehler einsehen und die Konsequenzen daraus ziehen, wobei die korrupten Figuren andere Menschen prinzipiell zum eigenen Vorteil nutzen. Die „Korrekten“ stehen sich in Problemsituationen bei, und sollten sie sich doch einmal über einen bestimmten Zeitraum korrupt verhalten, steckt meist ein schwerwiegender Grund, wie z.B. eine Sucht, dahinter. Die korrupten Figuren sind dagegen rachsüchtig, unehrlich und intrigant und manipulieren andere Figuren für ihre eigenen Zwecke; sie besitzen kein Gewissen (vgl. Götz 2002, S. 45). „Inhaltlich sind die Figuren der Daily Soap ständig durch von außen auf sie einwirkende Gefahren und Ereignisse bedroht.“ (Götz 2002, S. 64)

3.4 Themen und Konflikte

3.4.1 Themenauswahl

Udo Göttlich hat festgestellt, dass Daily Soaps mit einem bestimmten Grundinventar an Themen auskommen. Diese weisen eine innere Struktur auf, die deren Identität ausmacht (vgl. Göttlich 2000, S. 41).

Die in den Soaps identifizierbaren Themen sind nur auf einer immanenten Ebene für die einzelnen Serien zentral und geben daher auch nur Auskunft über den dargestellten Alltag in den Soaps selbst. Zwischenmenschlichen Beziehungen gehören zum Hauptrepertoire der Daily Soaps (vgl. Göttlich/Krotz/Paus-Haase 2001, S. 46). Dabei handelt es sich im Wesentlichen um Gespräche, in denen die Dialogpartner ihre Beziehungsfragen behandeln (vgl. Göttlich 2000, S. 40).

Um diesen Themenkanon zu beschreiben, fasst Maya Götz die Handlungselemente zu inhaltlich begründeten Gruppen zusammen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4: Themenvielfalt anhand der Themenbereiche
(aus Götz 2002, S. 60)

Die Tabelle gibt die Anzahl der unterschiedlichen Themen wieder, die in der jeweiligen Soap vorkommen. Besonders in den Bereichen Partnerschaft, Arbeit, Kriminalität, Gesundheit und Familie zeigen sich deutliche Schwerpunkte. Alle weiteren Themengebiete bleiben in Daily Soaps eher unbeachtet.

Dass die Themengebiete eine eindeutig geschlechter-spezifische Zuordnung haben, stützt die Beobachtung, wonach in den Soaps trotz des jugendlichen Erscheinungsbildes, das auf „Lifestyle- Aspekte“ ausgerichtet ist, ein traditionelles Rollenbild überwiegt (vgl. Göttlich/Krotz/Paus-Haase 2001, S. 47 f.). Am Themenbereich „Partnerschaft“ sind in der Regel dreimal so viele weibliche Akteure beteiligt wie männliche. Die Geschlechterverteilung deutet darauf hin, dass es sich bei diesem Thema vorwiegend um Gespräche zwischen Frauen und Mädchen handelt. Bei nicht- zwischenmenschlichen Themenarten ist die Geschlechterverteilung oft umgekehrt.

Dadurch, dass in der Daily Soap die Großelterngeneration weitestgehend fehlt, mangelt es in diesem Bereich an entsprechenden Themen. Ebenso werden ganz einfache Probleme in der Pubertät, wie beispielsweise unreine Haut, nicht behandelt, weil sie nicht in das glatte Styling der Soap zu passen scheinen (vgl. Götz 2002, 59 f.).

Einige bestimmte Themen werden in den Serien ganz außer Acht gelassen. Anastasia Koukoulli macht darauf aufmerksam, dass politische Ereignisse meist fehlen, da die Drehbücher in der Regel mehrere Monate vor dem Dreh entworfen werden und dadurch aktuelle Geschehnisse nicht berücksichtigt werden können (vgl. Koukoulli 1998, S. 65).

Es existiert bei den Daily Soaps eine relativ breite Themenpalette, die in bestimmten Zyklen regelmäßig wieder-holt wird. Vor allem die gefährlichen und unsicheren Seiten des Lebens werden thematisiert. Unfälle, Tod und Krankheit treten im Vergleich zum realen Leben überdurchschnittlich häufig auf. Auch Trennungen und Seitensprünge sind fester Bestandteil des Themenrepertoires der Daily Soap (vgl. Götz 2002, S. 64).

3.4.2 Konfliktfelder

Komplementär zu den Themenarten gibt es Konflikte in den Soaps, welche relativ enge Verbindungsstellen mit den Themen aufweisen und dazu noch Spannung erzeugen müssen (vgl. Göttlich 2000, S. 42). Die in den Serien behandelten Themen werden nämlich erst dann zu Alltagsdramen, wenn Konflikte und Probleme dazukommen. Ähnlich wie bei den Themen-gebieten überwiegen in den Soaps Konfliktfelder, die einen deutlichen Bezug zu den Beziehungs- und Liebesfragen im privaten und intimen Bereich aufweisen, während die beruflichen und geschäftlichen Fragen weitaus seltener auftreten (vgl. Göttlich/Krotz/Paus- Haase 2001, S. 49).

Man kann hier deutlich erkennen, dass Daily Soaps mit bestimmten Darstellungsmitteln eine emotionale Steigerung und Aufbereitung der Themen und Konflikte anstreben. Mit ihnen kommt es zu einer Zentrierung auf Einzelschicksale, zu einer Fokussierung auf emotionale Befindlichkeiten und schließlich zu einer Verwischung der Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit (vgl. Göttlich 2000, S. 42).

3.5 Darstellungsprinzipien

Die Soaps gewährleisten mit ihrer typischen Narrationsweise eine eigenständige Darstellung von Konflikten und Norm-verstößen im Alltagsleben ihrer Protagonisten und sind dabei an die folgenden Darstellungsmittel gebunden (vgl. Paus-Haase/Schnatmeyer/Wegener 1998, S. 197).

3.5.1 Personalisierung

„Personalisierung“ als Darstellungsprinzip bedeutet in erster Linie, dass die Handlungen und Erzählungen mit stereotypen Charakteren verbunden sind, die entsprechende Rollen-klischees erfüllen (vgl. Schatz/Jarren/Knaup 1997, S. 193 f.). Mit solchen festen Personenrastern will man eine leichtere Planbarkeit des Handlungs- und Erzählaufbaus gewährleisten. Die damit bewirkte Durchschaubarkeit und Übersichtlichkeit der Handlungen, Verhaltensweisen und Reaktionen der einzelnen Figuren ermöglicht schließlich auch für den Zuschauer eine leichtere Orientierung (vgl. Fischer-Lichte/Pflug 2000, S. 172). „Solche festen Rollen und Charaktere sichern den Aufbau einer klar kalkulierbaren Figurenkonstellation und fördern beim Zuschauer Vertrauen durch Figuren- und Charakterwissen.“ (Willems/Jurga 1998, S. 428).

Vor allem in den Fan- Magazinen wird dies verwirklicht, so dass die Identifikation vor allem der jüngeren Zuschauer mit ihren Serienhelden und Stars verfestigt wird (vgl. Göttlich/Krotz/Paus-Haase 2001, S. 41).

3.5.2 Privatisierung

Die „Privatisierung“ kann nicht einfach von der Personalisierung als Darstellungsprinzip getrennt werden, weil beide eng miteinander verbunden sind (vgl. Paus-Haase/Schnatmeyer/ Wegener 1998, S. 198).

Für die in den Soaps geschilderten Probleme und Konflikte wird entweder eine Konfliktlösung gewählt, die im gegenseitigen Vertrauen gründet, oder eine durch Misstrauen ausgelöste Konfliktsituation wird zur Hauptdarstellungsweise. Grundlage der privat angesiedelten Konflikte sind häufig Intrigen, Missverständnisse und Eifersucht (vgl. Fischer-Lichte/Pflug 2000, S. 172). Gesellschaftliche Regelungs- und Ordnungs-instanzen dagegen werden kaum oder nur sehr selten zur Konfliktlösung herangezogen (vgl. Willems/Jurga 1998, S. 428).

Tauchen Probleme auf, welche mit keinem der beiden Präsentationsmittel gelöst werden können, so lässt man eine unerwartete Wendung eintreten, die in den meisten Fällen entweder im Tod einer Figur oder in einem dauerhaften Auslandsaufenthalt besteht (vgl. Paus-Haase/Schnatmeyer/ Wegener 1998, S. 198).

3.5.3 Intimisierung

Der Aspekt der „Intimisierung“ besagt, dass bei der Darstellung von Konflikten und Problemen die Emotionalität des Geschehens im Mittelpunkt steht; danach wird oftmals die inhaltliche Ausrichtung der Geschichten bestimmt (vgl. Fischer-Lichte/Pflug 2000, S. 173). Weniger das Interesse an politischen und sozialen Anschauungen bestimmt die Geschichten der Daily Soaps, sondern vielmehr Themen wie Liebe, Eifersucht und Hass. Sie bilden die vorwiegenden Motive, mit denen Ereignisse eingeleitet werden (vgl. Paus- Haase/Schnatmeyer/Wegener 1998, S. 198).

Allerdings hängen weder „Intimisierung“ noch Emotionalität zwangsweise mit den melodramatischen Situationen zusammen. Im Vordergrund kann genauso gut eine auf Spannung und unerwartete Ereignisse und Wendungen gerichtete Alltagsdarstellung stehen (vgl. Willems/Jurga 1998, S. 428).

Fazit:

Die drei genannten Aspekte der Personalisierung, Privatisierung und Intimisierung sind Handlungsmerkmale, die eine für die Daily Soap typische Form der Alltagsdramatisierung bewirken.

3.6 Grundtypen der Rezeption

Tamar Liebes und Sonja Livingstone haben im Rahmen einer international vergleichenden Analyse versucht, das Genre in bestimmte Grundtypen einzuteilen, um das Verhältnis von Daily Soap und Individualisierung näher beschreiben zu können. Wenn man die folgenden drei Soap - Typen betrachtet, ist jedoch nicht sichergestellt, welche Soap den alltäglichen Problemen am adäquatesten Ausdruck verleiht. Aufgrund ihrer narrativen Grundstruktur sind alle drei Typen auf private und intime Themen ausgerichtet und können daher als individualistisch bezeichnet werden, weil in jedem der Modelle die eben vorgestellten Muster der Personalisierung, Intimisierung und Privatisierung gesellschaftlicher Problem- und Konfliktlagen vorherrschen, mit denen die Geschichten vorangetrieben werden (vgl. Latzer/Maier- Rabler 1999, S. 320).

3.6.1 Der dynastische Typ

Die Voraussetzung zur Individualisierung ist in diesem Serien-typ zum einen vom materiellen Besitz und zum anderen von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht abhängig. Mit diesen Soaps will man die Zuschauer in eine Traumwelt entführen, die eine Utopie darstellt.

Die Grundstruktur der ARD- Soap „Verbotene Liebe“ weist einige Bezüge zum dynastischen Typen auf, in der sich Adels- Angehörige mit eigenem Anwesen bewegen (vgl. Göttlich 2000, S. 38 f.).

3.6.2 Der gemeinschaftliche Typ

Individualisierung wird hier teils als Nötigung betrachtet. Die Gruppe, die gemeinsam die Gefahren und Risiken zu bekämpfen versucht, verleiht ein Gefühl des Schutzes; Intrigen können dabei trotzdem nicht gänzlich gestoppt werden. Zu diesem Typ lässt sich vorbildlich die Weekly Soap „Lindenstraße“ zuordnen (vgl. Latzer/Maier-Rabler 1999, S. 312).

[...]

Excerpt out of 115 pages

Details

Title
"Daily Soaps" und ihre Bedeutung für die Sozialisation von Schülern - Unter besonderer Beachtung geschlechterspezifischer Unterschiede
College
University of Bamberg
Grade
1,0
Author
Year
2004
Pages
115
Catalog Number
V60081
ISBN (eBook)
9783638538404
File size
1011 KB
Language
German
Notes
...wurde zunächst als Zulassungsarbeit für das Lehramt an beruflichen Schulen verwendet und später als Diplomarbeit anerkannt.
Tags
Daily, Soaps, Bedeutung, Sozialisation, Schülern, Unter, Beachtung, Unterschiede
Quote paper
Andrea Aumeier (Author), 2004, "Daily Soaps" und ihre Bedeutung für die Sozialisation von Schülern - Unter besonderer Beachtung geschlechterspezifischer Unterschiede, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60081

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